Haus von Christian Coridon in Bad Berleburg, Schiefer und weiße Fensterläden.
Doppelhaus in Bad Berleburg, 1780 erbaut vom einst verschleppten Westafrikaner Ferdinand Christian Coridon und dessen Schwippschwager, Schlosskoch Christian Müsse | Foto: Dieter Bald

Sauerland postkolonial

Eine Spurensuche in der Provinz

Der Kolonialismus hinterließ nicht nur in den kolonisierten Ländern seine Spuren, sondern auch dort, wo er herkam. Während die Kolonialgeschichte von Hamburg, Berlin und Co. inzwischen im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, bleibt der ländliche Raum, was das angeht, im Dunkeln. Doch das ändert sich langsam – etwa im Sauerland.

von Barbara Schneider und Fabian Fechner

05.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416

Wenn wir an die deutsche Kolonialgeschichte denken, verorten wir diese häufig in den großen urbanen Zentren wie Berlin und Hamburg – den politischen und wirtschaftlichen Schaltzentralen. Doch auch andernorts werden seit einiger Zeit koloniale Verstrickungen erforscht, etwa in Freiburg, Köln, Düsseldorf und München. Dabei ist diese Lokalgeschichte des Kolonialismus kein rein städtisches Phänomen. Auch ländliche Regionen waren mit weit entfernten Erdteilen verbunden, in allen denkbaren Facetten. Zu ihnen zählen Wirtschaftsströme, Versklavungshandel, Mission und kolonialistische Propaganda. »Provinz« bedeutet also nicht automatisch »provinziell«.

»Provinz« bedeutet also nicht automatisch »provinziell«

Am Beispiel des Sauerlandes wird deutlich, welche ideologischen Ausprägungen des Kolonialen es seit dem 18. Jahrhundert gab, schon lange vor einer staatlichen Einigung Deutschlands und dem formalen ‚Erwerb‘ von Kolonien 1884. Die Betrachtung endet auch keinesfalls mit dem ‚Verlust‘ der deutschen Kolonien 1919. Besonders markant ist die säbelrasselnde Rückforderung der Kolonien während der Weimarer Republik und der NS-Diktatur. Doch auch in der frühen BRD sind noch zahlreiche Kontinuitäten deutlich. Das zeigte auch unsere Spurensuche im Sauerland, der Mittelgebirgsregion im südlichen Westfalen.

Lokale Lebenswelten

Wie an vielen europäischen Fürstenhöfen der Frühen Neuzeit, lebten auch im kleinen Residenzort Berleburg (heute: Bad Berleburg) ‚Bedienstete‘ aus kolonial unterworfenen Gebieten. Ihre oft übersehene Existenz ist durch lokale Quellen belegt und zeigt, dass die Geschichte Schwarzer Menschen auch in ländlichen Regionen, wie dem Sauerland und dem Wittgensteiner Land, Spuren hinterlassen hat. Einer von ihnen ist Ferdinand Christian Coridon (ca. 1742–1819), der 1752 als Kind aus der niederländischen Kolonie Surinam an den Hof der Grafen zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg verschleppt worden war. Ursprünglich stammte er wohl aus Westafrika. Seinen Status als Versklavter konnte er jedoch bald ablegen. Coridon machte als gräflicher Fruchtschreiber und Amtsverweser Karriere, also als Buchhalter für Naturalabgaben und kommissarischer Verwalter eines Amtes. Sein Lebensweg war eng verknüpft mit dem höfischen Leben in Bad Berleburg – das zeigt eine Auswertung der lokalen Kirchenbücher. Das damit verbundene Einkommen erleichterte ihm die Integration in die Berleburger Gesellschaft. So heiratete er 1774 die verwitwete Berleburgerin Johanna Maria Magdalena Löwer und gründete mit ihr eine Familie. 1783 erhielt er die städtischen Bürgerrechte und ließ ein Haus errichten, das bis heute erhalten ist. Die Zeugnisse von Coridons Leben, die dem Archiv enthoben werden konnten, zeigen eine Vielschichtigkeit Schwarzer Lebensrealitäten in der Provinz und verweigern sich einem rein rassifizierenden oder exotisierenden Blick.

»Die Zeugnisse von Coridons Leben, die dem Archiv enthoben werden konnten, zeigen eine Vielschichtigkeit Schwarzer Lebensrealitäten in der Provinz und verweigern sich einem rein rassifizierenden oder exotisierenden Blick« Barbara Schneider und Fabian Fechner

Auch die Mission in ihrer kolonialen Dimension hinterließ ihre Spuren im Sauerland, etwa in Rehringhausen bei Olpe. Dort erinnert seit 1986 eine patinierte Metalltafel in der St.-Nikolai-Kirche an den Steyler Missionar Franz Xaver Nies, der 1857 im Ort geboren wurde. Am 1. November 1897 wurde er gemeinsam mit seinem Mitbruder Richard Henle im Süden der chinesischen Provinz Shandong ermordet. Die Tätigkeit von Missionar*innen in China war im 19. Jahrhundert eng mit kolonialen Interessen verbunden. Missionar*innen profitierten von Privilegien, die durch den Druck westlicher Mächte auf China erpresst wurden. Nies‘ gewaltsamer Tod war somit Teil eines größeren politischen Zusammenhangs. Das Deutsche Reich nutzte den Vorfall aus, um schon lange forcierte koloniale Ansprüche in China durchzusetzen. Letztlich diente die Ermordung der beiden Missionare dazu, China 1897 den »Pachthafen« Kiautschou abzupressen. Auf der Erinnerungstafel wird das gewaltsame Ende von Nies als christlicher Märtyrertod gedeutet. Der kolonialpolitische Kontext wird ausgeblendet und ist nicht weiter von Belang. Stattdessen konzentriert sich die lokale Erinnerung auf die sauerländische Herkunft von Nies. Als historische Figur verknüpft er die lokale Vergangenheit mit der Gegenwart, und Rehringhausen mit einer nur vage bestimmten, weiten Welt. Doch lokale Erinnerung und koloniale Machtpolitik stehen hier unverbunden nebeneinander.

Die Redner*innen kolonialer Propaganda

Zur sauerländischen Kolonialgeschichte gehört auch die koloniale Propaganda. Besonders in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus wurde sie von kolonialistisch gesinnten Akteur*innen und Propagandist*innen getragen. Ein zentrales Beispiel dafür ist der Kolonialmilitär Paul von Lettow-Vorbeck (1870 – 1964). Zwischen 1923 und 1937 trat er mehrfach in zehn sauerländischen Orten als Vortragsredner auf, um die kolonialrevisionistische Ideologie zu verbreiten. In den häufig als vaterländische Pflichtveranstaltungen angekündigten Feierstunden forderte er die Rückgabe der dem Deutschen Reich angeblich »geraubten« Kolonien und verherrlichte sowohl den deutschen Kolonialismus als auch seine eigene Kriegsführung in Ostafrika. Die Vermengung mit populären Jagd- und Kampfgeschichten sollte ein breites Publikum sichern. Nicht selten waren die abendlichen Vorträge vor Vereinen (die sich um die Organisation und Finanzierung kümmerten) nur ein Teil eines größeren Programms. Zuvor trugen die Vortragsredner*innen Schulklassen ihre Ansprachen vor.

Schwarzweißfoto einer Büste, der weibliche Kopf blickt nach links.
Maria Kahle in einer Büste von Albert Mazzotti, um 1938 | Bild: Der Sauerländer Heimatkalender für das Jahr 1941, S. 120

Die Geschichte der völkischen Schriftstellerin Maria Kahle (1891–1975), die aus dem sauerländischen Olsberg stammte, zeigt nicht nur die Rolle von Frauen im kolonialen Komplex, sondern auch die des ‚Auslandsdeutschtums‘. Ihr Aufenthalt im von deutschstämmigen Auswanderern geprägten Hinterland Südbrasiliens zwischen 1913 und 1920 machte sie zu einer radikalen Vertreterin dieser Ideologie, die sie in Essays und populären Vorträgen aufgriff und geschickt an unterschiedliche gesellschaftliche und politische Kontexte anpasste. Das »Auslandsdeutschtum« und das Wirken der »deutschen Frau in den Kolonien« wurde zu ihrem Lebensthema. Da völkisches Denken eine prägende Komponente dieses Konzepts war, konnte Kahle ihre Positionen sowohl in kolonialen und kolonialrevisionistischen als auch in nationalsozialistischen Kreisen diskutieren, etwa auf einer staatlich finanzierten Lesereise durch Südamerika 1934. Zudem verarbeitete sie völkisches Gedankengut in Gedichten und Erzählungen. Dadurch erhielten ‚Auslandsdeutschtum‘, Kolonialismus und Nationalismus eine eindringliche, vorgeblich rein künstlerische Dimension, mit der die im Kern politischen Aussagen überdeckt wurden. Auf diese Weise wollte Kahle insbesondere ein weibliches Publikum ansprechen. Bruchlos wandelte sich Kahle nach 1945 von der völkischen zur volkstümlichen Schriftstellerin. In dieser Eigenschaft wurden ihr in mehreren Orten Straßen- und auch Schulnamen gewidmet, die erst zum Teil umbenannt sind.

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Wozu das Ganze?

Die Aufdeckung kolonialer Spuren in der Provinz findet im Kontext von historischer Quellenforschung, Lokalgeschichte und einer kritischen Erinnerungs- und Gedenkkultur statt. Historische Quellenforschung heißt, stets für Überraschungen offen zu sein – und auf Ebene der Quellen zu argumentieren. Dies bringt die Einschränkung mit sich, dass Werturteile nicht aus der Geschichtswissenschaft selbst geschöpft werden können. Der unbestreitbare Vorteil liegt aber darin, gesamtgesellschaftlich relevante Themen aufzudecken, um die es sich zu ringen lohnt: Wie soll an Coridon erinnert werden? Soll die Maria-Kahle-Straße umbenannt werden? Inwiefern ist Mission die rechte Hand der Kolonialmacht, inwiefern eine Alternative? So wird die lokale Gedenkkultur bewusst geformt und modifiziert, und das an jedem einzelnen Ort – denn jede Stadt, jede Stadtgesellschaft, funktioniert anders und hat ihre Eigenheiten. Durch das Bewusstsein der Einbindung in größere, auch globale Zusammenhänge, ist eine (ländliche) Region keine in sich geschlossene Welt, in die plötzlich etwas hereinbricht. Vielmehr können ortsspezifisch Reaktionen auf Migration, Rassifizierung, »den« Kolonialismus und »die« Globalisierung ganz konkret auf lange Sicht nachvollzogen werden. Nicht zuletzt kann dadurch das lange vernachlässigte Thema der Ideologie auf dem Land weiter erforscht werden. Kolonialistische Einstellungen sind somit keine ortlose Ideologie ohne Akteur*innen, sondern hängen von einzelnen Multiplikator*innen vor Ort ab.

Barbara Schneider und Fabian Fechner lehren an der Fern-Universität in Hagen am Lehrgebiet »Geschichte Europas in der Welt«. Seit 2018 widmen sie sich dem »Kolonialismus vor Ort«, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit Dennis Schmidt gaben sie kürzlich den Band »Kolonialismus dezentriert. Netzwerke, Strukturen, Erinnerung im Sauerland« heraus.

Zur Quellensammlung der Herausgeber*innen »100 Quellen – 100 Orte. Koloniale Spuren in Westfalen-Lippe« und ihrem Buch »Kolonialismus dezentriert. Netzwerke, Strukturen, Erinnerung im Sauerland«

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