Politische Tierdarstellungen
Rezensiert von Linda Förster
11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409
Der erhabene Elefant, die graziöse Giraffe, der laut brüllende Löwe, der gewaltige Gorilla: Wie selbstverständlich bevölkern diese ‚exotischen‘ Tiere heutzutage auch europäische Gesellschaften. Wir bestaunen und belachen sie in Doku- und Zeichentrickfilmen, beobachten sie in Zoos, bewundern sie in Kinderbüchern, mustern sie interessiert in Naturkundemuseen und lassen uns von ihnen zum Fernweh hinreißen, wenn wir sie in Reiseführern und Tourismusmagazinen erspähen.
Der Sammelband Koloniale Tiere? Tierbilder im Kontext des Kolonialismus beleuchtet in anschaulichen Fallstudien, wie Elefant, Tiger & Co. seit 1900 verstärkt nach Europa gelangten – nicht nur als Lebewesen, sondern vor allem auch als visuelle und materielle Repräsentationen. Die Autor*innen geben Einblicke, wie die ‚fremden‘ Tiere in europäischen Kontexten künstlerisch, medial und museal in Szene gesetzt wurden. Die Beispiele reichen von Tierskulpturen in europäischen Kolonialmetropolen über filmische Darstellungen in Jagd- und Tierschutzfilmen, die Gestaltung und Inszenierung von Museumsdioramen und -präparaten bis hin zu ‚exotischen‘ Tieren als beliebtes Werbeplakatmotiv.
Viele Beiträge arbeiten besonders heraus, wie diese Tiere zu Träger*innen kolonialer Narrative gemacht wurden – und damit zu Teilnehmenden kolonialer Machtpolitik. Sie gehen dabei dem Umstand nach, wie in und über Tierdarstellungen – mal sichtbar, häufig aber subtil – westliche Herrschaftsansprüche, koloniale Hierarchien, rassifizierende und exotisierende Vorstellungen sowie geschlechtsspezifische Zuschreibungen inszeniert und popularisiert wurden. Weitere Aufsätze fokussieren sich auf die Produktionsnetzwerke, die hinter den Tierbildern stehen, stellen Fragen nach alternativen dekolonialen Darstellungsmöglichkeiten, und verweisen auf die eigene Handlungsmacht der Tiere.
Es sind großteils historische Fallbeispiele, die im Zentrum des interdisziplinären, fachwissenschaftlich ausgerichteten Sammelbands stehen. Zugleich gewährt der Band jedoch auch einem breiteren Publikum eine augenöffnende Lektüre mit Gegenwartsrelevanz: Die Beiträge regen dazu an, vermeintlich harmlose, unpolitische Tierdarstellungen im Alltag kritisch auf die ihnen bisweilen noch heute innewohnenden westlich-hegemonialen Blickregime und Produktionspraktiken hin zu hinterfragen.