»Ungewollte Schwangerschaften werden tabuisiert«
Interview mit Cornelia Grothe zu Frauen in Konfliktregionen
Während in vielen Teilen Europas über reproduktive Rechte diskutiert wird, fehlt Frauen in Kriegsregionen oft jeder Entscheidungsspielraum. Sexualisierte Gewalt, fehlender Zugang zu Verhütung und zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen – das sind Realitäten für viele Frauen in bewaffneten Konflikten und auf der Flucht. Cornelia Grothe hat mit dem iz3w über strukturelle Gewalt gesprochen und darüber, wie schwer es ist, als Frau auf der Flucht selbstbestimmt über den eigenen Körper zu entscheiden.
iz3w: Wie kam es zur Gründung von AMICA?
Cornelia Grothe: Wir haben den Verein Anfang der 1990er-Jahre gegründet. Einige Aktive aus dem soziokulturellen Zentrum Fabrik in Freiburg kamen zusammen, weil sie dem neuen Kriegsgeschehen in Ex-Jugoslawien nicht mehr nur zusehen wollten. Die Aktiven organisierten sich und sammelten Hilfsgüter. Die Fabrik wurde bald zu einer Sammelstelle von Hilfsgütern aus ganz Deutschland.
In der bosnischen Stadt Tuzla trafen die Freiwilligen auf Frauen, die dort aufgrund von gewalttätigen Deportationen oder Flucht gelandet waren. Viele von ihnen waren Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt. Diese Frauen kümmerten sich um ihr Überleben, um die Versorgung ihrer Familien und versuchten eine improvisierte Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Obwohl sie Schreckliches erlebt hatten, gestalteten sie ihren Alltag weiter. Nach diesen Erlebnissen beschlossen die Freiwilligen, einen Verein zu gründen und ganz gezielt Frauen und Mädchen zu unterstützen. Später kamen Kooperationen mit Frauenorganisationen in anderen Teilen der Welt dazu, immer mit dem Fokus, Frauen zu unterstützen, die konfliktbedingte, geschlechtsbasierte Gewalt erlebt haben und mit den traumatischen Folgen leben müssen.
Was kommt Dir zuerst in den Sinn, wenn Du an das Thema Schwangerschaftsabbruch in Konfliktregionen denkst?
Mit Blick auf Kriege und Krisen steht das Thema Schwangerschaftsabbruch häufig im engen Zusammenhang mit Not und Gewalt. Persönlich bewegt mich am meisten, was es für Menschen bedeutet, Gewalt ausgesetzt zu sein und nicht über den eigenen Körper bestimmen zu können. Also beispielsweise nach dem strategischen Einsatz sexualisierter Gewalt mit den emotionalen und körperlichen Folgen allein gelassen zu werden. In einigen Ländern ist die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch gegeben, häufig gibt es jedoch keine Möglichkeit zu sicheren Abbrüchen, ungewollte Schwangerschaften werden tabuisiert, die Frauen stigmatisiert.
»Welcher Backlash, wenn es den Fortschritt gar nicht gibt?«
Es ist eine klare Realität, egal von wo, wohin oder wie geflohen wird. Auch in Deutschland sind es die reproduktiven Rechte, die als erstes auf der Abschussliste stehen, wenn konservative und antidemokratische Kräfte erstarken.
Frauen auf der Flucht und in Konflikten sind aufgrund struktureller Bedingungen überdurchschnittlich häufig von sexualisierter Gewalt betroffen: Auf der Flucht gibt es kaum Privatsphäre und Rückzugsorte (selbst in vermeintlich sicheren Unterkünften für Geflüchtete), nur beschränkten Zugang zu Anlaufstellen und aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit auch sehr wenig Entscheidungsspielräume für Frauen, um sich aus Beziehungen zu lösen oder sich vor Übergriffen oder sexueller Ausbeutung zu schützen. Auch der Zugang zu Verhütungsmitteln und medizinischer Versorgung ist in Kriegs-und Fluchtsituationen extrem erschwert. Viele Frauen werden in Folge von Vergewaltigungen schwanger und bekommen Kinder – oft auch dann, wenn sie das eigentlich verhindern wollen. Sichere Schwangerschaftsabbrüche sind in Konfliktregionen und auf der Flucht häufig nahezu unmöglich.
Wo oder wie können Frauen auf der Flucht einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen?
In der Regel ist es Zufall, ob Frauen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen haben. Es gibt natürlich Netzwerke, vor allem von Frauen, rund um das Thema Abtreibung und Abtreibungspille. Doch kommen Menschen überhaupt zu Anlaufstellen? Wen kennen sie? Wie ist der Zugang geregelt? Geld ist sicher hilfreich, aber auch keine Garantie. Fluchtsituationen sind sehr vielfältig, daher ist es schwierig eine allgemeine Aussage dazu zu treffen. Die Situation in einem sogenannten Detention Centre in Libyen ist ganz anders als in einer informellen Geflüchtetensiedlung im Libanon. Die Vulnerabilität von Frauen auf der Flucht beobachten wir in allen Regionen, in denen wir arbeiten. Dazu gehört auch, dass sie kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Ich habe von medizinisch betreuten sicheren Abtreibungen gesprochen und den großen Hürden – entsprechend sind viele Frauen gezwungen, alternative Methoden zum Schwangerschaftsabbruch anzuwenden. Oft mit verheerenden Folgen, bis hin zum Tod.
Wie ist die Situation für Frauen und reproduktive Gesundheit in Konfliktregionen?
In Kriegen gibt es eine gezielte Verstärkung traditioneller Rollenaufteilungen, etwa der tapfere Soldat und die sich aufopfernde Mutter. Dazu gehört auch, dass Frauen die reproduktive Arbeit zufällt. In bewaffneten Konflikten kommt hinzu, dass medizinische Versorgung und Beratungsstellen häufig nicht mehr zur Verfügung stehen. Insbesondere Frauen in ländlichen Gegenden ist es kaum möglich, Zugang zu Angeboten zu bekommen, schon aus finanziellen Gründen und aufgrund der großen Entfernungen.
Uns ist aufgefallen, dass die Themen ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung selten explizit von unseren Partnerinnen angesprochen werden, während Themen wie Menstruation oder Verhütung immer mal wieder besprochen werden. Trotzdem ist das Thema Schwangerschaftsabbruch präsent, etwa auf Medikamentenlisten. Für mich ist relativ deutlich: Die häufig restriktiven bis kriminalisierenden rechtlichen Rahmenbedingungen um das Thema Schwangerschaftsabbruch sind nicht alleine ausschlaggebend. Ebenso entscheidend ist die Frage: Wie tabuisiert ist das Thema an sich in den Gesellschaften? So haben die Familien einen enormen Einfluss, wenn es um junge Frauen und Mädchen geht. Können Eltern mit ihren Kindern über Sexualität oder Familienplanung sprechen?
Generell ist das Bewusstsein dafür, dass Frauenkörper besondere Aufmerksamkeit brauchen, sehr gering. Und gerade in der Not müssen sich viele Frauen entscheiden, zu »funktionieren« und eigene Sorgen und Probleme in den Hintergrund zu stellen. Deswegen sind sogenannte Awareness-Trainings wichtiger Bestandteil unserer Projekte.
Bekommen AMICA oder die Partnerorganisationen einen antifeministischen Backlash zu spüren?
Von einem antifeministischen Backlash kann man natürlich nur dort sprechen, wo es vorher eine progressivere Situation gab. In Deutschland beispielsweise gab es das kurze Bekenntnis zu einer feministischen Außen- und Entwicklungspolitik, das ein Umdenken in internationaler Politik hätte bewirken können. Die Frage ist für mich eher, ob es uns gelingt, progressive Räume, die mühsam erkämpft wurden, weiterhin offen zu halten – auch wenn antifeministische Kräfte wieder sichtbarer und gefährlicher agieren.
In der Ukraine etwa kann man von Backlash sprechen, weil sich im Krieg Geschlechterstereotype immer re-traditionalisieren. Das fiel zum Beispiel auf, als Männer nach dem erneuten Angriff 2022 nicht ausreisen durften und damit viele Frauen gezwungen waren, das Land mit Angehörigen und nahestehenden Personen zu verlassen, um sie und sich zu schützen.
Ansonsten ist die Einstellung der USAID-Mittel ein großes Problem in allen Regionen, weil davon Organisationen betroffen sind, die gezielt mit Frauen gearbeitet haben. Da greifen jetzt die Neuregelungen, nach denen Begriffe wie Abtreibung oder LGBTIQ nicht vorkommen dürfen. Und wenn hier in Deutschland Mittel gekürzt werden, hat das konkrete Auswirkungen auf die Menschen in unseren Partnerorganisationen, weil sie keinen sicheren Ort mehr haben.