Krieg als Ordnungskraft in Pakistan und Afghanistan
Hinter den Normalitätsfassaden
In der neuen multipolaren Weltordnung ist die politische und ökonomische Gestaltungsmacht umkämpft. Pakistan und Afghanistan zeigen, dass dabei die Armee beziehungsweise die hegemoniale Miliz eine zentrale Position innehaben. Was heißt das bei welchem dieser unterschiedlichen Regime?
Der Blick über Europa hinaus zeigt, dass Militarisierung kein Ausnahmezustand ist, sondern ein globaler Strukturprozess in der gegenwärtigen Weltrisikogesellschaft. Wo Sinnordnungen kollabieren, übernimmt Sicherheitspolitik die Rolle der Vernunft. In einer liquiden, multipolaren Weltunordnung, in der alte Allianzen zu zerbrechen drohen und neue Schwellen- und Mittelmächte emporsteigen, wird militärische Gestaltungsmacht neu verteilt, legitimiert und vergesellschaftet. Pakistan und Afghanistan markieren in diesen Prozessen zwei extreme, fast gegensätzliche Modelle – und bilden deshalb ein aufschlussreiches Vergleichspaar.
Krieg ist Frieden
In der kosmopolitischen Gegenwartsmoderne wird Krieg nicht mehr gegen, sondern für den Frieden geführt, diagnostizierte der Soziologe Ulrich Beck in Anlehnung an George Orwell. Dies resultiert in einer Militarisierung des Friedens. Kriegszustände erscheinen nicht länger als Ausnahme, sondern als legitime Instrumente zur Herstellung von Frieden, Sicherheit und Ordnung. Militärische Gewalt wird sprachlich und moralisch im Namen des Friedens umgedeutet. Interventionen heißen »Friedensmissionen« oder »humanitäre Einsätze«, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine »Spezialoperation«. Globale Konflikte firmieren als ‚Kriege‘ gegen abstrakte Bedrohungen wie Terror/Drogen/Armut usw. Krieg gilt damit nicht mehr als Gegenteil von Frieden, sondern als dessen Voraussetzung.
Gleichzeitig bleibt Militarisierung das extremste Beispiel für die Instrumentalisierung von Normen und Narrativen durch staatliche Behörden: Einerseits reichen ökonomische Anreize nicht aus, um Menschen für einen Tod in der Schlacht zu motivieren. Andererseits gehen diese ‚Souveränitätsausgaben‘ auf Kosten zentraler ziviler Aufgaben wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Verwaltung und Soziales. Daher sind es traditionell schwache und klientelistische Staaten, die Ressourcen überproportional in Sicherheitsdienste und Militärapparate stecken.
Pakistan als Militärstaat
In Pakistan rechtfertigt die Entgrenzung von Gefahr – Terrorismus, religiöser Extremismus, regionale Instabilität, nukleare Abschreckung gegenüber Indien – einen permanenten Ausnahmezustand. Militär und Sicherheitsapparate gewinnen dadurch innenpolitisch dominanten Einfluss. Globale Risiken erzwingen eine Logik präventiver, dauerhafter militärischer Bereitschaft, in der zivile Politik strukturell marginalisiert wird.
Pakistan ist aus seiner Militarisierung hervorgegangen
Kaum ein Land der Gegenwart verkörpert die Widersprüche politischer Moderne so prägnant wie Pakistan. Mit über 240 Millionen Einwohner*innen, einer sehr jungen Bevölkerung und tiefer gesellschaftlicher Spaltung steht der Staat seit seiner Gründung im Spannungsfeld von Demokratie und Militärherrschaft (iz3w 390). Es existieren zwar demokratische Institutionen, die reale Macht liegt jedoch bei einer militärisch-bürokratischen Elite. Es handelt sich um ein hybrides System, in dem zivile Politik innerhalb militärisch gesetzter Grenzen stattfindet. Pakistan ist kein Staat, der militarisiert wird. Es ist ein Staat, der aus Militarisierung hervorgegangen ist. Seine Gründung 1947 war Ergebnis einer religiös-politischen Sezession, begleitet von Massengewalt, Vertreibung und Trauma. Der neue Staat besaß kaum zivile Institutionen, keine gefestigte Verwaltung, keine gemeinsame politische Kultur – wohl aber ein existenzielles Feindbild: Indien. In dieses institutionelle Vakuum trat früh das Militär. Die Armee ist nicht nur Sicherheitsapparat, sondern ökonomischer Akteur, ideologischer Schiedsrichter und sakrale Instanz. Religion fungiert dabei als politische Infrastruktur: Der Islam legitimiert den Staat, das Militär schützt den Islam, Kritik wird schnell zu Häresie.
Mit dem 27. Verfassungsänderungsgesetz hat Pakistan im November 2025 die formale Gewaltenteilung teilweise faktisch außer Kraft gesetzt. Der bisherige Armeechef wurde zum Chief of Defence Forces erhoben und damit verfassungsrechtlich an die Spitze aller Streitkräfte gestellt. Fünf-Sterne-Offiziere genießen nun lebenslange Privilegien und Immunitäten. Zwei Richter des Obersten Gerichtshofs traten aus Protest gegen das Verfassungsänderungsgesetz zurück und erklärten die Verfassung von 1973 faktisch für ausgehöhlt.
Diese Verfassungsreform ist Konsequenz der militärischen Auseinandersetzung mit Indien im Mai 2025 in Kaschmir. Dank chinesischer Unterstützung konnte das pakistanische Militär mehrere der modernsten indischen Rafale-Kampfjets aus französischer Produktion vom Himmel holen (SEITE 32). Die Islamische Republik Pakistan feierte dies und den mutmaßlich von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenstillstand als Erfolg und beförderte Armeechef Asim Munir zum Feldmarschall. Nach dieser Kriegshandlung mit Indien war Munir 2025 bereits dreimal Gast in Washington – ein privates Mittagessen mit Trump war historisch das erste exklusive Zusammentreffen eines amerikanischen Präsidenten mit einem pakistanischen Armeechef. In Davos trat Pakistan im Januar 2026 Trumps Board of Peace bei. Indische Beobachter*innen befürchten, Munir habe Trump in Davos Pläne für einen Frieden in Kaschmir eingeflüstert.
Militarisierung als soziales Verhältnis
Pakistans Verfassungsreform markiert keinen Bruch, sondern die juristische Vollendung des Militärstaates. Sie verschiebt die Machtbalance endgültig zugunsten der Uniform – und sorgt dafür, dass das Militär keiner wirksamen zivilen oder juristischen Kontrolle mehr unterliegt. Interessant im Kontext von Militarisierung ist dabei weniger der Machtzuwachs des Militärs selbst als seine gesellschaftliche Reproduktion: Die Armee erscheint großen Teilen der Bevölkerung als einzige funktionierende Institution im Land, als moralisch rein, diszipliniert und effizient. Zivile Politik dagegen gilt als korrupt, partikular und inkompetent. Hier zeigt sich Militarisierung als soziales Verhältnis: Die Gesellschaft erzeugt das Militär als Sinnstifter, während das Militär die Gesellschaft nach seinen Ordnungsvorstellungen formt. Ein klassischer Fall, in dem globale Risiken – Indien, Terrorismus, Atomwaffen – den permanenten Ausnahmezustand normalisieren. Krieg ist kein Ereignis mehr, sondern struktureller Hintergrund.
Diese Struktur wurzelt in der religiösen Gründungsidee des Staates. Pakistan ist der einzige völkerrechtlich anerkannte Staat, der ausdrücklich aus religiösen Gründen für den Islam geschaffen wurde. Die von Pakistans späterem Nationalpoeten Muhammad Iqbal postulierte Zwei-Nationen-Theorie argumentiert, dass Hindus und Muslime zwei unvereinbare Völker darstellten. Die historischen Narrative der Religionsgruppen sind dabei nicht miteinander geteilt oder überlappend, sondern sie rivalisieren miteinander. Muhammad Ali Jinnah, der Gründungsvater Pakistans, griff diese Idee auf: Für derart unterschiedliche Volkskörper, die unterschiedliche Kulturnationen bildeten, bedürfe es getrennter Territorien. Muslime könnten nicht mit Nichtmuslimen in einem Staat zusammenleben. Die Zwei-Nationen-Theorie legitimierte die Teilung Britisch-Indiens in ein mehrheitlich hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan. Die Staatsgründung war von massiver Gewalt begleitet und hinterließ ein dauerhaftes Trauma. Der Islam wurde nicht nur identitätsstiftend, sondern ersetzte fehlende Institutionen. In diesem Vakuum etablierte sich das Militär als gesellschaftliche Ordnungskraft.
Die politische Geschichte Pakistans ist geprägt von wiederholten militärischen Eingriffen. Vier direkte Militärputsche und zahlreiche indirekte Interventionen machten deutlich: Zivile Politik bleibt episodisch, militärische Dominanz strukturell. Zivile Regierungen scheiterten regelmäßig an Korruption, ökonomischer Schwäche und dem Machtanspruch der Armee.
Das Militär versteht sich als moralische Instanz jenseits der »verdorbenen« Politik. Religion und Uniform verschmelzen zu Symbolen nationaler Reinheit, während Parlamente als Orte der Korruption gelten. Institutionell kontrolliert die Armee Außen-, Sicherheits- und Nuklearpolitik; der Geheimdienst ISI agiert als Staat im Staat. Ökonomisch ist das Militär ein mächtiger Konzern, der große Teile von Land, Industrie und Kapital kontrolliert. Diskursiv genießt es hohes Vertrauen in der Bevölkerung.
Die Schwäche ziviler Politik
Geopolitisch rechtfertigt die dauerhafte Bedrohungslage – insbesondere gegenüber Indien – den inneren Autoritarismus. Niederlagen stärken paradoxerweise die Stellung des Militärs. Afghanistan diente lange als strategisches Hinterland, China ist heute wichtigster Partner, Waffenlieferant und Gläubiger, während die USA über Jahrzehnte das pakistanische Militärregime finanzierten, obwohl sie Demokratie predigten. Atomwaffen verschaffen Pakistan globales Gewicht, unterliegen aber kaum einer zivilen Kontrolle.
Die zivile Politik ist strukturell schwach: Parteien sind dynastisch organisiert, Politik funktioniert über Patronage, nicht über demokratischen Wettbewerb. Religion wird auch von Zivilpolitiker*innen instrumentalisiert und stabilisiert so jene Diskurse, die militärische Vorherrschaft legitimieren. Pakistan gleicht damit einem prätorianischen Staat, in dem das Militär entscheidet, wie weit Demokratie gehen darf. Jüngste Parteiverbote, Verhaftungen von ehemaligen Premierministern und Wahlmanipulationen bestätigen diese Rolle.
Der Staat ist zugleich moralisch erregt, religiös aufgeladen und institutionell ausgehöhlt. Religion wird zur Staatsideologie und verliert ihre spirituelle Tiefe. Die pakistanische Moderne ist, wie der Soziologe Hamza Alavi bereits in den 1970er Jahren festhielt, eine partielle: eine Modernität ohne Säkularisierung, ohne rational-bürokratische Verwaltung, ohne das Ethos eines neutralen Staates. Moderne Technologien und westliche Konsumformen überlagern eine vormoderne Sozialstruktur. Smartphones, Satelliten und Drohnen stehen neben patriarchalen Stammesräten, Ehrenmorden und feudaler Abhängigkeit. Der Staat verfügt über Atombomben, aber nicht über funktionierende Müllentsorgung. Er kann Satelliten starten, aber keine Steuern erheben.
Krieg ist in Afghanistan entstaatlicht, aber nicht abgeschafft
International gilt das riesige Pakistan in einer instabilen Weltregion als sicherheitspolitisch unverzichtbar, weshalb westliche Staaten autoritäre Strukturen tolerieren. Diese Doppelmoral stabilisiert das hybride Regime. Für die Zukunft zeichnen sich drei Szenarien ab: autoritäre Konsolidierung, kontrollierter Zerfall oder demokratische Transformation – letztere bislang ohne gesellschaftliche Basis. Pakistan ist damit ein Brennglas der politischen Moderne: ein Staat, der Macht ausübt, aber kaum Legitimität besitzt. Seine zentrale Lektion lautet, dass Demokratie nicht mit Wahlen beginnt, sondern mit der politischen Rechenschaftspflicht gegenüber der Bevölkerung – und dass Religion nur dort frei bleibt, wo sie nicht herrscht.
Militärische Transformation in Afghanistan
Afghanistan erscheint auf den ersten Blick als Gegenmodell: kein starker Staat, keine reguläre Armee, keine sichtbare Militärbürokratie. Nach dem Abzug der NATO und der Machtübernahme der Taliban wirkt das Land im klassischen Sinn entmilitarisiert. Doch der Eindruck täuscht. Was in Afghanistan stattgefunden hat, ist keine Demilitarisierung, sondern eine Transformation des Militärischen. Die Taliban sind nicht einfach eine Regierung mit Waffen, sondern eine fusionierte Ordnung aus Miliz, Moralregime und Gewaltmonopol. In dieser Hinsicht erinnert Afghanistan an Franz Neumanns Buch »Behemoth«: ein Unstaat, in dem Gewalt nicht institutionell begrenzt, sondern allgegenwärtig ist. Männer mit Kalaschnikow sind keine Folklore, sondern Säulen sozialer Ordnung. Bewaffnung ist nicht nur Mittel, sondern Identitätsform. Gewehre fungieren als Verlängerung von Männlichkeit, Ehre, Autorität. Dass sich Kalaschnikows ästhetisch normalisieren – in Alltagskultur, Mode, Selbstbildern – ist kein Zeichen von Entpolitisierung, sondern einer tief verankerten Militarisierung des Sozialen. Afghanistan ist nicht entmilitarisiert, sondern vormilitärisch totalisiert: Mit den einfachen Mitteln der Miliz ist deren Kontrolle dennoch allgegenwärtig. Dabei bleibt das Land militärisch verwundbar: keine funktionierende Luftabwehr, kaum schwere Waffensysteme, hohe Abhängigkeit von informellen Netzwerken. Der aktuelle Grenzkonflikt mit Pakistan macht diese Asymmetrie sichtbar. Während Pakistan ungestört mit Kampfjets und Drohnen bis in die Hauptstadt Kabul bombardiert, antwortet Afghanistan in Milizenlogik irgendwo im Grenzgebiet. Aber die zwei Formen von Militarisierung verstärken sich gegenseitig.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopDie pakistanisch-afghanische Grenzzone ist das Feld zweier konkurrierender Ordnungsmodelle des Militärischen. Auf der einen Seite der zentralisierte, bürokratisierte Militärstaat, nun auch verfassungsrechtlich abgesichert und eingebettet in internationale Rüstungs- und Bündnissysteme. Auf der anderen Seite ein fragmentiertes, rituell aufgeladenes Milizenregime, das Gewalt nicht delegiert, sondern verkörpert. Beide Modelle sind Produkte derselben globalen Konstellation: des Rückzugs westlicher Ordnungsmacht, der Fragmentierung von Souveränität und der Diversifizierung von Sicherheitsrationalitäten. Dass die USA und die NATO an Einfluss verlieren, bedeutet keineswegs Emanzipation. Das entstehende Machtvakuum wird von regionalen Militärakteuren, Milizen und autoritären Modernisierungsprojekten gefüllt. Widerstand gegen globale Ordnungen produziert neue Formen globaler Gewalt. Krieg wird entstaatlicht, aber nicht abgeschafft.
Militarisierung ohne Fortschritt
Was Pakistan, Afghanistan und Europa verbindet, ist nicht die Form der Militarisierung, sondern ihre Funktion: Das Militärische dient der Stabilisierung fragiler Ordnungen. In Pakistan schützt es einen ideologisch aufgeladenen Staat vor innerer Demokratisierung. In Afghanistan ersetzt es Staatlichkeit selbst. Für Europa ist der Krieg Wurzel und Motor europäischer Integration. In allen Fällen wird Militarisierung gesellschaftlich normalisiert – einmal über Verfassung, Institutionen und Diskurse, einmal über Alltagspraktiken, Männlichkeitsnormen und Milizen. Militarisierung ist kein Rückfall in alte Zeiten, sondern eine zeitlose Antwort auf den wahrgenommenen Weltordnungszerfall um uns. Sie tritt nicht nur in Form von Panzern und Armeen auf, sondern als kulturelle Muster, soziale Erwartungen und normative Ordnungsvorstellungen, die dem Ziel dienen, Sicherheitsgefühle zu produzieren. Als Ordnungskraft bleibt sie dabei normativ leer, solange sie Sicherheit organisiert, ohne menschliche Handlungsfähigkeiten zu erweitern. Schleichend erzeugt Militarisierung jene falsche Normalität, in der sich Ordnung behauptet, während ihre Grundlagen erodieren. Historisch betrachtet erzeugen Militarisierungsschübe weniger Stabilität als jene Unsicherheiten, die zu bannen sie vorgeben.