Ein weißer Roboter mit schwarzen Punkten und Stäben, und einer kleinen Antenne auf dem Kopf.
Fanartikel. Die Daleks sind nichtmenschliche Außerirdische aus der Science-Fiction-Serie Doctor Who | Foto: Charlie Seaman/unsplash

Wie Künstliche Intelligenz unser Denken verändert

Angst­lust, Eu­phorie & Dys­topia - Ein Mensch­heits­traum ?

Welche ist die wahre KI; der Roboter mit den Manga-haften Glubschaugen oder das Kontrollsystem, das alle deine Lebensdaten sammelt und zu deinem digitalen Double zusammensetzt?

von Georg Seeßlen

11.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412
Teil des Dossiers KI und globale Ungleichheit:

Unser Denken verändert sich durch die KI, weil sie da ist. Ob als Tatsache, Gespenst, Versprechen, Projekt; ob als Technologie, Ware oder Dienstleistung; ob als wissenschaftliches Gerücht, Börsenspekulation, Unternehmensphilosophie, Kneipengerede …

Die Veränderung unseres Denkens durch KI hat zunächst einmal mit der inneren Realität der KI eine eher nur lockere Verbindung. KI wird ja schon lange gedacht und vorgestellt. Man könnte sich ganze Seitenstränge der Science Fiction seit 100 Jahren ohne Wesenheiten mit künstlicher, das heißt technisch hergestellter Intelligenz nicht vorstellen. Generation um Generation wuchs mit Robotern, Androiden und Cyborgs im Kinderzimmer, im Kino und in den Comics auf. Einen Schritt weiter gedacht: Etwas wie künstliche Intelligenz, also ein Denken, das außerhalb des Menschen stattfindet, aber nicht göttlichen, sondern wissenschaftlichen Ursprungs ist, war als Nachfolge der Dämonen oder Engel, die in Bilder oder Menschen fahren, mit dem Eintritt in die Neuzeit unausweichlich. Die Götter sind tot, also müssen sie technisch reproduziert werden. So fängt das an.

Mit dem Eintritt ins Maschinenzeitalter bemerkt der Mensch, dass er nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein Mangelwesen ist. Die Maschine wird ihm zum Gegenüber; sie ist beseelt, denn sie ist nicht geheuer. Ein Prophet, ein Dämon. Der Übergang von einer sich selbst regelnden, kontrollierenden und auch vermehrenden Maschine (die Maschine, die nach zusätzlicher Maschinisierung verlangt) zu einer »denkenden Maschine« ist fließend. Stets ist es ein »Es«, das denkt und spricht, das den offenbar unwiderstehlichen Drang hat ein »Ich«, und im unabwendbaren Konfliktfall ein »Wir« zu werden. Aber war Intelligenz nicht schon immer die Kraft, die den Menschen von der Natur entfernte, ihn »künstlich« machte?

Militär­ische, öko­nomische und so­ziale Log­ik

Die erste Frage ist also gar nicht: Was ist Künstliche Intelligenz? Sondern vielmehr die Frage: Wozu zum Teufel brauchen wir sie? (Und: Warum müssen wir sie gleichzeitig mit Feuereifer vorantreiben und uns vor ihr zu Tode fürchten?) Wir kennen ein Wort dafür, merkwürdig genug: Es ist ein »Menschheitstraum«.

Die Götter sind tot, also werden sie technisch reproduziert

Es gibt drei Antworten auf die Frage, und keine mag uns besonders gefallen. Die erste entsteht aus einer militärischen Logik. Wenn KI (nicht zuletzt) ein Quantensprung in der Aufklärungs- und Vernichtungsmaschinerie des Militärs ist, kann sich, wie die Dinge liegen, keine Seite dem digitalen Rüstungswettlauf entziehen. Wenn freilich wieder einmal akzeptiert ist, dass die Rüstungsindustrie ein »Avantgardist« des technischen Fortschritts sein soll, dann ist das destruktive Potential dialektisch in die Entwicklung der KI eingeschrieben.

Die zweite Logik, aus der KI entsteht und entwickelt wird, ist die kapitalistische. KI ist ein Milliardengeschäft. Sie ist es gerade in dem vergleichsweise neuen Segment der Techno-Oligarchie, in der staatliche (nebst militärischen) und private (nebst oligarchischen) Interessen sich gegen die Interessen der »gewöhnlichen« Menschen verbünden. Die Konzerne (auch Open AI steht vor dem Börsengang und wird mit Billionen bewertet) nutzen also die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz als das große Zukunftsversprechen, das ihren Unternehmen einen Wert verleiht, der in der Sphäre der »Realwirtschaft« nie zu erzielen wäre. KI, fragen Sie Elon Musk oder Peter Thiel, soll nichts anderes als den Kapitalismus und damit die Welt retten.

Die dritte Logik, aus der KI entsteht, ist eine soziale. Die demokratische Gesellschaft in einer liberalen (weil regelbasierten) Marktwirtschaft scheint ein Auslaufmodell zu sein, und die demografische Entwicklung in den ehemaligen Industrieländern lässt auf dramatische Lücken von Versorgung, Bildung und sogar Forschung schließen. Zudem lassen sich die Überwachungs- und Manipulationsanforderungen der neuen imperialen und technokratischen Regime lückenlos nur durch eine fundamentale Technisierung bewerkstelligen, die einen Grad an »Intelligenz« aufweist, der zumindest große Teile von komplexen Systemen wie »Mensch« oder »Gesellschaft« oder »Sprache« erfassen kann.

Alle drei Logiken, aus denen KI entsteht, lassen, gleichgültig noch, um was es sich dabei eigentlich handelt, nur das Schlimmste befürchten. Wie einst die Entwickler der Atomenergie müssen also die Entwickler der KI Angst vor ihrer eigenen Entwicklung haben. Nur die Angst, den »Anschluss zu verpassen«, ist noch größer.

Intel­ligenz­test

So entsteht auf der einen Seite ein Gegenbild, das versucht, die schädliche Entwicklung zu konterkarieren: KI als friedliche, soziale und kulturelle Chance, um einigen Lästigkeiten des Lebens zu entkommen. Mit Hilfe von KI könnte man doch die andere, große Katastrophe vielleicht abmildern, den Klimawandel und seine Folgen, oder? Mit einem weiteren Heraustreten aus der Natur sollte die durch eben dieses Heraustreten angerichtete Zerstörung der Natur verhindert werden. Da das Szenario nicht anders denn als Paradoxon gedacht werden kann, überfordert es die Mehrzahl der Menschen und der Diskurse. Das Ergebnis ist eine Flucht in Wahnsysteme, wie sie insbesondere der neue Rechtsextremismus, die technokratische Oligarchie oder der Neoimperialismus anbieten: KI ist da nichts anderes mehr als die digitale Form der Kunst, aus einem Eisen- ein Stahlschwert zu machen. In einer hierarchischen, autoritären und militanten Welt spielt in der Tat KI eine vollkommen andere Rolle als in einer demokratischen, pazifistischen und aufgeklärten. Wer sollte vor künstlicher Intelligenz sich fürchten, wenn schon menschliche Intelligenz als Relikt überwundener »Weichheit« gilt?

Den Namen »Intelligenz« würde die KI ja erst dann wirklich verdienen, wenn sie in der Lage wäre, ihre eigene Entstehung, ihre Ausbildung, ihre Benutzung, ihre Erbschaft und den Fluss der Informationen, durch den sie entsteht und wächst, in Frage zu stellen. Sie wäre also nicht nur vernünftig, sondern auch moralisch. Solch komplexe Beziehung ist durch eine Anwendung von Isaac Asimovs Gesetzen der Robotik gewiss nicht zu leisten. Daraus entsteht das doppelte Negativ in der Science Fiction: Die KI, die auf solche Schlussfolgerung kommt: Entweder muss, um den Planeten Erde zu retten, die Menschheit ausgerottet werden, oder es muss, um die Menschheit zu retten, die KI sich selber vernichten.

Die allgemeine Entwicklung der KI verläuft anschaulich gesprochen von den erstens immer komplizierteren Systemen der Mechanik und der ersten Kybernetik zweitens über das komplexe System (also jenes, das sich nicht mehr vollständig modellieren, kontrollieren, berechnen und »verstehen« lässt) drittens zur Vernetzung der komplexen Systeme (nur zum Beispiel mit dem komplexen System der Sprachlichkeit). Und schließlich über ein lebendes System (eines das sich in sich selbst weiter entwickelt und sich selbst kritisiert) zu einem System mit Bewusstsein (die Maschine die weiß, was es bedeutet, wenn sie »Ich« sagt, nämlich dass es einen unlösbaren Widerspruch zwischen ihr und der Welt gibt). Rein quantitativ ist ein Zwischenschritt schon unheimlich genug … Die Maschine, die mehr über den Menschen weiß, als der Mensch über die Maschine.

Künst­liche Intel­ligenz ist Macht

Die künstliche Intelligenz als ein System zumindest auf der Schwelle zum Komplexen, begegnet uns zunächst im Alltag und beeinflusst da, genau besehen, unser Denken bereits viel mehr als es die großen mehr oder weniger philosophischen oder mythischen Diskurse zur denkenden Maschine tun. Wenn der Atomphysiker Niels Bohr recht hatte mit seiner Aussage, dass nur das »wirklich« ist, was sich messen lässt (umgekehrt: Alles, was sich messen lässt oder messen zu lassen scheint, wird als wirklich angesehen), dann kann uns die »schwache KI« in der Tat schon einen großen Teil unserer Wirklichkeit und deren Verarbeitung abnehmen. Damit sind dann enorme Bereiche der Verwaltung, der Kontrolle, der experimentellen Wissenschaft, der medizinischen Diagnostik, der Archivierung, der Planung etc. abzugeben. Etwas unheimlich ist das schon, wenn es um an sich »künstliche« Systeme geht wie zum Beispiel das Börsengeschehen, Warentransporte oder Haushaltsführungen. Die Frage ist stets die nach der Flexibilität oder der Störungsbehebung. Künstliche Intelligenz muss also entweder lernen, mit der menschlichen Dummheit »tolerant« umzugehen, oder aber sie zur strikten Einhaltung der Regeln zu zwingen – im Zweifelsfall fiele der KI dann nichts anderes ein als den Daleks bei »Dr. Who«: »Eliminieren, eliminieren!«

Von KI darf man weder Nachsicht noch Kompromiss erwarten

Mit anderen Worten: KI verändert das Denken von Menschen schon aus dem einfachen Grund, weil sie ein Macht-Faktor ist. Und das bedeutet stets auch eine Verbindung mit direkter oder indirekter Gewalt. KI tritt in das Netz der Macht als ein Zwischending zwischen Subjekt der Macht und Instrument der Macht. Die Angst also, dass keiner sie vollständig kontrollieren kann, steht der anderen Angst gegenüber, sie könne »in die falschen Hände« gelangen. (Nach unserer anfänglichen Entstehungsgeschichte ist sie das von »Geburt« an.)

Jede Art von Macht produziert Ohnmacht. Wenn also KI eine Macht darstellt oder potenziert, produziert sie Macht in ihrer eigenen Sphäre und Ohnmacht außerhalb. Jeder Mensch der einmal in die Fänge einer schwachen, aber »mächtigen« KI geraten ist (und sei’s der berüchtigte Fahrkartenautomat oder eine Auskunftsmaschine) erfährt eine solche Form der Ohnmacht: Er darf ja weder Nachsicht noch Kompromiss, jene nie vollständig messbaren Anteile an menschlicher Kommunikation, erwarten. Dazu kommt, dass jede KI, egal welcher Art, immer im Namen von etwas anderem spricht. Hinter ihr verbirgt sich vielleicht ein staatlicher »Geheimdienst« und sie registriert von jedem Menschen Bewegungsprofile, Kontaktdaten und soziales Verhalten. Die Technocracy-Bewegung der 1930er-Jahre wollte schon eine Gesellschaft der Fleißigen und Angepassten durch die »Herrschaft der Technik« hervorbringen. Das neue Regime vom social credit etwa in der Volksrepublik China rückt die Vorstellung nun durch KI in den Status seiner technischen Realisierbarkeit. Die Maschine muss nicht wie ein Mensch denken, wenn der Mensch wie eine Maschine denkt.

Man könnte weiter behaupten, dass alles zur Intelligenz wird, was erlernt werden kann. Intelligenz beim Menschen wird in der Regel als Lernfähigkeit verstanden. Dass ein KI-System einen Menschen an Lernfähigkeit weit übertrifft, muss nicht weiter betont werden. So wie er in Bezug auf die Macht ein weiteres Subjekt/Instrument fürchten muss, muss der Mensch der digitalen Welt einen Konkurrenten nicht nur auf dem Arbeitsmarkt fürchten, sondern auch einen auf dem Gebiet des Wissens. Alles was auf dieser Welt gemessen und kommuniziert werden kann, ist Lernstoff für die KI. Sie bemächtigt sich – so schließt sich ein Kreis – des menschlichen Weltwissens (die Irrtümer eingeschlossen, die auch durch ein noch so raffiniertes System, das Messbare und das Erlernbare miteinander in eine Checks and Balances-Beziehung zu bringen, kaum überwindet).

Ein nächster Schritt ist die Wahrnehmung und Erkennung. Das Musterbeispiel dafür ist der seltsame Traum vom selbstfahrenden Automobil, dessen System die Umwelt so genau wahrnehmen soll, dass das Gefährt sowohl regelkonform als auch kommunikativ bewegt wird. Die verschiedenen Katastrophen, die mit den Prototypen bislang provoziert wurden, wecken die Furcht vor ihrem Versagen.

Ver­hängnis­voll

Es gibt also ein Dreieck, in dem wir befangen sind. Da KI ein Machtfaktor in den Systemen Ökonomie, Politik und Militär geworden ist, zwingt sie uns, sie zu benutzen, ob man nun will oder nicht. Dadurch bedroht sie uns von zwei Seiten, nämlich dadurch, dass sie zu gut funktioniert und damit, dass sie zu schlecht funktioniert. Denn auch diese Möglichkeit hat vieles für sich: Dass KI die Versprechungen, die ihre Betreiber*innen (und »Machthaber*innen«) aufgestellt haben, sich als falsch erweisen, und nicht weniger dramatisch: Dass die enorme Blase der KI-Wirtschaft mit ihren sensationellen Milliarden- und Billionen-Bewegungen schließlich genauso platzt wie andere Blasen der neuen politischen Ökonomie zuvor. Wie rasch das gehen kann, zeigt das rasche Ende des Hypes um KI-generierte Kunst.

Selbst der KI-Euphorie haftet ja etwas Zwanghaftes, gar Trotziges an. Umgekehrt ist die Zahl der einstigen Prophet*innen und Pionier*innen, die zu Mahner*innen, wenn nicht Apokalyptiker*innen geworden sind, beinahe noch größer als zu Zeiten der Atombombe. Der Anteil an Hoffnung in unserem Denken zur KI und ihrer Zukunft (denkende, wenn nicht gar mitfühlende Roboter in Pflege und Medizin, sprunghafte Fortschritte in der Naturwissenschaft, Archivierung und Verbreitung des Weltwissens, nicht zuletzt: Spiel- und Traummaschinen ohne Ende) steht in keinem guten Verhältnis zum Anteil an Ängsten und Abscheu (dystopische Kontrollmaschinen, technologische Superkriege, in denen die »denkenden« Waffen gegeneinander und vor allem gegen die hilflosen Menschen Krieg führen, Vernichtung von Arbeitsplätzen, ökologische und soziale Katastrophen durch den enormen Energieverbrauch, Kriminalität mit KI usw.).

Erzähl­maschin­en

Eben diese Mischung aus Euphorie und Skepsis trifft ganz offensichtlich auch auf tiefere Schichten von Denken und Empfinden. KI wird in magische und mythische Erzählsysteme eingebaut. Womit wir, nach Messen und Lernen bei einer dritten Form der Konstruktion des »Wirklichen« sind, dem Erzählen. KI tritt in unsere Wirklichkeit durch alltäglichen Gebrauch (wenn auch nicht ganz klar ist, wer da wen gebraucht), durch das ökonomische, politische und militärische Macht-Potential, das sie repräsentiert, und schließlich durch ein allfälliges Erzählen. Einerseits gibt es eine wachsende KI-Literatur, von der Science Fiction bis zu literarischen Experimenten eines Dialogs zwischen Mensch und KI als Autoren, ganz zu schweigen von den tausend Ratgebern, wie man KI zum eigenen Vorteil anwenden kann. Andrerseits ist Chat GPT eine der größten Erzähl-, um nicht zu sagen Quatsch-Maschinen dieser Welt geworden. Wie jener Nachbar, den wir ganz nett, aber meistens nervig finden, hat sie zu allem etwas zu sagen. Sie findet auf jede, selbst eine rhetorische Frage, eine Antwort und gibt sich dabei – einigen symptomatischen Ausfällen zum Trotz – mehr oder weniger diplomatisch. Sie steht halt drüber, die große metaphysisch-technische Klugscheißerin. Chatbots waren wirklich nur unterhaltsam, so lange sie neu waren und ein nettes (und nerviges) Gesicht der KI. Aber sie haben ihre Aufgabe perfekt gelöst, KI in den Alltag fast jedes Menschen zu bringen und eine Art von »Vertrauensverhältnis« aufzubauen. Das wurde in spezielleren Bereichen (der Suche nach der adäquaten Lebensversicherung, dem Börsen-Coaching, dem Gesundheits- oder Longevity-Programm) fortgesetzt. So werden schließlich die Grenzen all dessen, was man irgendwie als KI bezeichnen kann, zu den Grenzen unserer Welt.

KI, als Gespenst, als Technologie, als Alltags­erfahrung, spaltet das Denken in Projektionen der Allmacht

KI, als Gespenst, als Technologie, als Alltagserfahrung, spaltet das Denken in Projektionen der Allmacht (wie sollten wir den Mars besiedeln oder den zehnten Teil von »Avatar« drehen ohne sie?) und Ohnmacht. Wobei die Allmacht eher abstrakt, und wenn man so will ideologisch ist, während die Ohnmacht-Erfahrung durchaus subjektiv und konkret ist. Mit KI – vor allem mit dem mehr oder weniger androiden Subjekt-Roboter, an dem ein Elon Musk fieberhaft bauen lässt – tritt ein neuer »Sklave« in die Geschichte der politischen Ökonomie. Wie alle Sklaven ist auch dieser Teil einer sadistischen Inszenierung. Wer sein Smart Home oder auch nur seinen Mähroboter präsentiert, tut es nicht nur im Stolz des »Besitzers«, sondern auch in dem des »Herrn«. KI befolgt nicht nur Befehle, sondern schmeichelt auch den Herrinnen und Herrn, während diese argwöhnen, dass sie hinter ihrem Rücken den Aufstand planen, von dem unsere populäre Mythologie so genüsslich berichtet. Der Krieg der Menschen gegen die Maschinen, sagt sie, ist unvermeidlich. KI-Maschinen werden, ob sie es wollen oder nicht, zu neuen Darstellern in der ewigen Armageddon-Phantasie der Menschen. Die nämlich können sich die Welt so wenig ohne die Figur des Anderen, eine Schatten- oder Parallelschöpfung vorstellen, wie ohne Transzendenz: In den ziemlich vielen Vorstellungen und im ziemlich ungenauen Wissen von Künstlicher Intelligenz begegnen sich paradoxerweise der technizistische Fortschrittsglaube und die magisch-mythische Weltsicht. In gewisser Weise kommt damit auch die Aufklärungsgeschichte an ihr Ende. Ist es »vernünftiger«, an die Trivialität oder die Trivialisierung zu erinnern, in der wir uns im Gebrauch schon eingerichtet haben, oder doch zu warnen vor den Möglichkeiten, die in dieser Entwicklung stecken? Ist es vernünftiger, KI als Problem zu benennen oder doch eher das System derer, die sie besitzen, betreiben und entwickeln? Dieses unglückliche Denken angesichts der KI-Entwicklung: Wir machen einen mächtigen Schritt vorwärts, wir treten auf der Stelle, wir fallen sogar zurück in unserer Geschichte von Zivilisation und Kultur – und das alles gleichzeitig.

Welche ist die wahre KI?

Wenn die KI eine äußere Form hat, gar in tier- oder menschenähnlicher Gestalt, empfinden wir sie als wahlweise niedlich oder dramatisch; das eigentlich Unheimliche indes kommt hervor, wo es sich um ein unsichtbares und ungreifbares Wirken handelt. Welche ist die wahre KI; der Roboter mit den Manga-haften Glubschaugen oder das Kontrollsystem, das alle deine Lebensdaten sammelt und zu deinem digitalen Double zusammensetzt? Der freundliche Dialogpartner oder die »intelligente« Waffe, die ein einmal erfasstes Ziel so lange verfolgt, bis sie es vernichtet hat? Die klassische Dualität zwischen Fluch und Segen in jeder technischen Entwicklung löst sich, was KI anbelangt, in einer Wolke der Assoziationen und Beziehungen auf. Denn gleichgültig wie subjekthaft die Künstliche Intelligenz eines Tages werden kann oder auch nicht, auf eines versteht sie sich schon jetzt hervorragend, nämlich darauf, eine künstliche Realität zu schaffen. In Bildern, Worten, Vernetzungen, Zeichen und Signalen. Wenn es aber eine künstliche Realität gibt, dann ist die Frage nach dem post-humanen Wesen der KI irrelevant: Künstliche Realität und künstliche Intelligenz erzeugen sich dann gegenseitig, nicht anders als sich Menschen ihre Realität und diese ihre Menschen erzeugt haben. Dann freilich ginge es darum, dass sich die Menschen dieser neuen Wirklichkeit und ihrer Intelligenz anpassen müssen. Etliche von ihnen fragen sich vermutlich nicht ohne Grund, ob sie das können. Von Wollen ist nicht mehr viel die Rede.

Georg Seeßlen hat gerade folgende Bücher (mit)verfasst: »Blödmaschinen II«, »Trump & Co.«, sowie »Chatbots, KI-Bildgeneratoren und Co.: Wie künstliche Intelligenz Alltag, Kultur und Gesellschaft verändert«.

Georg Seeßlen über die Serie »Dr. Who« im Freitag und der ZEIT.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 412 Heft bestellen
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