Türkischer Faschismus

Rezensiert von Mirko Maschewsky

13.11.2025

»Das überlegenste und das erste zivilisierte Volk der Menschheit sind die Türk*innen, deren Heimat das Altay[-Gebirge] und Zentralasien ist. Die Grundlage der chinesischen Zivilisation legten die Türk*innen. Die Türk*innen gründeten 7.000 v. Chr. in Mesopotamien und in Persien die erste Zivilisation der Menschheit und eröffneten damit die erste geschichtliche Phase […]. Die Gründer*innen der ägyptischen Zivilisation sind Türk*innen. Die Grundlage der römischen Zivilisation legten die Türk*innen, die Etrusker*innen genannt werden.« So zitiert der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli in seinem Buch Graue Wölfe die zentralen Aussagen des Forschungskomitees für türkische Geschichte (Türk Tarihi Tetkik Heyeti).

Küpeli, der an der Bochumer Ruhr-Universität Koordinator des Projekts Dersim 1937/38 ist, legt in seinem Buch eine kompakte, gut lesbare und für Unterricht wie Bildung verwertbare historische Aufarbeitung des türkischen Faschismus in der Türkei und Deutschland vor. Dabei werden auch Verflechtungen der türkisch-faschistischen Organisation Graue Wölfe zum deutschen NS-Staat aufgearbeitet. Neben der AfD stellen sie heute in Deutschland die zweitgrößte faschistische Bewegung dar. »Graue Wölfe (Bozkurtlar) ist eine sehr gängige Bezeichnung für Mitglieder und Sympathisanten der türkischen extremen Rechten, die sich selbst eher als Ülkücüler (Idealisten) bezeichnen«, erklärt der Autor.

Von A wie Anti­semitismus ...

Geschrieben ist seine Abhandlung relativ barrierefrei in kurzen Sätzen, was sie gut lesbar macht. Was zu kurz kommt, ist eine detailliertere Auseinandersetzung zur aktuellen Wirkmächtigkeit der Diskurse und Ideologie der Grauen Wölfe in der deutschen und europäischen Gesellschaft. Aber dies ist vielleicht einfach auch nicht die Aufgabe des Autors – sondern bedarf, wie bei anderen faschistischen Organisationen in Deutschland und Europa, erst zehntausender Stunden unbezahlter Antifa-Recherche-Arbeit, um diese Wirkmacht überhaupt aufzudecken. Auf den deutschen Staat ist in dieser Hinsicht kein Verlass. Schließlich erfolgte der Aufbau der türkischen faschistischen Bewegung in Deutschland seit 1969 unter der Schirmherrschaft von CDU-Regierungen.

In seinem Buch spannt Ismail Küpeli einen weiten geschichtlichen Bogen, um den türkischen Faschismus zu erklären. Ein Zitat aus seinem Fazit macht diese Herangehensweise nachvollziehbar: »Die türkische extreme Rechte ist eine politische Bewegung, deren ideologischen Ursprünge mit dem türkischen Staatsnationalismus eng verknüpft sind. Damit reichen die Wurzeln bis in die Spätphase des Osmanischen Reichs zurück, als die türkisch-nationalistische und Jungtürken-Bewegung, die das multiethnische und multireligiöse Reich in einen ethnisch und religiös homogenen türkischen Nationalstaat transformieren wollte, 1908 die Macht erlangte.« »Die türkische extreme Rechte konnte seit ihrer Entstehung in den 1930er-Jahren sowohl auf die Ideologie des türkischen Staatsnationalismus als auch an die Praxis der Gewalt gegen nicht-türkische und nicht-muslimische Bevölkerungsgruppen anknüpfen. Weil Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungsnarrative und insgesamt ein völkisch-autoritäres Politikverständnis durch den Staat ohnehin normalisiert waren, konnte sich der Rechtextremismus als eine den Staat begleitende und unterstützende Bewegung etablieren.« »Dieses Zusammenwirken von türkischem Staat und extremen Rechten bestimmte auch die Entstehung und Etablierung der türkischen extremen Rechten in Deutschland.«

... bis V wie Vertreibungs­genozid

Abgearbeitet werden in Küpelis Aufarbeitung des türkischen Faschismus: Rassismus, Antisemitismus, Militarismus, Genozide und Vertreibung als Grundpfeiler der türkischen Nationalbewegung. Die eigene Version vom Übermenschen und einer Herrenrasse mit Sendungsbewusstsein in der »türkischen Geschichtsthese«. Eine Ideologie, die bis heute das türkische Geschichtsverhältnis prägt. Dabei zeigt der Autor, dass der ›Innere Feind‹ im türkischen Nationalismus immer durch antisemitische Narrative geprägt ist (siehe auch iz3w 407 Rettung oder Zurück­weisung?). Dem entspricht, dass nach den Gründungs-Genoziden und -Vertreibungen nun Kurd*innen, die am vormaligen Genozid an den Armenier*innen beteiligt waren und von der Aneignung deren Besitzes und Territoriums profitiert haben, vom türkischen Staat als Heuschrecken und Unkraut bezeichnet werden. Das trägt deutlich die Handschrift eines eliminatorischen Antisemitismus. Kurd*innen sollten zur Assimilation gezwungen werden, gleichzeitig waren sie durch die Rassenideologie der türkischen Nation von vornherein vom Türkischsein ausgeschlossen. Der eliminatorischen Ideologie eines strukturellen Antisemitismus folgend setzte der türkische Staat auch hier erneut Vernichtung und Vertreibung zum Nationbuilding ein. Heute äußert sich der Antisemitismus des türkischen Nationalismus zum Beispiel so, dass im türkischen Diskurs die PKK unter jüdischer Kontrolle stehe. Denn da es in der Türkei nie eine Aufarbeitung der faschistischen Entstehungsgeschichte der eigenen Nation gab, konnte dieses Gründungserbe bis heute fortbestehen.

Anti­kommunismus als Kit

Wie in allen NATO-Staaten und deren Einflussbereich war auch in der Türkei der gemeinsame Antikommunismus der Kitt, um Faschist*innen, religiöse Fundamentalist*innen und den Staat zusammenzubringen. Der Antikommunismus richtete sich einerseits gegen die Sowjetunion, andererseits gegen alle demokratischen, antipatriarchalen und anderen progressiven Kräfte. Das türkische Militär setzte in den 1970ern staatlichen Antikommunismus durch, indem es die damalige Regierung, in der auch die Arbeiterpartei TIP vertreten war, zum Rücktritt zwang. Türkischer Staat und Militär haben danach bei der Unterdrückung und Zerschlagung der Linken zusammengearbeitet. Als die 1969 gegründete faschistische Partei MHP (Milliyetçi Hareket Partisi, türkisch für Partei der Nationalistischen Bewegung) – der parlamentarische Arm der türkischen Faschisten – in den 1970ern an der Macht war, organisierten die Grauen Wölfe Pogrome gegen Linke und Aleviten, die gedeckt durch die MHP ungestraft blieben.

Mit der türkisch-islamischen Synthese in den 1970ern wurde dann die islamische Weltherrschaft unter türkischer Führung angestrebt, die auf einem Rassismus gegen arabische Menschen basiert. Die Verbindung von Islamismus und türkischem Nationalismus ist antikommunistisch, antisemitisch und antiwestlich ausgeprägt. Die türkisch-islamische Synthese fordert zudem Rassenreinheit – also kein Heiraten und Zeugen außerhalb der eigenen Rasse. Sie fordert auch eine nationalistisch-islamistische Militanz gegen die eigenen Feindbilder, wie etwa in einem 1975 vom heutigen Staatspräsidenten der Türkei und AKP-Chef Recep Tayyip Erdoğan aufgeführten Theaterstück gezeigt, dessen übersetzter Titel lautet: »Freimaurer, Kommunist, Jude«.

In seinem Buch zeigt Ismail Küpeli, wie die Politik des türkischen Staats seit dem Anfang seines Bestehens vor einhundert Jahren sowie die türkischen Militärputsche und die Putschdrohungen durch faschistische Ideologie, Rassismus, Antisemitismus und später zusätzlich Islamismus geprägt sind. Dabei tritt in den 1980ern und vor allem 1990ern im türkischen Nationalismus der antikurdische Rassismus in den Vordergrund (iz3w 383, Türkei: »Oh du türkische Nation!« von Ismail Küpeli). In den 1990ern werden auch die Verstrickungen von türkischen Faschistischen, die Drogenhandel betreiben und als Paramilitärs organisiert sind, mit dem Staat bekannt.

Die Verfolgung und Ermor­dung progressiver und linker Kräfte stellen eine durchgängige Konti­nuität des türkischen Nationa­lismus dar

Später geht das Buch darauf ein, wie in den letzten 25 Jahren durch die AKP der Umbau des türkischen Staats zur Autokratie umgesetzt wird - mit Hilfe von offen faschistischen Akteuren (AKP-MHP-Koalition seit 2018, unterstützt von der paramilitärischen und Straßen-Gewalt der Grauen Wölfe). Dazu gehört auch die Säuberung des Staats von allen demokratischen Kräften nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016. Hierbei wird, nach dem vorhergehenden Antikommunismus gegen die Sowjetunion, auch der sogenannte Westen als neuer ›äußerer Feind‹ ausgerufen. Die Verfolgung und Ermordung progressiver und linker Kräfte stellen hingegen eine durchgängige Kontinuität des türkischen Nationalismus dar.

In der Migrations-Community in Deutschland verbreiten türkische Faschisten ihre antisemitische, rassistische und islamistische Ideologie seit Jahren erfolgreich über Moschee-Vereine. Diese schwören deren Mitglieder auf die autoritäre Politik des türkischen Staats ein und spionieren die demokratische Opposition aus. Sportvereine sind ein weiterer Wirkungskreis türkischer Faschisten, diese werden von der AKP gefördert und genutzt, um gegen die demokratische Opposition vorzugehen. Über Sportclubs finden sich die Grauen Wölfe auch zu Mordserien und Terroranschlägen gegen Kurd*innen und Linke zusammen. Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten betreibt die Gruppierung organisierte Kriminalität.

Identitätspolitisch analysiert Küpeli Narrative und Diskursfragmente des türkischen Faschismus in Deutschland folgendermaßen: »Türkischstämmige Menschen mit einer Affinität zum türkischen Rechtsextremismus benutzen diese Erzählungen nicht, weil sie von einer Ideologie bloß verblendet werden oder weil sie schlicht die falschen Medienprodukte konsumieren. Vielmehr dient der Einsatz dieser Diskursfragmente dazu, eine positive Selbstidentität herzustellen – und zwar eine starke und überlegene Identität, die im Gegensatz zu der realen gesellschaftlichen Marginalisierung steht.« Welche Stärke die türkisch-islamische Ideologie in der türkischstämmigen Community in Deutschland besitzt, lässt sich, so die Worte des Autors,  anhand der weitverbreiteten Leugnung des Genozids von 1915 aufzeigen: »Die Anerkennung und Aufarbeitung des Genozids würde nämlich sowohl die Grundlagen der türkisch-islamischen Ideologie als auch die Selbstidentität der türkischstämmigen Menschen erschüttern.« Zudem konstatiert Küpeli eine Übereinstimmung faschistischer Einstellungen von Menschen mit Türkeibezug mit Haltungen der globalen faschistischen Bewegung. Sie verbindet eine völkisch-nationalistische, rechtsautoritäre, antisemitische, queerfeindliche und antifeministische Gesinnung.

Türkischer Rassismus heute richtet sich gegen Kurd*innen, Syrer*innen und Iraker*innen, die als unzivilisiert und zurückgeblieben bezeichnet werden. Zum heutigen türkischen Antisemitismus bemerkt Küpeli, dass da der als antiisraelischer geäußerte Antisemitismus der Grauen Wölfe in Deutschland in der Mehrheitsgesellschaft und bei Minderheiten anschlussfähig ist – sich die Faschist*innen mit Türkeibezug sogar linken antiisraelischen Mobilisierungen anschließen können – solange sie nicht offen Kurd*innen angreifen. Wenn er auf Gegenstrategien zu sprechen kommt, plädiert der Autor für ein staatliches Verbot der Grauen Wölfe in Deutschland, gesellschaftlich breit aufgestellte antifaschistische Mobilisierungen gegen deren Zusammenkünfte sowie Bildungsarbeit. Mit einem angehängten Exkurs über Narrative der Verschwörungsideologie des türkischen Faschismus wird im Buch dann auch ein praktisches Handwerkszeug für die Bildungsarbeit gegeben.

Ismail Küpeli: Graue Wölfe. Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland. Unrast Verlag, Münster 2025. 136 Seiten, 14 Euro.

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