In Springfield essen sie Hunde - Kulturkampf von rechts
»In Springfield essen sie die Hunde, die Leute, die reinkamen, die essen die Katzen. Sie essen, sie essen die Haustiere der Menschen, die dort leben. Das ist, was in unserem Land passiert, und es ist eine Schande.« Was hier nach irrer Slam-Poetry klingt, sind Sätze des US-Präsidenten Donald Trump. Sie stammen aus der zweiten TV-Debatte Trumps mit der demokratischen Kandidatin Kamala Harris im September 2024. Man kann sich den sogenannten Kulturkampf gar nicht einfach genug vorstellen.
Doch wie kam es, dass das skurrile Gerücht um verspeiste Haustiere in Missouri es in das TV-Duell der Präsidentschaftskandidat*innen schaffte? Aus vielen Lügen, absurden KI-Bildern mit Tieren und Social-Media-Aktivitäten, auch von Politiker*innen, entstanden »alternative Fakten«. Was für ein Kulturleben ist das und wie funktioniert es? Und: Was hat das mit Kulturkampf zu tun?
Die Geschichte begann, wie so oft, in den sozialen Medien. Die Springfielderin Erika Lee hatte in einer lokalen Facebook-Gruppe einen Post verfasst, haitianische Migrant*innen hätten die Katze der Freundin der Tochter einer Nachbarin »an einem Ast aufgehängt, wie man es mit einem Reh beim Schlachten macht, und sie zerteilten sie um sie zu essen«. Ihr sei außerdem zu Ohren gekommen, dass dies bereits mit Hunden geschehen sei, auch mit Enten und Gänsen aus einem öffentlichen Stadtpark. Der Post wurde von lokalen rechten Accounts auf X geteilt und ging viral.
Innerhalb weniger Tage wächst sich ein Post mit rassistischen Anklängen zu einer unüberschaubaren nationalen Hetzkampagne aus
Bald erschien der Screenshot des Posts der Springfielderin in Kombi mit dem Foto eines Mannes of color, der eine tote Gans in der Hand trägt. Ein Hobbyfotograf im vierzig Kilometer entfernten Columbus, Ohio teilte diesen Schnappschuss auf der Plattform Reddit in einem subreddit über Columbus. Einfach »weil man so etwas hier nicht alle Tage sieht«, wie es der Hobbyfotograf später der Lokalzeitung erklärte. Dem X-Account EndWokeness (der dem Alt-Right Aktivisten Jack Posobiec zugeschrieben wird) war die geografische Distanz von vierzig Kilometern (vom Foto zum imaginären Tatort) egal. Etwa zeitgleich teilte der rechte Influencer Ian Miles Cheong das Video einer Frau aus Canton, Ohio, die angeblich eine Katze gegessen habe.
Youtuber sprangen auf den Zug auf, reisten nach Springfield und interviewten Passant*innen. Rechte Accounts teilten Memes und generierten KI-Bilder, darunter eines mit Donald Trump, der in einem Teich sitzt und eine Gans und ein Kätzchen umarmt. Letzteres wurde von Elon Musk geteilt, und bald teilte auch der X-Account der Republikaner des Repräsentantenhauses die Geschichte. Auch Trumps zukünftiger Vize JD Vance klinkte sich ein: »Berichten zufolge wurden Menschen ihre Tiere entwendet und diese gegessen, von Leuten, die gar nicht in diesem Land sein sollten.« Dabei schießt er auch gegen Presseorgane wie die New York Times, die das Problem vertuschen wollen würden.
Kurzum: Innerhalb weniger Tage wächst sich ein Post mit rassistischen Anklängen zu einer unüberschaubaren nationalen Hetzkampagne aus, die den Wahlkampf beeinflusst – trotz wahnwitziger Aussagen, die vielfach widerlegt wurden. Man kann sich Kulturkampf gar nicht kompliziert genug vorstellen.
Playbook des Rechten Kulturkampfs
Warum funktioniert das? Das Rezept scheint dem Playbook des neuen rechten Kulturkampfs entnommen. Eine Nachricht, die offenbar von der Basis der ‚einfachen‘ Amerikaner*innen kommt, wird von einem Netzwerk von rechten Aktivist*innen bis in die oberen Ränge der Bundespolitik hochgespielt. Die können demgemäß behaupten, sie nähmen die Ängste der ‚einfachen Leute‘ ernst.
Die Geschichte von den Migrant*innen, die Katzen schlachten, drückt nicht nur auf die Tränendrüse, sondern knüpft an Mythen vom barbarischen Anderen an.
Die Geschichte von den Migrant*innen, die Katzen schlachten, drückt nicht nur auf die Tränendrüse, sondern knüpft an Mythen vom barbarischen Anderen an. Es bleibt nicht beim ‚Narrativ‘: Bewaffnete rechte Gruppen wie die Proud Boys und der neonazistische Blood Tribe marschierten in Springfield auf, Schulen mussten zeitweise wegen Bombendrohungen geschlossen bleiben. Auch Humor spielt eine wichtige Rolle. So wurde das Gerücht mit Hashtags wie #Catlivesmatter geteilt, die offenbare Lüge mit einem Augenzwinkern weiterverbreitet.
Geschichten wie diese finden sich auch in diesem Dossier, etwa aus Japan, wo die Opfer der »Fremden« unschuldige Rehe waren, oder in Brasilien mit einem Penis-Babyflaschen-Schwindel. Sie sind Symptome eines Kampfes um Hegemonie. Weltweit steigen aus den globalen Umwälzungen Kulturkämpfe herauf, in denen sich etwa die Eigenen gegen die Fremden formieren. Die Kontexte und Storys sind sehr unterschiedlich, der spirit ähnelt sich. Die Kulturkämpfe haben sich Bahn gebrochen – auch weil Rechte geschickt und skrupellos in den Sozialen Medien agieren. Vor diesem Hintergrund blicken die Autor*innen dieses Dossiers auf das Thema Kulturkampf, und wie er an verschiedenen Orten geführt, aber auch ausgebremst und gekontert wird.
die redaktion, 22.4.2026
Das Dossier »Kulturkampf – Ringen um Deutungshoheit« entstand in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg e.V.
