»Gemeinsames Malen als Flucht vor den Alltagssorgen«

Das Kunstkollektiv Perras Bravas aus Mexiko

Audiobeitrag von Kathrin Zeiske

14.10.2025
Teil des Dossiers Umkämpft - Reproduktive Gesundheit

Ciudad Juárez, eine mexikanische Grenzmetropole, ist seit den 1990er Jahren zum Synonym für Frauenmorde geworden. Hier wurde der Begriff Femizid zum ersten Mal verwendet. Hier wuchsen junge Frauen auf, für die Gewalt, Mord und das Verschwinden von Mädchen zur Alltagsrealität gehörten. Drei von ihnen haben sich zusammengetan: Die Künstlerinnen Poli no Police, Nayo und C Is for Scorpio nennen sich Perras Bravas – Bissige Hündinnen. Mit Streetart erobern sie sich den öffentlichen Raum zurück, der ihnen als Frauen verwehrt werden sollte. Sie kleben Paste-Ups an Wände, malen Graffiti und schaffen damit nicht nur politische Kunst, sondern auch einen Safe Space füreinander. Kathrin Zeiske hat das feministische Kollektiv in Ciudad Juárez getroffen und mit ihnen gesprochen.

Skript zum Audiobeitrag

Erstausstrahlung am 7. Oktober 2025 im südnordfunk #137

Poli no Police: Es ist uns sehr wichtig, als Frauen ein Kollektiv zu haben und damit im öffentlichen Raum zu intervenieren. Denn als Frau hat man oft das Gefühl, dass einem das Recht verwehrt wird, auf der Straße unterwegs zu sein. Als Frau, als Person mit einem feminisierten Körper, etwas an die Wand zu malen, ist ein sehr ermächtigender Akt. Denn auf der Straße kommt es dir so vor, als würde dir das Recht abgesprochen, hier anwesend zu sein.

Sprecherin: Die Spezialität der Perras Bravas sind Paste Ups: Bilder, die sie gestalten und mit Kleister an die Wände kleben. Sie verwenden aber auch andere Techniken wie Schablonenmalerei, Wandmalerei oder Graffiti. Doch für Poli no Police ist klar, diese sind nur Mittel zum Zweck.

Poli no Police: Und das stets mit dem Ziel, gewisse Umstände anzuprangern, Forderungen zu stellen oder Kämpfe sichtbar zu machen. Unser Ziel als Kollektiv ist aber nicht nur die Intervention an sich, sondern auch der Prozess, in dem sie entsteht. Wenn wir uns gemeinsam treffen, öffnen wir einen Raum, in dem wir darüber sprechen können, wie wir uns in unserem Leben in Ciudad Juárez fühlen.

Sprecherin: Die Perras Bravas sind ein dezidiert politisches Kollektiv, auch wenn sie sich der Kunst widmen. Sie verstehen sich als feministisch, aber auch als antikapitalistisch und antifaschistisch. Sie wollen vielfältig und inklusiv unterschiedliche soziale Kämpfe miteinander verbinden und unterstützen. Aber dieser Anspruch kann auch ganz schön an den eigenen Kräften zehren.

»Unser Ziel ist auch der Prozess der Intervention«

Poli no Police: Es ist uns deshalb sehr wichtig, empathisch miteinander umzugehen. Uns ist gegenseitig vollkommen klar: Wir sind nicht immer alle verfügbar, und das verlangen wir auch gar nicht voneinander. Einen solchen moralischen Anspruch aneinander zu stellen, in diese Falle tappt man ja in den sozialen Bewegungen oft. Das hat uns gewiss geholfen, einen guten Umgang miteinander zu finden und langfristig aktiv zu bleiben, nun schon seit ganzen fünf Jahren.

Sprecherin: Umgekehrt aber bietet ihr Kollektiv, die Kunst und die Kreativität den Perras Bravas auch immer wieder einen Raum, wo sie aufatmen, sich ausdrücken, sich wieder finden und wohlfühlen können. So beschreibt Nayo das Kollektiv vor allem als eine Art Safe Space für sie.

Nayo: Manchmal brauche ich einfach eine Pause, aber dann ist die gemeinsame Kunst ja auch etwas, das ich gerne mache, das mich erfüllt. Über kurze oder lange Zeit finden wir immer wieder zusammen, auch wenn wir gefühlt tausend andere Sachen zu tun haben. Manchmal wird dann das gemeinsame Malen zur Flucht vor den Alltagssorgen.

Femizide auf der Regierungs­agenda?

Sprecherin: Doch gerade werden in Mexiko Utopien wahr. Erstmals wird das Land von einer Frau regiert. Präsidentin Claudia Sheinbaum hat das Thema der Femizide und Gewalt gegen Frauen, Probleme, die die Grenzmetropole Juarez seit drei Jahrzehnten umtreiben, nun auf die Regierungsagenda gesetzt. Doch Poli no Police warnt:

Poli no Police: Es werden sehr vollmundige Parolen geschwungen, die Zeit der Frauen sei angebrochen. Aber wir sollten da sehr vorsichtig sein: Nur, weil eine Frau an der Macht ist, heißt das ja nicht, dass sie per se feministische Positionen umsetzen wird, so wie wir sie vertreten. Wir behalten unsere kritische Position bei und halten es eher für gefährlich, denn der Diskurs kann schnell über tatsächliche Interessen im Hintergrund hinwegtäuschen, die durchgesetzt werden sollen. Wir haben da ja auch das Beispiel von Maru Campos direkt vor Augen.

Sprecherin: Die Gouverneurin des nördlichen Bundesstaates Chihuahua, in dem Ciudad Juárez liegt, ist eine politische Hardlinerin der rechten Partei PAN. Diese propagiert ein konservatives Familienbild und spricht sich gegen Schwangerschaftsabbruch aus. Maru Campos agiert im Schulterschluss mit dem gleichgesinnten Gouverneur von Texas, Greg Abbott, seines Zeichens ein Hardliner der Republikaner. Gemeinsam haben sie das Drohnenüberwachungsprojekt »Centinela« gegen Drogenhandel und illegale Migration an der Grenze ins Leben gerufen. So bleibt auch Nayo skeptisch.

Nayo: Nur, weil eine Frau an der Macht ist, wird ja nicht alles automatisch besser. Die Strukturen der Macht bleiben bestehen. Eine einzelne Frau kann da nicht viel ändern, und Mexiko bleibt weiterhin das gleiche politische System.

Links: in memoria de todas las que no tienen un entierro digno (In Erinnerung an alle, die kein würdiges Begräbnis erhalten)  | Rechts: Isabel estas en nuestros atar (Isabel, du bist in unseren Gedanken)
Kunstwerk des feministischen Kollektivs Perras Bravas aus Mexiko | Foto: Carolina Rosas Heimpel

Sprecherin: Die Perras Bravas sind in Ciudad Juárez mit den Femiziden aufgewachsen. Denn die Frauenmorde, heute eine weltweite Problematik, traten Anfang der 1990er Jahre erstmals in der mexikanischen Grenzstadt auf. Der Begriff Femizid wurde hier zum ersten Mal angewendet, um Hassmorden an Frauen einen Namen zu geben. Gewalt gegen Frauen und Gewalt allgemein gehören für die Perras zu ihrem Alltag. Aber für Poli no Police ist klar, dass diese keine Normalität sein sollte.

Poli no Police: Manchmal ist es für uns schwierig festzumachen, wann wir uns der Frauenmorde in unserer Stadt bewusst geworden sind. Wir sind schließlich mit ihnen aufgewachsen. Ich bin genau in dem Jahr geboren, als die ersten Femizide in Ciudad Juárez offiziell verzeichnet wurden – das war 1992. Natürlich hat das unsere Kindheit und Jugend geprägt. Aber es ist schwierig, sich das bewusst zu machen, denn tatsächlich kennen wir es ja nicht anders. Aber normal aufgewachsen sind wir bestimmt nicht, auch wenn uns vieles damals als Normalität erschien. Als wir Teenager waren, begann auch der ‚Krieg gegen die Drogen'. Wir haben Tote gesehen, wenn wir aus dem Haus gegangen sind – das ist ja nicht ‚normal'.

Sprecherin: Von 2008 bis 2012 wurde Ciudad Juárez mit einer exorbitanten Mordrate zur gefährlichsten Stadt der Welt. Damals besetzen Militär und Bundespolizei die mexikanische Industriemetropole und Erpressungen und Verschleppungen waren die Folge. In die Stadt zog das regierungsnahe Sinaloa-Kartell und machte dem ansässigen Juárez-Kartell das Tor zum US-amerikanischen Markt auf der Mitte des Kontinents streitig. Straßenkämpfe, Verfolgungsjagden und Anschläge waren die Folge. Die Bevölkerung geriet in die Schusslinie.

»Wir sind mit Frauen­morden aufgewachsen«

Poli no Police: Als wir Teenager waren, rief der damalige Präsident Felipe Calderón den Drogenkrieg aus. Die Kartelle bekriegten sich, genau zu der Zeit, als wir begannen, auf Partys zu gehen. Das waren genau diese Partys von Jugendlichen, die dann auch angegriffen wurden.

Sprecherin: Das Massaker von Salvárcar im Januar 2010 hat die Stadt neben den alltäglichen Schrecken des Krieges tief geprägt. Auf einer Party von Sportstudierenden drangen Kartellangehörige ein und erschossen die Anwesenden. Neben der Trauer um ihre Kinder traf die Familien vor allem die Diffamierung durch Präsident Calderón, der sich auf Auslandsreisen befand und die Toten als Kriminelle betitelte.

Poli no Police: Mit solchen Vorfällen aufzuwachsen, ist nun wirklich nicht normal. Aber damals haben wir uns darüber keine Gedanken gemacht. Wir wollten vermutlich auch einfach Spaß als Teenager haben und trotz aller Widrigkeiten in einer feindlichen Umwelt ein gutes Leben führen. Erst im Nachhinein fängst du dann an, darüber nachzudenken, und dann wird dir auf einmal klar, dass so ein Leben außerhalb jeglicher Normalität liegt.

Sprecherin: Während sich Ciudad Juárez im Ausnahmezustand befand, stiegen auch die Frauenmorde auf ein ungekanntes Ausmaß an. Partner und Expartner ermordeten Frauen und konnten sich sicher sein, dass diese Verbrechen in den Wirren des Krieges ungeahndet bleiben würden. Das Zusammenspiel von Machismo, Drogenkonsum und Schusswaffenbesitz ließen Auseinandersetzungen im Haushalt schnell tödlich enden. Ermordete wurden schlicht als Angehörige der organisierten Kriminalität diffamiert. Das Juárez-Kartell entführte Mädchen und junge Frauen in die Zwangsprostitution, ermordete sie wie eine Wegwerfware und verscharrte ihre Leichen außerhalb der Stadt.

Poli no Police: Heute sind mir all die Namen der ermordeten Frauen sehr präsent, die im Laufe der Jahre durch die Medien gingen und emblematisch für unzählige andere standen – wie Esmeralda Castillo, Susana Chávez, Marisela Escobedo. Vor kurzem habe ich noch versucht, alle diese Fälle, die mit meinen eigenen Erinnerungen verknüpft sind, in eine chronologische Reihenfolge zu bringen.

Sprecherin: Esmeralda Castillo verschwand als kleines Mädchen im Zentrum der Stadt. Ihr Vater Jose Luis Castillo hat nie aufgehört sie zu suchen. Er ist der wohl einzige Mann, der für Gerechtigkeit für seine Tochter kämpft. Alle anderen Aktivistinnen sind zumeist die Mütter von Ermordeten und Verschleppten. Susana Chávez hingegen war selbst Aktivistin und eine lesbische Poetin. Auf sie geht die feministische Kampfansage »Ni una mas« (Nicht eine mehr) zurück. Susana wurde ermordet, weil sie sich gegen einen Vergewaltigungsversuch zur Wehr setzte. Die Täter hackten ihr die Hand ab, um die Spur auf einen Mord im Drogenmilieu zu lenken. Auch Marisela Escobedo wurde als Aktivistin erschossen. Die Mutter der ermordeten Rubi Frayre hatte sich vor dem Justizpalast von Chihuahua angekettet, um Gerechtigkeit zu fordern, als aus einem vorbeifahrenden Auto das Feuer auf sie eröffnet wurde. Der Expartner und Mörder ihrer Tochter gehörte dem Kartell Los Zetas an.*

Sprecherin: Die Nachrichten von Frauenmorden in Fernsehen und Tageszeitungen, Suchplakate von Verschwundenen an der Bushaltestelle und schwarze Kreuze auf rosa Grund, von Aktivistinnen an jeden Laternenpfahl in der Innenstadt gemalt, wurden für die in Ciudad Juárez Aufwachsenden zum Alltag. Die Fotokünstlerin C is for Scorpio machte erst im Nachhinein klar, was das für sie als Heranwachsende bedeutet hatte.

C is for Scorpio: Ich bin mit dem vagen Bewusstsein einer allgegenwärtigen Gefahr aufgewachsen. Wir wurden als Mädchen einfach im Familienhaushalt eingesperrt – angesichts all der Gewalt an der Grenze, die es so in anderen Gegenden der Welt nicht gibt. Ich kann mir vorstellen, dass ich erst, wenn ich mal auf Reisen gehe, vielleicht auch erst außerhalb Lateinamerikas, einen richtigen Kulturschock kriegen werde – eben wenn mir bewusst wird, dass all das gar nicht existieren dürfte.

»Erst, als ich die Kunst für mich entdeckte, begann ich, mir die Stadt zu eigen zu machen«

Sprecherin: Die Realität der Frauenmorde bewegt die Familien in der Grenzstadt, sicherzustellen, dass Mädchen möglichst nicht alleine das Haus verlassen. So werden jedoch auch traditionelle Rollenbilder unterstützt. Mädchen und Frauen sollen im angenommenen Schutzraum des Hauses bleiben, während der öffentliche Raum angesichts der möglichen Gewalt nur Jungen und Männern zusteht. Auch Nayo hat das nie in Frage gestellt. Erst die Kunst und speziell die Perras Bravas haben ihr geholfen, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Nayo: Ich wuchs als Mädchen sehr behütet auf. Es war klar: Als Mädchen kannst du nicht einfach rausgehen. Deshalb hatte ich natürlich auch Angst, auf die Straße zu gehen. Erst als ich mit dem Studium begann, habe ich mir als Erwachsene selbst die Stadt erschlossen. Und noch einmal mehr, als ich mit 19, 20 Jahren die Kunst für mich entdeckte. Da begann ich, mir die Stadt zu eigen zu machen.

Kathrin Zeiske ist freiberufliche Journalistin aus Deutschland, sie berichtet seit fast zehn Jahren aus Ciudad Juárez.

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