Buchcover des Romans »Aufrecht« von Lea Ypi

Eine Familien­geschichte in Albanien

Rezensiert von Georg Lutz

23.04.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 414

Albanien war noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein reines Agrarland. In den Ebenen und Tälern dominierte Großgrundbesitz, in den Bergen kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft, die kaum das Lebensnotwendige abwarf. Regionale Clanstrukturen bestimmten die Politik. Das schwächelnde Osmanische Reich konnte, weil es lange keinen nationalistischen Aufbruch wie etwa in Griechenland gab, Albanien über einen langen Zeitraum osmanisch halten.

Vom Osmanischen Reich zur Diktatur

Vor gut hundert Jahren gab es dann eine kurze Phase des demokratischen Aufbruchs. Er dauerte nur wenige Monate über die Ausrufung der Unabhängigkeit und die Staatsgründung in den Jahren 1912/13 an. Danach dominierte die ideologische Orthodoxie des 20. Jahrhunderts wie in kaum einem anderen Land Europas. Zunächst erlangte Ahmet Zogu, ein feudalistischer Operettenkönig, die Macht. Es kam aber noch schlimmer: Italienische Faschisten beuteten Albanien ökonomisch aus und benutzten es als Aufmarschgebiet gegen Griechenland. Sie scheiterten, weil Griechenland im Herbst 1940 einen Gegenangriff auf die besetzten Gebiete Albaniens startete und gewann. Dann kamen deutsche Nazis zum Zug.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Stalinisten bis 1991 die Macht. Nach deren Sturz flogen Marx, Lenin und Stalin wieder aus den Bücherregalen und die neoliberale Wirtschaftslehre von Friedman, Hayek und Rand beherrschte den Diskurs. Das zentrale Medium waren die TV-Sender von Berlusconi mit ihren Soap Operas. Demzufolge versank Albanien 1997 in einem Sumpf aus Glücksspiel und Ponzi-Schneeballsystemen. Die Masse der Gesellschaft verlor und einige wenige Spekulant*innen füllten sich die Taschen. Viele Menschen wollten einfach nur abhauen. Noch heute ist Albanien in Europa ein Land der Peripherie.

Familien­geschichte als Zeit­zeugnis

Das ist der historische Hintergrund des kurzen 20. Jahrhunderts in Albanien für zwei persönlich gefärbte Bücher von Lea Ypi. In Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte schildert sie eindrucksvoll ihre eigene Kindheit in einem totalitären und isolierten System unter dem stalinistischen Diktator Enver Hodscha. Mit ihren Freundinnen suchte Lea die kleinen spielerischen Nischen, um ihre Kindheit auszuleben. Wenn es schwierige Situationen gab, rannte sie zu den Denkmälern von »Onkel Enver« und Stalin und bat um Hilfe. Eines Tages waren die Bronzeriesen aber geköpft und Demonstrant*innen skandierten »Freiheit und Demokratie«. Nicht nur für die kleine Lea brach eine Welt zusammen.

Ihre Familie war ein Mikrokosmos des Überlebens. Dieses Leben war immer wieder gefährdet, da die Familie eine bürgerliche und feudale Vergangenheit hatte, was im Gegensatz zur proletarisch definierten Doktrin der Sozialistischen Volksrepublik Albanien stand. Die heikle Familiengeschichte sollte zunächst sogar vor der Tochter verheimlicht werden. Nur die Großmutter hob sich davon ab, da sie beispielsweise, wenn es emotional wurde, gerne französisch parlierte.

Die Erwartungen der Familie können auch zu tragischen Ereignissen führen.

Ihre Großmutter steht auch im Mittelpunkt des zweiten Familienbuches Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Am Anfang steht ein verwirrendes Foto. Leman Ypi, die Grossmutter und deren Mann Asllan sind im Jahr 1941 im italienischen Cortina d’Ampezo zu sehen. Sie verbrachten dort offensichtlich ihre Flitterwochen. Die Frage stellt sich: Was führt ein Paar mitten im Zweiten Weltkrieg in einen italienischen Wintersportort? Die Recherche aufgrund dieses Fotos führt Lea Ypi in die Archive der alten Machthaber Albaniens. Dort durchmisst sie die Geschichte Albaniens am Beispiel ihrer Familie. Noch Ende des Ersten Weltkriegs blicken die Paschas und Beys grimmig von den Ölgemälden herab. Das Osmanische Reich verschwand aber und daraus eröffneten sich Freiräume, gerade auch für Frauen, die im Zentrum von Lea Ypis zwei Romanen stehen. Allerdings schlossen sich die Räume auch wieder, als der italienische und der deutsche Faschismus an Einfluss gewannen. Als Tante Selma, eine Tante der Grossmutter, einen Tabakhändler mit Sympathien für die Nazis heiraten sollte, beging sie am Tag der Hochzeit Suizid. Die Erwartungen der Familie können auch zu tragischen Ereignissen führen. Die Familie stellt also nicht nur einen Halt und einen Fluchtpunkt dar.

Moralischer Sozia­lismus bei Ypi

Heute lehrt Lea Ypi als Professorin Politische Theorie an der London School of Economics und anderen europäischen Eliteuniversitäten. Aufgrund der extremen Erfahrungen mit den unterschiedlichen Orthodoxien in Albanien hält Lea Ypi Demokratie und Kapitalismus für nicht vereinbar. Sie setzt auf einen moralischen Sozialismus, der aus dem Scheitern des realsozialistischen wie des marktliberalen Systems im Nachkriegs-Albanien lernt. Aufklärerische Vernunft verbündet sich hier mit einer antikapitalistischen Kritik. Gegen autoritäre Weltbilder braucht es das bessere Argument und die bessere Politik. Es klingt so einfach und ist so schwer. Hier kommt es spannend erzählt daher.

Georg Lutz

Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Suhrkamp Verlag 2023. 333 Seiten, 14 Euro.

Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Suhrkamp Verlag 2025. 389 Seiten, 28 Euro.

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