verlassenes Haus mit einem Tag, das viele Häuser in der Innenstadt Lissabons zeigen: »Hier könnten Menschen wohnen« A- aqui podia viver gente
Lissabon Innenstadt 2011 - Häuser stehen leer oder werden zu teuren Ferienwohnungen umgebaut. Auf der Hauswand steht »Hier könnten Menschen wohnen« | Foto: bildertexten

Ein missglückter Deal ...

... hat das Stadt­bild von Lissabon beschädigt

Lissabons Altstadt gilt seit Jahren als touristischer Hotspot. Immer mehr Feriengäste besuchen die Altstadtgassen. Wer den Blick aufmerksam auf die Hauswände richtet, erkennt: Es hat sich mit dem steigenden Tourismus eine Konkurrenz zwischen bezahlbarem Wohnraum und Ferienwohnung entsponnen – nicht ohne Sprengkraft. Die Vorboten waren schon 2011 sichtbar.

von Martina Backes

05.12.2025

Konkurrenzen und Kredite

Der Konflikt zwischen Touristifizierung und Leerstand in den alten Stadtvierteln war bereits Anfang der 2010er-Jahre im Stadtbild sichtbar. Das zeigen schon die Hauswände im Jahre 2011. Stencils wie »tanta casa sin gente« oder »until debt tear us apart« und Paste-Ups, Tags sowie Gedichte an Hauswänden und zugemauerten Türen und Fenstern sind wie Vorboten dessen, was ab der Finanzkrise die Stadt verändert hat. Tourist*innen können sich leisten, was Bewohner*innen nicht mehr finanzieren können. Inzwischen besuchen zehnmal so viele Tourist*innen die Stadt als es Bewohner*innen gibt. Deren Zahl ist in Lissabon (ohne Einzugsgebiet) stark zurückgegangen. In den 1980ern hatte der Stadtteil Alfama noch 20.000 Einwohner*innen, 2024 sind es nur noch rund 1.000 Personen.

Die Gentrifizierung in Lissabon ist ein tiefgreifender Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte zieht. Eine treibende Kraft dabei ist der Tourismus. 2024 trug er zu Portugals Wirtschaft 34 Milliarden Euro bei – das entspricht zwölf Prozent des Brutto­inlandsprodukts.

Leere Wohnungen und das Goldene Visa

Bereits im Jahr 2011 waren Skepsis und Widerstand der Bevölkerung gegen Gebäudesanierungen und gegen die Baupläne in der Innenstadt sichtbar auf Hauswänden und an zahlreichen zugemauerten Türen und Fenstern zu erkennen. Die Sprache der Tags, Gedichte und Symbole machen darauf aufmerksam, wer hier das Sagen hat. Sie wendet sich gegen den Aufkauf von Immobilien und die indirekte Vertreibung der Bevölkerung, die sich entweder die neuen Mieten nicht leisten kann oder aber ausziehen muss, weil baufällige Häuser nicht mehr instandgesetzt werden oder fällige Sanierungen verschleppt wurden.

Trotz zahlreicher leerstehender Häuser nimmt die Wohnungsnot in Lissabon seit den 2010er-Jahren stark zu. Die Zahl der registrierten Ferienwohnungen in Lissabon stieg zwischen 2011 – aus diesem Jahr sind die Fotos – und 2018 von 500 auf 18.000 an. Auch wohlhabendere Renter*innen aus der Europäischen Union lassen sich gerne in der Stadt nieder, denn sie sind in Portugal von der Steuer befreit. Vor allem aber: Ein Deal, der ein Dauervisum bei Sanierungsinvestitionen verspricht, lockt ausländische Investoren an. Für das »Goldene Visum« musste beispielsweise »nur« eine Immobilie im Wert von einer halben Million Euro gekauft werden. Investor*innen konnten als Gegenleistung eine EU-Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

2012 flog Ryanair erstmals Lissabon an, seit Oktober 2014 auch von Hamburg nach Lissabon. Das Aufhübschen der Innenstadt wird durch den zunehmenden Tourismus befördert.

Viele historische Stadtviertel wie Baixa erlebten einen Wandel, es boomten plötzlich Ferienwohnungen, Geschäfte, Luxusimmobilien. Seit dem Corona-Jahr kommen digitale Nomad*innen hinzu, meist Bürger*innen aus der EU, die sich in Portugal im Homeoffice einrichten, ihre Gehälter von europäischen Unternehmen beziehen und die hohen Mietpreise zahlen können. Inzwischen sind auch in den ehemaligen Arbeiterquartieren wie Penha de França die Mieten in die Höhe geschossen.

»Mais Habitação«

Die Liberalisierung des Mietmarktes (nach der Finanzkrise 2008 wurde die Mietenbremse aufgehoben), der boomende Tourismus und ausländische Investitionen greifen hier ineinander und verdrängen die ursprüngliche Bevölkerung aus dem historischen Stadtkern. Die portugiesische Regierung hob 2012 die Deckelung der Mieten auf Druck des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank auf, die einen Kredit gewährten. 2016 erhielt Lissabon einen Kredit von 250 Millionen Euro für städtische Infrastrukturprojekte, als Impuls für Wachstum und Beschäftigung – sozialer Wohnungsbau und die Neugestaltung öffentlicher Plätze inbegriffen. Ganze Stadtviertel im Kern Lissabons wurden saniert, in die unteren Stockwerke zogen vielfach Geschäfte ein, das Bild der Stadt änderte sich. Indes stagnierte der portugiesische Arbeits- und Lohnmarkt. Mit den Jahren schlossen alteingesessene Geschäfte, während Geschäftsketten in die unteren Etagen zogen. Auch die Konsument*innenschaft wurde ausgewechselt gegen zahlungskräftigere Tourist*innen und die neuen Expats.

Inzwischen gibt es aufgrund von Mieterschutzvereinen Bewegung im Geschehen: Sowohl die Ferienvermietung als auch der Verfall von Wohnraum sollen reglementiert werden. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde 2023 im Parlament beraten. Inspiriert von der »Deutschen Wohnen & Co enteignen« haben Aktivist*innen und Akademiker*innen eine Initiative gegründet und für ein Referendum plädiert. Doch auch gegen die MRH, die Bewegung für ein Wohnraumreferendum, ist Widerstand spürbar.

Das vorläufige Ergebnis: Die Vergabe neuer »Goldener Visa« wurde mit dem portugiesischen Programm »Mais Habitação« (Mehr Wohnraum) ausgesetzt. Das Programm sollte den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum erleichtern (und wurde am 7. Oktober 2023 mit dem Gesetz Nr. 56/2023 in Kraft gesetzt). Kurzzeit­vermietungen wurden beschränkt. Nachdem bei den Kommunalwahlen 2021 in Lissabon sowie 2024 auf nationaler Ebene die sogenannten Sozialdemokraten die Regierungsgeschäfte übernommen haben – eine Mitte-Rechts-Partei –, verschärfte sich der Kampf um Wohnraum und Touristifizierung erneut. So wurde das Verbot von »Alojamento Local«-Lizenzen inzwischen wieder weitgehend aufgehoben. Zumindest wurde die Übertragbarkeit von diesen Lizenzen bei Immobilienverkäufen inzwischen wieder erlaubt, die zuvor mit dem »Mais Habitação«-Programm abgeschafft wurden.

Martina Backes besuchte Lissabon im September 2011 und fragte sich, warum so viele alte Häuser leerstehen. Die Vorboten eines anstehenden Kampfes um Wohnraum waren schon damals sichtbar, das Geschäft mit den Ferienwohnungen nahm gerade erst Fahrt auf.

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