Ein neuer Boom lateinamerikanischer Literatur?
Per Horror zu einem neuen Selbstbewusstsein
Lateinamerikas Autorinnen erobern mit kraftvoller Stimme die Gegenwartsliteratur (siehe Teil 1 in iz3w 412). Jenseits bloßer Bestsellerliteratur erzählen sie von Gewalt, ihren Körpern und Gesellschaft – und rücken lange übersehene Perspektiven ins Zentrum.
Regelmäßig boomt es im Literaturgeschäft: Seien es Climate Fiction, historische Stoffe oder ein Bücher-Boom unter jungen Menschen. Vor wenigen Jahren boomte es wieder: mit weiblichen Autorinnen aus Lateinamerika. Damit schlägt dieser vermeintliche Boom eine andere Richtung ein als der erste lateinamerikanische Boom der 1960er Jahre. Hier standen männliche und ausschließlich hispanoamerikanische Autoren im Vordergrund. Auch wenn heute der Verdacht einer erneuten Marketingstrategie naheliegt, sind in den letzten Jahren tatsächlich viele neue weibliche Stimmen aus Lateinamerika auch ins Deutsche übersetzt worden.
Viel mehr als ein Boom
Die ecuadorianische Schriftstellerin, Journalistin und Feministin María Fernanda Ampuero hinterfragt die Bezeichnung eines neuen Booms* lateinamerikanischer Literatur, der nun von Frauen geschrieben werde. Sie trifft die Komplexität auf den Punkt, wenn sie sagt, dass während des Booms der 1960er Jahre viele außergewöhnliche Schriftstellerinnen ignoriert worden seien: »In dieser absichtlichen Dunkelheit blieben literarische Größen zurück, die bereits ein solides Werk vorzuweisen hatten.« Ampuero lehnt es ab, von einem neuen Boom durch Frauen zu sprechen: »Was mich an dieser Kategorisierung außerdem stört, ist, dass sie den Fokus auf etwas Falsches legt, nämlich unser Geschlecht, und der Angelegenheit einen rachsüchtigen Beigeschmack verleiht, den niemand will.« Die Autorin der Erzählungsbände Pelea de gallos (Hahnenkämpfe) und Sacrificios humanos (Menschenopfer) findet, dass man sich damals eher hätte wundern sollen, dass »in einer kontinentalen Bewegung wie dem Boom keine einzige Schriftstellerin erwähnt wurde«. Werfen wir nun einen Blick in die Bücher einiger dieser Schriftstellerinnen.*
Gothic: Die Wirklichkeit …
Einige Erzählerinnen bedienen sich des Horrorgenres und anverwandten Gattungen. Wildeste Horrorgeschichten werden durch volkstümliche Mythen, fantastische oder absurde Elemente angereichert, bis hin zum magischen Realismus.
Allen voran ist die auf Deutsch vorliegende Anthologie Grelles Licht für darke Leute von Mariana Enriquez zu nennen. In den zwölf Erzählungen wandeln Geister umher, die Lebende durch ihr regelmäßiges Erscheinen in Angst versetzen, es gibt in Vögel zwangsverwandelte Frauen, deren Gekrächze die Menschen am Strand ärgert, oder Frauen, deren Gesichter verschwinden. Da gibt es auch Julie, die wegen ihrer »indianischen« Züge von den Eltern als Adoptivtochter deklariert wurde, oder etwa die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer fragwürdigen Myom-Gebärmutter-Entfernung einen Weg findet, ihren Körper zu lieben.
Mütter und Töchter, Schwestern, Freundinnen und Partnerinnen, Frauen und Mädchen, stehen im Mittelpunkt der Erzählungen, die von Angst, Armut, Hass, Tätern und Opfern, der Zerstörung von Lebensräumen und von Politik handeln. Es sind weibliche Stimmen, die ohne Scham über ihren Körper sprechen. In einer surrealistischen Schreibweise blickt Enriquez schonungslos auf die argentinische und US-amerikanische Gesellschaft.* Sie zählt zu den Autorinnen, die das Horrorgenre par excellence zu bedienen wissen. Es sind zudem Sätze wie »Sie fühlte sich wie eine verlassene Ruine und wartete auf den Abriss«, die Lesende erschauern lassen und Enriquez als außergewöhnliche Schriftstellerin auszeichnen. Ihre Sprache entwickelt zwischen Poesie und Horror eine unglaubliche Sogkraft. Mit ihren 2009 erschienenen Erzählungen Los peligros de fumar en la cama (Die Gefahr im Bett zu rauchen) schaffte sie es in die Shortlist des International Booker Prize 2021.
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Mariana Enriquez - ecuadorianische Schriftstellerin, Journalistin und Feministin | Foto: Casa de América | CC BY-NC-ND -
Samanta Schweblin | Foto: Casa de América | CC BY-NC-ND 2.0
… im Spiegel des Schreckens
Die Anthologie Das gute Übel ist das vierte auf Deutsch erschienene Buch der in Buenos Aires geborenen und in Berlin lebenden Samanta Schweblin. Die sechs Erzählungen umfassende Anthologie handelt von einer Mutter, die ihre Erlösung auf dem Grund eines Sees sucht; von zwei Schwestern, die nachts heimlich in die verwahrloste Wohnung einer alkoholabhängigen älteren Frau eindringen; oder von einem Jungen, der eine Batterie verschluckte und nach einer viel zu spät durchgeführten Operation mit einem Loch im Kehlkopf leben muss – vielleicht die stärkste der sechs Erzählungen, in der es um eine Vater-Sohn-Beziehung geht, deren Dramatik der stumme Sohn in einem Satz auf den Punkt bringt: »Er kann mich nicht loslassen und kann mich nicht festhalten.« Jeder Geschichte schwingt eine leichte Brise Horror mit, die nicht nur durch den Plot selbst provoziert wird, sondern auch dadurch, dass die Lesenden trotz kurzer Erzählform dem Protagonisten sehr nahe kommen.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopMónica Ojeda aus Ecuador ist ähnlich sprachgewaltig wie Mariana Enriquez. Ihr, bereits in der zehnten Auflage vorliegender Roman Mandíbula (2019) zählt neben Werken von Enriquez zu den Meilensteinen in der neuen Gothic-Literatur Lateinamerikas. Erzählt wird das krankhafte Verhältnis einer Lehrerin zu ihrer Mutter sowie zu ihren Schüler*innen, und das ebenso gestörte Verhältnis der Schüler*innen zu ihren Lehrer*innen. Im Zentrum stehen Fernanda und ihre drei Freundinnen, die besessen sind von Horrorgeschichten und diese heimlich in ihrem Alltag zu imitieren versuchen. Der rückblickend erzählte Roman beginnt mit der entführten Fernanda. Die Entführerin ist die neue Lehrerin, die Fernanda und ihre Freundinnen im Unterricht gemobbt haben. Nun folgt die »gerechte« Rache. Indem Ojeda tief in die Psyche ihrer Protagonistinnen eindringt, deckt sie deren dunkelsten Seiten auf. Dabei pendelt sie zwischen Thriller und Horror, springt zwischen den Zeiten. Ihre Sprache ist angereichert durch anglophone Ausdrücke und umgangssprachliche Passagen. Ojeda gelingt es, die Sprachbilder einer durch das Internet, Social Media und Horrorfilme sozialisierten Jugend glaubhaft zu spiegeln. Mandíbula ist ein spannender Roman über traumatisierte Menschen mit dysfunktionalen Familienbeziehungen, gewaltbereite Jugendliche und Erwachsene sowie eine verfehlte Pädagogik.
Wem gehört mein Körper?
Die brasilianische Schriftstellerin Tatiana Salem Levy macht in ihrem Roman Vista Chinesa die Vergewaltigung einer Freundin zum literarischen Thema. Was passiert mit dem Erinnerungsvermögen nach einem traumatischen Erlebnis wie einer Vergewaltigung? Wem gehört der Körper nach solchen oder anderen Misshandlungen? Wie sich der Vergangenheit stellen? Werden Traumata unbewusst an die Kinder weitergetragen? Gleich eines Leitmotivs ziehen sich diese Fragen durch den einfühlsamen, aber auch schockierenden fiktiven Briefroman. Tatiana Salem Levy, Enkelin türkischer Juden und Tochter brasilianischer Eltern, die während der Militärdiktatur nach Portugal geflüchtet waren, hat mit Vista Chinesa ein literarisches Meisterwerk vorgelegt: sprachlich, inhaltlich und auch menschlich. Aus der neueren Literatur Brasiliens in deutscher Übersetzung sei noch die etwas ältere Patrícia Melo genannt, die sich in Gestapelte Frauen ebenfalls grandios-schockierend mit dem Thema Frauenmorde auseinandersetzt.
Nuestras mujeres (Unsere Frauen) der peruanischen Autorin Jennifer Thorndike handelt von schwangeren Frauen und jungen Mädchen aus Armenvierteln, indigenen Frauen oder solchen mit vermeintlich kognitiven Störungen. Doch sie sind nicht die Protagonistinnen, sondern, wie im realen Leben, nur die Nebendarstellerinnen in einem Leben, in dem sie überflüssig zu sein scheinen. Im Mittelpunkt dieses schauerlichen true crime-Romans steht die Gynäkologin Ana, die mit ihrem Vorgesetzten Ricardo von der Regierung beauftragt wird, Zwangsabtreibungen und -sterilisierungen bei Frauen
in sozial prekären Kontexten vorzunehmen. Dies geschah tatsächlich in den 1990er Jahren der Fujimori-Diktatur. Ana und Ricardo werden von der Presse gehetzt, die gleichzeitig diesem Verbrechen, dem mehr als 300.000 Mädchen und Frauen zum Opfer fielen, auf die Spur kommt. Ein mutiger Roman, der den grauenhaften realen Stoff literarisch angemessen umsetzt. Die für ihr Engagement für Diversität und soziale Gerechtigkeit mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Akademikerin gehört zu den Schriftstellerinnen der sogenannten New Latin Boom-Bewegung aus den USA.
Verspätete Sichtbarkeit
Der Boom-Strategie lässt sich vielleicht dahingehend etwas abgewinnen, dass eine Rückbesinnung auf ‚vergessene‘ Frauenstimmen stattfindet. So war ein Mantel des Schweigens über die kolumbianische Schriftstellerin Marvel Moreno ausgebreitet. Obwohl sie zeitlebens in Kolumbien eine Art Kultstatus genossen hatte, erhielt sie erst postum internationale Anerkennung. Mit Im Dezember der Wind (1987) ist seit 2023 ihr erster Roman auf Deutsch zu lesen. Dies zeigt, es geht weniger um einen neuen Boom als um ein teils verspätetes Sichtbarwerden – und um eine literarische Korrektur, die längst überfällig war.