Eine Frau steht barfuß vor einer Mauer, sie hat ein schwarzes Tuch über den Haaren und hält es mit einer Hand
»A Woman Holding a Black Scarf«, ‘Alikhan, Ghor, Afghanistan | Foto: Navid Sohrabi

Kurzgeschichte aus Afghanistan

Über einen langen Weg nach Deutschland

Fateme Hosseini kommt aus Afghanistan und lebt seit einigen Jahren in Deutschland.
Der folgende Text handelt von ihren persönlichen Erfahrungen.

von Fateme Hosseini

21.10.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 411

Sie haben das lebendige Begraben abgeschafft – aber uns lebenslang eingesperrt.
Ich war ein Mädchen, das schon als Kind die Rechte
mit denen meines Bruders verglich.
Wenn mein Bruder Durst hatte, brachte ich ihm Wasser.
Wenn ich mich weigerte, sagten meine Mutter oder Großmutter:
»Das ist deine Pflicht.«
So lernte ich zu gehorchen.
Früh habe ich erkannt:
Nicht Männer allein halten das System der Unterdrückung aufrecht.
Die wichtigste Rolle im patriarchalen System spielen oft die Frauen selbst – weil sie es von Generation zu Generation weitergeben.


Wenn ich im Fernsehen Frauen sah
– Moderatorinnen, Sprecherinnen, Politikerinnen –
und sagte: »Ich will später auch arbeiten«, wurde ich sofort unterbrochen.
Man sprach schlecht über Frauen, die außerhalb des Hauses Erfolg hatten:
»Die haben es nur geschafft, weil sie sich Männern angeboten haben.«
Solche Sätze erstickten meine Stimme – noch bevor ich sie richtig erheben konnte.
Viele schwangere Frauen gingen regelmäßig zu Mullahs, um zu beten, dass das Kind
in ihrem Bauch ein Junge werde.
Der Gedanke, warum ich als Mädchen nicht liebenswert war, verfolgte mich ständig.
Es stimmt: Niemand hat mich – oder Mädchen wie mich – mit Waffen oder Folter zur Ehe gezwungen.

Aber von klein auf hat man uns Gott und seine Gesetze so beigebracht, dass wir gelernt haben zu gehorchen.
Meine Entscheidung war nie frei, ich entschied mich durch Passivität.
Als ich körperlich reif wurde, wurde ich – wie es die Tradition verlangt – meinem Cousin versprochen.
Bis zur Verlobung hatte ich sein Gesicht nie gesehen.
Es war mir verboten, Männer anzuschauen.
Ich hatte gelernt, meinen Körper vor Männern zu verbergen –
doch an diesem Tag sollte ich ihn mit einem Satz verschenken.
Ich bekam Fieber. Ich hatte Angst.
Aber meine Großmutter sagte:
»Wenn eine Frau ihrem Mann ‚Nein‘ sagt, wird der Prophet sie nicht mehr lieben.
70.000 Engel sammeln Feuerholz, um sie im Jenseits zu verbrennen.«
Ich glaubte daran. Aus Angst vor der Hölle betrat ich das Schlafzimmer –
und gehorchte.

Mein Körper schwieg, aber meine Seele schrie.
Ich wurde nervös. Ich bekam Kopfschmerzen. Ich wurde wütend.
Dann wurde ich Mutter. Eine neue Kette schloss sich um meine Füße.
Die Drohung war nun nicht mehr im Jenseits, sondern ganz real:
Wenn ich nicht gehorchte, konnte mein Mann mich verlassen – und mein Kind mitnehmen. Ich blieb.
Nicht für ihn. Nicht für mich.

Nur um bei meinen Kindern bleiben und für Sie da sein zu können.
Dann wurde mein Vater ermordet. Wir mussten fliehen.
Ich war zwanzig Jahre alt. Mein Sohn war drei.
Wir kamen illegal nach Deutschland – zu Fuß, durch Schnee und Kälte, in Lebensgefahr, mit Angst vor Gewalt.
Ich hielt durch – mit dem Traum, eines Tages Fahrrad zu fahren
und wieder zur Schule zu gehen.
Aber auch in Deutschland verbot mir mein Mann alles.
Ich begann meine Rebellion heimlich.

Im Flüchtlingsheim lernte ich schnell Deutsch.
Dort stand auf einem Schild:
»Niemand darf deinen Körper berühren – auch nicht dein Ehemann –
wenn du es nicht willst.«
Dieser Satz löschte die Worte meiner Großmutter aus meinem Kopf.
Es dauerte Jahre, bis ich mich befreien konnte.
Ich fand eine eigene Wohnung, verließ das Heim
und distanzierte mich von den urteilenden Blicken der afghanischen Gemeinschaft.
Ich trug kein Kopftuch mehr.
Ich ließ mich offiziell scheiden. Ich ging zur Schule.
Ich fuhr Fahrrad. Ich lernte Auto fahren.
Und ich kümmerte mich allein um meine Kinder.

Doch meine Freiheit hatte ihren Preis. Den zahlte meine Familie jenseits der Grenze.
Mein Bruder wurde in der Gesellschaft als »Ehrloser« beschimpft.
Meine Schwester wurde von ihrem Mann geschlagen.
Meine Mutter wurde nicht mehr gegrüßt.
Meine Freiheit steht auf den Schultern ihrer Schmerzen.
Und ich werde diesen Preis nie vergessen.
Mein Ex-Mann kehrte nach Afghanistan zurück.
Er nannte mich eine »Ungläubige« und »Hure«.
Er behauptete, die Kinder seien nicht von ihm.

Aber ich hörte nicht auf.
Ich arbeite. Ich unterstütze andere Frauen.
Ich lebe meine Leben in vollen Zügen.
Verheiratete afghanische Frauen meiden mich.
Ihre Männer verbieten ihnen, mit mir Kontakt zu haben.
Sie haben Angst, dass die »Krankheit der Freiheit« ansteckend ist.
Eigentlich bin ich keine Bedrohung, aber ich erinnere sie an etwas,
das in ihren Häusern längst begraben wurde:

Das Recht auf Entscheidung.

Das Recht auf Atem.

Das Recht auf Nein.

Ich bin frei.

Nicht, weil man mir Freiheit geschenkt hat –
sondern weil ich sie mir selbst genommen habe.
Meine Freiheit ist kein Verbrechen.
Sie ist mein Recht.
Sie haben das lebendige Begraben abgeschafft
aber uns lebenslang eingesperrt.

Doch ich lebe.

Ich atme.

Und ich sage nein.

Mein Name ist Fateme Hosseini. Ich komme aus Afghanistan und bin 2016 nach Deutschland migriert. Seitdem lebe ich in Darmstadt. Zurzeit arbeite ich als Dolmetscherin und engagiere mich dafür, geflüchteten Frauen aus Afghanistan und Iran ihre Rechte bewusst zu machen und ihnen den Weg zur Integration in die neue Gesellschaft zu erleichtern. Einmal pro Woche organisiere ich Treffen für diese Frauen. Zudem lebe ich allein mit meinen Kindern.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 411 Heft bestellen
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