Unterm Radar im Juni
Long Covid in Afrika - unsichtbare Gesundheitskrise
In vielen Ländern des Globalen Nordens, so auch in Deutschland, fand diesen Mai wieder der ME/CFS-Awareness-Month statt. ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome) ist eine chronische, relativ unerforschte Krankheit, die Folge einer Covid-19-Infektion sein kann. Sie ist eines der Syndrome, die oft unter dem Sammelbegriff Long Covid gefasst werden. Während Betroffene und ihre Angehörigen in Deutschland Fortschritte im Kampf gegen Unsichtbarkeit und für angemessene Versorgung im Gesundheitssystem machen, bleibt die globale Dimension von Covid-Spätfolgen unterbeleuchtet.
Ungleich krank
Das beginnt mit der Diagnose und Erfassung: In ärmeren Ländern wird ME/CFS seltener diagnostiziert, was mit mangelndem Wissen über die Krankheit bei Ärzt*innen zusammenhängt. Dass die Diagnose über Ausschlussverfahren gestellt wird und sehr vielfältige Symptome einbeziehen muss, erschwert sie zusätzlich. Bisher wurde noch kein messbarer Indikator (Biomarker) für die Krankheit gefunden. Forscher*innen der SIMAD Universität Mogadishu, Somalia nennen Long Covid in einer Studie von 2026 eine »stille globale Krise«, die Menschen in ärmeren Ländern mit schlechterer Gesundheitsversorgung besonders schwer trifft. Die Autor*innen der Studie schreiben, dass ärmere Menschen und Beschäftigte in Gesundheitsberufen besonders häufig und besonders schwer von Long Covid betroffen sind. Long Covid dürfte damit Ungleichheiten auf der nationalen und internationalen Ebene verstärken. In Ländern, in denen das Gesundheitssystem sowieso überlastet und unterfinanziert ist, stoßen Betroffene besonders häufig auf Unwissenheit und müssen selbst zu Expert*innen ihrer eigenen Krankheit werden. In afrikanischen Ländern findet sehr wenig Forschung zu Long Covid statt, die Betroffenen bleiben deshalb meistens unsichtbar.
»In meiner Community gilt es immer noch als Tabu, zu krank zu sein. […] Man sagt, dass ME nur weiße Menschen betrifft.«
Ungesehen krank
Doch die Herausforderungen sind nicht rein medizinisch, sondern immer auch sozial: Weil Patient*innen oft auf den ersten Blick gesund aussehen, werden ihnen häufig physiologische Symptome abgesprochen. Das hängt auch mit einem mangelnden gesellschaftlichen Bewusstsein für ME/CFS als chronische Krankheit zusammen. Betroffene in Kenia berichten in einer Studie von Forscher*innen der Aga Khan Universität Nairobi aus dem Jahr 2025 von einem starken gesellschaftlichen Stigma, das sie sozial isoliert: Aufgrund mangelnder Aufklärung wird ihnen ihre Krankheit abgesprochen, oder es wird fälschlicherweise davon ausgegangen, sie könnten das Corona-Virus übertragen. Eine Mutter aus Kenia erzählt: »Niemand versteht, dass es mir schlecht geht. […] Die Leute sagen, ich würde mich krank stellen.«
Wie das Online-Portal The Sick Times berichtet, wird im südafrikanischen Gesundheitssystem dem Kampf gegen Tuberkulose hohe Priorität eingeräumt. Betroffene von Long Covid müssen deshalb umso stärker um Sichtbarkeit kämpfen. Mlindeni Gabela ist an ME/CFS erkrankt und setzt sich mit MELCuSA (ME and Long COVID Unite South Africa) für Destigmatisierung und angemessene Behandlung ein. Er schreibt für das globale Bündnis von ME/CFS-Organisationen World ME Alliance: »In meiner Community gilt es immer noch als Tabu, zu krank zu sein. […] Man sagt, dass ME nur weiße Menschen betrifft.«
Sowohl in Europa wie auch auf dem afrikanischen Kontinent muss der Kampf um Anerkennung und angemessene Behandlung der Krankheit von Betroffenen selbst geführt werden. Viele der Erkrankten auf dem afrikanischen Kontinent leiden aber zusätzlich darunter, dass dort die Gesundheitssysteme vielfach unterfinanziert oder mit anderen Pandemien überlastet sind. Erkrankte sind deshalb oft von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen und stark von äußerer Unterstützung abhängig.
Aus dem Bett in die Welt
Neben öffentlichen Aufklärungskampagnen und weiterer Forschung zu ME/CFS braucht es Gesundheitssysteme, die komplexe und vielfältige Bedürfnisse von Erkrankten erfüllen können, sowie eine Vervollständigung der Impfkampagne gegen Covid-19. Letztere ist essenziell, weil auf dem afrikanischen Kontinent laut Africa CDC (Centers for Disease Control and Prevention) bis Mai 2026 nur 51,8 Prozent der Bevölkerung eine vollständige Impfung erhalten haben. Eine 2025 in Preventive Medicine Reports erschienene Studie ergab, dass Erst- sowie Boosterimpfungen jeweils die Wahrscheinlichkeit verringern, an Long Covid zu erkranken. Solange sich die Versorgungslage nicht verbessert, sind es häufig nur Communities in den sozialen Medien, die Hoffnung spenden und es ermöglichen, die Vereinzelung ein Stück weit zu überwinden – egal, ob Menschen in Nürnberg oder Nairobi im Bett liegen. Hier wird sich über Therapien ausgetauscht und emotional unterstützt, zum Beispiel durch positive Genesungsgeschichten.
Es ist noch immer zu wenig darüber bekannt, wie verbreitet Long Covid und ME/CFS auf dem afrikanischen Kontinent sind. Aktivist*innen des Globalen Nordens haben wieder und wieder betont, die Pandemie sei nicht vorbei. Man sollte hinzufügen: Sie ist immer noch global.