Benjamin wandelt nachts Tanzfiguren übend durch seine Genfer Wohnung und betrachtet seine Reflexion im Spiegel, blickt gedankenverloren aus dem Fenster, gleitet von Zimmer zu Zimmer. Er begibt sich dabei auf eine Ahnenreise, in der er seinem Großvater, Vater und einem Feuervogel begegnet, Szenen aus seiner Kindheit und Jugend in Kamerun durchläuft und schließlich im Nachbarn gegenüber einen wohlwollenden Verwandten entdeckt. Der Roman Ein Funky-Makossa für die Freiheit liest sich mitunter wie aus einem Halbschlafzustand entstehend – Erinnerungsfragmente und Träume, diesseits und jenseits vermischen sich.
Vom Familienoberhaupt-Sessel aus tobt er über »die weiße Sache«
Die Hauptfigur in dieser Auseinandersetzung mit Herkunft und Identität ist der Vater Kundé. Vom Familienoberhaupt-Sessel aus tobt er über »die weiße Sache«. Er erzählt vom Widerstand gegen die deutsche Besatzung und lässt sich gleichzeitig in Tiraden über den kamerunischen Präsidenten aus. Seine Vorstellungskraft von Freiheitskämpfen hat allerdings Grenzen, denn die fehlende Anpassung seines Sohnes an das vorherrschende Männlichkeitsbild führt zu einer wachsenden Ablehnung seinerseits. Sein verachtendes Verhalten zeigt, wie die auch kolonial importierte Homophobie und Queerfeindlichkeit bis heute fortspuken. Er versteht seinen Sohn zunehmend als eine böse Verkörperung »der weißen Sache«, welche versuche, die Homosexualität zu ‚normalisieren‘.
Durch den Roman hinweg ist Tanzen die Praktik, die Benjamin Nonkonformität mit hegemonialer Männlichkeit und eigene Ausdruckskraft erlaubt; und der Tanz ist paradoxerweise zugleich das unsichtbare Band zum repressiven Vater. Denn immer wieder fängt auch der Vater zu tanzen an, am liebsten den kamerunischen Makossa. Kundé scheint dann in einer eigenen Welt zu versinken, wobei er Benjamin als Kind oft an die Hand genommen hat. In der Genfer Gegenwart lässt das Tanzen Benjamins Erinnerungen gleichzeitig aufleben, und es erlaubt ihm, sich der Vergangenheit zu entledigen.
In seinem Buch ergründet Max Lobe die einnehmende Macht einer patriarchalen Vaterfigur, die eine starre kulturelle und sexuelle Identität vorgibt, und den Prozess, dieser Enge zu entkommen. Es geht um die Befreiung Kameruns und um Selbstbefreiung. Die Sprache, mit der Lobe dies erzählt, hat ebenfalls etwas Tänzerisches. Sie springt von Wortdopplungen zu laaanggezogenen Worten, von Spitznamen zu Sprichwörtern und springt zwischen Deutsch, Englisch und Kamerunisch-Französisch hin und her.