»In Museen und Laboratorien hat man die Köpfe unserer Ahnen gefunden.«
Kamerunische Maka reisen zu ihren Vorfahren in Freiburg
Audiobeitrag von Finn Itzmee und
Lars Springfeld
25.08.2025
Vor über 100 Jahren unterwarfen die Deutschen die kamerunische Volksgruppe der Maka in einer kolonialen Aggression. Ihre Anführer wurden hingerichtet. Im März 2025 besuchten die heutigen Nachfahren erstmals ihre Ahnen – und sind dafür nach Freiburg gekommen. Der Grund: Die Gebeine von fünf ihrer Vorfahren liegen in Kartons verpackt in der Universität Freiburg. Vom Besuch der Maka Delegation in Freiburg berichten Seine Majestät Bertrand Efoudou der Dritte, Thronfolger der großen Cheferie der Maka und Chef der Delegation, der Germanist Dr. Richard Tsogang Fossi, wissenschaftlicher Begleiter der Delegation, und Heiko Wegmann von freiburg-postkolonial. Jetzt gehe es darum, neue Formen von Beziehungen zu pflegen – beginnend mit der Repatriierung der Ahnen. Denn nur so können die Hingerichteten ihre verlorene Würde und Menschlichkeit zurückbekommen. Gleichzeitig stehen die Stadt Freiburg und die Universität in der Verantwortung, ihr kolonialrassistisches Erbe aufzuarbeiten.
Skript zum Audiobeitrag
südnordfunk #131 – Erstausstrahlung am 1. April 2025
Sprecher: Seit über hundert Jahren wissen die Maka nichts über den Verbleib ihrer Ahnen. Die Maka gehören zur Großgruppe Fangwe-Fang-Beti. Sie leben im Süden Kameruns, aber auch verstreut im Norden Gabuns und Äquatorialguineas. Als es zwischen 1905 und 1910 in Kamerun zu kolonialen Aggressionen kam, wurden damals die Maka von deutschen Offizieren besiegt und ihre Anführer gewaltsam getötet. Bis heute sind sie von ihren Ahnen getrennt.
Dr. Richard Tsogang Fossi beschäftigt sich in einem transnationalen Forschungsprojekt zum Thema Kolonialgewalt mit dem Schicksal der Maka. Das Forschungsprojekt verbindet die technische Universität Berlin und die Universität Djang in Kamerun. Der promovierte Germanist mit den Schwerpunkten Literatur, Kultur, Kolonialgeschichte und Erinnerung beschreibt, was die Trennung von den Ahnen für die Maka bedeutet:
Dr. Richard Tsogang Fossi: »Im afrikanischen Sinne sterben die Menschen nie, sie wechseln nur die Welt. Sie verlassen die Welt der Menschen, um zur Welt der Ahnen zu gehen. Es bleibt ein übernatürlicher, mystischer Kontakt zwischen den Lebenden und den Ahnen.«
Diese spirituelle Verbindung wurde also unterbrochen, als die Gebeine der besiegten Maka nach dem Kampf mit den Deutschen verschwunden sind.
Suche nach Maka-Ahnen führt nach Freiburg
Sprecher: Das Forschungsteam rund um Dr. Tsogang Fossi beschäftigt sich mit Raubgut, hauptsächlich Kunst und Kultur aus Kamerun in deutschen Museen. Sie wurden aber auch auf die Existenz von sogenannten menschlichen Überresten aufmerksam. Genauer gesagt auf sechs Schädel, von denen sie fünf den Ahnen der Maka zuordnen konnten. Diese lagern in Freiburg. Dr. Tsogang Fossi und seine Kolleg*innen haben die noch lebenden Nachfahren der Maka daraufhin kontaktiert.
Dr. Fossi: »Wir haben mit ihnen über die Konsequenzen des Kolonialismus geredet und sie informiert, dass es auch menschliche Teile von ihren Ahnen hier gibt.«
Sprecher: Dass sich die Ahnen der Maka wohl in Freiburg befinden, ist bereits seit 2011 bekannt. Öffentlich gemacht hat diese Information Heiko Wegmann. Heiko Wegmann ist Historiker und Aktivist und hat damals auf einer Pressekonferenz der Universität auf die Ahnen der Maka hingewiesen.
Heiko Wegmann: »Damals stieß meine Aussage nicht auf viel Widerhall. Aber solche Prozesse dauern lange. Nun, über zehn Jahre später, wurden die Maka in Kamerun darauf aufmerksam gemacht, dass fünf ihrer Vorfahren in Freiburg in der Alexander-Ecker-Sammlung sind, vermittelt durch das Freiburger Afrikazentrum.«
Sprecher: Als die Maka vom Verbleib ihrer Ahnen erfahren, ist für sie klar, dass sie zu den Ahnen reisen müssen. Der Chef der Delegation ist Seine Majestät Bertrand Efoudou der Dritte:
Seine Majestät Bertrand Efoudou der Dritte: »Ich bin Thronfolger der großen Chefferie der Maka, die schon vor der Kolonialisierung existierte. Ich bin ein Urenkel dieser Dynastie. Seit mehr als einhundert Jahren wurde die Geschichte unserer Ahnen mündlich erzählt. Nun haben unsere Söhne, die Wissenschaftler und Forscher, herausgefunden, dass das, was man sich als Legende erzählt hat, tatsächlich in Freiburg zu finden ist. In Museen und Laboratorien hat man die Köpfe unserer Ahnen gefunden, nach denen wir suchen. Als Maka musste ich herkommen, um sie mit meinen Händen zu berühren, sie zu sehen und die unterbrochene Beziehung zu ihnen wieder aufzunehmen.«
Sprecher: Auf eigene Initiative ist eine siebenköpfige Delegation der Maka im März 2025 nach Freiburg gereist. Es war eine teure und komplizierte Reise – bis zum Tag vor dem Abflug hatten sie noch keine Visa, berichtet Heiko Wegmann.
Besuch soll den Ahnen ihre Menschlichkeit zurückgeben
Sprecher: Begleitet wurde die Delegation von Dr. Richard Tsogang Fossi. Der Germanist beschreibt, wie geschockt die Delegation war, als sie ihre Ahnen in Freiburg zu Gesicht bekam.
Dr. Fossi: »Diese Menschen wurden getötet, zerstückelt und dann nach Deutschland verschleppt. Es ist eine gewaltsame Geschichte. Bei uns werden die Toten würdevoll beerdigt. Aber hier sind sie als wissenschaftliche Objekte in Kartons verpackt.«
Sprecher: Die angereisten Maka möchten ihren Ahnen ihre Menschlichkeit zurückgeben. Das bestätigt auch der Chef der Delegation.
Seine Majestät Bertrand Efoudou der Dritte: »Meine Ahnen machen die Beziehung zwischen mir und Gott, dem Allmächtigen, aus. Wenn diese Beziehung unterbrochen ist, bin ich auch von Gott getrennt. Meine Reise nach Freiburg diente also dazu, meine Beziehung zu Gott durch meine Ahnen wieder aufzunehmen. Das ist gestern passiert, als wir sie gesehen haben. Wir haben unser traditionelles Ritual durchgeführt, um uns ihnen zu nähern und uns vorzustellen. Und sie haben uns empfangen. Wir haben ihre Anwesenheit in uns gespürt.«
Sprecher: Während des Besuchs der Delegation in Freiburg fanden verschiedene Treffen statt, unter anderem mit dem Bürgermeister und der Rektorin der Universität. Heiko Wegmann sagt, dass es dabei darum geht, die Repatriierung der Ahnen möglich zu machen. Das liegt auch dem Chef der Delegation am Herzen.
Seine Majestät Bertrand Efoudou der Dritte: »Wir bitten die deutsche Regierung, uns dabei zu helfen. Wir wollen unseren Ahnen zu Hause Respekt zollen, bei uns in Afrika, in Kamerun, bei den Maka. «
Sprecher: Dr. Richard Tsogang Fossi sieht die Repatriierung der Ahnen als einen ersten Schritt, dem weitere folgen müssen, um neue Beziehungen aufzubauen. Sowohl in Kamerun als auch in Deutschland brauche es Erinnerungsorte und eine kritische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Dazu gehört für Heiko Wegmann auch ein kritischer Erinnerungsort an Alexander Ecker in Freiburg. Nach dem Freiburger Mediziner ist die anthropologische Sammlung mit ihren kolonialen und rassistischen Bezügen benannt. Vor dem Anatomiegebäude der Universität stand bis vor wenigen Jahren ein Denkmal für ihn. Das wurde im Zug der Black-Lives-Matter-Proteste 2020 mehrfach besprüht, und die Büste dann schließlich abmontiert.
Heiko Wegmann: »Wir haben jetzt also eine halbgare Erinnerung dort. Ihm wird nicht mehr 100 Prozent dort gedacht, aber gleichzeitig stehen Sockel und Schild noch da. Es fehlt die Auseinandersetzung mit dem sozialdarwinistischen und kolonialrasssistischen Erbe der Universität.«
Dr. Fossi: »Wir brauchen neue Herangehensweisen an die Geschichte. Wenn man keine Informationen hat, wird man auch nichts unternehmen können. Das Motto der Uni lautet ‚Die Wahrheit wird uns befreien‘. Aber wir müssen auch davon ausgehen, dass die Wahrheit nicht nur die unsere ist, sondern auch die von anderen Menschen, die damals vergewaltigt und getötet worden waren, einfach, weil sie ihre Autonomie bewahren wollten.«