»Ihr seid nicht vergessen«

Zeremonie im Vorfeld der Rückgabe der Human Remains der Maka-Ahnen an Kamerun

Audiobeitrag von Juri Itzmee

03.08.2026

Sechs Ahnen der Maka aus Kamerun, deren sterbliche Überreste während der deutschen Kolonialherrschaft nach Freiburg verbracht und jahrzehntelang in einer wissenschaftlichen Sammlung missbraucht und aufbewahrt wurden, sind nun mit einer Zeremonie geehrt worden. Für die Maka sind sie Widerstandskämpfer gegen den Kolonialismus. Der Prozess um die Heimkehr der Ahnen hat begonnen, es ist auch die Rückkehr zur Würde. Doch er wirft zugleich Fragen nach der Verantwortung von Universität, Museum und Gesellschaft im Umgang mit kolonialem Unrecht auf. Der südnordfunk berichtet vom Übergabeprozess.

Skript Audiobeitrag - Die geraubten Maka-Ahnen erhalten ihre Würde zurück

Erstausstrahlung am 4. August 2026 im südnordfunk #147

Majestät Bertrand Effoudou: Es gibt Tage, die in die Geschichte eingehen. Es gibt Tage, an denen die Lebenden endlich das vollbringen, worauf frühere Generationen nie aufgehört haben zu hoffen.

Moderation: Am 16. Juli konnten sechs Ahnen der Maka zu ihrer Würde zurückkehren. Die Maka sind eine Volksgruppe, die hauptsächlich im südöstlichen Kamerun lebt. Sie sind eine der Herkunftsgesellschaften, von deren Vorfahren in der Freiburger Alexander Ecker Sammlung Schädel, und auch Weichteile zu finden waren.

Mit der Sammlung wurde unwissenschaftliche und rassistische Forschung betrieben, auf der die sozialdarwinistische Ideologie und Rassenlehre ihr Fundament baute. Die Universität Freiburg und eine Delegation der Maka, veranstalteten Mitte Juli gemeinsam eine rituelle Aussegnung der Ahnen. Seine Majestät Bertrand Effoudou Leiter der Delegation der Maka:

Majestät Bertrand Effoudou: Heute nehmen wir keine Gegenstände auf – keine Kunstwerke von großer Bedeutung, das wäre belanglos. Wir nehmen keine archäologischen Überreste auf. Wir nehmen unsere tapferen und heldenhaften Vorfahren auf. Ihre Rückkehr ist in erster Linie eine Rückkehr zur Würde. Heute müssen wir ihnen ihre Würde zurückgeben.

Moderation: Laut Presseerklärung der Universität ist nach heutigem Forschungsstand bekannt, dass die sechs Verstorbenen aus den Gesellschaften der Maka kommen. Ihre Überführung nach Freiburg stehe im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun und der anthropologischen Sammlungspraxis im Deutschen Kaiserreich. Ihre Namen, Lebensgeschichten und genauen Todesumstände seien bislang nicht bekannt. Von den Maka und auch von der Kamerunischen Presse werden die sechs Verstorbenen als Widerstandskämpfer gegen den Kolonialismus gefeiert.

Für die Aussegnung der Ahnen in Freiburg fand ein Ökumenischen Gottesdienst in der Universitätskirche statt. Daraufhin wurden die sechs Särge von der Universitätskirche zum Mensagarten getragen, wo die Autoritäten der Maka für ihre Ahnen eine Zeremonie gestalteten.

Die Bedeutung der Zeremonie brachte Professor Dr. Albert Guaffo von der Universität Dschang in einer kurzen Rede 2023 auf den Punkt, als er die anatomisch-anthropologische Sammlung in Freiburg erstmals besuchte:

»In der Tat ging es um einen zweiten Tod«

Albert Guaffo: Wer sind die Maka eigentlich, was bedeuten »menschliche Überreste« für sie? Sie praktizieren den Byeri Kult. Also den Ahnenkult, der in Europa als Heidentum verteufelt wurde. Der Kult beruht auf der Überzeugung, dass die Toten nicht tot sind. Sie bleiben unter den Lebenden, nur sie sind unsichtbar. In der Tat ging es um einen zweiten Tod. Denn sie wurden durch anthropologische Methoden im Namen der Wissenschaft und der Missachtung ihrer Kosmogonie geschändet.«

Moderation: Dieser zweite Tod, den Albert Guaffo  in seiner Rede 2023 benennt, macht deutlich, warum es mehr als nur eine physische Rückführung braucht: Es geht um Ahnen, es geht um Würde, es geht um ein Verbrechen, das die Ahnen entmenschlicht hat.

Der Saal, in dem Guaffo damals sprach, trägt die Überschrift »Mortui vivos docent« - auf Deutsch »Die Toten lehren die Lebenden«. Hier erhält diese Inschrift, wie sie häufig über den Türen von anatomischen Instituten zu finden ist, eine neue Dimension.

Die Ahnen der Maka ruhen mittlerweile in Särgen, die ersten Prozesse der Rehumanisierung wurden hier in Freiburg begonnen. Die physische Repatriierung musste auf Wunsch der kamerunischen Regierung aber nochmal verschoben werden. Dr. Richard Tsogang Fossi hatte die Delegation der Maka bei ihrer ersten Reise zu ihren Ahnen nach Freiburg im März 2025 schon begleitet, und war auch jetzt bei der Aussegnung wieder vor Ort.

Tsogang Fossi: In der letzten Sekunde haben sich die Dinge geändert. Und wir waren auch schon unterwegs. Wir wissen auch noch nicht genau, was inzwischen von der kamerunischen Seite passiert ist. Aber so viel wir gehört haben, war der Präsident nicht vor Ort, um seine endgültige Zusage zu geben. Das ist selbstverständlich eine Enttäuschung für die Majestäten. Aber die Art und Weise, wie diese Zeremonien gestern stattgefunden haben: Sie sind dadurch getröstet, dass sie hier volle Unterstützung von der deutschen Seite bekommen haben. Diese verantwortungsvolle und volle Unterstützung von der Freiburger Universität und vom Land Baden-Württemberg hat ihnen eine große Freude gemacht. Jetzt hoffen wir, dass weitere Verhandlungen dazu führen, dass die Ahnen wirklich nach Kamerun kommen.

Moderation: Mit der verantwortungsvollen und vollen Unterstützung meint Tsogang Fossi zum Beispiel die Finanzierung des Repatriierungsprozesses. Letztes Jahr, im März 2025, hat sich die Maka-Delegation ihre Flugtickets aus eigener Initiative gekauft und selbst bezahlt. Fragen um die Verantwortungsübernahme und Finanzierung waren für die Delegation damals noch nicht geklärt.

Auf Anfrage, wie und von wem der Repatriierungsprozess finanziert wird, antwortet die Uni, dass die Finanzierung ein gemeinsamer Vorgang ist. Die Uni arbeitet eng mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg zusammen, das die Kostenübernahme unterstützt.
Einen wesentlichen Teil der Finanzierung trägt die Universität Freiburg selbst.

Rehumanisierung: Die Würde wiederherstellen

Albert Guaffo hat 2023 mit seiner Rede der Universität Freiburg nahe gebracht, was die sogannten »Human Remains« für die Maka bedeuten. Was es für die Maka bedeutet von ihren Ahnen getrennt zu sein. Er hat mit seinem ersten Besuch den gesamten Prozess der bisherigen Rehumanisierung miterlebt:

Albert Guaffo: 2023 wollte ich diese Sammlung persönlich anschauen, sie sagten: Jaa, alles ist im Umbau und so… und ich meinte: Nein, zeigen Sie mir, wo meine Ahnen sind! Und das war ein Schock für mich, zu sehen, welche Nummer...also wie sie anonymisiert oder objektiviert worden waren. Da habe ich beschlossen: Ich tue alles, was in meiner Kraft liegt, sodass ihr irgendwann mal nachhause zurück kommt, und es ist ein großer Tag heute für mich zu sehen, dass dieser Wunsch erfüllt worden ist.

Moderation: Ein besonderer Tag war das vermutlich für alle Beteiligten, auch für die Rektorin der Universität Freiburg, Prof. Dr. Kerstin Krieglstein:

Kerstin Krieglstein: Für mich ist das ein historischer Tag, an dem wir Unrecht, das geschehen ist, auf eine verantwortungsvolle und verständigungsvolle Art zu einer guten Lösung, , leider noch nicht zum Abschluss, aber zu einem guten Schritt führen können, um Ahnen in ihre Gesellschaften zurückzuführen. Durch die Kontaktaufnahme mit den Nachfahren der Ahnen, entsteht eine wirkliche Humanisierung oder Rehumanisierung, eine Beziehung, die eine ganz andere Wechselbeziehung ermöglicht und eine ganz andere Sicht, oder ein ganz anderes Selbstverständnis aufschlägt. Praktisch sofort, das ist sehr beeindruckend und sehr gut. Dafür danken wir der Herkunftsgesellschaft aus Kamerun, dass sie diese Initiative unternommen hat.

Moderation: Professor Dr. Albert Guaffo, der schockiert war, als er die Schädel der Ahnen 2023 zum erstem Mal sah, damals noch in Pappkartons, hat später mit Dr. Richard Tsogang Fossi zusammen die Maka über den Verbleib ihrer Ahnen informiert. Er beschreibt den Prozess der Rehumanisierung so:

Albert Guaffo: Es fing zunächst mit der Sondierung an. Können Sie sich vorstellen, dass über ein Jahrhundert Leute wussten, dass ihre Ahnen irgendwie an Gewalt gelitten haben? Und dass der Körper in der Heimat geblieben ist. Aber wo der Kopf war, wussten Sie nicht, sie wurden geköpft, sie sind gehängt worden, waren in der Festung. Und dann brachte ich diese Nachricht zu ihnen. Dann sagten sie: Das kann nicht wahr sein, wir müssen dorthin. Sie haben selbst ihre Reise nach Deutschland finanziert.

»So werden sie allmählich von Objekten zu Menschen«

Und erst hier haben die Behörden verstanden, dass es nicht um Objekte geht, sondern um etwas, das den Leuten am wichtigsten ist. Und ja, der Prozess wurde begleitet. Sie wurden zunächst vom Depot weggenommen, in einen Zwischenraum und aus den Kartons. Und jetzt sind sie in den Särgen. So werden sie allmählich von Objekten zu Menschen. Wir haben die Trauerfeier nach ihrem sozialen Status organisiert. Als Widerstandskämpfer. Und wir werden Ende dieses Monats das Gleiche in der Herkunftsgemeinschaft machen. Damit wäre dann für uns als Forscher die Arbeit zu Ende.

Moderation: Die Universität Freiburg steht in engem Austausch mit der Regierung Kameruns und den deutschen Behörden, um die Rückkehr der Ahnen nach Kamerun zu organisieren. Dort wird gerade noch geklärt, wie den Ahnen sowohl auf Nationaler Ebene, als auch nach den Bedürfnissen der Maka als Herkunftsgesellschaft, gedacht werden kann.

Mit der Repatriierung der Verstorbenen von Freiburg nach Kamerun beginnt ein neuer Prozess: Professor Dr. Andreas Mehler von der Universität Freiburg, der die Provenienzforschung und die Gespräche zur Rückführung der Maka-Ahnen wissenschaftlich begleitet hat, meinte einmal:

Zitat Andreas Mehler: »Im deutsch-kamerunischen Verhältnis konzentrierte sich die bisherige Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe hierzulande stark auf Kulturgüter in deutschen Museen. Genauso wichtig ist aber die schmerzvolle Geschichte von universitären »Sammlungen« toter Menschen, vor allem aus dem Blickwinkel besonders betroffener Gemeinschaften. Erstmals konnte die Repatriierung von »Ahnen« aus Kamerun nun konkret vorbereitet werden.«

Moderation: Mit der hoffentlich bald stattfindenden Repatriierung, also Rückführung der Ahnen, ist ein großer Schritt vollbracht. Aber zu Ende soll der Prozess damit nicht sein. Die neu entstandenen Beziehungen sollen weitergeführt werden, das betonte sowohl der wissenschaftliche Delegationsleiter Pr. Hanse Gilbert Mbeng Dang von der Universität Bertoua als auch die Freiburger Uni-Rektorin Dr. Kerstin Krieglstein.

Kerstin Krieglstein: Wir haben ja sehr viele Wissenschaftler*innen, die in ganz vielen Aspekten arbeiten, zum Beispiel mit der Analyse von Literatur auf beiden Seiten, oder auch ganz konkret die Analyse der Herkunftssituationen. Also anthropologisch, literarisch. Und hier entstehen sowieso schon Zusammenarbeiten und die wollen wir jetzt institutionalisieren. Und dafür haben wir ein Memorandum of Understanding mit der University of Bertoua geschlossen, um dies in einem guten wechselseitigen Austausch auch auf der Ebene von Wissenschaft und Lehre weiterzuführen.

Moderation: Seine Majestät Effoudou III. Bertrand richtete am Ende seiner Rede die Worte an seine Ahnen:

Majestät Effoudou Bertrand: Unseren sechs Vorfahren möchten wir heute einfach sagen: Ihr seid nicht vergessen worden. Mein Großvater erzählte mir noch in den 1970er- und 1980er-Jahren, kurz vor seinem Tod, von den Hinrichtungen in Dommer, von den Strafexpeditionen nach Cibita, nach Mbama, nach Agela und an viele weitere Orte wie Amesangena. Ja, mein Großvater sprach mit mir darüber. Und jedes Mal, wenn er davon erzählte, war er so traurig, dass er den ganzen Tag nichts aß.

Wir möchten euch heute einfach Danke sagen – für alles, was ihr getan habt, damit ihr niemals in Vergessenheit geratet. Eure Namen sind, selbst als die Geschichte sie ausgelöscht hatte, in der Erinnerung eures Volkes lebendig geblieben. Eure Rückkehr lindert den Schmerz, der von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Endlich kehrt ihr nach Hause zurück, dafür empfinde ich Tiefe Dankbarkeit.

Ein Beitrag von Juri Itzmee.

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