Diskriminiert trotz Gleichberechtigung
Kommunistischer Widerstand und die Rolle der Frauen in Südostasien während des Zweiten Weltkrieges
Audiobeitrag von Eva Gutensohn
04.06.2025
Im Winter 1941/42 überfiel die Armee des faschistischen Japans die südostasiatischen Inseln Malaya und Indonesien. In einer Art »Blitzkrieg auf Fahrrädern« gelang es ihnen, die ansässige Britische Kolonialherrschaft innerhalb kürzester Zeit zur Aufgabe zu zwingen und die Kontrolle über diese Gebiete abzugeben. Bereits vor der Invasion kämpften kommunistische Guerillakämpfer*innen gegen die Britische Kolonialmacht, nun also gegen die Faschisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sie dann abermals den Britischen Machthabern gegenüber.
In den Guerillaarmeen kämpften Männer und Frauen vermeintlich gleichberechtigt Seite an Seite: beide standen bewaffnet an der Front, beide legten Landminen und schleppten schwere Lasten durch den Dschungel und über die Berge. Dennoch wirkten auch hier biologische und patriarchale Geschlechterunterschiede, denen in der Geschichtsforschung bislang wenig Rechnung getragen wird. Die Soziologin Agnes Khoo aus Singapur publizierte 2004 das erste und bislang einzige Oral-History-Buch, das sich ausschließlich mit Frauen beschäftigt, die in Thailand, Malaysia und Singapur in der antikolonialen und antifaschistischen Guerilla gekämpft haben. Im Interview mit Agnes Khoo spricht Eva Gutensohn vom südnordfunk über die Situation der Guerillakämpfer*innen während der Japanischen Besatzung, über Geschlechterunterschiede und das Ausbleiben eines Friedens trotz gewonnenem Krieg.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 3. Juni 2025 im südnordfunk #133
Interview mit Agnes Khoo
südnordfunk: Wie hat sich die Situation für die Menschen und vielleicht auch für die Frauen verändert, als die japanische Armee und die Faschisten 1941 einmarschierten?
Agnes Khoo: Zunächst einmal hatten die Briten nie erwartet, dass die Japaner erfolgreich in das malaysische Singapur eindringen und es besetzen würden. Das britische Imperium war so arrogant zuversichtlich, dass Singapur nicht in japanische Hände fallen würde. Aber entgegen ihrer Arroganz geschah das innerhalb von 24 Stunden. Mit anderen Worten: Die Briten hielten nicht einmal einen Tag durch, bevor sie Singapur aufgaben und das hat die Menschen in Singapur und Malaysa so aufgewühlt, dass sie den Briten nicht mehr trauten, sie zu beschützen. Vor dem Zweiten Weltkrieg fuhren die Japaner tatsächlich mit dem Fahrrad in Singapur ein und überfielen Malaysia, während die britischen Marineschiffe mit ihren Kanonen im Süden auf das Meer hinausfuhren.
Japanische Besatzung
Nachdem die Briten das malaysische Singapur innerhalb von 24 Stunden aufgaben, leisteten die einheimischen Männer, aber auch einige Frauen mit ihren einfachen Gewehren und bloß mit Sansalen bekleidet freiwillig Widerstand, um die Japaner zu bekämpfen. Mein Onkel war einer von ihnen und als die Japaner Singapur besetzten, wurde er verhaftet und schrecklich gefoltert. Fast wäre er gestorben, bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die Singapurer und Malaysier erinnerten sich an die japanische Besatzung als eine der brutalsten Perioden ausländischer Besatzung, ganz zu schweigen von dem Faschismus, den die japanischen Soldaten während dieser Zeit an den Tag legten. Im Grunde genommen hegten die Japaner ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder chinesischen Gemeinschaft und im Falle Singapurs waren die Chinesen in der Mehrheit, so dass es viel wahrscheinlicher war, dass man als Chinese verhaftet, festgehalten und gefoltert wurde, weil man verdächtigt wurde, Kommunist zu sein.
Zudem gab es eine enorme Brutalität gegen Frauen und ich bin mir sicher, dass sich das deutsche Publikum an das Thema der Trostfrauen erinnert. Kevin Blackburn, ein Professor des National Institute of Education, hat eine sehr umfassende Studie über das Problem der sogenannten Trostfrauen in Malaysia während des Zweiten Weltkriegs durchgeführt. Er hat anhand von Archivmaterial bewiesen, dass Singapur tatsächlich das Zentrum der Trostfrauenstationen war. Die Regierung von Singapur hat dies immer ignoriert und versucht, dieses Kapitel zu vertuschen – im Grunde genommen geleugnet. Das ist die größte Ungerechtigkeit, die die Regierung von Singapur den Frauen antun kann, die entführt und in die sexuelle Sklaverei gezwungen wurden, um der faschistischen japanischen Armee in den Troststationen zu dienen. Die Frauen waren faktisch Sexsklavinnen, die den japanischen Militärkomplex ruhig halten und die sexuellen Wünsche der japanischen Armee erfüllen sollten.
»Manche Frauen gaben ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt ab, um dem Kind ein Leben in der Armee zu ersparen.«
Sprecherin: Innerhalb der Kommunistischen Ideologie waren Männer und Frauen gleichberechtigt. Sie kämpften beide an der Front, legten Hinterhalte und Landminen, führten Übungen durch und schützten ihre Lager als Wachposten. Sowohl Männer als auch Frauen mussten schwere Vorräte an Lebensmitteln für den täglichen Bedarf auf dem Rücken tragen, manchmal drei- oder viermal schwerer als ihr eigenes Körpergewicht, Flüsse und Berge überqueren. Doch Frauen mussten unter diesen schwierigen Bedingungen auch ihre Menstruation oder eine Schwangerschaft und Entbindung ertragen. Denn trotz einer strengen Geburtenkontrolle und dem legalen Zugang zu Abtreibungen trugen einige Frauen ihre Kinder aus. Manche gaben sie unmittelbar nach der Geburt ab, um dem Kind ein Leben in der Armee zu ersparen. Die gesamte Reproduktion war also Frauensache und kam erschwerend zum Guerillaalltag hinzu.
Es gibt unterschiedliche biologische Voraussetzungen zwischen Männern und Frauen im Guerillakampf. Doch gibt es neben diesen körperlichen noch andere Geschlechterunterschiede, also soziologische?
Frauen sind weniger in der Parteiführung präsent als Männer. Einer der Gründe dafür ist, dass Frauen eher mit einfachen Aufgaben und Pflichten beschäftigt werden wie Kochen, Nähen, oder den Führern als Assistentinnen zu dienen. Es war für Männer einfacher, in die Parteiführung zu kommen, weil sie sich politisch artikulieren konnten. Der Unterschied besteht also darin, dass Frauen in der Armee mit einer geringeren Ausbildung begonnen haben und ihnen folglich weniger Aufgaben und Verantwortlichkeiten zugewiesen wurden. Und da Männer im Allgemeinen gebildeter waren und ihr politischer Scharfsinn, ihre Analysen und Strategien leichter anerkannt wurden, gab es mehr Männer in der Parteiführung. Natürlich sehen wir hier alle den weißen Elefanten im Raum, das Patriarchat. Die Männer sind auf jeden Fall viel anerkannter als die Frauen, egal was die Frauen tun oder nicht tun.
Die Japaner haben den Krieg verloren. Wie haben die Öffentlichkeit und der Staat reagiert? Wurden die Guerillakämpfer*innen als Sieger, als Held*innen gesehen und in irgendeiner Weise geehrt?
Zunächst einmal gingen die Kommunistische Partei Malayas* und ihre Guerilla-Kräfte ein strategisches und zeitweiliges Bündnis mit den alliierten Streitkräften ein; in unserem Fall waren es die Briten, denn die Briten schickten buchstäblich ihre eigene Armee mit Fallschirmen in den Dschungel und handelten mit den Kommunist*innen ein regionales Abkommen aus, dass sie gemeinsam gegen die Japaner kämpfen würden. Es gab also diese vorübergehende strategische Allianz und Zusammenarbeit. Als die Japaner besiegt wurden, war das natürlich eine gute Sache, es war ein Sieg für die Malaysier und Singapurer, die kommunistische Partei von Malaya. Einige der Führer, einschließlich des Generalsekretärs Chin Peng, erhielten von der britischen Königin den Burma Stern *. Sie traten sogar bei der Verleihungszeremonie auf, die allerdings nicht in London, sondern in Singapur stattfand. Es gab also eine kurze Periode, in der es so aussah, als ob die Kommunisten für ihre Bemühungen um den Sieg über die Japaner anerkannt würden. Doch wie ich zu Beginn sagte, befand das britische Imperium, dass Malaya zu wertvoll war, um es (als Kolonie A.d.R.) aufzugeben. Also beschlossen die Briten, zurückzukommen und die Kontrolle erneut zu übernehmen. Das war die Zeit, insbesondere im Juni 1948, als die Briten der kommunistischen Partei den Krieg erklärten.
Koloniale Kontrolle der Guerilla
Und wie haben sie das gemacht? Erstens haben sie den so genannten Notstand ausgerufen. Der Notstand war eine Taktik, die sie in Palästina gelernt hatten. Weil das Palästina-Problem * nicht mehr bestand, wurden die Kolonialoffiziere nach Malaya versetzt und beschlossen, den Notstand – so wie zuvor in Palästina auszurufen. In Wirklichkeit wurde ein Krieg geführt. Es war ein Bürgerkrieg, aber die Briten vermieden es, ihn einen Bürgerkrieg zu nennen, weil sie sonst den Genfer Konventionen gegenüber rechenschaftspflichtig gewesen wären. Also nannten sie es weiterhin einen Notstandskrieg. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die kommunistische Partei, die nach der japanischen Niederlage legal wurde, offene Parteibüros, Gemeinden zeigten rote Fahnen, die später unvorstellbar waren. Und es gab offene Massenorganisationen, die entweder von der kommunistischen Partei angeführt oder beeinflusst wurden sowie sehr aktive Gewerkschaften, Studentenbewegungen und Frauenorganisationen. Diese wurden alle unter dem Notstand im Juni 1948 fast über Nacht komplett illegalisiert. Eigentlich waren sie bereit, bei den Parlamentswahlen als legale Partei anzutreten, aber dann wurden sie in den Untergrund gezwungen. Das war der Zeitpunkt, an dem sie das zweite Mal zu den Waffen griffen.
»Es war ein Bürgerkrieg, aber die Briten vermieden es, ihn einen Bürgerkrieg zu nennen, um der Überwachung und der Bestrafung durch die Genfer Konventionen zu entgehen.«
Dieses Mal wurden sie nicht mehr als Helden gesehen, sondern von der britischen Propaganda als Terroristen betrachtet, denn das war die Zeit, in der auch der Kalte Krieg in der ganzen Welt begann. Der Kalte Krieg betraf auch Südostasien, einschließlich Malaysia und Singapur. Wenn man sich also die gesamte geopolitische Situation zu dieser Zeit ansieht, alles war antikommunistisch, von Indonesien bis Singapur, von Malaysia bis Thailand, dann Vietnam, Kambodscha, Laos – wird klar: die Kommunisten hatten keine Chance, sie wurden verteufelt, sie waren geächtet, sie wurden gejagt. Der britische Malaysia-Experte Anthony Short schrieb ein sehr berühmtes Buch mit dem Titel »Jagd auf die Bergratten« - man nannte sie die Bergratten, sie waren Tiere!
Spulen wir vor bis nach dem Kalten Krieg. Was geschah mit den Kommunisten ?
Das ist der Punkt, an dem ich von einer historischen Amnesie sprechen würde. Unsere Geschichte war plötzlich verschwunden. Die Kommunist*innen verschwanden aus den alten staatlichen Geschichtsbüchern, der Bildung und den Lehrbüchern. Sie verschwanden sozusagen aus dem öffentlichen Diskurs und wenn sie jemals erwähnt wurden, dann als Terroristen, als sehr gefährliche Menschen. Ich wusste nichts über sie, bis ich sie persönlich traf, um dieses Buch zu schreiben. Sie wurden nicht als Sieger oder Gewinner gesehen, nicht einmal als Menschen, denen man danken oder an die man sich positiv erinnern sollte. All das geschah direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in Singapur-Malaysia.
Shownotes
- Die Musik im Audio ist aus dem malaysischen Film Lelaki Komunis Terakhir - The Last Communist. Der Regisseur Amir Muhammad bezeichnet den Film als »halbmusikalischen Dokumentarfilm«. Er ist inspiriert von Chin Peng, dem Führer der aufgelösten malaysischen kommunistischen Partei, und dem malaysischen Notstand (1948-1960), bei dem mehr als 10.000 malaysische und britische Soldat*innen und Zivilist*innen ihr Leben verloren. Die Aufführung des Films in Malaysia wurde vom Innenministerium der Regierung verboten.
- Agnes Khoo ist Autorin des Buches Life as the River Flows: Women in the Malayan Anti-Colonial Struggle 2004