»Künstlerische Produktion ist mein Alltag«
Mani Vaz im Interview: Indigene Fotografie, Träume und Guaraní-Kultur
Mani Vaz ist bildende Künstlerin aus São Paulo in Brasilien und nutzt die Fotografie als primäres Mittel ihrer künstlerischen Kommunikation. Ihre Fotografien bebildern dieses Dossier. Im Interview erzählt Mani, wie Träume, Erinnerung und ihre indigene Herkunft ihre Bildsprache prägen – und warum für sie der schöpferische Prozess wichtiger ist als Anerkennung.
Die eigene Geschichte finden
iz3w: Mani, du bist Teil der Guaraní Mbyá, einer indigenen Gemeinschaft, deren Angehörige heute in verschiedenen Regionen Brasiliens, Paraguays, Argentiniens und Uruguays leben. Was bedeutet diese Zugehörigkeit zu deiner Gemeinschaft und ihrer Geschichte für dich?
Mani Vaz: Ich bin nicht in einem indigenen Dorf aufgewachsen, sondern in São Paulo, richtig in der Stadt. Aber ich habe viele Erinnerungen: Meine Urgroßmutter hat noch gelebt, bis ich 23 Jahre alt war. Damals lebte sie bei meiner Großmutter in den Bergen an der Atlantikküste. Als Jugendliche und junge Erwachsene war ich oft bei ihr. In der Begegnung mit ihr kam ich in Kontakt zu meiner Herkunft. Und so begann ich nachzuforschen.
»Ich spürte, dass etwas ausgelöscht worden war«
Das ist eine Phase, die viele Menschen durchlaufen, die sich ihre indigene Identität zurückholen. Mir war das wichtig, weil ich spürte, dass da etwas ausgelöscht worden war. Ich habe Sachen entdeckt, von denen ich nicht ahnte, dass sie in mir und meiner Geschichte existieren. Irgendwann setzte ich mich mit dem indigenen Dorf meines Großvaters in Verbindung und lernte Guaraní, unsere Sprache. Nur weil es noch Menschen gab, die mir unsere Geschichte mündlich weitergeben konnten, existiert diese Geschichte für mich überhaupt. Dokumente gibt es nicht. Diese Geschichte prägt und beeinflusst meine Kunst.
Träume als künstlerische Quelle
Wie beeinflusst das deine künstlerische Arbeit?
Ich hatte zum Beispiel immer intensive Träume. Seit meiner Kindheit schreibe ich sie auf. Heute habe ich Stapel von Heften voll dieser Träume. Das steht sehr stark im Einklang mit der Kosmovision der Guaraní, in der Träume eine große Rolle spielen. Träume können dort eine Orientierung für wichtige Entscheidungen sein. Auch Kaziken, die politischen und spirituellen Autoritäten der Gemeinschaften, treffen Entscheidungen auf der Grundlage ihrer Träume.
Als ich die Verbindung dazu bekam, war das so etwas wie ein magisches Erlebnis, eine Art Erklärung für mein Leben. Ganz abgesehen von der Erfahrung, bewusst träumen zu können und etwa während eines Traums dessen Richtung zu ändern. So konnte ich, wenn ich als Kind etwas Schlechtes träumte, mit dem Finger mein Auge berühren und so wie bei einem Fernseher auf einen anderen Sender umschalten, um etwas anderes zu sehen. Interessant ist, dass es innerhalb der Kosmovision der Guaraní so etwas gibt. Sie haben sogar Techniken, um Träume zu kontrollieren. Ich kannte sie, noch bevor ich zum ersten Mal in ein Dorf kam.
Natur als Teil der Bildsprache
Welche Rolle spielen die Träume in deiner Kunst?
Viele meiner künstlerischen Arbeiten kommen aus der Verknüpfung meiner städtisch geprägten Perspektive mit der von Träumen gespeisten Vision der Guaraní. Meine Arbeiten spiegeln das und ich versuche gar nicht erst, dies mit Worten zu erklären. Die Bilder sprechen für sich. Nur hin und wieder gebe ich einen Hinweis. Hinzu kommt noch, dass ich, obwohl ich ein Kind der Stadt bin, schon immer gern im Wald lebe. In meiner Kunst wird die Referenz auf die Natur immer eine Rolle spielen. Ich arbeite mit Pflanzen und Blättern, experimentiere, verwende die Natur als Element meiner Arbeit. Ich habe erst später gemerkt, dass es diese Verbindung in mir gibt, dass meine indigene Herkunft meine Beziehung zur Natur prägt sowie die Art, wie ich die Natur als Teil meiner Arbeit sehe. Für die Bebilderung des Dossiers in dieser iz3w-Ausgabe habe ich einige Fotos ausgewählt, die das zeigen.
Kapitalismus und Zukunft
Dieses Dossier zu feministischen Perspektiven auf Entwicklungspolitik beschäftigt sich auch mit Zukunftsfragen. Wenn du auf die Zukunft blickst: Welche Entwicklungen machen dir Hoffnung, und was bereitet dir Sorgen?
Ich blicke nicht sehr optimistisch in die Zukunft. Ich glaube aber schon, dass es Wege gibt, mehr Toleranz zwischen den Menschen zu wecken. Eine ideale Zukunft wäre für mich eine Zukunft mit mehr Gemeinschaft, wo die Menschen nicht so vereinzelt sind, nicht in den sozialen Medien festhängen, sich nicht dauernd selbst darstellen und beweisen müssen oder in ständiger Konkurrenz zueinander stehen. Das wäre für mich eine ideale Zukunft, aber ich glaube nicht, dass wir auf dem Weg dahin sind.
Für mich ist das Thema Kapitalismuskritik sehr wichtig – wie das ganze System funktioniert und wie kompliziert es ist. Nehmen wir als Beispiel einen Jugendlichen in Brasilien: Wie schwierig ist seine Perspektive? Was will er für die Zukunft? Wenn er unter dem ganzen Druck steht, den das System auf ihn ausübt: Jemand zu sein, im Leben Erfolg zu haben, Geld zu haben, ein Auto zu haben... Ich glaube, dass dieser strukturelle Druck momentan sehr stark ist. Deshalb habe ich keine so positive Vision von der Zukunft. Ich glaube, das ändert sich nicht so schnell. Obwohl ich Bewegung sehe. Obwohl es viele kritische Überlegungen zum System gibt. Aber ich glaube, es wird lange dauern.
Ich stehe der Art und Weise wie die Gesellschaft funktioniert, sehr kritisch gegenüber. Das gilt auch für die Kunst und in meinem Fall vor allem für die Fotografie. Ich sehe es wirklich ziemlich pessimistisch. Ich werde mehr darüber nachdenken.
Warum der Prozess wichtiger ist
Wie zeigt sich diese gesellschaftliche Kritik in deinem Umgang mit deiner Kunst?
Was meine Arbeit angeht, sehe ich es so: Je älter wir werden, umso unterschiedlicher denken wir über Sachen, die früher wichtig waren. Zum Beispiel die Anerkennung durch Außenstehende, etwa bei großen Ausstellungen. Das ist heute nicht mehr mein Fokus. Die künstlerische Produktion selbst ist mein Alltag. Ich muss etwas produzieren, ich muss an etwas denken, auch wenn dann nichts daraus wird oder es nirgendwo ausgestellt wird. Aber ich brauche den Produktionsprozess, um mit meiner Kreativität zu arbeiten. Ich schaue nicht auf das Ergebnis und ob es in einem Museum ausgestellt werden könnte. Nein, ich lasse die Sachen geschehen, weil ich den Prozess mag und das Ergebnis, das rauskommt.
Mani Vaz auf Instagram:
https://www.instagram.com/manivaz_artevisual