Graffiti einer Karikatur von Trump, er sitzt nur mit einer Unterhose in den Farben der USA-Flagge bekleidet im Schneidersitz da und grinst
Manosphere in Reinform: Donald Trump | Foto: Cécile Lecaux / pixabay

Antifeministische Gegen­bewegung

Gekränkte junge Männer in der Manosphere

Junge Protestbewegungen sind nicht nur progressiv. Gerade in der Online-Welt formiert sich seit Jahren eine antifeministische Bewegung, die weitgehend von jungen Männern getragen wird: die »Manosphere«. Deren Einfluss wächst weltweit.

von Luca Mancin

21.10.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 411
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr

Die gegenwärtigen Protestbewegungen, angeführt durch die Generation Z, etwa in Kenia, Bangladesch, Marokko und Nepal, stehen in einer Tradition mit anderen sozialen und feministischen Mobilisierungen. Neben diesen sind jedoch auch eine Reihe reaktionärer Gegenreaktionen und Initiativen entstanden.

Eine davon ist die »Manosphere« (dt. Mannosphäre). Sie besteht aus verschiedenen, lose vernetzten Online-Communities, in denen vor allem junge, einsame Männer Frauen die Schuld an ihren fehlenden (sexuellen) Beziehungen geben, frauenfeindliche Inhalte teilen und Feminismus kritisieren. Die darin vorherrschende Haltung vertritt eine »populäre Frauenfeindlichkeit« als Gegenstück zum »populären Feminismus«. So argumentiert die Kommunikationsprofessorin Sarah Banet-Wieser, dass sowohl der aktuelle Feminismus als auch die Online-Frauenfeindlichkeit »populär« sind, weil sie aus Mainstream-Inhalten bestehen, die über soziale Netzwerke und Massenmedien verbreitet werden. Sie implizieren einen Wettbewerb zwischen Individuen, die um Anerkennung ringen. Diese Perspektive hilft zu verstehen, wie die Manosphere als eine weitgehend von jungen Männern getragene Gegenbewegung zu feministischen, progressiven und egalitären Bestrebungen interpretiert werden kann.

In Indien verschmilzt die Manos­phere mit dem hindu­istischen National­ismus

Von »Bro-Kultur« bis In­cels

Bei Fragen zu Geschlechtergleichstellung, Klimawandel oder sozialer Gerechtigkeit wird eine Spaltung zwischen jungen Frauen und Männern sichtbar. Studien, etwa der Ipsos UK und des Global Institute for Women’s Leadership zeigen, dass junge Männer in den USA, Großbritannien und Südkorea in der Regel konservativer sind und negativ gegenüber dem Feminismus und der LGBTQAI+-Community eingestellt sind. Das bleibt nicht bei einer Einstellung stehen, sondern es stellt inzwischen eine physische Gefährdung der Betroffenen dar. Diese Tendenz zeichnet sich in anderen Ausprägungen auch in Ländern wie beispielsweise Kenia, Indien und China ab. Hier passen sich geschlechtsspezifische Gegenreaktionen an lokale sozioökonomische und politische Besonderheiten an.

Tatsächlich bilden diese Polarisierungen und Spaltungen auf gesellschaftlicher Ebene auch ein relevantes Schlachtfeld für die Politik. So ist es nicht verwunderlich, dass Donald Trump 2024 im amerikanischen Wahlkampf Narrative wie die angebliche Opferrolle weißer Männer und sogenannte »Bro-Kultur« für sich nutzte. Generell scheinen dieselben Narrative bei unterschiedlichen autoritären Führern wie Viktor Orbán, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro, Rodrigo Duterte, Javier Milei und Daniel Ortega im Vordergrund zu stehen.

Die Manosphere selbst ist eine lose organisierte Gruppe von Online-Communities, Blogs, Foren, Websites und Kanälen, die sich mit Männerrechtsaktivismus befassen. Incels (eine Wortkombination aus »involuntary celibates«, also unfreiwillig zölibatär lebende Menschen) sind wahrscheinlich die bekannteste und am meisten diskutierte Gruppe der Manosphere. Mit der Veröffentlichung der Netflix-Serie »Adolescence« im März 2025 erlangten Incels eine breitere Bekanntheit in der öffentlichen Debatte. Ein beliebtes Symbol der Incel-Subkultur ist etwa die »Red Pill« – die Metapher für eine erleuchtende Bewusstwerdung (hier: der angeblich männerunterdrückenden Strukturen) aus dem Film »Matrix«. Beliebte Figuren der Subkultur sind antifeministische Influencer wie Andrew Tate und Jordan Peterson.

Männer haben das Gefühl, dass ‚Andere‘ auf ihre Kosten soziale Rechte erlangen

Insgesamt ist die Manosphere eine Kombination aus antifeministischen und antigenderistischen Überzeugungen, verflochten mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit bis hin zu White Supremacy sowie Anti-Wokeness und Anti-Political-Correctness. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Narrative für junge Menschen attraktiv sind und etwa als Einstieg in die Radikalisierung innerhalb der Ideologie von einer »weißen Vorherrschaft« dienen können. Die Manosphere bildet einen sicheren Raum, in dem sich verunsicherte junge Männer vernetzen und austauschen können, wodurch ihr Zugehörigkeitsgefühl gestärkt wird.

Ein zu­nehmend globales Phänomen

Während die Manosphere ursprünglich vor allem in den USA und später in Europa verbreitet war, findet sie nun zunehmend global Anhänger. In Südkorea scheint Antifeminismus vorwiegend in der Gen Z auf Plattformen wie TikTok, Reddit und Discord weit verbreitet zu sein.

Laut CNN belegte Kenia im Jahr 2024 weltweit den dritten Platz in Bezug auf Manosphere-Inhalte, wobei das Wachstum der Manosphere mit einem Anstieg der Frauenmorde in Verbindung gebracht wird. In Indien verschmilzt die Manosphere mit dem hinduistischen Nationalismus (Hindutva). In China haben geschlechtsspezifisches Trolling (das Verfassen von provokativen oder irreführenden Nachrichten, um emotionale Reaktionen zu erreichen) und Frauenfeindlichkeit im Internet zugenommen. Dabei vermischen sich die Diskurse der Manosphere mit lokalen staatlichen Ideologien und gehen dann beispielsweise auch in die Konfrontation mit feministischem Aktivismus. Infolge dieser Ausbreitung verflechten sich, wie auch in den USA, frauenfeindliche Online-Subkulturen zunehmend mit breiteren nationalistischen Ideologien, wodurch ihre Reichweite und ihr Einfluss in der digitalen Landschaft erheblich verstärkt werden.

Die globale Verbreitung der Manosphere wird durch digitale Plattformen wie TikTok, Reddit, YouTube und Spotify erleichtert. Diese empfehlen polarisierendes Material mit Haltungen, die auch in kulturell unterschiedlichen Kontexten unter jungen Nutzern zum Mainstream werden können – eine Art Radikalisierungs-Pipeline. Die Verbreitung durch Algorithmen impliziert auch eine lokale Anpassung der Inhalte der Manosphere an nationale, wenn nicht sogar regionale Anliegen – eine Art der »Glokalisierung«.

Die sozialen Kosten


Zu den drastischsten Folgen gehört die Zunahme von frauen- und queerfeindlicher Gewalt und Belästigung, die Torpedierung der Geschlechtergleichstellung, bis hin zu Incel-Terrorakten wie es in den letzten Jahrzehnten in den USA der Fall war. In einem Milieu, in dem viele junge Männer oft von Gefühlen der Isolation, wirtschaftlicher Unsicherheit und Ungewissheit über ihre Zukunft berichten, bietet die Manosphere eine vereinfachte, beruhigende Weltanschauung mit den entsprechenden Sündenböcken für die wahrgenommenen Missstände an.

Das sozialpsychologische Konzept des verletzten Anspruchsdenkens zeigt die treibende Kraft hinter dem Erfolg der Manosphere auf. Es bezeichnet einen Zustand, in dem weiße Männer ein Gefühl der Enteignung empfinden, da die sozialen Hierarchien durch mühsame Kleinarbeit zugunsten von Frauen, ethnischen Minderheiten und Einwanderer*innen abflachen. Die Wahrnehmung der Enteignung ist ein Gefühl, etwas verloren zu haben, was diese Männer als ihr vermeintliches Recht ansehen. Im Fall der Manosphere haben Männer das Gefühl, dass ‚Andere‘ (also Frauen, Feminist*innen oder queere Menschen) auf ihre Kosten Rechte, soziale Anerkennung oder wirtschaftliche Verbesserungen erlangen würden. Das kann nur verschwörungstheoretisch funktionieren, weil man sich auf der Grundlage eigener, männlicher Privilegien als Opfer imaginiert.

Untersuchungen zeigen, dass relative Benachteiligung zu einer Art Nullsummen-Denken und Wettbewerb zwischen Gruppen führen kann. Ein Nullsummenspiel ist ein Spiel, bei dem der Sieg des einen die Niederlage des anderen bedeutet. Für die Mitglieder der Manosphere findet dieser Wettbewerb zwischen einerseits Männern und andererseits Frauen, Feminist*innen und queeren Personen statt. Deren egalitäre Diskurse werden als Untergrabung männlicher Freiheit, Status und Privilegien erlebt. Betrachtet man das Phänomen der Manosphere durch die Brille von gekränkter Anspruchsmentalität, relativer Deprivation und Nullsummenlogik, lässt sich erklären, wie es als eine paradoxe autoritäre Anti-Protest-Revolte funktioniert. Sie will progressive Initiativen kontrastieren und delegitimieren.

Der weltweite Erfolg der Manosphere zeigt, dass es keine monolithische Generationsrevolte der Generation Z gibt, sondern diese sowohl emanzipatorische als auch regressive Strömungen und Triebkräfte umfasst. Insbesondere zeigt die Manosphere, wie viele desillusionierte junge Männer eher durch reaktionäres Verhalten und Ressentiments als durch Solidarität und progressive Ideale mobilisiert werden. Um die Dynamik der heutigen Proteste der Generation Z wirklich zu verstehen, dürfen wir uns nicht nur auf beispielsweise feministische oder queerpolitische Bewegungen beschränken. Es ist auch notwendig, die Gegenproteste und Gegenreaktionen zu analysieren, die diese Initiativen in anderen gesellschaftlichen Gruppen der Generation Z hervorrufen.

Luca Mancin ist Doktorand der Politikwissenschaft am Netzwerk zur Förderung sozial- und politikwissenschaftlicher Studien in Mailand. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Überschneidung von weißer und männlicher Vorherrschaft innerhalb der extremen Rechten.

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