Ein Protestmarsch 1999 für das Recht auf Abtreibung
Protestmarsch für das Abtreibungsrecht | Motiv: Gabriela Jauregui und Eréndira Derbez/Balance AC »Séra deseada«

Die Komple­xität von Abtreib­ungen grafisch erzählt

Die Graphic Novel »Será deseada«

von Nina Piening

20.08.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 410
Teil des Dossiers Umkämpft - Reproduktive Gesundheit

»La maternidad será deseada o no será« (dt. Mutterschaft wird gewünscht oder sie wird nicht sein). So heißt es im Slogan der Graphic Novel »Será deseada«, die dieses Dossier bebildert. Die drei Protagonistinnen Victoria, María und Gloria begegnen sich in einer gynäkologischen Klinik. Ihre Geschichten sind verbunden durch die jeweilige Entscheidung, ein Kind abzutreiben, doch die Hintergründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Victoria ihr gesundes Baby im Ultraschall bewundern darf, nachdem sie vor einigen Jahren abgetrieben hatte, entscheidet sich Gloria gegen den Willen ihres Mannes für einen Schwangerschaftsabbruch und María erlebt bei ihrer Entscheidung die Unterstützung ihrer Familie, insbesondere ihrer Großmutter. María erfährt, dass zur Abtreibung früher Waldkräuter verwendet wurden.

Die Protagonistinnen der Graphic Novel sind zwar fiktive Charaktere, ihre Geschichten sind jedoch angelehnt an wahre Begebenheiten aus den Leben von Schwangeren, mit denen die mexikanische Organisation Fondo MARIA gearbeitet hat. Das Buchskript erarbeitete die Autorin Gabriela Jauregui gemeinsam mit Fondo MARIA. Die in Mexico City angesiedelte NGO hilft Frauen unter anderem Tabletten zu bekommen, die eine sichere Abtreibung in einem nicht-medizinischen Umfeld ermöglichen. Sie setzt sich auch dafür ein, dass sich der Diskurs über das Thema verändert. Nicht zuletzt dank ihnen und vieler anderer Aktivist*innen ist das Recht auf Abtreibung in Mexiko City seit 2021 verfassungsrechtlich verankert. Seit 2023 gilt die gesetzliche Einschränkung des Abtreibungsrechts in ganz Mexiko als verfassungswidrig.

Damit sind noch lange nicht alle Barrieren niedergerissen. »Será deseada« will einer Stigmatisierung entgegenwirken, indem es die Komplexität von Abtreibungsgeschichten aufzeigt. Die Graphic Novel entgeht damit einer reinen Pro-Life vs. Pro-Choice-Dichotomie, die in der Debatte so oft federführend ist. Sie stellt positive Narrative bereit, ohne dabei die Schwere der Entscheidung zu einer Abtreibung zu bagatellisieren. Die Autorin spricht im Interview mit iz3w über die Lage zu Abtreibung in Mexiko und über das Graphic Novel Projekt.

»Vielfältige Geschichten von Frauen erzählen«

Interview mit Gabriela Jauregui zur Dossier-Bilderstrecke

iz3w: Wie würdest du die mexikanische Gesundheitsversorgung für Schwangere, die abtreiben wollen, beschreiben?

Gabriela Jauregui: Die Situation in Bezug auf Abtreibung in Mexiko hat sich drastisch verbessert, da sie fast im ganzen Land weitgehend entkriminalisiert ist. Das ist eine enorme Veränderung, die dank der langsamen und kontinuierlichen Präsenz von NGOs, Organisationen und feministischen Kollektiven zustande gekommen ist. Diese haben sich sehr aktiv dafür eingesetzt, dass lokale Regierungen und verschiedene Bundesstaaten des Landes Abtreibung entkriminalisieren.

Allerdings gibt es meiner Meinung nach im Gesundheitswesen noch viel zu tun, was Zugänge angeht. In Mexiko ist die Situation besser als in anderen Ländern, einschließlich der sogenannten Industrieländer wie den Vereinigten Staaten. Aber es ist immer noch eine Situation, die verbessert werden könnte und die die Gesundheit von Frauen insgesamt verbessern würde. Ich finde, Abtreibungen sollten frei zugänglich sein. Und sie sollten viel breiter und sicherer praktiziert werden.

Wie ist dein Eindruck von den aktuellen Diskursen in der Gesellschaft: Nimmt die Akzeptanz gegenüber Abtreibungen zu oder ist es eher umgekehrt?

Es kommt darauf an, um welches Land es sich handelt. Ich denke, dass es in Lateinamerika mehrere Länder gibt, die enorme Fortschritte gemacht haben. Besonders im Vergleich zu Ländern wie den Vereinigten Staaten, wo das Recht auf Abtreibung (Roe vs. Wade, 1973) gekippt wurde und es daher zu einer enormen Gegenreaktion der Anti-Abtreibungsbewegung gegen die Rechte der Frauen im Allgemeinen und das Recht auf Abtreibung im Besonderen gekommen ist.

Auf der anderen Seite hat sich in vielen Ländern Lateinamerikas – wie Mexiko, Kolumbien, Argentinien und anderen – der Diskurs verändert. Das spiegelt sich in Gesetzesänderungen und Verfassungsänderungen auf dem gesamten Kontinent wider. Gleichzeitig gibt es immer noch Länder wie beispielsweise El Salvador, das noch strengere Abtreibungsgesetze hat als die Vereinigten Staaten.

Was war der Zweck der Produktion von »Será deseada«?

Die Stigmatisierung von Abtreibungen zu bekämpfen. Normalerweise haben die Geschichten, die wir über Abtreibungen erzählen, einen moralisierenden Aspekt oder sie scheinen irgendwie zu sagen, dass es letztendlich ‚besser‘ gewesen wäre, wenn es nicht passiert wäre. Deshalb wollten wir unterschiedliche Geschichten von Frauen verschiedener Generationen erzählen, die unterschiedliche Erfahrungen mit Abtreibung gemacht haben und die von einem positiven Einfluss auf ihr Leben berichten. Alle basieren auf wahren Geschichten, die der Organisation Fondo MARIA anonym übermittelt wurden.

Was hat dich zu diesem Scriptbuch inspiriert?

Es gibt mehrere Zeug*innenaussagen und Erzählungen, die zu drei verschiedenen Hauptfiguren zusammengefügt und miteinander verwoben wurden. Für das Script habe ich verschiedene Details aus verschiedenen Geschichten übernommen. Wir wollten unterschiedliche Abtreibungspraktiken hervorheben, von traditionellen Kräutern bis hin zu modernen Verfahren und nicht-medizinischen Optionen, die heute alle praktiziert werden.

Die Graphic Novel ist hier frei verfügbar (CC BY-NC-SA 4.0).

Das Interview führte und übersetzte Nina Piening.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 410 Heft bestellen
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