Und was, wenn doch?
Ein Kommentar zur Fußball-WM von Nikolas Grimm
Abpfiff. Das waren lange 120 Minuten. Nicht nur für Spaniens Spieler, die nach dem späten Sieg über Argentinien erst einmal umfielen, bis sie wieder Luft zum Jubeln hatten, sondern wohl auch für Claudia Sheinbaum. Mexikos Präsidentin durfte die Partie in New Jersey nämlich an der Seite von US-Präsident Donald Trump auf der Ehrentribüne verfolgen. In ihrem Heimatland musste sie sich für die Annahme der Einladung fast schon rechtfertigen. Das gemeinsame Foto von der WM-Siegerehrung an der Seite von Trump, Kanadas Mark Carney und Spaniens König Felipe VI. nutzt Mexikos Regierung am folgenden Tag dennoch allzu gerne: Schaut her, wir spielen nicht nur auf dem Rasen mit, sondern auch auf der politischen Weltbühne. Und weil auch der Nationalstolz nicht fehlen darf: »Wir waren das beste Gastgeberland.«
»Wir waren das beste Gastgeberland«
In Sachen Krisenkommunikation können PR-Berater*innen wohl noch einiges von Mexikos Regierungschefin lernen. Keine vier Monate vor dem WM-Auftakt legten Kriminelle als Vergeltung für die Tötung des Kartellchefs »El Mencho« Teile des Landes einschließlich des WM-Spielorts Guadalajara lahm, woraufhin öffentlich an der Eignung Mexikos als Austragungsland gezweifelt wurde. Und ausgerechnet zum Auftaktspiel erlebte das Land mit dem Streik der Lehrer*innengewerkschaft CNTE einen der radikalsten Arbeitskämpfe der vergangenen Jahre. Bei der Eröffnungsfeier drangen zudem Kollektive von Angehörigen der inzwischen über 135.000 Verschwundenen bis in die Sperrzone vor, um Mexiko einen ganz anderen Weltmeistertitel zu überreichen: »Mexiko ist Weltmeister im Verschwindenlassen«, skandierten sie.
Es ist nicht die erste WM, die Mexiko inmitten einer tiefen Krise bewältigt. 1986 stand das Turnier ganz im Zeichen des großen Erdbebens von 1985 und des notorisch schlechten Krisenmanagements der Regierung um Miguel de la Madrid. Der wollte das Event mit einer Rede vor dem Anpfiff des Auftaktspiels politisch nutzen – und wurde dafür im Aztekenstadion von Zehntausenden ausgepfiffen. Sheinbaum hingegen verzichtet auf den großen politischen Auftritt im Stadion in Mexiko und weiß: Die besten Propagandist*innen sind die mexikanischen Fans selbst. Na dann: Que viva el desmadre (dt.: Es lebe das Chaos), jene Kunst des ausufernden Feierns, für das mexikanische Fans bekannt sind und das man seit der WM 1986 – wohl auch, um aus der Not eine Tugend zu machen – zum Teil der nationalen Identität erklärt hat.
Das Verschwinden von Menschen – und des Andenkens an sie
Schon am Tag nach dem Auftakt werden die feiernden Massen vor der Weltöffentlichkeit zu Kronzeug*innen davon, dass doch eigentlich alles in Ordnung ist: »Mexiko ist ein Bild der Freude«, meint Sheinbaum. Und: »Wer eine schlechte Zeit hatte, der will, dass es Mexiko schlecht geht«. So werden die Demonstrant*innen und die Angehörigen von Opfern zu Verbitterten erklärt, die der mexikanischen Regierung auch nach zwei Toren gegen Ecuador noch vorhalten, dass ihre Lieben verschwunden sind, die Behörden nichts zur Aufklärung beitragen und staatliche Akteur*innen mitunter selbst Teil makrokrimineller Netzwerke und damit mitverantwortlich sind. Wo die Proteste drohen, das Bild vom perfekten Gastgeberland zu trüben, geht die Staatsgewalt rigoros vor: Das Menschenrechtsnetzwerk Red TdT dokumentierte dabei massive Übergriffe durch Polizeikräfte – von Kesselungen und Gummigeschossen bis hin zur Androhung schwerer Menschenrechtsverletzungen gegen Festgenommene.
»Mexiko ist Weltmeister im Verschwindenlassen«
Bereits vor dem Auftaktspiel beklagten Kollektive das Entfernen von Vermisstenplakaten in Stadionnähe. Am 13. Juli verschwindet schließlich ein Mahnmal, das Angehörige von Opfern im Zentrum von Mexiko-Stadt errichtet hatten: ein Pokal für den »Weltmeister im Verschwindenlassen«. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird die Skulptur von einer Gruppe Unbekannter demontiert und abtransportiert – die Regierung weist die Verantwortung offiziell von sich. So verschwinden in Mexiko also nicht nur Menschen, sondern auch das Andenken an sie und die Forderungen nach Wahrheit und Aufklärung. Angehörigenkollektive sprechen von einem »zweiten Verschwindenlassen«.
Die grüne Welle der mexikanischen Fans in ihren Trikots wagt nach dem Einzug ins Achtelfinale ganz groß zu träumen: »¿Y si sí?« lautet der neue Schlachtruf – und was, wenn doch [Mexiko gewinnt]? Im Vergleich zum sonst verbreiteten, kämpferischen »¡Sí se puede!« (dt.: Wir schaffen das!) hat diese Formulierung etwas Augenzwinkerndes: Man weiß, dass man eigentlich der sportliche Underdog ist, aber gerade deshalb ist der Gedanke umso schöner.
Und so rüttelt man noch heftiger an Autos, stürzt sich mit noch mehr Begeisterung in Flaggen gehüllt von Denkmälern und wirft die Fans anderer Teams noch höher in die Luft – bis England dem Traum durch das 2:3 ein Ende bereitet.Ganz selbstverständlich eignen sich auch die sozialen Bewegungen dieses ¿Y si sí? an, um ihre politischen Forderungen zu artikulieren: Und wenn Mexikos Regierung sich doch ernsthaft für die Aufklärung der 135.000 Fälle Verschwundener einsetzen würde? Was, wenn der Staat nicht nur Fanmeilen und Stadien vor Gewalt des organisierten Verbrechens schützen würde, sondern auch die ärmeren Communities? Oder wenn man die Beteiligung des mexikanischen Militärs an Menschenrechtsverbrechen tatsächlich aufklären würde? ¿Y si sí?
Empfohlener Artikel:
Das Menschenrechtsnetzwerk Red TdT dokumentierte dabei massive Übergriffe durch Polizeikräfte – von Kesselungen und Gummigeschossen bis hin zur Androhung schwerer Menschenrechtsverletzungen gegen Festgenommene.