Uniformiertes Denken
Editorial
Flecktarn in der Bahn, Staatsoberhäupter in Feldanzügen in den Abendnachrichten, der an die SS erinnernde Mantel von ICE-Chef Gregory Bovino in Minneapolis – sie sind wieder überall: Uniformen. Als Präsident Wolodymyr Selenskyj nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine begann, Militärpulli statt Jackett zu tragen, hatte das noch einen überraschenden Effekt. Heute können wir uns den ukrainischen Präsidenten kaum noch in etwas Anderem vorstellen. Zwar ist military chic schon lange Teil unserer Alltagsgarderobe und durch die Vielzahl von bewaffneten Konflikten weltweit ist der Anblick von uniformierten Militärs für viele Menschen Normalität – doch hierzulande war das schon lange nicht mehr so.
Das änderte sich 2022 mit Russlands Angriff auf die Ukraine schlagartig. Das Bewusstsein über Kriegshandlungen direkt an der EU-Außengrenze, die Diskussionen über die militärische Unterstützung der Ukraine und die imperialen Intentionen der Russischen Föderation: all das normalisierte rasant, dass die militärische Logik einen Platz in unserem Denken und Fühlen bekam. Der politische Diskurs erstreckte sich schnell von der Verteidigungsfähigkeit zur Wehrhaftigkeit und Kriegsbereitschaft: Ein Sondervermögen für die Bundeswehr wurde beschlossen und die Wiedereinführung der Wehrpflicht steht zur Debatte. Mit Boris Pistorius gibt es einen Verteidigungsminister, der »richtig Bock auf den Job« hat und zum beliebtesten Politiker Deutschlands wurde. Wir befinden uns in einer nicht mehr besonders subtilen Phase der Militarisierung.
Was hierzulande passiert, hat größere Dimensionen: Eine neue Weltordnung kommt. Sie wird wohl kaum bei einem Mediationstreffen am runden Tisch ausgehandelt werden. Das Zentrum globalpolitischer Macht verschiebt sich von den USA und Europa in Richtung neuer Großmächte wie Russland, China, dem aufstrebenden Indien und weiteren Mittelmächten. Diese multipolare Weltordnung problematisierte Kavita Krishnan 2023 in iz3w 395, unser Redakteur Winfried Rust schrieb 2024 von einer autoritären Internationale.
Der politische Diskurs erstreckte sich schnell von der Verteidigungsfähigkeit zur Wehrhaftigkeit und Kriegsbereitschaft
Vor diesem Hintergrund betrachten wir das Phänomen Militarisierung und wollen wissen: Was für Dynamiken ergeben sich aus dieser neuen Welt(un)ordnung? Was tun kleinere Lokalmächte? Was geschieht in Ländern, die derzeit in Kriegen involviert sind? Dimitri Tolkatsch und Katja Woronina schreiben über die Ukraine und über Russland. Andere Großmächte wie China und Indien treiben die eigene Militarisierung voran. Welche Auswirkungen hat das auf Politik und Gesellschaft? Und welche Absichten stecken dahinter? In der Sahelzone sind gleich mehrere Uniformträger an der Macht, über die Bernhard Schmid berichtet. Und Thomas Gugler betrachtet Pakistan und Afghanistan, die fast gegensätzliche Modelle der Militarisierung fahren.
Die Zivilbevölkerung ist oft nur ein Spielball und muss dafür büßen, wenn Krieg das Mittel der Politik wird. Für die Gesellschaft und Demokratie ist die militärische Logik in der Regel schädlich. Linke lehnen das Militärische deshalb grundsätzlich ab. Trotzdem muss das Recht auf Selbstverteidigung manchmal in Anspruch genommen werden. Kaum bezweifelbar ist, dass der Faschismus im Zweiten Weltkrieg mit Waffengewalt bezwungen werden musste (iz3w 407). Dieses Dilemma führt nicht selten zu Streit und Spaltung. So wurden im November 2025 die Anarchist*innen des Anarchist Black Cross Belarus von der anarchistischen Buchmesse in Berlin ausgeladen, weil sie für die militärische Unterstützung der Ukraine sind. »Der Kampf bedeutet nicht, den Staat zu legitimieren, sondern sich gegen eine imperialistische Macht zu wehren«, sagen sie in der Jungle World. Sie weisen den Vorwurf zurück, dass ihre Haltung unvereinbar mit anarchistischen Prinzipien sei. Auch die Selbstverteidigungseinheiten von Rojava, deren Zukunft jetzt höchst ungewiss ist, verteidigten sich mit Waffengewalt. Doch sie gaben alles dafür, dass die maskulinistische militärische Logik nicht auf sie übergreift. Luna Azalea und Naim Schieber haben mit Kämpferinnen der YPJ gesprochen. Diese erklären, »jeder Teil der Revolution bildet einen Teil der Selbstverteidigung.«
»Im Krieg gibt es keine Gewinner, sondern alle sind Verlierer, ganz gleich, welche Seite sich zum Sieger erklären mag« – diese Binsenweisheit ist so wahr wie ambivalent. Denn: Profiteur*innen des Kriegs gibt es sehr wohl. Was stimmt: Die Mehrheit der Bevölkerung zahlt in der Regel einen hohen Preis. Das obige Zitat stammt vom konservativen britischen Premierminister Neville Chamberlain. Dessen zögerliche Appeasement-Politik gegenüber dem Expansionsdrang Nazideutschlands wird heute oft als Beispiel angeführt, um entschlosseneres militärisches Eingreifen zu begründen, anstatt weiter nach diplomatischen Lösungen zu suchen. Dieses Dilemma werden wir in diesem Dossier nicht lösen können, doch wir versuchen darin Aspekte der aktuellen Militarisierung auseinanderzunehmen. Das geht von Billionen-Dollar-Beträgen bis zum Flecktarn in der Bahn.
die redaktion, 23.2.2026
Das Dossier Militarisierung wurde gefördert durch Brot für die Welt mit Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes