Buchcover des Romans »Balagan« von Mirna Funk

Hoppla, Raubkunst geerbt

Rezensiert von Patrick Helber

22.04.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 414

Balagan heißt auf Hebräisch Chaos (áìàâï) und ist der Titel von Mirna Funks drittem Roman. Das Chaos, das in Israel und der jüdischen Diaspora insbesondere seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und den folgenden Kriegen herrscht, nimmt Mirna Funk produktiv auf. Dieses balagan stößt jüdische Solidarität an, bringt kontroverse Ansichten in Begegnung und ermöglicht konstruktiven Streit.

Funks Protagonist*innen stehen für ein diverses Judentum, Empowerment, bissige Provo­kationen sowie für einen Appell zu mehr Debatte und Ambiguitäts­toleranz

Wie bereits in ihren Büchern »Winternähe« (2015) und »Zwischen du und ich« (2021) handelt es sich bei Funks neustem Roman um ein autofiktionales Werk, das wie das Leben der Autorin zwischen Ostberlin und Tel Aviv spielt. Im Zentrum des Krimis steht die Auseinandersetzung der jüdischen Protagonistin Amira mit ihrer Ostberliner Familie, insbesondere ihrem kürzlich verstorbenen Großvater Max, einem Holocaustüberlebenden. Max hat seiner Enkelin unverhofft eine millionenschwere Kunstsammlung vererbt, welche der Rest der Verwandtschaft seit Jahren vergeblich suchte. Was mit dieser Sammlung los ist und geschehen soll, versucht Amira mit ihren diversen Affären und Freund*innen zu klären.

Außerdem geht es in »Balagan« um die traumatisierenden Auswirkungen des 7. Oktobers auf die israelische Gesellschaft und jüdische Menschen in der Diaspora. Um Themen wie den gegenwärtigen Antisemitismus und die Holocaustfamiliengeschichte zu verknüpfen, verwendet Funk den hier naheliegenden Aspekt der Kunst. Kunstwerke jüdischer Provenienz wurden von Deutschen im Nationalsozialismus massenhaft geraubt, während die ursprünglichen Besitzer*innen ins Exil getrieben oder in Vernichtungslagern ermordet wurden. Kunst spielt aber auch in der Gegenwart eine wichtige Rolle, wenn es um postkoloniale Repräsentationen sowie die Dämonisierung, Delegitimierung und die aktuellen Doppelstandards in Bezug auf Israel geht: »Denn wer sich nicht explizit gegen Israel aussprach, galt als Faschist. Und wer sich nicht von Juden abwandte, die sich nicht explizit gegen Israel aussprachen, befürwortete den Völkermord.«

Jüdische Diaspora im Fokus - Provokation als Erzählstil

Funks Protagonist*innen stehen für die gesellschaftliche Verantwortung des Zionismus, ein diverses Judentum, Empowerment, bissige Provokationen an die verbohrten Verfechter*innen binärer Weltbilder sowie für einen Appell zu mehr Debatte und Ambiguitätstoleranz. Typisch für Mirna Funks Erzählstil enthält auch »Balagan« Episoden zu Penissen und Analsex, Namedropping sündhaft teurer Modemarken und den einen oder anderen zu stereotypen Charakter. Dem anregenden Lesevergnügen schadet das nicht.

Patrick Helber

Mirna Funk: Balagan. dtv München 2026. 368 Seiten, 25 Euro.

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