Cover des Buchs »Was war Faschismustheorie«" von Morten Paul, petrolfarbene Schrift auf grauem Grund.

Der technisierte Mythos

Neue Perspektiven auf Faschismus­theorie

Rezensiert von Mirko Maschewsky

03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416

Der Faschismusbegriff ist heute in aller Munde. Versuche, das Phänomen Faschismus theoretisch zu erschließen, existieren schon seit der Gründung der Fasci Italiani di Combattimento vor gut hundert Jahren. Jetzt eröffnet der von Morten Paul herausgegebene Sammelband Was war Faschismustheorie? eine Metaebene, auf der die Faschismustheorien selbst in ihren jeweiligen historischen und funktionalen Kontexten analysiert werden.

Im Buch widmen sich die 18 Autor*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen theoretischer, geschichtlicher und ästhetischer Forschung dem Projekt, eine Geschichte der drei Wellen der Faschismustheorie zu schreiben. Wichtig sind dabei folgende Fragen: »Ist der Faschismus revolutionär oder konterrevolutionär, atavistisch oder modern, Produkt der bürgerlichen Gesellschaft oder ihr Gegenteil, Elitenprojekt oder Massenausdruck, radikal bewegungsförmig oder Staatsform, ideologiegetrieben oder ökonomischen Zwängen folgend, Sonderweg oder globale Tendenz? Welche Bedeutung spielt Antisemitismus, welche Rassismus und wie stellt sich deren Verhältnis dar? Welche Rolle haben Eroberungskriege und Vernichtungslager? Gehören das frühere Spanien und Portugal, Rumänien und Japan zu den faschistischen Regimen? Wie verhält sich der Faschismus zum Kolonialismus?«

Was ist bei Faschismus der Zusammenhang von Verstehen und Verhindern?

Das Projekt steht im Zeichen der spannenden und aktuell prägnanten Forschungsfrage: Was ist bei Faschismus der Zusammenhang von Verstehen und Verhindern? Also warum ist die Annahme verbreitet, dass Faschismus über Faschismustheorie verstanden werden muss, um ihn zu verhindern? Da Faschismus kein rein historisches Phänomen ist, ergänzt der Sammelband seine Leitfrage um eine faschismustheoretische Analyse der Gegenwart. Hier kommt das Projekt zu der Analyse, dass Faschismus fluide – also anpassungsfähig und wandelbar – ist: Faschismus äußert sich gegenwärtig als anti-progressive Ideologie, die Rassismus mit den Vorherrschaftsansprüchen des Globalen Nordens, neoliberalen Konzepten und deren Legitimation durch Wahlen verbindet.

Die Geschichte der Faschismustheorie

Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil behandelt ausführlich und gelungen die Geschichte der Faschismustheorie. Hier werden auch viele Begriffe hergeleitet, die in der Faschismustheorie entwickelt wurden. Spannend ist dabei die Untersuchung der nationalen Funktion von Faschismustheorie postfaschistischer Staaten sowie von Staaten, die keine eigene Faschismus-Geschichte haben. Die Forschungsfrage des Sammelbands kulminiert im Beitrag »Theoriegeschichte der Faschismustheorie« von Morten Paul im Imperativ: »Baue deine Theorie so, dass sie die Anziehungs- und Fliehkräfte des Faschismus ernst nimmt, aber seine Bewirtschaftung des Ressentiments, seine Mechanismen der Entmenschlichung, seine Hierarchisierung des Lebens und seine Feier der Vernichtung nicht reproduziert […] In dieser Unterbrechung setzt sie die darin gebundenen und auf Zerstörung gerichteten Kräfte für eine alternative Gestaltung von Welt frei [...]«.

Faschismus zwischen Geschichte und Gegenwart  

Äußerst lesenswert im zweiten Teil des Sammelbands »Den faschistischen Aufstieg theoretisieren: Theorie als Intervention« ist unter anderem der Beitrag »Tropischer Faschismus?« von Laura Rivas Gagliardi. Es geht um Samba und Tropicália als dialektische Bilder der brasilianischen Diktaturen bei Roberto Schwarz. Hier lautet die Frage: »Können die lateinamerikanischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts als faschistische Regime interpretiert werden?« Der dritte Teil mit dem Titel »Faschismustheorie – auch eine Geschichte der BRD« beginnt mit der Verbindung der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, Kommunistin und Philosophin Angela Davis (die in Frankfurt bei Adorno und später bei Marcuse in den USA studierte) mit der im Buch prominent hervorgehobenen Kritischen Theorie. Im Fokus steht hier ebenfalls Davis‘ gemeinsame Organisierung mit Hans-Jürgen Krahl und Rudi Dutschke im SDS. Aufgezeigt wird ein historischer Moment, in dem sich die Kritische Theorie, unter anderem über Davis, mit Theorien aus dem Globalen Süden sowie antirassistischen und antikolonialen Kämpfen verband. So wird herausgearbeitet, wie Davis‘ Abolitionismus zur Abschaffung des Straf- und Gefängnissystems aus einer kritisch-theoretischen Faschismustheorie hervorgeht und dabei als produktive Reibung zwischen Theorie und Geschichte verstanden werden kann.

Der technisierte Mythos und die Neue Rechte

Der vierte Teil versucht, die Gegenwart über Mythos, Sprache, Ästhetik und Digitalität zu erschließen. Besonders ertragreich für ein aktuelles Faschismusverständnis ist der Beitrag von Frank Engster »Das Dispositiv der mythologischen Maschine«, der sich mit der Konzeption einer Kultur von rechts des italienischen Historikers Furio Jesis auseinandersetzt. Der Beitrag nimmt mit dem Begriff des technisierten Mythos die Bedingungen in den Blick, unter denen faschistische Ideologie reproduziert wird. Dabei zeigt er, dass dies nicht nur durch rechte Kräfte geschieht, sondern auch innerhalb der sogenannten Mitte und der Linken – etwa durch die affektive Besetzung an sich »leerer« Begriffe wie Kultur und Identität: »Mit anderen Worten, es ist der Rassismus, der die Rasse erst erzeugt […]. Der Rassismus konstruiert die Rasse also nicht nur, er konstituiert sie wie eine scheinbar objektive und geradezu natürliche Tatsache, auch wenn die empirischen Merkmale und Belege, an die er die Erzählung heftet, belanglos und arbiträr sind (mal das Blut, dann die Hautfarbe, Gene oder eine vermeintlich unverlierbare kulturelle Identität).« So ringt die heutige, vierte Welle der Faschismustheorie, zu der außerhalb der eröffneten Metaebene auch verschiedene Beiträge des Sammelbands gerechnet werden müssen – mithilfe wiederentdeckter wie noch im Entstehen begriffener Ansätze – darum, ein fluides Phänomen zu fassen.

Mirko Maschewsky

Morten Paul (Hg.): Was war Faschismustheorie? Verbrecher Verlag 2026. 432 Seiten, 28 Euro.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
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