Von »Glory to Hong Kong« bis K-Pop-Lightsticks
Musik in ostasiatischen Demokratiebewegungen
Audiobeitrag von Eva Gutensohn
09.10.2025
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr
Welche Rolle spielt Musik in politischen Protestbewegungen? Die Forscherinnen Miriam Bartolozzi und Phuk Nguyen von der Universität Macerata erläutern, wie Protestmusik kollektive Identität formt, emotionale Solidarität schafft und vergangene mit gegenwärtigen Kämpfen verbindet. Am Beispiel der Proteste gegen das Auslieferungsgesetz in Hongkong, der Sunflower-Bewegung in Taiwan und der Demonstrationen für ein Amtsenthebungsverfahren in Südkorea seit den 2010er Jahren erläutern sie sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede zwischen den drei Bewegungen – insbesondere, was Konfrontationsgrad der Musik und die politischen Rahmenbedingungen für die jungen Protestierenden betrifft. Das Gespräch thematisiert außerdem die Risiken für Künstler*innen, die sich politisch äußern, sowie die Frage, ob Musik zum Erfolg oder Scheitern von Protestbewegungen beitragen kann.
Skript zum Interview mit Miriam Bartolozzi und Phuk Nguyen
Erstausstrahlung am 6. November 2025 im südnordfunk #137 bei Radio Dreyeckland
südnordfunk: Könnt ihr mir zunächst ganz allgemein etwas über die Rolle erzählen, die Musik in politischen Bewegungen oder Protestbewegungen hat? Welche Wirkung kann Musik erzielen?
Miriam Bartolozzi: Musik ist bei Protesten sowohl als künstlerischer Ausdruck als auch als politisches Instrument sehr wichtig. Musik kann als politische Kraft betrachtet werden. Sie prägt die kollektive Identität, fördert emotionale Solidarität und ruft vitalisierende Emotionen hervor. Ein weiteres wichtiges Merkmal: Musik verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. Häufig werden während Protesten ältere Protestlieder wiederbelebt und die Emotionen früherer Kämpfe werden an neue Kontexte angepasst.
Protestmusik hat sich allerdings verändert – von traditionellen, manchmal textlosen Stücken hin zu Pop und Rap. Heute wird Protestmusik über Online-Plattformen verbreitet, oft noch bevor die eigentlichen Proteste stattfinden. Wir finden Playlists mit Songs, die während der Proteste gespielt werden oder Menschen für die Teilnahme begeistern sollen.
Generell gibt es drei Hauptarten von Songs: Erstens, explizit politische Musik von Aktivist*innen oder professionellen Musiker*innen mit direktem Protestbezug. Zweitens, Musik, die ursprünglich keinen Protestzweck hatte, aber aufgrund ihres Inhalts – etwa Texte über Widerstandsfähigkeit – zur Hymne wurde. Und drittens, eine Art, die heute häufiger genutzt wird: Popmusik ohne explizite politische Bedeutung. Diese Songs werden als magnetische Musik bezeichnet – sie ziehen Menschen an und versorgen die Teilnehmenden mit Energie.
Welche Rolle spielte Protestmusik insbesondere in Taiwan, Hongkong und Südkorea? Gibt es da Unterschiede?
Miriam Bartolozzi: Wir sprechen hier über die jüngsten Proteste seit den 2010er Jahren – der letzte fand Ende 2024 bis Anfang 2025 in Südkorea statt. In Hongkong 2019 war das Hauptmerkmal: Die Proteste stießen auf gewaltsame Unterdrückung, entsprechend politisch sind die Lieder. In Taiwan gibt es in der Protestmusik einen starken Bezug zur taiwanesischen Identität – durch die Verwendung der lokalen Sprache und Verweise auf Taiwans Vergangenheit. In Korea unterscheidet sich die Protestmusik der 1980er Jahre stark von der heutigen, denn Korea ist heute eine gefestigte Demokratie. Früher war die Musik explizit oder implizit politisch, heute dominiert Popmusik und auch die K-Pop-Fandom-Kultur* spielt eine Rolle.
Phuk Nguyen: Die Protestmusik in Hongkong 2019 und 2020 war sehr konfrontativ und vulgär. Es gab viele Schimpfwörter gegen die Polizei gerichtet, denn viele dieser Lieder waren Reaktionen auf Polizeigewalt. Student*innen und junge Menschen beteiligten sich massiv an der Musikproduktion. Der Komponist der Protesthymne »Glory to Hong Kong« etwa postete die Originalversion in Online-Foren, bat um Feedback und ließ sich Audioaufnahmen von Menschen schicken, die einzelne Zeilen sangen. Daraus komponierte er einen Chor – eine Hymne für das einfache Volk.
»Die beliebte Cantopop-Sängerin Denise Ho setzte sich lautstark für Demokratie und LGBT-Rechte ein.«
Ähnliches geschah in Taiwan, wenn auch weniger konfrontativ. Während der Sonnenblumen-Studentenbewegung 2014 nahmen Mitglieder der Hip-Hop-Gruppe »By Her Ex« an der Besetzung teil und komponierten gemeinsam mit Studenten den Song »Island Sunrise«. Taiwan ist in gewisser Weise unabhängiger als Hongkong – Hongkong wird allgemein als Teil Festlandchinas anerkannt, Taiwans Status hingegen ist umstritten. Die festlandchinesische Präsenz ist in Taiwan weniger greifbar als in Hongkong. Deshalb ist die taiwanesische Protestmusik weniger konfrontativ. Sie spricht von Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und betont die taiwanesische Identität, die sich von der festlandchinesischen unterscheidet.
Die Musikszene Taiwans hat großen Einfluss auf die Protestmusik. Einige Künstlerinnen sprechen sich deutlich für die Unabhängigkeit aus, andere sind zurückhaltender. Studentinnen, die Protestmusik komponieren, erhalten Unterstützung von Mainstream-Künstlerinnen. In Hongkong dagegen scheuen Mainstream-Künstlerinnen politische Inhalte – deshalb müssen die Studierenden selbst aktiv werden. In Taiwan arbeiten Studierende und Mainstream-Künstler*innen zusammen.
Ist es nicht extrem gefährlich für Künstler*innen, mit ihren Texten so konfrontativ zu sein? Bringen sie sich damit nicht in Gefahr?
Phuk Nguyen: Ja, ich stimme dir zu. Aber manchmal haben wir gerade in der bedrückendsten Realität die lauteste Stimme gegen Autoritarismus. Im Fall von Taiwan stehen Künstlerinnen und Studierende noch nicht unter der direkten Kontrolle Festlandchinas – sie können sich sehr lautstark für politische Anliegen einsetzen. Natürlich ist das für Mainstream-Musikerinnen ein Problem, denn Taiwan ist ein sehr kleiner Markt. Normalerweise gehen Künstler*innen auf Tournee und geben Konzerte in Festlandchina, wo es einen riesigen Markt gibt. Aber sie können sich dennoch lautstark äußern und haben die Unterstützung ihrer Partei, die derzeit an der Regierung ist.
In Hongkong hingegen sind die Drohungen real. Wir sehen nicht viele Mainstream-Künstler*innen, die sich lautstark gegen die Aggression Festlandchinas aussprechen. Einige, die es taten, mussten mit einem Verbot ihrer Musik in China oder mit Gerichtsverfahren rechnen. Die beliebte Cantopop-Sängerin Denise Ho etwa setzte sich lautstark für Demokratie und LGBT-Rechte ein. Wegen ihrer Teilnahme an den Protesten verschwand ihr Name aus der Musikszene in Festlandchina – mit sehr nachteiligen Folgen für ihre Karriere.
Nach den Protesten 2019 und 2020 wurden viele Studierende, Aktivistinnen und Künstlerinnen aus Festlandchina verbannt. Viele mussten sich vor Gericht verantworten, einige verbüßten Gefängnisstrafen. Seitdem ist die Musikszene sehr still geworden. Das ist die Folge davon, sich so lautstark geäußert zu haben – heute ist es schwierig, diese Themen offen anzusprechen, ohne von den Behörden schikaniert zu werden.
Also ja, es ist ein Widerspruch und es gibt Konsequenzen. Aber vielleicht ist das der Geist der Jugend – man setzt sich für seine Sache ein. Ich bewundere sie für das, was sie getan haben.
In Südkorea ist das natürlich etwas anders, da es demokratischer ist. Aber dennoch stellt sich die Frage, inwieweit insbesondere K-Pop-Künstler*innen ihre Karriere gefährden, wenn sie sich politisch äußern.
Miriam Bartolozzi: Koreanische K-Pop-Idole befinden sich in einer schwierigen Situation. Sie beschäftigen sich normalerweise nicht mit politischen Themen, weil sie ihr Image sehr neutral halten müssen und keine Seite unterstützen dürfen. Das ist wichtig, damit sie keinen Teil ihrer Fangemeinde verlieren – wahrscheinlich wird ihnen das von ihren Plattenfirmen auferlegt.
»Vielleicht ist das der Geist der Jugend – man setzt sich für seine Sache ein. Ich bewundere sie für das, was sie getan haben«
Das unterscheidet sich stark von etablierten Interpreten oder unabhängigen Künstlern, die sich oft deutlich in politischen Situationen äußern. Aber in diesem speziellen Fall gab es unterschiedliche Reaktionen aus der Öffentlichkeit. Manche Idole äußerten keine Meinung und mussten dafür Kritik einstecken – die Fans waren enttäuscht, weil es um Demokratie ging. Gleichzeitig erhielten diejenigen, die sich lautstark äußerten, Gegenwind von den konservativeren Teilen der Bevölkerung, weil sie den Präsidenten unterstützten, den die Mehrheit abgesetzt sehen wollte.
Aus beiden Perspektiven war das eine schwierige Situation. Aber generell ist das keine allgemeine Veränderung. Ich denke, es lag nur daran, dass demokratische Prinzipien auf dem Spiel standen. Ansonsten haben K-Pop-Idole heute immer noch kein Mitspracherecht in politischen oder internationalen Angelegenheiten.
Ich würde am Ende gerne noch einmal auf die eher theoretische Ebene zurückkommen. Ihr habt euch mit mehr oder weniger erfolgreichen Bewegungen beschäftigt. Wie steht es mit gescheiterten Protesten? Glaubt ihr, dass es einen Zusammenhang zwischen Musik und dem Erfolg einer politischen Bewegung gibt?
Phuk Nguyen: Nach unserer Analyse dient Musik dazu, Menschen für gemeinsame Anliegen im Zusammenhang mit Demokratie zu mobilisieren. Sie ist jedoch nicht das entscheidende Element für den Erfolg oder Misserfolg einer Protestbewegung – das hängt von vielen anderen Faktoren ab. Zum Beispiel vom politischen Umfeld: Ist es eine etablierte Demokratie oder nicht? Im Fall von Hongkong ist es sehr schwierig, die Demokratie zu stärken, weil Künstler*innen und Studierende mit rechtlichen Konsequenzen rechnen müssen – die Regierung und die Kommunistische Partei Chinas versuchen, sie zu verfolgen.
»Manchmal haben wir gerade in der bedrückendsten Realität die lauteste Stimme gegen Autoritarismus«
Gleichzeitig kann die Unterstützung durch die breite Bevölkerung sehr wichtig sein. Ob andere Menschen, die politisch vielleicht nicht so aktiv sind, die Protestteilnehmer*innen unterstützen, spielt eine wichtige Rolle für Erfolg oder Misserfolg. Im Fall von Hongkong würde ich nicht von einer erfolgreichen Bewegung sprechen – insbesondere 2019 und 2020. Die Proteste haben die Regierung nicht zu mehr Demokratie motiviert. Frühere Bewegungen in Hongkong waren erfolgreicher, etwa die Regenschirm-Bewegung 2014. Allerdings wurde die Regierung von Hongkong und Festlandchina dadurch entschlossener, demokratische Bestrebungen zu unterdrücken. Sie war also in gewisser Weise erfolgreich, aber gleichzeitig auch nicht.
In Taiwan gab es letztes Jahr die Blue-Bird-Bewegung. Dazu gibt es noch nicht viel Forschung aus musikwissenschaftlicher Perspektive, aber ich habe gelesen, dass die taiwanesische Protesthymne »Island Sunrise« überall bei den Protesten gesungen wurde. Das ist ein Zeichen für die Bedeutung von Musik in populären Protesten. In anderen Protesten vor der Sonnenblumenbewegung 2014 gab es zwar Musik, aber sie spielte keine herausragende Rolle – die Studierenden oder Teilnehmer*innen waren nicht wirklich an der Produktion von politischen Protestliedern beteiligt.
Miriam Bartolozzi: Ich möchte noch eine Bemerkung zum Kontext hinzufügen, der auch mit dem Erfolg oder Misserfolg zusammenhängen könnte. Musik ist zwar wichtig, aber kein entscheidender Faktor dafür, wie sich der Protest entwickelt und was die Teilnehmer erreichen. Ich denke jedoch, dass die Stellung der Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat ein sehr wichtiger Faktor ist. Die südkoreanischen Proteste waren in letzter Zeit sehr erfolgreich – vor dem demokratischen Prozess war das nicht so. Das liegt zum großen Teil daran, dass die koreanische Zivilgesellschaft heute nicht mehr so konfrontativ ist wie etwa die Hongkongs. Eine konfrontative Zivilgesellschaft steht nicht auf derselben Ebene wie der Staat – sie kommuniziert nicht auf Augenhöhe. In Südkorea aber, weil die starke Demokratie bereits erreicht wurde, ist die einst schwache Zivilgesellschaft heute eine starke Zivilgesellschaft, die mit den Behörden kommuniziert. Das bedeutet, dass die Zivilgesellschaft tatsächlichen Einfluss auf den Staat hat. Das ist also einer der Faktoren, die zum Erfolg oder Misserfolg einer Bewegung beitragen.
Taiwan: Die Sonnenblumen-Bewegung 2014
2014 war in Taiwan die Kuomintang (KMT) an der Macht – die Partei, die Taiwan von 1949 bis 1987 autoritär in einem Ein-Parteien-Staat regiert hatte. Die KMT wollte ein Dienstleistungshandelsabkommen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan auf eine Art und Weise durchsetzen, die viele an vergangene, autoritäre Praktiken erinnerte und zudem eine größere Verflechtung mit China bedeutet hätte. Im März 2014 besetzten daher Student*innen das taiwanesische Parlament. Die Besetzung wuchs zu der Sunflower-Bewegung heran – die Studierenden verteilten Sonnenblumen – in die ganz unterschiedliche Forderungen und Hoffnungen für eine gerechtere Gesellschaft einflossen, vor allem in Hinblick auf Löhne und Wohnraum. Ein bis heute spürbarer Einfluss der Sunflower-Bewegung ist die Wahl von Tsai Ing-wen von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) als Präsidentin. Die DPP hat die Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 gewonnen.
Protestsong »Island's Sunrise«
Das Lied »Island's Sunrise«, das als Hymne der Sunflower-Studentenbewegung 2014 gilt, wurde durch die direkte Beteiligung der Bandmitglieder an den Protesten und durch die Ermutigung einiger Studentenführer inspiriert. Es wurde auf Taiwanesisch geschrieben und konzentrierte sich darauf, die Moral der studentischen Demonstrant*innen zu stärken und eine positive Einstellung für eine bessere Zukunft Taiwans zum Ausdruck zu bringen.
Hongkong: Proteste gegen das Auslieferungsgesetz 2019
Die Proteste gegen das Auslieferungsgesetz in Hongkong 2019 bis 2020 waren eine Reihe von Demonstrationen gegen die Einführung eines Entwurfs zur Änderung des Gesetzes über flüchtige Straftäter in Bezug auf die Auslieferung durch die Regierung von Hongkong. Es handelte sich um die größte Reihe von Demonstrationen in der Geschichte Hongkongs. Der Gesetzentwurf würde es ermöglichen, Strafverdächtige auf Einzelfallbasis an jede Gerichtsbarkeit auszuliefern, mit der zuvor kein Auslieferungsabkommen mit Hongkong bestand, einschließlich Festlandchina. Es wurde befürchtet, dass dieser Gesetzentwurf die Autonomie Hongkongs untergraben würde, was aufgrund der Geschichte politischer Unterdrückung in China Besorgnis hervorrief.
Protestsong »Glory to Hong Kong«
Am 26. August 2019 veröffentlichte ein Komponist namens Thomas in einem von Studierenden und Demonstrierenden frequentierten Forum eine Instrumentalversion und den Text dessen, was später als Hongkongs Nationalhymne bezeichnet werden sollte: »Glory to Hong Kong«, ursprünglich in Kantonesisch komponiert. Thomas änderte nicht nur den Text, sondern sammelte auch Audioversionen, die er dann zusammenstellte, um den Song wie einen Chor klingen zu lassen. Aufgrund seines expliziten politischen Inhalts war der Song umstritten, unter anderem wegen seines angeblich »separatistischen und regierungsfeindlichen« Tons.
Südkorea: Proteste gegen Präsident Yoon 2024/25
Im Dezember 2024 hatte Südkoreas Präsident Yoon überraschend das Kriegsrecht verhängt und das Land ins politische Chaos gestürzt. Hintergrund von Yoons Handeln war ein Haushaltsstreit zwischen der regierenden PP-Partei und der größten Oppositionspartei DP. Als Begründung nannte er den Schutz eines »liberalen Südkoreas vor den Bedrohungen durch Nordkoreas kommunistische Truppen« und sprach davon, »antistaatliche Elemente zu eliminieren«. Südkorea erlebte daraufhin dramatische Stunden. Soldaten drangen ins Parlament ein, vor dem Gebäude demonstrierten Bürger*innen gegen die Verhängung des Kriegsrechts. Nach sechs Stunden hatte Präsident Yoon das Kriegsrecht zwar wieder aufgehoben, doch die Proteste hielten an. Während einer Kundgebung wurden vor der Nationalversammlung in Seoul Slogans gerufen: Die Demonstrierenden forderten eine Amtsenthebung des Präsidenten, welche am 4. April 2025 auch rechtskräftig wurde.
Protestsong»Into the New World«
Der K-Pop-Song »Into the New World« der Gruppe Girls' Generation hat sich in Südkorea zu einer kraftvollen Protesthymne entwickelt. Dank seines bedeutungsvollen Textes über Hoffnung und die Überwindung von Missständen wird er seit Mitte der 2010er Jahre bei politischen und sozialen Bewegungen gesungen und in jüngerer Zeit auch von tausenden Demonstrierenden gegen Präsident Yoon. Heute gilt der Song als eine der prägenden Hymnen der südkoreanischen Protestkultur und steht auf Augenhöhe mit den traditionellen Widerstandssongs des Landes.
Was verbindet die Protestsongs, was nicht?
Die drei Protestbewegungen in Südkorea, Taiwan und Hongkong verbindet der Kampf für Demokratie und Identität sowie der Widerstand gegen Autoritarismus. In allen drei Kontexten waren insbesondere junge Menschen und Studierende sehr aktiv. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der »Spillover-Effekt« von Protestliedern: Songs wie »Do You Hear the People Sing« aus dem Musical Les Misérables oder »March for the Beloved« wurden in allen drei Bewegungen verwendet. Die Musik dient dabei nicht nur als Hintergrund, sondern vereint Menschen, gibt kollektiven Emotionen Ausdruck und verknüpft die Bewegungen mit breiteren kulturellen Identitäten – etwa der taiwanesischen Identität, die sich von der festlandchinesischen abgrenzt.
Der zentrale Unterschied zwischen den drei Bewegungen liegt im Grad der Konfrontation. Südkorea verfügt über eine gefestigte Demokratie, sodass die Proteste weniger konfrontativ ausfielen. Taiwan hat seit 2016 eine angespannte Beziehung zu Festland-China, die sich schwer lösen lässt. Hongkong erlebte die konfrontativsten Proteste, da die Stadt direkter chinesischer Einflussnahme und Gewalt ausgesetzt war und Versprechen auf Autonomie und Demokratie wiederholt gebrochen wurden. Die politische Realität in den drei Kontexten beeinflusst also maßgeblich Art und Sprache der verwendeten Musik.