Szene aus Danielle Arbids »Only Rebels Win« (Frankreich, Libanon, Katar 2026) mit Hiam Abbass und Amine Benrachid | © Easy Riders Films
»Only Rebels Win« von Danielle Arbid, Frankreich, Libanon, Katar 2026

Sehnsucht und zerbrochene Träume

Nahost-Filme auf der 76. Berlinale

Die Nahost-Filme auf der Berlinale waren komplexer, nachdenklicher und berührender als die verhärtete Debatte*, die sie begleitete. Die iz3w stellt eine Auswahl vor.

von Isabel Rodde

21.04.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 414

Ein Lastwagen auf einem zerstörten Platz. Männer werfen Lebensmittelpakete in eine panische Menge. Arafat (Nadeem Rimawi) ergattert eine Papiertüte, die ihm gleich wieder aus der Hand gerissen wird. Apathisch humpelt der abgemagerte Mann zurück in seine Wohnung.

Chronicles from the Siege

In Chronicles from the Siege erzählt der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib von Überlebenskämpfen, Gewissenskonflikten und alltäglichen Sehnsüchten in einer fiktiven belagerten Stadt. Darf man Videokassetten geliebter Filme verbrennen, um sich zu wärmen? Einen Kühlschrank für einen Zigarettenzug verhökern? Sex haben, wenn das Aktivist*innen-Netzwerk auf Hilfe wartet? Wer wird im Feldlazarett gerettet, wenn die Versorgung nicht für alle reicht?

Vielschichtig, dramatisch, aber auch mit viel Situationskomik zeigt Alkhatib in lose verknüpften Episoden, wie Menschen versuchen, ein möglichst normales Leben zu führen. Mit seinem Dokumentarfilm Little Palestine (2021) über das syrische Yarmouk-Lager hat der 1989 in Damaskus geborene und inzwischen in Deutschland lebende Alkhatib bereits diverse Preise gewonnen. Mit Chronicles from the Siege, auf der Berlinale als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet, erzählt er die Geschichte weiter, »um nicht nur das weiterzugeben, was die Augen gesehen haben, sondern auch das, worüber das Herz nicht schweigen kann«.

Bulldozer statt Traktoren

Wie kann ich einen Film über einen Krieg machen, den ich nicht sehen kann? Wie kann ich über Gaza sprechen, wenn ich nicht dort bin? Das sind Fragen, die sich die israelische Dokumentarfilmerin Anat Even während der zweijährigen Dreharbeiten für Effondrement (Zusammenbruch) immer wieder stellt. Zwei Wochen nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 kehrt die Regisseurin in ihre alte Heimat in der westlichen Negev und in Nir Oz zurück. Sie streift mit der Kamera durch den ausgebrannten Kibbuz, fährt durch das Hinterland des Grenzzauns, der den Gaza-Streifen abriegelt. Mit dem iPhone filmt sie Bulldozer, die statt Traktoren die Äcker befahren, dokumentiert Führungen israelischer Besuchsgruppen an den Grenzzaun, zeigt aus der Ferne die Bombardierungen. Auch Gespräche mit dem regierungskritischen israelischen Militärstrategen Avichai und die erschütternden Texte des palästinensischen Arztes und Poeten Ezzideen Shehab über Zerstörung und Vertreibung in Gaza werden Bestandteil ihres Film-Essays.

Ariel, ein in Paris lebender enger Freund, begleitet den Filmprozess aus der Ferne, bis er die Zusammenarbeit aufkündigt: »Nur das, was auf der anderen Seite der Grenze passiert, zählt.« Im nachdenklichen Voiceover beschreibt Anat Even Trauer, Wut und Ohnmacht. Eindrücklich dokumentiert Effondrement die Hilflosigkeit angesichts von Leid, Rache und Vernichtung, aber auch den mühsamen Versuch, die richtigen Worte zu finden und Auseinandersetzungen auszuhalten.

Wollen wir tanzen?

Eigentlich sollte Only Rebels Win in Beirut gedreht werden. Aber die israelischen Bombardements begannen genau in dem Moment, als die Dreharbeiten für den libanesisch-französischen Spielfilm starten sollten. Also produzierte Regisseurin Danielle Arbid im Studio in Frankreich und ließ Aufnahmen von Beiruts Straßen, Häusern und Cafés per Rückprojektion auf die Leinwand werfen. »Illusion ist eine Liebeserklärung« schreibt sie im Vorspann und tatsächlich funktioniert die Rückprojektion erstaunlich gut. Sie öffnet ein Fenster in den libanesischen Alltag, während die Künstlichkeit des Effekts an alte Hollywood-Melodramen erinnert.

Arbids Filmheld*innen sind zwei Außenseiter, die sich im krisengeschüttelten Beirut verlieben. Osmane ist ein junger Sudanese ohne Papiere. Suzanne ist Witwe palästinensischer Herkunft, Mutter zweier erwachsener Kinder und mehr als doppelt so alt. Das ungleiche Paar lernt sich kennen, als Suzanne Osmane bei einem rassistischen Angriff verteidigt. »Wollen wir tanzen?« fragt Osmane bei der nächsten Begegnung. Lange bewegen sich die beiden getrennt zur Musik – sehnsüchtig, verletzlich, sehr unterschiedlich –, bis sich ihre Hände vorsichtig das erste Mal berühren. Das Umfeld der beiden reagiert mit Wut und Empörung. »Ein schwarzer Muslim?« fragen Suzannes christliche Arbeitskolleginnen entsetzt. »Sex in deinem Alter!« empört sich der Sohn. Mutig und schlagfertig beginnen Osmane und Suzanne (beeindruckend: Amine Benrachid und die charismatische Hiam Abbass), sich gegen Diskriminierung und engstirnige Konventionen zu wehren. Danielle Arbid schrieb mit dem Drehbuch auch gegen ihr eigenes Ohnmachtsgefühl an: »Inmitten dieses rassistischen und hasserfüllten Klimas, das sich allmählich überall in unserem Leben festsetzt (…), ist Only Rebels Win ein Versuch, etwas von dieser Wut loszuwerden.«

Tag des Zorns (The Day of Wrath: Tales from Tripoli)

... hat Rania Rafei ihren Dokumentarfilm über die Geschichte ihrer Heimatstadt im Norden Libanons genannt. Darin verwebt die 1979 geborene Regisseurin persönliche Familiengeschichte, Archivmaterial und Interviews zu einem eindrucksvollen Kaleidoskop. Fünf Aufstände und Kriege stehen im Mittelpunkt – die Befreiung vom Kolonialismus, der Traum vom Panarabismus, die Niederlage im Sechstagekrieg, der Aufstieg des radikalen Islamismus und die Proteste seit 2019 gegen Wirtschaftskrise, Korruption und konfessionelle Quoten.

Dabei interessiert die Regisseurin vor allem die Frage: Was können junge Leute aus der Geschichte lernen? Die Antworten, die sie bekommt, sind vorwiegend desillusionierend. »Nichts«, sagt ein 11-Jähriger vom Stadtrand, aus prekären Verhältnissen. »Das ist alles dramatisch und traurig«. Ein 13-Jähriger erklärt: »Früher war Unabhängigkeit gut, heute nicht mehr. Wir sind alle gespalten.« Schüler*innen einer Privatschule dagegen sehnen sich nach Veränderung und klagen: »Unsere Lehrer*innen empfehlen immer, wir sollten ins Ausland gehen.«

Rafeis Dokumentation ist auch eine Hommage an ihren Vater, der während der Dreharbeiten starb. Ein langer Brief an den im Jahr der Unabhängigkeit Geborenen dient als roter Faden und erinnert an seine politischen Kämpfe und zerbrochenen Träume. »Ich wollte die Fragmentierung von Geschichte und Revolution zeigen«, erzählt Rafei im Filmgespräch. Erst zum Schluss des Films sehen wir etwas vom Zorn und der Aufbruchsstimmung. Auf dem zentralen Al-Nour Platz in Tripoli rappen Jugendliche für ein vereintes Libanon. Und in einem leeren Konzertsaal singt eine Opernsängerin Verdis »Tag des Zorns«: Befreie mich. »Das lässt mich an den Moment denken«, sagt Rafei, »in dem die Revolte und die Energie der Veränderung kommen wird.«

»Where To?« Wohin soll es gehen?

In Where to?, dem Spielfilmdebüt des israelischen Filmemachers Assaf Machnes, lernen sich ein Palästinenser und ein Israeli im Berliner Nachtleben kennen. Hassan (Ehab Salami) ist 55 und arbeitet seit 30 Jahren als Uber-Fahrer. Amir (Ido Tako) ist ein 25-jähriger Tourist aus Tel Aviv, der fern der Heimat seine sexuelle Identität erforscht. Auf den ersten Blick scheint die beiden nicht viel zu verbinden. Dem schweigsamen und melancholischen Hassan traut man nicht zu, dass er den schwulen, meist berauschten Clubgänger Amir akzeptieren könnte. Seine Tochter Juman, so erfahren wir, lebt nicht mehr zu Hause – die Eltern wollen den deutschen Freund nicht akzeptieren. Dennoch entwickelt sich im Laufe weiterer Taxifahrten eine aufrichtige, Vater-Sohn-ähnliche Beziehung. Where to? spielt fast ausschließlich im Taxi, mit einer festen Kamera im 4:3 Format, die Hassans ausdrucksstarkes (!), bärtiges Gesicht und die Szenen auf der Rückbank aufmerksam beobachtet.

Während Hassan als Uber Fahrer Nachtschwärmer*innen und Tourist*innen von einem Höhepunkt zum nächsten fährt, erscheint sein eigenes Leben seltsam festgefahren. Erst als er in Amirs Beziehungsdramen einen eigenen, tief vergrabenen Schmerz erkennt, setzt er sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander, die ihn ins Exil trieb. Krieg und Vertreibung in Palästina sind präsent, ohne je im Mittelpunkt zu stehen, etwa wenn Hassan Amir erzählt, wie seine Familie 1948 Galiläa verlassen musste (»Warum darfst du dort leben?«). Vom Hamas-Angriff und Gaza-Krieg erfahren wir im Radio auf einer Taxifahrt.

Where to?, in palästinensisch-israelisch-deutscher Zusammenarbeit entstanden, ist ein bewegender und auf subtile Weise sehr politischer Film. Ohne jeden Zeigefinger vermittelt er: So geht Dialog.

Filme

  • Chronicles for Siege von Abdallah Alkhatib (Regie, Buch) mit Nadeem Rimawi, Saja Kilani, Ahmad Kontar, Samer Bisharat, Ahmed Zitouni |Algerien, Frankreich, Palästina 2026
  • Where to? von Assaf Machnes (Regie, Buch)mit Ehab Salami, Ido Tako, Milan Peschel, Rama Nasrallah, Raheeq Haj Yahia-Suleima | Israel, Deutschland 2026 | Englisch, Arabisch, Deutsch, Hebräisch
  • The Day of Wrath: Tales from Tripoli von Rania Rafei (Regie, Buch) | Libanon, Saudi-Arabien, Katar 2026 | Arabisch, Untertitel Englisch
  • Only Rebels Win von Danielle Arbid (Regie, Buch)mit Hiam Abbass, Amine Benrachid, Shaden Fakih, Charbel Kamel, Alexandre Paulikevitch | Frankreich, Libanon, Katar 2026 | Arabisch

Isabel Rodde ist Kulturwissenschaftlerin und Journalistin. Sie lebt in Hannover.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 414 Heft bestellen
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