Porträt eines weiten Landes

Rezensiert von Joachim Zeller

10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415

Henning Melber ist bekannt als der führende Namibia-Experte und machte sich mit einer Vielzahl einschlägiger Publikationen einen Namen. Nach vielen Jahren der beruflichen Tätigkeit als Politologe und Soziologe in Windhoek lebt er heute im schwedischen Uppsala. Im Frühjahr 2026 erschien sein neues Buch Geschichte Namibias, mit dem er eine »kleine«, aber »kritische« Geschichte des Landes liefern will. Im Jahr 2025 trat er nach mehr als fünfzigjähriger Mitgliedschaft aus der SWAPO (South-West Africa People’s Organisation) aus, der »Befreiungsbewegung an der Macht« (Melber) und heutigen Regierungspartei. Der Grund war das Staatsbegräbnis, das die SWAPO für Solomon Hawala, dem »Schlächter von Lubango«, ausgerichtet hat. General Hawala war maßgeblich an den Hetzjagden auf vermeintliche Spione in der SWAPO und an damit verbundenen schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt.

In seinem Buch schlägt Melber einen Bogen von den vorkolonialen Migrationsbewegungen in das (semi)aride Land, über die Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« und die Fortsetzung der kolonialen Fremdherrschaft nach dem Ersten Weltkrieg durch die sogenannte Mandatsherrschaft Südafrikas bis hin zu dem langwierigen und blutigen Dekolonisierungsprozess, der erst im Jahr 1990 in die Unabhängigkeit mündete.

Die Ursprünge der Apart­heid gehen auf die deutsche Kolonial­macht zurück.

Eindrücklich wird von der Siedlerkolonie erzählt, in welcher der Herrschafts- und Rassenwahn der Deutschen – trotz des Widerstands aus der Bevölkerung – im Genozid an den Ovaherero und Nama gipfelte. Die folgende Mandatsherrschaft Südafrikas war geprägt von dessen Apartheidpolitik, die mit einem unmenschlichen Kontraktarbeitersystem und der Einrichtung von »Homelands« einherging. Die Ursprünge der Apartheid gehen auf die deutsche Kolonialmacht zurück, die bereits erste »Eingeborenen-Reservate« eingerichtet hatte.

Melber zieht eine durchwachsene Bilanz der noch jungen Republik Namibia, die seit dreieinhalb Jahrzehnten von der SWAPO regiert wird. Er verweist auf den Widerspruch zwischen dem erklärten Ziel, eine demokratische Gesellschaft in Namibia schaffen zu wollen, und den autoritären Strukturen innerhalb der Regierungspartei SWAPO. Was die 1990 in Kraft getretene Verfassung Namibias betrifft, so wurden mit ihr die in der Kolonialzeit wurzelnden Ungleichheiten festgeschrieben. Trotz aller Fortschritte sind bis dato echte sozialpolitische Reformen ausgeblieben. Das Land ringt mit seiner weitverbreiteten Armut, der Bildungsmisere (70 Prozent aller Zehnjährigen können nicht ausreichend lesen und rechnen), der Mangelernährung und der nach wie vor ungelösten Landfrage (70 Prozent des kommerziellen Farmlandes ist in weißen Händen). Nicht wirklich eingedämmt werden konnte die Korruption (zuletzt im Fishrot-Skandal) und die hemmungslose Selbstbereicherung der neuen politischen, administrativen und wirtschaftlichen Eliten.

Im abschließenden Kapitel über das deutsch-namibische Sonderverhältnis befasst sich Melber unter anderem mit der Rolle der Namibia-Deutschen. Wie er dies schon bei anderer Gelegenheit äußerte, stößt auch bei ihm das Mitte 2021 unterzeichnete »Versöhnungsabkommen« auf scharfe Kritik. Auf dieses hatten sich Namibia und Deutschland nach fast sechsjährigen bilateralen Verhandlungen zur Aufarbeitung des Völkermords von 1904-1908 verständigt. Zwar wurde nachverhandelt, zur Ratifizierung kam es aber immer noch nicht.

Henning Melber hat eine fundierte und einfühlsame Darstellung der Geschichte Namibias vorgelegt. Trotz aller Kritik an den heutigen Verhältnissen ist sein Buch aber auch ein hoffnungsvolles Porträt dieses weiten Landes, dessen Geschichte auf vielfältige Weise mit der deutschen verwoben ist.

Joachim Zeller

Henning Melber: Geschichte Namibias. Von der deutschen Kolonie bis zur Gegenwart. C.H.Beck 2026. 203 Seiten, 18 Euro.

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