Fasia Jansen (1929-1997) arbeitete als Zwangsverpflichtete in einer Küche in einem Außenlager des KZs Neuengamme im Hamburger Stadtteil Rothenburgort
Fasia Jansen (1929-1997) arbeitete als Zwangsverpflichtete in einer Küche in einem Außenlager des KZs Neuengamme im Hamburger Stadtteil Rothenburgort | Bild: Fasia Jansen Stiftung e.V.

»Schwarze Menschen hatten keine Rechte«

Interview mit Robbie Aitken über Schwarze Menschen im Nationalsozialismus

Robbie Aitken ist Professor für Kolonialgeschichte an der Sheffield Hallam University in Großbritannien. Seit Ende der 1990er-Jahre beschäftigt er sich mit der Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland. Im Interview mit iz3w spricht er darüber, wie es Schwarzen Menschen im NS erging und warum ihre Geschichte bis heute kaum bekannt ist.

Das Interview führte Kathi King

10.02.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 407
Teil des Dossiers Black History Month

iz3w: Gibt es eine bestimmte Geschichte, die Ihnen in den Sinn kommt, wenn Sie nach Schwarzen Menschen im NS gefragt werden?

Robbie Aitken: Es ist schwierig, eine einzelne Geschichte herauszugreifen. Doch eine der aufschlussreichsten war die einer Frau namens Martha Ndumbe. Martha war die Tochter eines Kameruners, Jakob Ndumbe, der 1896 nach Deutschland kam. Er war Teil eines sogenannten Menschenzoos in Berlin. Ich hatte Nachforschungen über Jakob angestellt, doch ich wusste zunächst nicht, dass er eine Tochter hatte – bis ich in den Archiven des Roten Kreuzes einen Brief aus den 1950er-Jahren fand. Marthas Mutter beantragte darin eine Entschädigung, weil ihre Tochter in einem Konzentrationslager gestorben war.

Dieser Fall, auf den ich erst nach etwa zehn Jahren Recherche stieß, symbolisiert für mich vieles, worauf man trifft, wenn man zu Schwarzen Menschen während des NS forscht. Er zeigt die extremen Bedingungen, denen diese Menschen ausgesetzt waren. Martha etwa kam ins KZ Ravensbrück, vermutlich wurde sie als ‚Asoziale‘ eingestuft und dort ermordet. Ihre Mutter versuchte in der Nachkriegszeit eine Entschädigung zu bekommen, weil ihre Tochter ein Opfer des Nationalsozialismus gewesen war. Doch die Nachkriegsbehörden haben den Antrag nicht gutgeheißen. Martha wurde sowohl im Leben als auch nach ihrem Tod an den Rand gedrängt. Ihre Geschichte geriet in Vergessenheit. Ich habe viele solcher Entschädigungsanträge von Schwarzen Verfolgten des NS gefunden. Aus ihnen können wir etwas über die Geschichte Schwarzer Menschen vor und während des NS lernen – nämlich aus der Sicht der Betroffenen selbst.

Welchen Hintergrund hatten Schwarze Menschen, die zu dieser Zeit in Deutschland lebten?

Um 1933 gab es in Deutschland zweieinhalb- bis dreitausend Menschen afrikanischer Herkunft. Eine Gruppe hatten die Nazis besonders im Blick: Die sogenannten Rheinlandkinder. Frankreich hatte während der Rheinlandbesetzung 1918-30 provokativ und bewusst afrikanische und asiatische Kolonialsoldaten im Rheinland stationiert. Aus deren Beziehungen mit deutschen Frauen kamen fünf- bis achthundert Kinder zur Welt.

»Schwarze Kinder von der Schule aus­geschlossen«

Eine weitere Gruppe, hauptsächlich bestehend aus Männern, ist vor 1914 aus den deutschen Kolonien, hauptsächlich Kamerun und Togo, nach Deutschland gekommen. Sie haben in Deutschland Kinder bekommen und Familien gegründet. Es gab also schon eine zweite oder sogar dritte Generation von in Deutschland geborenen Schwarzen Deutschen. Sie wohnten in Städten wie Berlin und Hamburg, aber auch Wiesbaden, Leipzig, Dresden oder München. Daneben gab es auch eine eher mobile Gruppe Schwarzer Menschen, Männer und Frauen aus Liberia und den Vereinigten Staaten. Im Falle von Liberia hatten sie mit dem Konsulat zu tun oder waren im Handel tätig. Afroamerikaner*innen hielten sich oft als Sportler*innen oder Künstler*innen in Deutschland auf.

Es gibt dieses berühmte Zitat von Theodor Wonja Michael: »Man tötete uns nicht, ließ uns aber auch nicht leben.« Wie wurden Schwarzen Menschen denn im NS verfolgt?

Es gab nur sehr wenige Maßnahmen, die sich allein auf Schwarze Menschen bezogen. Die Rassenpolitik der Nazis gegenüber der jüdischen Bevölkerung und der Sinti und Roma richtete sich allerdings häufig auch gegen Schwarze. Bereits vor der Machtübernahme der Nazis wurde die Schwarze Bevölkerung marginalisiert. Das geschah in Verbindung mit der Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und dem Aufstieg der Rechten. Mit der Machtübernahme der Nazis kam es vermehrt zu rassistischen Übergriffen auf den Straßen, zu körperlicher und verbaler Gewalt gegen Schwarze Menschen.

Und dann gab es die Politik der Nazis, die sich explizit auf Schwarze Menschen bezog und Auswirkungen auf sie hatte. So wurde zum Beispiel den Menschen aus ehemaligen Kolonien ein sogenannter Fremdenpass ausgestellt, in dem ausdrücklich vermerkt wurde, dass sie staatenlos sind. Sie hatten damit keine staatlich verbrieften Rechte und durften das Land nicht verlassen.

Ähnlich wie jüdische Kinder und Sinti und Roma wurden Schwarze Kinder von der Schule ausgeschlossen. Viele ihrer Eltern, die oft als Künstler*innen tätig waren, durften gegen 1939 kaum noch öffentlich auftreten. Eine Ausnahme bildete die Deutsche Afrika-Schau, ein an die früheren ‚Völkerschauen‘ angelehntes Konzept der Nazis, in dem eine Reihe Schwarzer Menschen bis 1940 Arbeit fand; oder sie wirkten als Kompars*innen in Propagandafilmen mit. Filme, mit denen die Nazis hofften, die Kolonien zurückzuerobern.

Welche Konsequenzen gab es noch?

Im Rassenfanatismus der Nazis drehte sich vieles um die Idee einer ‚Reinheit des Volkes‘. Als die Rheinlandkinder in die Pubertät kamen und erste romantische oder sexuelle Beziehungen eingingen, wurde bei einem Geheimtreffen der Nazis die Entscheidung getroffen, diese Kinder zu sterilisieren. Der Jurist und NS-Politiker Wilhelm Frick war maßgeblich daran beteiligt. 1937 wurden etwa 400 dieser Kinder sterilisiert. Dies war, auch innerhalb der NS-Gesetzgebung, eine illegale Entscheidung. Man war sich durchaus bewusst, dass es zu Problemen führen könnte, sollte die Presse und damit die internationale Gemeinschaft davon Wind bekommen.

Als die Nürnberger Rassengesetze 1935 verkündet werden, welche die Heirat zwischen jüdischen Menschen und Deutschen untersagten, setzte sich Frick dafür ein, dieses Verbot auch auf Menschen afrikanischer Herkunft sowie auf Sinti und Roma auszuweiten.

Sollten sie dennoch versuchen zu heiraten, und das kam immer wieder vor, wurde ihnen häufig die Erlaubnis zur Eheschließung von einer Gesundheitsbehörde verweigert, die dies dann auch der Gestapo oder der Kriminalpolizei meldete. Diese schritten dann ein und versuchten mit Drohungen und Gewalt diese Beziehungen zu beenden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam es häufiger zu Sterilisationen und Inhaftierungen der Schwarzen Partner*innen. Sterilisationen wurden immer häufiger auch in Situationen außerhalb von Ehen durchgeführt – ein Zeichen einer zunehmenden Gewaltbereitschaft gegenüber Schwarzen Menschen und allen anderen, die als »fremdrassig« eingestuft wurden.

Gab es auch Geschichten des Widerstands?

Ja, es gab Widerstand auf verschiedenen Ebenen. Zwar gab es wenig organisierten Aktivismus, doch wir wissen von vielen einzelnen Geschichten, in denen Schwarze Menschen versucht haben, sich zu wehren.

Einer der bemerkenswertesten Fälle von Widerstand, von dem ich weiß, spielte sich in Frankfurt ab. Dort gab es einen kamerunischen Boxer, Kanssam N‘Danke. 1937 veranstaltet er in seinem Boxstudio regelmäßig einen Tanzabend für jüdische Jugendliche. Es war ein geschützter Raum, in dem sie Spaß haben konnten, ohne dass die Nazibehörden und die Polizei es mitbekamen. Das endete jedoch schnell, als die Gestapo davon erfuhr. Sie begannen gegen N‘Danke wegen der Förderung von ‚Rassenschande‘ zu ermitteln, also sexuellen Beziehungen zwischen gemischten Paaren. Da sie nicht genügend Beweise fanden, versuchte man ihn wegen des Verstoßes gegen die Steuervorschriften anzuklagen. Innerhalb von zwei, drei Monaten war  N’Danke nicht mehr in Deutschland. Er floh mit seiner Familie nach Paris.

Es gibt eine Reihe von Schwarzen NS-Überlebenden, die schon früh über ihre Erfahrung zu sprechen begannen – Fasia Jansen, Theodor Wonja Michael, Hans Jürgen Massaquoi – welche Rolle spielten sie im Erinnerungsprozess?

Fasia Jansen und Theodor Michael haben schon immer offen über ihre Geschichten gesprochen. Doch man hat jedes Mal das Gefühl, wenn Memoiren von Leuten wie Theodor Michael, Hans-Jürgen Massaquoi oder Gert Schramm veröffentlicht werden, dass die Presse zum ersten Mal davon erfahren hat, dass es Schwarze Menschen in Nazi-Deutschland gab. Dann folgt eine kleine Diskussion, aber bald ist wieder alles vergessen – bis die nächsten Memoiren erscheinen.

Wenn man sich aber Entschädigungsanträge anschaut, gab es bereits 1945/46 Schwarze Deutsche, die sagten: »Ich bin ein Opfer der Nazis. Ich will, dass das anerkannt wird und ich will eine Entschädigung.« Jüdische Organisationen haben sie unterstützt, ebenso wie andere Opfergruppen. Die Ausschüsse für die Opfer des Faschismus erkannten eine Handvoll Schwarzer Menschen als Opfer an. Ihre Geschichten wurden also erzählt, gerieten aber immer wieder in Vergessenheit. Ich denke, das liegt daran, dass nicht genug Leute zuhören. Die Gruppe von Betroffenen ist vergleichsweise klein und es gibt nicht genug Menschen, die ihre Geschichten erzählen und bekannt machen. Und das liegt auch an den Entschädigungsprozessen: Die Entschädigungsbeamt*innen verstanden nicht, wer diese Schwarzen Menschen waren, woher sie kamen und was mit ihnen im NS geschah. Es gab schon lange Schwarze Deutsche, die versuchten, ihre Geschichten zu erzählen. Doch sie wurden nicht gehört.

Das Interview führte und übersetzte Kathi King.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 407 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen