Das Filmstil zeigt einen Mann auf einer Treppe mit rotem Hemd
Filmstill aus Cavalo Dinheiro von Pedro Costa

Bruch­stellen einer Revolution

Die Nelken­revolution aus afrikan­ischer Perspektive

Die portugiesische Nelkenrevolution gilt als weitestgehend friedlicher Umbruch, der Demokratisierung und Dekolonisierung mit sich brachte. Aus Sicht der ehemaligen afrikanischen Kolonien war dieser Prozess jedoch um einiges vielschichtiger und ambivalenter. Literarische und filmische Werke zeigen diese Perspektiven.

von Doris Wieser

23.10.2024
Veröffentlicht im iz3w-Heft 405
Teil des Dossiers Black History Month

2024 wird das 50. Jubiläum der portugiesischen Nelkenrevolution gefeiert und das mit gutem Grund. Das gedenkwürdige Ereignis sucht seinesgleichen in der Weltgeschichte: ein fast gewaltfrei verlaufener Militärputsch gegen eine Diktatur, der nicht etwa zur Machtübernahme des Militärs, sondern zur Demokratisierung des Landes führte.

»Der 25. April begann in Afrika!«

Als die portugiesischen Hauptmänner in den Morgenstunden des 25. Aprils 1974 zu den Waffen griffen, um das Regime de Estado Novo zu stürzen, waren sie müde vom langen Kolonialkrieg, der 1961 in Angola, 1963 in Guinea-Bissau und 1964 in Mosambik ausbrach, und den sie als sinnlos einstuften. Abgesehen von vier Todesopfern und mehreren Dutzend Verletzten verlief der Putsch weitestgehend gewaltfrei. Deshalb wurde er praktisch sofort als Revolution bezeichnet und sogar mit dem schönen Wort »Nelkenrevolution« belegt – nach den Nelken, die aus den Gewehrläufen der Soldaten ragten.

Die afrikanische Sicht

Natürlich war die Nelkenrevolution ein entscheidender Moment für die Erlangung der Unabhängigkeit der fünf portugiesischen Kolonien auf afrikanischem Boden – Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik und São Tomé e Príncipe. Sie wird aber aus afrikanischer Sicht nicht als eigentlicher Grund für das Ende des Kolonialismus angesehen. Vielmehr seien es die Befreiungskriege gewesen, die einerseits zur Nelkenrevolution und andererseits zur Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten geführt haben. »Der 25. April begann in Afrika!« kann man auf Gemälden Francisco Vidals lesen, einem portugiesischen Künstler kapverdischer und angolanischer Abstammung.

In den Literaturen der afrikanischen Länder portugiesischer Sprache nehmen die Unabhängigkeitskämpfe verständlicherweise eine zentralere Stellung ein als die Nelkenrevolution. Bei genauerer Recherche findet man jedoch auch einige Texte, die die Nelkenrevolution explizit erwähnen und über sie reflektieren. Das sind zum einen Werke, in denen die Reaktionen kolonialer Funktionäre und weißer Siedler*innen in den Blick genommen werden. Zum anderen sind es aber auch solche, die kurioserweise nicht die Freude der Schwarzen Bevölkerung darstellen, sondern die Furcht derjenigen Afrikaner*innen, die in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum portugiesischen Regime standen.

Die weißen Siedler*innen gehen, die Geister bleiben

Zur ersten Gruppe gehört der Roman »Vinte e zinco« von Mia Couto aus Mosambik, der 1999 anlässlich des 25. Jubiläums der Nelkenrevolution erschienen ist. Der Titel ist ein Wortspiel. »Vinte e cinco« (fünfundzwanzig) wird zu »vinte e zinco« (Zink-und-zwanzig bzw. Wellblech-und-zwanzig), eine Anspielung auf die Wellblechhütten der afrikanischen Bevölkerung. Protagonist ist ein Agent der geheimen Staatspolizei (PIDE) namens Lourenço de Castro, ein Folterer von politischen Gefangenen, der sogar den mixed race Freund seiner eigenen Tante, deren Lebensstil er verurteilt, grausam misshandelt.

Nichts sollte für die Schwarzen übrig­bleiben

Als die Nachricht vom 25. April eintrifft, verliert Lourenço den Boden unter den Füßen, denn seine Funktion und Identität werden mit einem Schlag als null und nichtig erklärt. Angesichts dieser Orientierungslosigkeit erwägt er, dem Beispiel seiner Mutter zu folgen, die sich darauf vorbereitet, Mosambik zu verlassen. Dabei zerstört sie ihr Hab und Gut, ein rachsüchtiges Verhalten der Kolonist*innen, das von der Geschichtswissenschaft dokumentiert wurde. Nichts sollte für die Schwarzen übrigbleiben. Doch Lourenço wird es nicht gelingen, Mosambik lebend zu verlassen. Statt von den nun befreiten Häftlingen getötet zu werden, fällt er der Rache seiner Tante zum Opfer. Nennen wir es literarische Gerechtigkeit.

Im Roman »Crónica da Rua 513.2« von João Paulo Borges Coelho (2006) wird die fiktive Straße 513.2 in Mosambiks Hauptstadt Maputo zum Schauplatz. Weiße Siedler*innen vertrieben während der Kolonialzeit die dort ansässigen Afrikaner*innen. Nach dem 25. April 1974 beschließt die Mehrheit der weißen Bewohner*innen, das Land zu verlassen. Allerdings zerstören einige vor ihrer Abreise die Elektroinstallationen und Wasserleitungen ihrer Häuser, um sie unbewohnbar zu machen. Unter den Siedler*innen befindet sich ein PIDE-Agent, Inspektor Monteiro. Seine sofortige Reaktion auf die Nachricht über den Putsch in Lissabon besteht darin, eine Flinte in die Hand zu nehmen und wahllos Schwarze Menschen zu erschießen. Bald bekommt er es jedoch mit der Angst zu tun und flüchtet nach Südafrika.

Das Bemerkenswerteste an dieser figurenreichen Geschichte ist wahrscheinlich, dass die abgereisten Siedler*innen weiterhin als Geister in den Häusern spuken und die neuen Bewohner*innen belästigen. Die Gespenster sind eine Metapher für Portugals lange Weigerung, seine Kolonien aufzugeben, für einen überstürzten und zerstörerischen Abzug und eine nicht überwundene Vergangenheit. Die Geister beobachten und kommentieren nun besserwisserisch die Ereignisse der jungen Nation. Das beste Beispiel hierfür ist das Zusammenleben des Sekretärs der mosambikanischen Befreiungsorganisation FRELIMO, Filimone Tembe, mit dem Geist des Inspektors Monteiro, dem PIDE-Agenten, wobei sich interessante Parallelen zwischen der neuen und der alten Ordnung auftun.

Unter den Rädern der Re­volution

Die zweite Gruppe von Werken stellt Ereignisse dar, die die große Erzählung von der friedlichen Nelkenrevolution und der gelungenen Demokratisierung und Dekolonisierung in ein anderes Licht rücken. Sie spürt Menschen nach, die unter die Räder der Revolution gekommen sind. In der Erzählung »PeKadur di Sambasabi« (Der Sünder von Sambasabi), veröffentlicht 2020 im Band »Quando os cravos vermelhos cruzaram o Geba« (Als die roten Nelken den Geba überquerten), präsentiert Tony Tcheka den Fall eines Guineers namens Basinho. Er lässt sich während des Kolonialkriegs für das portugiesische Heer rekrutieren und kämpft – indoktriniert von der Propaganda des Estado Novo – in voller Überzeugung gegen die Rebellen der Afrikanischen Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde (PAIGC), das heißt gegen seine eigenen Landsleute. Auch ihn stürzt die Nachricht von der Nelkenrevolution in völlige Orientierungslosigkeit. Er steht vor der Wahl, nach Portugal auszureisen und dort auf eine Veteranenrente zu hoffen, die nur hochrangigen Offizieren zustand, oder auf seine Eingliederung in das Heer des befreiten Heimatlandes zu hoffen. Er entscheidet sich für letzteres, wird jedoch verhaftet und umgebracht. Tatsächlich hat die portugiesische Regierung sich nicht ausreichend um ihre afrikanischen Soldaten und deren Angehörige gekümmert und sie in ihren Ländern der Gefahr einer Hinrichtung ausgesetzt. In den drei Kriegsgebieten waren immerhin fast die Hälfte der portugiesischen Streitkräfte Afrikaner. Auch die Regierung der PAIGC steht in Tchekas Erzählung in der Kritik, da sie Hunderte der Betroffenen in Schnellverfahren hinrichten ließ.

Angst vor der Nelkenrevolution und ihren Folgen hat auch Ventura im Film Cavalo Dinheiro (2014) von Pedro Costa. Die Dokufiktion handelt von kapverdischen Migrant*innen im Großraum Lissabon. Der Protagonist, Ventura José Tavares Borges, wanderte Jahre vor der Nelkenrevolution ein, arbeitete im Baugewerbe und lebte in einem Migrantenviertel am Stadtrand. Jetzt ist er im Ruhestand, leidet unter starkem Tremor und verirrt sich ständig in den Fluren des Krankenhauses, in dem er stationär untergebracht ist. Ein Highlight des Filmes ist die fast 20-minütige Sequenz in einem Aufzug, einem klaustrophobischen Ort. Ventura ist dort scheinbar zusammen mit einem portugiesischen Soldaten gefangen. Der verwirrende Dialog zwischen den beiden lässt vermuten, dass es sich um einen vom Kolonialkrieg traumatisierten Soldaten handelt, der an der Nelkenrevolution beteiligt war. Doch der Soldat spricht auf Kreol, ohne seine Lippen zu bewegen, muss also Produkt von Venturas Fantasie sein. In der Szene durchlebt Ventura angstvolle Erfahrungen aus seiner Vergangenheit. Es wird deutlich, dass er die Ereignisse des 25. April 1974 nicht einordnen konnte und ihm die Soldaten, Waffen und Tumulte Angst einflößten. Pedro Costa erklärt in einem Interview, dass die Kapverdier*innen damals fürchteten, ausgewiesen oder gefangen genommen zu werden. Sie versteckten sich förmlich vor der neuen Ordnung. Der Film suggeriert, dass Ventura bis in die Gegenwart sozial nicht in Portugal angekommen ist und sich seine Lebensbedingungen nicht verbessert haben. Für ihn, wie auch für den guineischen Soldaten Basinho, gab es keine Nelken.

Filme und literarische Werke wie diese fungieren als Korrektiv der offiziellen Narrative der Nationen. Sie zeigen auf, dass auch ein so positiv besetztes Ereignis wie die Nelkenrevolution problematische Bruchstellen aufweist.

Doris Wieser ist Professorin für den Fachbereich afrikanische Literaturen und Kulturen portugiesischer Sprache an der Universität Coimbra in Portugal. Promoviert hat sie an der Universität Göttingen im Fach iberoromanische Literaturwissenschaft.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 405 Heft bestellen
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