Lateinamerikanische Literatur und das Dilemma mit dem Boom
Magische Realität neu aufgelegt?
Romane wie »Rayuela: Himmel und Hölle« von Julio Cortázar und »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez begründeten in den 1960er Jahren einen wahren Boom lateinamerikanischer Literatur, der später auch Deutschland erreichte. Aktuell lässt sich eine ähnliche Tendenz beobachten. Ist der boom latinoamericano zurück? Unsere Autorin wirft dafür einen Blick in seine Geschichte, die eng verknüpft ist mit dem so genannten »magischem Realismus«.
Als Gabriel García Márquez 2014 starb, war die Presse voller Trauer und Mythen um den Autor des Meisterwerks »Hundert Jahre Einsamkeit«. Man bezeichnete García Márquez etwa als »Begründer des ‚Magischen Realismus‘ in der Literatur« (Der Spiegel) oder den »Magier des Realismus« (Tagesspiegel) und meinte, dass die »Zeit des magischen Realismus vorbei« (Die Zeit) sei. Mit Márquez war der Autor gestorben, mit dessen 1967 in Buenos Aires erschienenem Roman »ein nie zuvor bekanntes Phänomen der Verbreitung und Popularisierung von Literatur« begann, schreibt Michi Strausfeld in ihrer Kulturgeschichte Lateinamerikas »Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren« (2019). Der argentinische Verlag Sudamericana konnte »gar nicht so schnell nachdrucken, wie die Nachfrage stieg, nach sieben Jahren war eine Million Exemplare verkauft.«
Ein neuer Boom aus Lateinamerika?
Vor einem Jahr war das Zauberwort des »Booms« wieder da. Mit dem Brasilianer Itamar Vieira Junior für »Die Stimme meiner Schwester«, dem Venezolaner Rodrigo Blanco Calderón für »Simpatía«, der Argentinierin Selva Almada für »Kein Fluss« und der Peruanerin Gabriela Wiener für »Unentdeckt« schafften es vier lateinamerikanische Schriftsteller*innen in die Short- bzw. Longlist des International Booker Prize 2024. Von einem »zweiten Boom des lateinamerikanischen Romans« ist auf der Seite des renommierten internationalen Literaturpreises die Rede. Bereits seit 2017 gelangten verhältnismäßig viele Autor*innen aus Lateinamerika in die jeweiligen Long- bzw. Shortlists. Damals gelangte die jetzt in Berlin lebende Argentinierin Samanta Schweblin für ihr Romandebut »Das Gift« als erste weibliche Stimme aus Lateinamerika in die Shortlist. »Ein neuer ‚Boom‘ der lateinamerikanischen Literatur ist auf dem internationalen Buchmarkt zu verzeichnen. Das Besondere: Er wird von Frauen ausgelöst«, so Peter B. Schumann (SWR).
Es ist unzutreffend, dass García Márquez der »Begründer des magischen Realismus« war
Wenn wir den britischen Literaturpreis beispielhaft als internationales Barometer anführen, auf die Gefahr, ob der vielen wichtigen internationalen Literaturpreise als einseitig wahrgenommen zu werden, ist es ebenfalls auffällig, dass von 2017 bis 2025 von den insgesamt gelisteten zwanzig Schriftsteller*innen aus Lateinamerika fünfzehn in die Long- bzw. Shortlist des britischen Literaturpreises gelangten*. Das ist beachtlich. Aber deswegen von einem weiblichen Boom reden? Handelt es sich vielleicht nicht eher um Tendenzen, gefiltert durch die Selektion von Werken, die ins Englische übertragen werden? Besteht nicht wieder die Gefahr, »eine europäische und durchaus kolonialistische Perspektive« einzunehmen, wie der Professor für Romanische Philologie Michael Rössner damals über die Rezeption des magischen Realismus provokant urteilte?
Der »Männerclub« des ersten Booms
Werfen wir einen kurzen Blick zurück zum ersten Boom des lateinamerikanischen Romans, der diese Bezeichnung nicht erfüllte, waren doch aus dem Boom der 1960er Jahre alle lateinamerikanischen Stimmen exkludiert, die nicht aus dem hispanoamerikanischen Sprachkontext stammten: »Was als lateinamerikanische Literatur betrachtet wurde, hat nicht nur die Brasilianer oder die Schriftsteller der indigenen Völker außer Acht gelassen, sondern war im Allgemeinen auf die literarisch stärksten Länder wie Argentinien, Mexiko, Kolumbien, Uruguay, Chile, Venezuela usw. konzentriert. Es gibt nur wenige Bemühungen, Autoren aus Honduras, El Salvador, Costa Rica, Guatemala, Bolivien oder Panama zu fördern.«, urteilt Caridad Tamayo, Literaturwissenschaftlerin der Casa de las Américas in Havanna.
Es ist unzutreffend, dass García Márquez der »Begründer des magischen Realismus« war, das war nämlich der Venezolaner Arturo Uslar Pietri, der den Begriff in die lateinamerikanische Literatur bereits 1948 einführte, und schon davor wurden Romane geschrieben, die sich dieser Ästhetik und Form bedienten. Es ist indes richtig: Als »Hundert Jahre Einsamkeit«, die Familiensaga der Buendía aus dem imaginierten Macondo erschien, war das ein »plötzlicher Durchbruch des lateinamerikanischen Romans von lokaler zu internationaler Bedeutung«, so die Literaturvermittlerin, Lektorin und Herausgeberin zahlreicher Anthologien Michi Strausfeld, dessen Anfänge sich bereits im Jahr 1959 verorten lässt. Der Literaturwissenschaftler Jorge Fornet zweifelt nicht daran, dass der Sieg der kubanischen Revolution eine gewisse Vorarbeit geleistet hatte und stellt fest: »Ab 1959 entfachte sich ein solches Interesse an unserer Region, dass sie maßgeblich zur Entwicklung des wohl bedeutendsten literarischen Phänomens in der lateinamerikanischen Literaturgeschichte beitrug.«
In Spanien trug Carmen Balcells aus Barcelona maßgeblich zur Verbreitung der hispanoamerikanischen Literatur diesseits des Ozeans bei. »Wahrscheinlich gibt es fast keinen Leser, der noch nicht den Namen Balcells gehört hat. Ihrer Person wird die Erschaffung des vielbeschworenen lateinamerikanischen Booms zugeordnet, angeführt von ihrem berühmtesten Kunden Gabriel García Márquez, schrieb die Journalistin Mercedes Alvarez 2022 in der argentinischen Zeitung Clarin. Die Literaturagentin scharte bald viele Schriftsteller in Barcelona um sich. Neben García Márquez waren da etwa der Peruaner Mario Vargas Llosa, der damals eher schlecht als recht mit seiner Familie in London lebte und der Uruguayer Juan Carlos Onetti, der es durch Balcells Unterstützung ins Exil nach Barcelona schaffte, wie auch Julio Cortázar aus Argentinien, der aus Protest gegen die Diktatur in seinem Land die argentinische Staatsbürgerschaft ablegte und die französische annahm oder der nach dem Militärputsch von 1973 ins spanische Exil geflüchtete Chilene Jorge Edwards. Diese und weitere Schriftsteller fanden in der katalanischen Hauptstadt in einer Zeit Zuflucht, als Lateinamerika von Diktaturen unter US-amerikanischer Regie mit eisernen Händen regiert wurde. Und ja, es handelte sich tatsächlich hauptsächlich um männliche Schriftsteller, was der ersten Boom-Generation Beinamen wie »Mafia« oder »Männerclub« einhandelte, erzählt Strausfeld augenzwinkernd in ihrer Literaturgeschichte.
Auch wenn 1982 die Chilenin Isabel Allende mit »Das Geisterhaus«, ein Familien-Epos aus dem 20. Jahrhundert, eine weibliche Stimme weltweit Sichtbarkeit erhielt, war sie für lange Jahre eine Ausnahmeerscheinung, zumindest im deutschsprachigen Raum.
McOndo und Generación Crack
Jeder Kanon, was in gewisser Weise diese ‚Explosion in der Verlagswelt‘ war, bringt Gegenbewegungen oder sogar Ressentiments hervor, die mitunter bis heute anhalten. So riefen die Boom-Literatur und der magische Realismus in Lateinamerika um die 1990er Jahre unter einigen ‚Enkeln‘ der Autoren um Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder Carlos Fuentes Gegenbewegungen hervor. 1996 erscheint die von den chilenischen Schriftstellern Alberto Fuguet und Sergio Gómez herausgegebene Anthologie »McOndo« (1996). »In den Erzählungen der Anthologie wird die für die Boom-Autoren maßgebliche politische Verpflichtung aufgegeben und die ‚magische, wunderbare‘ lateinamerikanische Wirklichkeit à la Macondo weicht einer urbanen, mediatisierten und (häufig) von den USA auch sprachlich beeinflussten Realität.« Daneben entstand das »Manifest der Cracks« um die mexikanischen Schriftsteller Jorge Volpi und Ignacio Padilla, für die das Abnabeln von der eigenen Heimat als literarischer Standort zum schriftstellerischen Konzept deklariert wird.*
Fuguet, wegen seiner literarischen Radikalität bei einigen Literaturkritiker*innen als schwarzes Schaf angesehen, erklärte unlängst in einem Podcast, welchen »Schaden« García Márquez angerichtet habe: Da er ein so großer Schriftsteller war, dachte man, dass man so schreiben müsse wie er, dass man über Lateinamerika so erzählen müsse »wie García Márquez es mit seiner Software tat, mit seinen Codes […] um ihn und seine Imitatoren baute sich eine regelrechte Software-Industrie auf«. Doch, und hier nähern wir uns auch dem Urteil des Romanistik-Professors aus München an, war es weniger die »Schuld« des Schriftstellers, sondern die von »Europa, das von Lateinamerika stets etwas erwartet. Wenn es nicht seinen Vorstellungen entspricht, ärgern sie sich«, so der Literaturjournalist Cristián Warnken in seinem Podcast »Du, heuchlerischer Leser« (Tú, hipócrita lector).
Wie denken die international neu entdeckten und noch zu entdeckenden Schriftsteller*innen über eine Einordnung in einen neuen lateinamerikanischen Boom? Benötigen sie dieses Etikett, um sich auf dem Weltmarkt positionieren zu können? Wie sieht es mit dem magischen Realismus aus? Ist er wirklich mit García Márquez gestorben? Das, und noch mehr, erfahren Sie in der Fortsetzung dieses Artikels in iz3w 413.