Revolution, Diktatur und Exil
Rezensiert von Volker Wünderich
10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415
Die Nicaragua-Solidarität in Deutschland konnte einmal großen, bewundernswerten Einsatz für die Revolution seit 1979 zeigen. Heute steht sie vor dem Problem, dass in Nicaragua eine brutale Diktatur herrscht und nur noch wenige Beziehungen zu Partnerorganisationen im Inland aufrechterhalten werden können. Es bleibt die Unterstützung der Geflüchteten im Ausland und der Kontakt zu einer politischen Opposition im Exil, die aber seit Jahren eher Verwirrung als Hoffnung stiftet. In dieser Situation liegt es nahe, innezuhalten und sich auf die Grundlagen und Perspektiven der eigenen Arbeit zu besinnen.
Ein politischer Dialog wäre fruchtbar gewesen, fand aber nicht wirklich statt
Das Informationsbüro Nicaragua in Wuppertal, das auf eine lange Tradition engagierter, undogmatisch-offener Arbeit zurückblicken kann, tut das jetzt in Form einer Textsammlung, in der sehr unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Viele Beiträge in dem Sammelband Sandinistische Revolution und internationale Solidarität: Kontinuitäten und Brüche einer fünfzigjährigen Beziehung sind Interviews, in denen mehr Fragen aufgeworfen als vorgefertigte Antworten geliefert werden. Da geht es noch einmal um das Verhältnis der Solidaritätsbewegung zur Revolutionspartei FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) in den 80er Jahren. Glücklicherweise ist der Rückblick nicht von Nostalgie verklärt. Er kommt zu dem nüchternen Fazit, dass ein politischer Dialog zwischen beiden fruchtbar gewesen wäre, aber nicht wirklich stattfand: »Weder wir von der Solidaritätsbewegung noch die FSLN waren dazu innerlich bereit.« Gleichzeitig wird daran erinnert, dass ab 1983 auf beiden Seiten des Atlantiks eine machtvolle Dynamik zur Verteidigung der Revolution gegen die US-Intervention in Gang kam, denn »Solidarität ist vor allem dann wichtig, wenn Revolutionäre unter Druck oder in die Defensive geraten«.
Stimmen aus der Solidaritätsbewegung
Einigen Beiträgen gelingt es, dem Geheimnis der Begegnung zwischen Aktivist*innen aus so weit entfernten und so gegensätzlichen Ländern wie Nicaragua und Deutschland auf die Spur zu kommen. Was musste da passiert sein, damit die Arbeit in der Kaffeeernte oder am Bau einer Schule wirklich zu einem gemeinsamen Projekt wurde, das gegen ungeahnte Bedrohungen und Widerstände durchgesetzt werden musste? Ehemalige Brigadist*innen berichten ehrlich und nachdenklich von ihren Erfahrungen. Dabei handelte es sich nicht um so etwas wie Nachhilfe oder »Entwicklungshilfe« für ein rückständiges Land. Die Begegnungen forderten beiden Seiten vieles bis an die Schmerzgrenze ab, und die Verständigung hinterließ bei der Arbeit und im inneren Erleben entsprechend tiefe Spuren. Aus Sicht der nicaraguanischen Seite schreibt Silvio Prado, dass sich nach dem Juli 1979 »ein unbekanntes Fenster zu den Völkern der Welt« öffnete und die Erkenntnis entstand, »dass das, was im Lande selbst geschieht, auch mit dem zusammenhängt, was außerhalb geschieht«.
In einer repressiven Diktatur geht es immer zuerst um die nackte Existenz
Zu Form und Bedeutung der Solidaritätsaktionen heute äußern sich kritische Stimmen wie die Soziologin María Teresa Blandón, die Historikerin Dora María Téllez und die exilierte Journalistin Lucila Campbell. Sehr lesenswert sind auch die Beiträge von drei Aktivist*innen aus ländlichen und kommunalen Initiativen, die aus Sicherheitsgründen nur unter Pseudonym erscheinen können. In der Rückschau ziehen sie eine bittere Bilanz der Revolution und grenzen sich scharf von der FSLN ab, die heute ein gefährliches Machtinstrument in den Händen Ortegas geworden ist. Außerdem sprechen sie illusionslos von den Oppositionspolitiker*innen, die schon im Vorfeld der letzten Wahlen kläglich versagt haben: »Sie repräsentieren nicht das Volk und sind vergessen worden.« Im Hinblick auf die gegenwärtige politische Arbeit stellt Matthias Schindler fest, dass sich eine deutliche Verschiebung vom Anti-Imperialismus zu Demokratie- und Menschenrechtsthemen ergeben hat. Das kann keine Überraschung sein, denn in einer repressiven Diktatur geht es immer zuerst um die nackte Existenz, um die Verteidigung von Grundrechten und um die Rückeroberung von demokratischer Freiheit.
Was bleibt von der Solidarität?
Das neue Nahua-Script ist schon darum zu empfehlen, weil es sich konkret und selbstverständlich einem Thema widmet, das im neoliberalen Zeitgeist mega out ist. Das Buch besteht mutig auf der Notwendigkeit der Solidarität. Für die Internationalistin Erika Harzer ist dieses Engagement mehr denn je gefordert, um »angesichts der sich zuspitzenden Weltlage handlungsfähig zu bleiben«. Aus Sicht des Fairen Handels stellt Andrea Fütterer sogar fest: »Wenn wir Solidarität und Kooperation nicht leben, haben wir keine Chance zum Überleben.« Welche Wege die Solidaritätsarbeit in Zukunft gehen kann, darüber muss die Diskussion weitergehen. Immerhin taucht ein Hoffnungsschimmer auf – beim Lesen des selbstbewussten Vorschlags der Journalistin Lucila Campbell: Die alte Frage, was von der »Frente« gerettet und was beseitigt werden muss, muss ihrer Meinung nach nicht mehr beantwortet werden. Die neue Generation »braucht keine Anker und kein Requiem. Sie muss das Neue sagen.«