»Geoutet zu werden kommt einem Todesurteil gleich«
Frauenrechtsaktivistin Yasar Alameen: humanitäre Arbeit in Libyen unter Druck
Audiobeitrag von Lars Springfeld
02.12.2025
Es bleibt herausfordernd und riskant, sich in Libyen für die Rechte von Migrant*innen einzusetzen. Kürzungen internationaler Entwicklungsgelder, beschleunigt durch die Wiederwahl Donald Trumps, schränken die bereits geschrumpften Räume für humanitäres und zivilgesellschaftliches Engagement weiter ein. Zudem fließen Budgets zunehmend in die Migrationsabwehr, statt in die Nothilfe für Geflüchtete, die unter schlimmsten Bedingungen in Lagern festgehalten werden. Indes geht die international anerkannte Regierung in Westlibyen gegen internationale NGOs vor: Am 27. März 2025 wurden zehn NGOs verboten – unter anderem mit dem Vorwurf, Homosexualität zu fördern. Yasar Alameen ist Frauenrechtsaktivistin und humanitäre Helferin. Sie kommt aus Ostlibyen und engagiert sich seit vielen Jahren im humanitären Bereich – zunächst ehrenamtlich, später als Aktivistin und Feministin.
Skript zum Audiobeitrag
südnordfunk #139 – Erstausstrahlung am 2. Dezember 2025
Yasar Alameen: Ich habe bereits einige Jahre Erfahrung im humanitären Bereich, weil ich mich schon in meiner Studienzeit mit 19 Jahren wegen der Revolution engagiert habe. Ich habe ehrenamtlich gearbeitet und viel in humanitäre Hilfe investiert. Schritt für Schritt wurde daraus mein Engagement als Aktivistin – und natürlich auch als Feministin.
südnordfunk: Auf Einladung der Frauenrechtsorganisation AMICA berichtet Yasar in Freiburg über die schwierige Lage in Libyen, wo Räume für zivilgesellschaftliches und humanitäres Engagement immer enger werden.
Yasar: In Libyen würde ich nicht von schrumpfenden, sondern von sich schließenden Räumen sprechen.
südnordfunk: Die Schließung der US-Entwicklungsbehörde USAID nach der Wiederwahl Donald Trumps bzw. nach dem 1. Juli habe einen Dominoeffekt ausgelöst.
Yasar: Meine Kolleg*innen arbeiten Tag und Nacht – und ich meine das wirklich so: Sie würden sogar um zwei oder drei Uhr morgens noch Menschen helfen. 65 Prozent von ihnen verlieren bis spätestens März nächsten Jahres ihre Verträge. Das ist leider die Realität.
südnordfunk: Yasar hat in Libyen für mehrere UN-Organisationen wie das Flüchtlingshilfswerk und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gearbeitet. Sie berichtet, dass finanzielle Mittel zunehmend dazu genutzt werden, Migrant*innen daran zu hindern, das Mittelmeer zu überqueren, statt ihre Rechte zu schützen.
Yasar: Das Geld fließt also nicht mehr in die Absicherung der Rechte von Migrant*innen. Statt grundlegende Menschenrechte zu gewährleisten, wird Migrant*innen in Libyen das Leben noch schwerer gemacht. Ich verstehe nicht, wie die Geldgeber glauben können, dass das im Interesse der Menschen ist.
südnordfunk: Als eine der wenigen humanitären Helfer*innen mit Zugang zu Lagern, in denen Migrant*innen festgehalten werden, kennt Yasar die dortigen Bedingungen aus erster Hand.
Yasar: Ich kenne nur sechs Personen, die Zugang haben – und selbst der ist stark eingeschränkt und überwacht.
Humanitäre Hilfe in Libyen unter Druck
südnordfunk: Die Lager sind im Grunde Gefängnisse.
Yasar: Es sind nicht wirklich Lager – ein Lager könnte man verlassen, aber hier ist man im Grunde gefangen. Niemand weiß, dass man da ist. Der einzige Ausweg ist die sogenannte freiwillige Rückkehr, »voluntary humanitarian return«. Das heißt, wer das Glück hat, eine bestimmte Nationalität zu besitzen, hat die Möglichkeit in sein Herkunftsland zurückzugehen. Ich möchte betonen, dass es zwar ‚freiwillig‘ heißt. Aber in Wirklichkeit bleibt oft keine Wahl. Wir versuchen in dieser Situation, so viel Hilfe wie möglich zu leisten, ohne das System zu unterstützen. Denn natürlich sind wir gegen Haftanstalten. Gleichzeitig geht es um Menschen mit humanitären Bedürfnissen. Wir versuchen, zumindest das Nötigste bereitzustellen: Hygieneartikel, Kleidung – aber die Versorgung bleibt mangelhaft, wir können nicht alles abdecken. Und das war noch vor der jetzigen Situation der ‚shrinking spaces‘.
südnordfunk: Viele der dort Inhaftierten wurden willkürlich festgenommen – oft mitten in der Nacht.
Yasar: Diese Menschen wurden aus ihren Häusern geholt. Sie waren keine Gefahr, sie hatten nichts getan. Wahrscheinlich sind sie als Migrant*innen ins Land gekommen und haben hier illegal gearbeitet. Sie wollten niemandem schaden, wurden aber im Schlaf verhaftet. Meist stürmt die Polizei nachts ihre Häuser, zwischen fünf und sechs Uhr morgens, um sie abzuführen. Einmal im Lager, ist es für sie praktisch unmöglich Unterstützung zu finden.
südnordfunk: In Libyen leben rund 700.000 Migrant*innen bzw. Geflüchtete, der überwiegende Teil sind Menschen afrikanischer Herkunft.
Yasar: Menschen afrikanischer Herkunft – aus Tschad, Niger, Nigeria oder Ghana – leben völlig abgeschottet. Und das aus eigener Entscheidung, aus Angst davor, was die libysche Gemeinschaft ihnen antun könnte. Sie leben also komplett getrennt.
südnordfunk: Im Gegensatz dazu haben Migrant*innen arabischer Herkunft es vergleichsweise leichter, da sie kulturell eher akzeptiert werden.
Yasar: Sie sprechen dieselbe Sprache und werden von der Mehrheitsgesellschaft als Araber*innen akzeptiert, also wenig diskriminiert.
südnordfunk: Libyen ist de facto geteilt: Der Osten wird von Militärmachthaber Chalifa Haftar kontrolliert, der Westen von der international unterstützten Regierung unter Präsident Abdul Hamid Dbeibeh. Doch die Hoffnung auf demokratische Veränderung ist gering.
Yasar: Im Parlament gibt es frühere Anti-Regime-Aktivist*innen, Exilpolitiker*innen und Menschen mit viel Erfahrung – wir setzten großes Vertrauen in sie. Doch ihre erste Entscheidung war, ihre eigenen Gehälter zu erhöhen. Das zerstörte das Vertrauen der Bevölkerung. Die Menschen glauben inzwischen weder an Wahlen noch an politische Parteien. Es herrscht noch immer ein Stammesdenken. Selbst ich, die nicht wirklich an dieses System glaubt, kann anhand des Nachnamens erkennen, zu welcher Kategorie jemand gehört – das ist sehr einfach. Es gibt bestimmte Gruppen, die viel Geld und Macht besitzen, andere mit großem politischen Einfluss, wieder andere, die als indigene Gruppen gelten, und so weiter. Es geht immer noch darum, dass jede Gruppe möchte, dass sie die Macht hat. Leider ist es wie fast überall: Wer Geld hat, hat Macht. Daher herrschen meist die Familien, die über die größten wirtschaftlichen Mittel verfügen.
südnordfunk: Im März 2025 ordnete die Regierung in Westlibyen die Schließung von zehn großen internationalen NGOs an – mit der Begründung, diese würden »Werte fördern, die der libyschen Identität widersprechen«, darunter Homosexualität. Für queere Menschen ist die Situation in Libyen lebensbedrohlich.
»Es gibt spezielle Polizeieinheiten und Milizen, die gezielt nach Menschen aus der queeren Community suchen.«
Yasar: Geoutet zu werden, das kommt in Libyen einem Todesurteil gleich. Es bedeutet nicht, dass man verhaftet wird, nicht, dass gegen einen ermittelt wird und auch nicht, dass man ins Gefängnis kommt. Es bedeutet, dass man hingerichtet wird – und vorher wird man von den Leuten festgehalten, die einen suchen. Es gibt dafür spezielle Polizeieinheiten und Milizen, die gezielt nach Menschen aus der queeren Community suchen. Sie geben sich als erstes selber das Recht, diese Menschen zu vergewaltigen. Oft wissen die Betroffenen, dass jemand nach ihnen sucht oder dass sie irgendwie geoutet wurden – durch eine Person, ein Foto, Dating-Apps oder etwas noch Kleineres. Viele nehmen sich das Leben, bevor sie überhaupt verhaftet werden, um dem zu entgehen, was ihnen passieren könnte.
südnordfunk: Ein weiterer Grund für das NGO-Verbot war das Bekanntwerden eines Netzwerks von Untergrundkliniken, die Frauen unterstützen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind – ein großes Problem, das vor allem Frauen auf der Flucht betrifft.
Yasar: Die Durchquerung der Wüste dauert mit dem Auto etwa drei Tage, weil die Straßen dort sehr schwer zu befahren sind. Innerhalb dieser drei Tage wird man unweigerlich von Menschenhändlern gestoppt. Sie kennen die Routen, sie kennen die Gegenden. Sie halten an und nehmen die jungen Mädchen, die älteren Mädchen – im Grunde jede junge Frau, die an Bord ist. Und sie werden, ich kann es nicht anders sagen, wahrscheinlich vergewaltigt. Die meisten dieser Frauen tauchen später bei uns auf. Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem wir abgestumpft sind. Wenn also ein Mädchen sagt, sie sei vergewaltigt worden, glaube ich ihr sofort und schicke sie direkt in die Klinik. Meist ist sie schwanger. Früher konnte ich sie, wenn sie Glück hat, an eine Stelle vermitteln, wo eine Abtreibung möglich war. Es ist in jeder Hinsicht eine sehr schwierige Situation für sie. Deshalb haben wir mithilfe internationaler Organisationen Untergrundkliniken eingerichtet, um dieses Problem anzugehen und dabei möglichst diskret zu bleiben. Aber nach sieben Jahren kam das schließlich ans Licht. Das ist sehr bedauerlich.
südnordfunk: Für Yasar ist ihre Arbeit als Frauenrechtsaktivistin und humanitäre Helferin mit hohen Risiken verbunden.
Yasar: Wer im humanitären Bereich arbeitet, ist einem hohen Risiko ausgesetzt. Wir werden kaum akzeptiert und gelten als Menschen mit eigener Agenda. Besonders gefährlich es ist, sich für die Rechte von LGBT einzusetzen. Wer Rechte für diese Gruppen fordert, bringt sich in große Gefahr. Als Mitarbeiterin der UNO habe ich etwas mehr Schutz …. In internationalen NGOs ist das nicht so. Kolleginnen wurden inhaftiert und während der Ermittlungen geschlagen.
südnordfunk: Trotz allem gibt Yasar die Hoffnung nicht auf.
Yasar: Anders als meine Kolleg*innen habe ich das Glück, zwei Tage pro Woche an vorderster Front zu arbeiten. Ich bin tatsächlich vor Ort und kann die Ergebnisse aus erster Hand sehen. In meiner Situation weiß ich: Wenn wir es nicht tun, tut es niemand. Ich erlebe, wie es ist, etwas zu geben – auch wenn es nur ein winziger Beitrag ist. Das ist mein Bewältigungsmechanismus. Das heißt nicht, dass ich keine Tage habe, an denen ich völlig am Boden zerstört bin. Es gibt Tage, an denen ich nichts verarbeiten kann. Ich bin selbst Mutter. Es ist schwer, zu sehen, wie Frauen kämpfen, schwer, zu sehen, wie Kinder leiden. Es ist schwer, helfen zu wollen und es nicht zu können.
Wenn Menschen zu mir kommen und sagen: ‚Bitte hilf mir, besorg mir das oder jenes, tu dies für mich,‘ und ich muss ablehnen – ‚Heute nicht‘ oder ‚Ich kann nicht‘ – dann habe ich natürlich schreckliche Tage. Aber ich versuche, so gut es geht, das Positive zu sehen: Wir sind nicht nur Worte, nicht nur Berichte und ein paar Fotos für einen Newsletter. Das ist zumindest, was ich sehe.
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Between Borders and Barriers – Shrinking Space for Humanitarian Response in Libya. Amica Café
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