Ohne Brot kein Frieden

Friedensarbeit in Mali zwischen Gewalt, Armut und Hoffnung

Audiobeitrag von Lars Springfeld

10.06.2026

Ende April 2026 blockierten in Mali bewaffnete Gruppierungen die Ausfahrtsstraße aus der Hauptstadt Bamako in den Norden, töteten den Verteidigungsminister der regierenden Militärs und begangen zahlreiche Überfälle vor allem auch gegen die Zivilbevölkerung. Lars Springfeld vom südnordfunk sprach vor Ort mit den lokalen Friedensaktivist*innen François Tendeng und Moctar Karama von EIRENE*. Die Ereignisse vom 25. April 2026 ließen die Themen des Gesprächs noch dringlicher erscheinen und wir fragten uns: Was bedeutet Frieden in einem Land, das seit mehr als einem Jahrzehnt von Gewaltkonflikten geprägt ist? Warum reicht militärische Sicherheit allein nicht aus? Welche Rolle spielen Armut, soziale Gerechtigkeit und lokale Konflikte? Und weshalb richtet sich der Blick internationaler Medien oft auf Geopolitik statt auf die Menschen vor Ort?

Skript Audiobeitrag - Friedensarbeit in Mali zwischen Gewalt, Armut und Hoffnung

Erstausstrahlung am 2. Juni 2026 im südnordfunk #145

südnordfunk: »Die Prüfungen, die Mali derzeit durchlebt, sind nur Hindernisse auf dem Weg zu Wohlstand und Entwicklung. Gerade in schwierigen Zeiten muss die Nation ihren Zusammenhalt stärken.« Das sagte der malische Präsident Assimi Goïta am 28. April 2026. Drei Tage nach den schwersten Angriffen in Mali seit 2012.

Die Angriffe vom 25. April 2026 waren für viele Menschen in Mali ein Schock. Erstmals seit Jahren gingen separatistische Tuareg-Rebellen und die mit Al-Qaida verbündete Terrorgruppe JNIM gemeinsam gegen den malischen Staat vor. Gleichzeitig wurden Militärstützpunkte und Städte in mehreren Regionen des Landes angegriffen. Darunter auch die Garnisonsstadt Kati nahe Bamako.

François Tendeng: Um 4:30 Uhr höre ich Maschinengewehrfeuer. Ich denke: Das kenne ich irgendwie. Es hörte nicht auf. Dann bin ich aufgestanden. Die Straße war leer. Mir wurde klar: Es ist ein Angriff, mitten in Bamako.

südnordfunk: Der Angriff, von dem François hier spricht, liegt bereits einige Zeit zurück. Die Ereignisse vom 25. April 2026 hatten jedoch eine ganz andere Dimension. Lars, wie hast du die Situation während der jüngsten Angriffe vor Ort erlebt?

Lars Springfeld: In unserem Stadtteil waren wir weit genug weg von den Kampfhandlungen, also habe ich nicht direkt davon mitbekommen. In der Hauptstadt herrschte weitgehend Alltag, abgesehen von einer nächtlichen Ausgangssperre. Das heißt nicht, dass die Ereignisse die Menschen kalt gelassen hätten. Die Angriffe lösten große Verunsicherung aus. Schnell verbreiteten sich Videos und Berichte aus den umkämpften Gebieten. Trotzdem hatte man nicht das Gefühl, dass das Land vor dem Zusammenbruch steht. Statt Panik erlebte ich vor allem große Solidarität mit der malischen Armee.

südnordfunk: Das überrascht. In vielen internationalen Medien war nach den Anschlägen von einem Scheitern der Militärregierung oder sogar von einem drohenden Zerfall des Landes die Rede.

Lars Springfeld: Ein solches Auseinanderklaffen von Berichterstattung und Alltagserfahrung in Mali ist nicht neu. Das wurde auch im Interview mit François und Moctar deutlich. Insbesondere während der schweren Treibstoffkrise im Herbst 2025 wurde im Ausland häufig der Eindruck vermittelt, das Land stehe kurz vor dem Kollaps. François schilderte mir dagegen vor allem die Solidarität und gegenseitige Unterstützung, die er damals erlebt hat.

François Tendeng: Die Leute haben die Situation einfach akzeptiert, denn es war nichts zu ändern, und haben sich an den Tankstellen organisiert. Das war irre! Statt einer Revolution sind neue Freundschaften entstanden. Die Leute haben nach zwei Tagen völlig Unbekannten ihren Autoschlüssel gegeben, damit sie nach Hause gehen und eine Nacht schlafen konnten. Falls sich die Schlange bewegt, konnte ihr Auto trotzdem weiterfahren.

Was François hier beschreibt, ist mehr als eine Geschichte über Solidarität in einer Krisensituation. Es geht um die Frage, wie Menschen auch unter schwierigen Bedingungen Zusammenhalt organisieren und Konflikte bewältigen. Genau dort setzt Friedensarbeit an.

südnordfunk: Was bedeutet Friedensarbeit in einem Land, das seit Jahren von Gewaltkonflikten geprägt ist? Das wollte Lars von François Tendeng und Moctar Kamara wissen.

Moctar Kamara: Unsere Philosophie ist klar: Wir arbeiten nicht mit bewaffneten Akteuren, ob Militär oder Terroristen. Wir arbeiten nicht mit Menschen, die Gewalt als Methode predigen oder bevorzugen. Das ist für uns eine klare Linie. Wir wollen Frieden fördern. Und das machen wir mit der Zivilbevölkerung.

François Tendeng: In unserer Vision gibt es keinen Platz für die Verherrlichung von Gewalt und Gewaltstrukturen. Man kann niemandem etwas beibringen, indem man ihm wehtut. In der Erziehung ist für mich klar: Wenn du zu Gewalt greifst, bist du am Ende deiner Kreativität. Wenn ein Vater sein Kind schlägt, ist er am Ende seiner Kreativität. Aber das ist keine Erziehung. Ich lehne das in der Familie ab, und ich lehne es auch in der Gesellschaft ab. Wir sind überzeugt, dass es anders geht.

Lars Springfeld: Ihr sprecht von Gewaltstrukturen, die ihr auch durch Erziehung zu durchbrechen versucht. Was sind aus eurer Sicht die Ursachen dieser Gewalt?

Moctar Kamara: Es ist schwer, die Konflikte genau zu beschreiben. Manche Probleme sind durch den Kolonialismus entstanden. Andere haben mit der Art zu tun, wie das Land seit der Unabhängigkeit regiert wurde. Es gibt Korruption und Ungleichheit. Und natürlich hat das Konsequenzen für die Menschen: Einige haben Wasser, andere nicht. Einige haben Strom, andere nicht. Die Konflikte sind also ein Erbe des Kolonialismus, aber auch ein Erbe schlechter Regierungsführung. Das führt dazu, dass viele Jugendliche keine Perspektive und keine Arbeit haben. Hinzu kommen der Krieg und die Knappheit natürlicher Ressourcen. Deshalb sagen wir: Die Konflikte in Mali sind sehr komplex.

François Tendeng: Diese Konfliktursachen verschwinden nicht. Aber im Verlauf eines Konflikts verändern sich die Dinge. Wenn wir Konflikte analysieren, tun wir das ganz gezielt bezogen auf einen bestimmten Zeitpunkt – nicht auf Metaebene. Wir haben weder die Mittel noch die Möglichkeit oder das Mandat, auf der Ebene der Regierung zu agieren. Nein, wir leisten zivilen Friedensdienst für die Bevölkerung. Friedensdienst ist ein weites Feld, aber der zivile Friedensdienst konzentriert sich auf die Friedensbedarfe der Menschen, mit denen wir arbeiten.

Lars Springfeld: Was versteht ihr unter Friedensbedarfen?

Moctar Kamara: Zum Beispiel ein Fall, an dem ich gerade arbeite: Goldschürfer und die lokale Bevölkerung haben sich geweigert, Steuern zu zahlen, weil es keine Transparenz gab. Es bestand der Verdacht, dass die Steuergelder nicht dort ankommen, wo sie ankommen sollen. Der Friedensbedarf ist hier: Transparenz bei der Verwendung der Steuern. Ein anderes Beispiel: Es kursieren so viele falsche Nachrichten, so viele Fake News. Während der Benzinkrise 2025 wurde zum Beispiel behauptet, Terroristen stünden kurz davor, Bamako einzunehmen. Solche Falschmeldungen gefährden den Zusammenhalt und den Frieden in Mali. Der Friedensbedarf wäre in diesem Fall: verlässliche Informationen. Konflikte weisen immer auf Friedensbedarfe hin. Deshalb entstehen Konflikte überhaupt erst. Das heißt, wir gehen nicht unbedingt von Konflikten aus, sondern von Friedensbedarfen: Welche Friedensbedarfe gibt es?

Lars Springfeld: Wo würdet ihr sagen, habt ihr wirklich etwas erreicht, vielleicht auch einen Konflikt moderiert oder gelöst?

Moctar Kamara: Als wir angefangen haben, war sensibler Journalismus kein großes Thema. Seitdem haben wir erreicht, dass viele Universitäten Friedensjournalismus als Studienfach eingeführt haben. Das war ein großer Erfolg unserer Arbeit. Denn vorher waren viele Journalistinnen und Journalisten nicht entsprechend ausgebildet. Sie haben Nachrichten nicht im Sinne des Friedens behandelt und damit teilweise sogar zur Eskalation von Konflikten beigetragen. Heute lernen Studierende an den Hochschulen, wie man sensibel mit Informationen umgeht.

»Unsere Philosophie ist klar: Wir arbeiten nicht mit bewaff­neten Akteuren, ob Militär oder Terroristen.«

Ein anderes Beispiel: In Sikasso gab es Konflikte zwischen Händlern und der Kommune über die Nutzung der Märkte. Durch unsere Intervention arbeiten die Beteiligten heute friedlich zusammen. Das ist ein kleiner Erfolg, aber auf der Ebene, auf der wir arbeiten, ist das sehr wichtig.

Lars Springfeld: Was sind mögliche Grenzen der Friedensarbeit? Also gibt es Situationen, in denen Friedensarbeit nicht ausreichend ist, in denen es andere Ansätze braucht?

François Tendeng: Frieden hat immer mit der wirtschaftlichen Lage der Menschen zu tun. Wir arbeiten gezielt mit Jugendlichen und Frauen. Denn das sind die Menschen, die innerhalb gesellschaftlicher Strukturen wenig Macht haben. Ich meine nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Macht. Hier stößt der Zivile Friedensdienst an seine Grenzen. Du kannst mit Menschen über Frieden reden, aber wenn du nicht auch dazu beitragen kannst, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern, fragst du dich manchmal: Was mache ich hier eigentlich?

Ich erinnere mich an einen Workshop, den ich in Burundi geleitet habe, und an eine junge Teilnehmerin aus dem Kongo. Am Ende sagte sie zu mir: „Il n’y a pas de paix sans pain.“ Auf Deutsch: Es gibt keinen Frieden ohne Brot. Zuerst habe ich das nicht verstanden und sie gebeten, es mir zu erklären. Dann schilderte sie mir ihr Leben im Kongo. Es gibt Milizen und kaum etwas zum Leben – oft nicht einmal genug zu essen. Kann sie unter solchen Bedingungen über Frieden sprechen?

Wir arbeiten im Bereich der Verhaltensänderung. Der Mensch muss sich ändern. Es geht um die Haltung der Menschen. Ich habe noch nie eine Kalaschnikow gesehen, die von allein auf Menschen schießt. Auf dieser Ebene arbeiten wir. Und hier liegt auch die Grenze des Zivilen Friedensdienstes: Wir können keine wirtschaftlichen Forderungen für die Menschen dursetzen, die innerhalb der bestehenden Strukturen wenig Macht haben. Deshalb sagen wir: Die Friedensarbeit, die wir leisten, muss die Menschen dabei unterstützen, ihr Verhalten zu ändern, damit sie nicht immer wieder in wirtschaftliche Abhängigkeiten geraten. Aber darüber hinaus braucht es Mittel, um Menschen in Not wirtschaftlich zu stärken.

Lars Springfeld: Es gibt keinen Frieden ohne Brot. Mit diesem Satz bringt François Tendeng eine zentrale Erkenntnis unseres Gesprächs auf den Punkt. Friedensarbeit bedeutet für ihn nicht nur Dialog und Versöhnung. Sie beginnt dort, wo Menschen Zugang zu Bildung haben, ihre Familien ernähren können und eine Perspektive für die Zukunft sehen. Doch wenn Frieden so viel mehr ist als die Abwesenheit von Gewalt, warum wird dann meist nur über Krieg, Terrorismus und Militär berichtet? Auch das habe ich François Tjendeng und Moctar Kamara gefragt.

François Tendeng:Wer sind die Menschen, die dort leben? Der Konflikt ist da, das wissen wir. Aber die Menschen, die dort leben, die sich tagtäglich überlegen, ob sie heute diesen Weg gehen oder nicht – mein Wunsch wäre, von ihrem Leben zu berichten, statt aus der Perspektive des Krieges. Das ist das Problem: Die Perspektive des Krieges ist eine Konsumperspektive.

südnordfunk: Vielleicht liegt genau darin eine Herausforderung, auch für uns Journalist*innen. Über Anschläge, Militär und geopolitische Konflikte wird viel berichtet. Deutlich seltener geht es um die Menschen, die trotz Gewalt ihren Alltag organisieren, Konflikte lösen und sich für Frieden einsetzen.

François Tendeng: Wir arbeiten mit Menschen, die heute in ihrem Dorf schlafen und nicht wissen, ob sie morgen noch dort sein werden. Wenn man ihre Perspektive einnehmen würde – nicht als Schwache oder als Menschen, die man bemitleiden muss, nein, das sind sehr, sehr starke Menschen, Menschen, die Respekt verdienen. Wenn man ihre Perspektive stärker in den Mittelpunkt stellen würde, dann könnte man auch auf der Ebene der Entscheidungsträger etwas verändern. Das ist es, was fehlt.

Ein Beitrag von Lars Springfeld.

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