Die erfundene Revolution
Wie die Bolschewiki ihr Revolutionsnarrativ schufen | iz3w
Die russische sogenannte Oktoberrevolution von 1917 markiert für viele einen Fixpunkt der globalen Linken. Erstmals habe das Volk damals alle Macht in die eigenen Hände genommen. Wie wurde dieses Narrativ begründet? Was ist dabei real? Welche Folgen gingen damit einher?
Benedict Anderson hat in seiner Studie »Die Erfindung der Nation« gezeigt, wie ein kultureller Prozess der Imagination im 19. Jahrhundert dazu führte, dass Millionen Menschen davon ausgingen, dass sie Teil einer Nation seien. Damit kann man die Frage stellen, ob Millionen von Linken nicht auch per Imagination dahin gebracht wurden, an eine Oktoberrevolution zu glauben. Andersons These befremdet bis heute den national formatierten bürgerlichen Alltagsverstand. Und genauso kann man sicher sein, dass viele Linke ungehalten werden, wenn man sagt, dass die sogenannte Oktoberrevolution von 1917 eine Erfindung ist. Beide Male verhindert eine Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit die Auseinandersetzung mit dem Mythos. Aber eine soziale Bewegung, die einen kritischen Zugang zu ihrer Geschichte verliert, erstarrt und verliert ihren emanzipativen Charakter. Und wie sehr das aktuell der Fall ist, zeigt der Umstand, dass Teile einer kriselnden Linken sich zurück in neoleninistische Politikmuster bewegen.
Zweifel
Dabei zeigt der Blick zurück, dass 1917 eine tiefgreifende Revolution in Russland möglich gewesen wäre. In der Februarrevolution beendete eine breite Bewegung den Zarismus und ersetzte die feudale Regierungsform durch eine Doppelherrschaft aus einer linksliberalen provisorischen Regierung sowie dem Arbeiter- und Soldatenrat der Hauptstadt, dem Petrograder Sowjet. Und kurz nach dem Sturz des Zaren im März 1917 begannen die Bauern im ganzen Land, auf eigene Faust die Güter und das Land der Adligen zu besetzen, zu plü