»Hier verwandelt sich etwas Schweres in etwas Kreatives und Schönes«
Interview mit Musiker Ahmed Eid zu seinem Projekt Palestine Music Space
Audiobeitrag von Frizzi Brama
03.09.2025
»Ein Monument der Hoffung und Kreativität«, so wird der Palestine Music Space auf Ahmed Eids Webseite beschrieben. Der Musiker lebt zwischen Berlin und Ramallah und ist Teil der Band Bukahara. Seit 2024 tourt er auch solo und mit der Band ILYF durch Europa. Ahmed Eid hat sein Leben und seine Kunst dem Aktivismus gewidmet. Mit dem Palestine Music Space in seiner Heimatstadt Ramallah will er für Künstler*innen der Generation Z musikalische Perspektiven schaffen und ihnen einen Ort der Sicherheit bieten. Dabei denkt er insbesondere an junge Menschen aus marginalisierten Gruppen. Im Interview erzählt Eid von den Sorgen und Wünschen der GenZ Palästinas sowie der Musik als Werkzeug, um sich künstlerisch und politisch auszudrücken.
Skript zum Audiobeitrag
südnordfunk #136 – Erstausstrahlung am 2. September 2025
Ahmed Eid: Ich heiße Ahmed und wohne mittlerweile zwischen Berlin und Ramallah. Ich bin Multiinstrumentalist, Produzent und Singer Songwriter und habe heute gleich ein Konzert in Basel.
Sprecherin: Seine Großeltern wurden während der Nakba vertrieben – also in der Zeit der Flucht und Vertreibung von Palästinenser*innen um 1948 aus dem heutigen Staatsgebiet Israels. Er selbst ist in Syrien geboren und hat seine Kindheit und Jugend in Ramallah verbracht. Die Kunst ist sein »Werkzeug für politischen Aktivismus«.
Ahmed Eid: Meine Eltern waren beide in Resistance-Gruppen; mein Vater auch als Schriftsteller und Dichter. Sie gehörten zu den Freiheitsbewegungen damals, die von den Sechzigern bis in die achtziger und neunziger Jahre aktiv waren. Und die haben teilweise auch Freunde verloren in diesen politischen Kämpfen. Wir sind also damit aufgewachsen. Das führt aber nicht dazu, dass ich weniger durch meine Musik aktiv bin.
Sprecherin: Wie kam es zum Palestine Music Space?
Ahmed Eid: Damals, als ich noch Teenager war, während der zweiten Intifada, hatte ich den Traum oder auch das Bedürfnis, einen Raum zu haben, in dem ein Schlagzeug, Bass und Gitarre zur Verfügung stehen und wo ich mit meinen Freund*innen rumhängen kann und den Teenage Rockstar Dream leben kann, sozusagen.
Sprecherin: Den »Teenage Rockstar Dream« hat Ahmed Eid mit dem Palestine Music Space dann 20 Jahre später für die Gen Z im Westjordanland verwirklicht.
Ahmed Eid: Ich habe vor drei Jahren angefangen zu recherchieren und bin mit dem Projektvorschlag zum Rathaus von Ramallah gegangen. Die fanden die Idee richtig geil und haben mir so ein altes Haus gegeben. Dort gibt es zwei Räume: Ein Raum als Proberaum mit allen Instrumenten, die gebraucht werden, um als Band zu proben, Musik zu schreiben und aufzunehmen. Der andere Raum - ein voll ausgestattetes Studio. Wir treffen uns ein- bis zweimal in der Woche und es gibt alle sechs Monate einen Produktionskurs, damit die Leute lernen können, wie man eigenständig das Studio benutzt, um Musik zu produzieren. Mittlerweile haben wir 15 Songs produziert, gründen bald ein Label und so wächst und wächst das.
Ein sicherer Hafen inmitten der Besatzung
Sprecherin: Wer kommt zum Palestine Music Space?
Ahmed Eid: Das sind ganz verschiedene Gruppen. Einige kommen aus Privatschulen, aber einige sind eher »marginalized« und nicht so privilegiert. Sobald wir aufgemacht haben und nachdem die Schule aus ist, kommen sie sofort zum Space und bleiben da bis wir zumachen. Alltäglich sind das 60 oder 70 Jugendliche und junge Erwachsene. Das Haus ist so zu einem Safe Haven, also einem sicheren Hafen geworden, wo sie einfach sie selbst sein können. Durch die Musik und die Gemeinschaft, können sie ihre Realität auf eine andere Art und Weise wahrnehmen.
»Es ist gar nicht abzusehen, was im Westjordanland abgehen wird in der nächsten Zeit«
Sprecherin: Was bedeutet es, dass der Palestine Music Space ein sicherer Hafen sein soll?
Ahmed Eid: Die Situationen, der Alltag ist ja auch schon sehr kompliziert und ist auch einfach sehr, sehr heavy. Es ist ja gar nicht abzusehen, was im Westjordanland abgehen wird in der nächsten Zeit. Das kann in verschiedene Richtungen gehen. Das krasseste Szenario ist tatsächlich ein ähnliches wie in Gaza. Eine große Angst ist, dass es wieder zu einer Massenvertreibung kommen wird.
Musikeinspieler (Ahmed Eid: »Ba'yeen Huna« (Hier bleiben wir))
Du hast uns die Last der Berge tragen lassen
Du hast uns den Atem der Meere vergessen lassen
Du hast uns unserer Freiheit beraubt
Du hast uns im Namen des Friedens getötet
Unsere Träume werden nicht bereuen oder ausgelöscht werden
Unsere Herzen werden nicht bereuen oder aufgeben
Wir alle bleiben hier, auch wenn nur die Herzen bleiben
Sprecherin: Ende Juli hat die israelische Knesset in einer sogenannten symbolischen Abstimmung die Annexion des Westjordanlands beschlossen. Das würde eine weitere Einschränkung palästinensischen Gebiets zur Folge haben. Wie gehen die Menschen mit dieser Unsicherheit um?
Ahmed Eid: An Orten, an denen politische und ökonomische Probleme herrschen, ist es selten, dass man Leute kennenlernt, die sich für Politik einfach nicht interessieren, wie das zum Beispiel hier in Europa immer wieder vorkommt. Fast immer versteht man sich als politischer Mensch. Das fängt auch schon relativ früh an.
Sprecherin: Der Alltag in der palästinensischen Gesellschaft liegt im Schatten der Besatzung und den alltäglichen Hindernissen, die durch diese entstehen. Wege sind geprägt von Check-Points, die die Bewegungsfreiheit massiv einschränken. Außerdem droht die Verdrängung durch weiteren illegalen Siedlungsbau. Erst kürzlich hat die israelische Regierung 22 neue Siedlungen in den C-Gebieten des Westjordanlands genehmigt.[6] Laut UN sind die Siedlungen völkerrechtswidrig.
Wenig Raum für politischen Protest
Sprecherin: Gibt es für die Gen Z im Westjordanland die Möglichkeit auf politischen Protest?
Ahmed Eid: Es gibt viele Crackdowns, also Proteste werden gewaltsam zerschlagen. Und zwar von beiden Seiten: Von der israelischen Besatzung, aber auch von der palästinensischen Autorität. Es gibt schon viele politische Bewegungen von jungen Menschen, die versuchen, sich selbst zu organisieren und auch ein Teil des ganzen politischen Spektrums zu werden, um so einen Unterschied zu machen.
Aber diese Bewegungen werden sowohl von den Palästinensern als auch von Israel oft downgecrackt, weil das auch alles ganz klar antizionistische Bewegungen sind. Dafür gibt es in diesen Zeiten in Palästina super wenig Raum, vor allem nach dem 7. Oktober.
»Die sind hier nicht in einer Institution oder in der Schule. Die sind hier zu Hause«
Sprecherin: Es gab vor dem 7. Oktober große Protestbewegungen, die in Israel monatelang gegen die Regierung Netanjahus auf die Straße gegangen sind. Hast du das Gefühl, dass es in Israel politische Kämpfe gibt, die die Rechte der Palästinenser*innen mit einschließen?
Ahmed Eid: Ganz und gar nicht. Vor dem 7. Oktober gab es ja auch immer wieder große Demos, in Tel Aviv vor allem. Das war aber eher darauf bezogen, was in Israel abgeht und was für Folgen die Politik für die israelische Community haben wird und nicht für Palästinenser*innen. Deswegen wird auch gesagt, dass das politische Spektrum in Israel krass nach rechts gerückt ist.
Mädchen werden musikalisch gefördert
Sprecherin: Dein Lied Ya Malaak von deinem Album Soloalbum Aghani Akhira ist ein Song gegen Femizide und patriarchale Gewalt. Ein Safe Haven bedeutet auch Schutz vor jeglicher Diskriminierung. Verhandelt ihr patriarchale Strukturen innerhalb der Workshops?
Ahmed Eid: Ja, auf jeden Fall. Wir versuchen halt erst mal, dass es nicht alles Männer im Team sind. Und das ist uns auch super wichtig, dass die Leute, die mitmachen, die Jugendlichen, dass auch immer weibliche Personen am Start sind, die den Space auch mitnutzen können und davon auch profitieren können. Dafür wollen wir Plattformen schaffen, damit es langfristig immer einfacher wird sich zu beteiligen. Deswegen haben wir jetzt auch so drei Girls Only Bands und es gibt auch in jeder anderen Band mindestens ein bis zwei weibliche Personen, die mitspielen. Wie man weiß, sind Jamsessions oft männerdominiert. Wir haben uns außerdem überlegt, einmal im Monat einen Femjam zu machen, bei dem mindestens die Hälfte der Leute auf der Bühne Frauen sein sollen. Das sind unsere Ansätze.
Musikeinspieler (Ahmed Eid: »Ya Malaak«)
Ahmed Eid: Viele von ihnen kommen nicht aus privilegierten Umgebungen und ich habe genau diese Jugendlichen explizit gefördert und immer wieder mit ihnen geprobt. So versuche ich, sicherzugehen, dass sie weiter auf Jamsessions gehen und sich immer wohler fühlen.
Kurz bevor ich nach Europa gekommen bin, hatte ich mit einer Mädchenband eine Probe und die eine Songwriterin, die 15 Jahre alt ist, hat einen unfassbar geilen Song geschrieben. Sie hat auf ganz persönliche Art erklärt, wie sie einfach die Realität wahrnimmt. Sehr poetisch.
Sprecherin: Die Realität anders wahrnehmen und die eigene Geschichte erzählen sollen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Songwriting und in der Gemeinschaft des Space. Ohne Sprech- und Denkverbote.
Ahmed Eid: Die sind hier nicht in einer Institution oder in der Schule. Die sind hier zu Hause. Es ist ein Ort, wo man diese ganze Wut und diese ganzen negativen Gefühle rauslassen kann und an dem das auch sehr produktiv sein kann.Das verwandelt sich tatsächlich von was sehr Hartem und Schwerem in irgendwas sehr Kreatives und auch teilweise auch sehr Schönes.