Industriegebäude mit grauen Schornsteinen und Förderbändern am Ende einer Straße
Foto: Werner Maschewsky

»Gerade jetzt sind Rückzug und Fatalismus fehl am Platz«

Interview mit Philipp Staab: Warum grüner Kapitalismus scheitert und dabei neue Räume entstehen

Philipp Staab ist Soziologe und Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Er forscht zu Digitalisierung, Kapitalismus und gesellschaftlichem Wandel. Im Interview spricht er über das Scheitern grüner Modernisierung, die Systemkrise liberaler Demokratien und warum Linke jetzt Haltung zeigen müssen.

Das Interview führte Pauline Kratzat

08.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415
Teil des Dossiers Degrowth

iz3w: Du schreibst in deinem neuen Buch »Systemkrise«*, dass der »grüne Kapitalismus« in einer Legitimationskrise ist. Was ist das eigentlich, grüner Kapitalismus?

Philipp Staab:Grüner Kapitalismus oder die ökologische Modernisierung sind der große politische und wirtschaftliche Entwurf dazu, wie Gesellschaften weltweit, insbesondere die frühindustrialisierten Gesellschaften wie Deutschland, mit der ökologischen Frage bzw. mit dem Klimawandel umgehen. Sie setzen nicht auf Degrowth oder andere wachstumskritische Ansätze, sondern darauf, die ökologische Frage systemkompatibel zu organisieren, also mit privater Profitorientierung und Kapitalismus. Für Klimaneutralität und Dekarbonisierung (Ausstieg aus fossilen Brennstoffen) wird deshalb auf technologische Innovationen gesetzt, die beides schaffen sollen: dekarbonisieren und wirtschaftliches Wachstum generieren.

In den letzten 30 Jahren hat sich daraus ein Rahmen für politische Steuerungsversuche entwickelt, der von der globalen Ebene der Klimagipfel über nationale Gesetzgebung bis in die Lebenswelt der Menschen reicht, wo der grüne Kapitalismus etwa als Heizungsgesetz oder E-Auto Prämie ankommt. Historisch gesehen ist das eine durchaus beeindruckende Leistung, die einen langen Vorlauf hatte und sich erst entfalten musste. Zum

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