Portugal postkolonial
Koloniales Erbe kritisch erinnern oder abreißen?
Zwischen Nelkenrevolution und Rechtsruck: Auf seiner Reise durch Portugal geht unser Autor der Frage nach, wie in der einstigen Kolonialmacht Portugal mit dem Erbe des Kolonialismus im öffentlichen Raum umgegangen wird.
Als ich im März zum ersten Mal durch Portugal reiste, lenkte die Frage nach dem Umgang mit Portugals kolonialem Erbe meinen Blick auf Statuen, Denkmäler, Straßennamen und Museen. Zwar gab es erste politische Schritte der Aufarbeitung: So hat beispielsweise der portugiesische Premierminister António Costa im Jahr 2022 zum ersten Mal um Entschuldigung für das Massaker von Wiriyamu in der mosambikanischen Provinz Tete gebeten. Trotz der warmen Worte, ist Portugal von einer umfassenden Aufarbeitung jedoch noch weit entfernt. Für weite Teile der Bevölkerung in Mosambik bedeutet das koloniale Erbe bis heute Ausschluss – von Bildung, Land, politischer Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit.
50 Jahre Nelkenrevolution
Das Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft war untrennbar mit dem Sturz der klerikal-faschistischen Diktatur verwoben. Am 25. April 1974 wurde ohne größere Gewalt und mit großem Rückhalt in der Bevölkerung der Rücktritt des Salazar-Nachfolgers Marcelo Caetano erzwungen. Nach dem Sturz der Diktatur wurde 1975 die Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien vollzogen, darunter Angola und Mosambik, aber auch Guinea-Bissau, Kap Verde, São Tomé und Príncipe.
Den Portugies*innen ist das ‚Entdeckertum‘ fest in ihr Selbstverständnis eingeschrieben
Ein Jahr nach dem 50-jährigen Jubiläum begegnen mir noch vielerorts die Erinnerungen an das Ende der Diktatur. In Faro wurden zum Andenken zahlreiche Stromkästen mit Nelken und dem Wort »Liberdade« (dt.: Freiheit) bemalt. In Lissabon trägt die berühmte Brücke, die sich wie eine zu Stahl gewordene Nelke über den Tejo beugt und vormals nach Diktator Salazar benannt war, seit der Revolution den Namen »Ponte 25 de Abril« (dt.: Brücke des 25. April).
Entdecker und Nationalhelden
Im Herzen von Porto weist die Statue von Heinrich dem Seefahrer, Begründer der ‚Entdeckungsfahrten‘, mit dem Finger gen Süden – Richtung Afrika. Ganz nah am Meer steht auf der Praça do Império (dt.: Platz des Imperiums) die Statue »Ao Esforço Colonizador Português« (dt.: Der portugiesischen kolonisatorischen Errungenschaften), die seit der Kolonialausstellung 1934 an das portugiesische Kolonialimperium erinnern soll. Auf Fotos aus dem Jahr 2018 sieht man die Hände der heroischen Krieger mit roter Farbe beschmiert – heute keine Spur mehr davon. In Faro befindet sich das Restaurant »Columbus« unweit von der »Rua Vasco da Gama«. Die frühen Wegbereiter des Kolonialismus werden heute unterschiedlich bewertet, doch in Portugal wird Vasco da Gama weiterhin als Nationalheld verehrt. Den Portugies*innen ist das ‚Entdeckertum‘ fest in ihr Selbstverständnis eingeschrieben. An diesen glorreichen Eroberungen hielt Portugal sich fest, während sich gemeinhin sein Ruf als Armenhaus Europas verbreitete – bis heute.
In leuchtendem Sandstein prangt das wohl größte und markanteste Denkmal am Tejo-Fluss: O Padrão dos Descobrimentos (dt.: Denkmal der Entdeckungen). Als Padrão wurden auch jene steinernen Stelen bezeichnet, die die ‚Entdecker‘ errichteten, um den Besitzanspruch der portugiesischen Krone zu markieren. Das 56 Meter hohe Denkmal ist eine beliebte Touristenattraktion und ziert zahlreiche Postkarten. Der Platz vor dem Denkmal zeigt eine Weltkarte, die 1960 unter dem Salazar-Regime hinzugefügt wurde und zahlreiche Orte, die unter portugiesischen Einfluss standen, kennzeichnet – darunter Mosambik, Angola, Brasilien oder Goa. Der Verlust dieses Einflusses wird dabei nicht sichtbar gemacht. Keine Spur vom Ende des portugiesischen Kolonialismus, keine Hinweise und Verantwortungsübernahme für seine Schreckenstaten: Kein Wort über den transatlantischen Sklavenhandel, die Grausamkeiten der Kolonialkriege, die Napalm-Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die Folterungen der Geheimpolizei PIDE, die Massaker und das Abfackeln ganzer Dörfer.
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»Ponte 25 de Abril« (dt.: Brücke des 25. April) - Lissabon | Foto: David-Simon Groß -
Geschäfte in Faro sind gefüllt mit kolonialen Waren | Foto: David-Simon Groß
Versteckte Geschichte(n)
Dabei schlummern die Geschichten überall: In einem Antiquitätenladen in Faro entdecke ich neben Masken und Schnitzereien aus aller Welt zahlreiche Bilder von Kolonialsoldaten. Auch der Besitzer des Ladens ist in Mosambik aufgewachsen – einer der rund 500.000 »Retornados«, ehemalige Kolonialbeamte und Siedler, die nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien nach Portugal (zurück-)kehrten, obwohl viele von ihnen dort zuvor nie gelebt hatten. Fast jeder männliche Portugiese über 70 musste vier Jahre Wehrdienst leisten – rund 800.000 von ihnen wurden zwischen 1961 und 1974 in den Kolonialkriegen eingesetzt. An allen Ecken und Enden stolperte ich über Spuren der kolonialen Vergangenheit, die ohne Einordnung wie die Glorifizierung eines ruhmreichen Imperiums wirken. Vereinzelte Orte der kritischen Erinnerung und Institutionen, die sich der Aufarbeitung des Kolonialismus widmen, lassen sich dennoch ausfindig machen: Im renommierten Kino Batalha in Porto erinnert eine Ausstellung an die Kino-Bewegungen der Unabhängigkeitskämpfe.
Andere globale Player haben Portugals Platz eingenommen
Das mosambikanische Kino um Ruy Guerra, der 1979 mit »Mueda, Memória e Massacre« einen Film über das Trauma eines Massakers drehte, sowie die aufklärerischen Formate des Kuxa Kanema erhalten dabei einen prominenten Platz. Das Museum Aljube, das sich in dem ehemaligen PIDE-Gefängnis in Lissabon befindet, widmet sich ganz dem Thema »Widerstand und Freiheit«. In der Dauerausstellung befindet sich ein umfangreiches Kapitel über die Unabhängigkeitsbewegungen in Guinea-Bissau, Angola und Mosambik. An einem Kreisverkehr in Faro begegne ich zufällig einer Statue mit drei strahlend weißen Figuren. Das »Monumento aos Combatentes do Ultramar« (dt.: Denkmal der Überseesoldaten) wurde 1994 errichtet und erinnert an die portugiesischen Soldaten, die in den Kolonialkriegen gefallen sind. Die ineinander verschränkten Arme der Figuren sollen für den Zusammenhalt und die Opferbereitschaft der portugiesischen Armee stehen. Auch hier kein Gedenken an die Opfer auf Seiten der kolonisierten Bevölkerungen. Noch immer gibt es keine ausreichende Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, die während der Kolonialzeit und insbesondere im Unabhängigkeitskrieg von den portugiesischen Truppen begangen wurden.
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O Padrão dos Descobrimentos (dt.: Denkmal der Entdeckungen) - Lissabon | Foto: David-Simon Groß -
Aus der Zeit gefallen - koloniale Bilder und Postkarten | Foto: David-Simon Groß
Was tun mit den Statuen?
Die Frage bleibt also: Was tun mit Denkmälern, die den Kolonialismus und die Kolonialkriege verherrlichen? Sollten wir alle Statuen mit kolonialer Anmutung einfach abreißen? Und wer sollte eigentlich darüber entscheiden dürfen? Es gibt immer mehr zaghafte Versuche der Aufarbeitung: Immer wieder gibt es Debatten über die Errichtung eines Museums zur portugiesischen Kolonialgeschichte. Historiker*innen und Aktivist*innen betonen die Notwendigkeit solcher Museen, um die komplexe Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten. Doch die Umsetzung bleibt ungewiss – zu groß sind die politischen Widerstände gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe. Am Cais do Sodré in Lissabon soll ein Mahnmal an die Millionen Menschen erinnern, die als Sklaven von portugiesischen Schiffen über den Atlantik verschleppt wurden. Doch auch dieses Projekt ist umstritten: Während Aktivist*innen es als längst überfällig betrachten, gibt es von rechter Seite Widerstand gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe. Unter anderem wird befürchtet, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe zu Forderungen führen könnte, die Portugal mit finanziellen Entschädigungen und Restitutionen belasten würden. Mosambik, sowie andere ehemalige Kolonien haben wiederholt Entschädigungsforderungen gestellt, um die tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Kolonialismus abzumildern.
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Postkoloniale Kontinuitäten
Die Recherche lenkte meinen Blick vor allem auf Museen, Straßennamen und Statuen – aber auch der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit in Schulen und Universitäten, sowie zivilgesellschaftliche Initiativen sind wichtige Bausteine für einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel. Doch mehr Wissen allein reicht nicht aus, um diese Geschichte wirklich aufzuarbeiten. Es geht nicht nur um eine rein akademische Auseinandersetzung, sondern um eine tiefgehende Reflexion der kolonialen Auswirkungen, die bis heute spürbar sind und letztlich um den Abbau teilweise noch immer bestehender und neuer Machtverhältnisse. Auch wenn heute keine ehemalige portugiesische Kolonie wirtschaftlich von Portugal abhängig ist, haben andere globale Player dessen Platz eingenommen.
Der portugiesische Kolonialismus hat aber auch einen lusophonen (portugiesisch-sprachiger) Kulturraum geschaffen, in dem, vielfältige ‚portugiesische‘ Geschichten und Identitäten im Austausch stehen. Doch postkoloniale Kontinuitäten bestehen weiter und zeigen sich unter anderem in anhaltendem Rassismus und sozialer Ungleichheit. Eine stärkere Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte, die Verantwortungsübernahme für Gewalttaten sowie die zeitgemäße Einordnung der bestehenden Denkmäler durch ergänzende Verortungen von Gedenktafeln an die Opfer könnten erste Schritte sein, um neue Impulse in der kollektiven Erinnerung anzustoßen. Doch sollten vor allem die Betroffenen und die Nachkommen der Kolonisierten maßgeblich in die Entscheidung über solche Denkmäler und deren Umgestaltung involviert werden.
Mit diesen Gedanken und dutzenden Bildern von Statuen im Gepäck bringt mich ein Uber-Taxi zurück zum Flughafen. Die Fahrerin kommt aus Brasilien und erzählt mir von ihren prekären Arbeitsbedingungen und dem Fehlverhalten besoffener Touristen in ihrem Auto. Im Radio läuft »Mas que nada« (dt.: Ach, was soll’s?).
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Auffällig unauffällig - Erinnerung an die Nelkenrevolution vor 50 Jahren | | Foto: David-Simon Groß -
Weltkarte erinnert an Portugals kolonialen Einfluss unter Salazar | Foto: David-Simon Groß