»Dekoloni­sation der Koloni­sierer«

Rezensiert von Joachim Zeller

10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415

In den zurückliegenden Jahrzehnten sind hierzulande viele koloniale Erinnerungsorte »ausgegraben« und sichtbar gemacht worden. Maßgeblich daran beteiligt waren zivilgesellschaftliche Akteur*innen, insbesondere diasporische Gruppen und engagierte Einzelpersonen. Zu deren Betätigungsfeld gehören auch postkoloniale Stadtrundgänge, die mittlerweile in vielen deutschen Städten von Aktivist*innen angeboten werden. In ihrer an der Universität Passau, im Fachbereich Regionale Geographie eingereichten Promotion nimmt Ina Voshage diese Thematik in den Fokus.

Mit ihrer Studie über Postkoloniale Stadtrundgänge in Deutschland erweitert die Autorin die bis dato dominante geschichtswissenschaftliche und geschichtsdidaktische Forschung um sozialgeographische und geographiedidaktische Perspektiven. Voshage knüpft dabei an postkoloniale Theorien an. Sie bedient sich eines Methodenmixes und führt qualitative Interviews mit den Anbietern von Rundgängen. Die aktivistischen Interventionen ordnet sie als wichtigen Bestandteil des Dekolonisierungsprozesses ein. Die Initiativen zielen darauf ab, ein erinnerungspolitisches Bewusstsein in der Bevölkerung zu fördern, den Blick für die kolonialen Kontinuitäten zu schärfen und für die andauernden Ungleichheitsverhältnisse zu sensibilisieren.

In vielen Städten werden postkoloniale Stadtrundgänge angeboten

Wenn auch Voshage eine lesenswerte Arbeit zur postkolonialen Stadtraumforschung vorgelegt hat, so muss doch auf einige gravierende Mängel hingewiesen werden. Ein Blick besonders in das Kapitel »Stand der postkolonialen Stadtforschung« und in die Literaturliste offenbart, dass sie eine Vielzahl von einschlägigen Publikationen einfach ignoriert hat. Dies soll an zwei Beispielen verdeutlicht werden, nämlich bezüglich der Städte Berlin und Hamburg. Was Hamburg betrifft, so ist es fahrlässig, nur auf den Sammelband »Hamburg. Tor zur kolonialen Welt« (Zimmerer/Todzi) hinzuweisen. Dies übergeht, dass schon Jahre zuvor der leider viel zu früh verstorbene Heiko Möhle mit dem Band »Branntwein, Bibeln und Bananen« die erste koloniale Spurensuche in der Hansestadt ediert hat. Heiko Möhle kann zu den wichtigsten Pionieren für postkoloniale Stadtrundgänge gezählt werden. Außerdem fehlt jeglicher Hinweis zu dem zivilgesellschaftlichen Arbeitskreis Hamburg Postkolonial. Im Kontext von Berlin reicht es nicht, nur die Gruppe Berlin Postkolonial anzuführen. Von den Initiativen des Afrika-Hauses sowie dem dort angesiedelten Verein Farafina und seiner Publikation »Berlin – Eine postkoloniale Metropole« (Diallo et al.) scheint die Autorin ebenfalls nichts gehört zu haben.

Wären diese und viele weitere Veröffentlichungen berücksichtigt worden, hätte dies die Analyse der Studie wesentlich geschärft. Es wäre der Autorin auch gedämmert, dass auch unter postkolonialen Initiativen bei aller vorherrschenden Solidarität mitunter eine scharfe Konkurrenz besteht, vor allem dann, wenn es mehrere in einer Stadt gibt, wie in Berlin. Staatliche oder städtische Fördergelder, die oftmals nur an Hochschulen oder Institutionen fließen, während zivilgesellschaftliche Gruppen sowie diasporische und migrantische Selbstorganisationen viel zu oft leer ausgehen, sind ein weiterer Streitpunkt. Im Übrigen erfasst man auch nicht ansatzweise den Forschungsstand zu kolonialen Erinnerungsorten, wenn nur auf das Buch »Kein Platz an der Sonne« (Zimmerer) verwiesen wird. Dieses war mitnichten das erste Projekt seiner Art, wie von Voshage behauptet. Das war vielmehr der Sammelband »Kolonialismus hierzulande« (van der Heyden et al.).

Die postkolonialen Stadtrundgänge in Deutschland werden ganz überwiegend von zivilgesellschaftlichem Engagement getragen. Mithin handelt es sich um eine Erinnerungspolitik »von unten«, um zu einer »Dekolonisation der Kolonisierer« (Osterhammel) beizutragen, über die Geschichte des antikolonialen Widerstands aufzuklären sowie die Stimmen der Kolonisierten hörbar zu machen. Die Konditionen, unter denen dabei gearbeitet wird, bedürfen weiterer Aufmerksamkeit der historisch, stadtgeographisch und didaktisch ausgerichteten Forschung.

Joachim Zeller

Ina Voshage: Postkoloniale Stadtrundgänge in Deutschland. Schritt für Schritt ‚andere‘ Perspektiven auf öffentlichen Raum einnehmen. Franz Steiner Verlag 2026. 215 Seiten, 46 Euro.

 

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