»Eine Wüste für Journalist*innen«
Pressefreiheit in der Westsahara
Audiobeitrag von Antonia Vangelista
06.05.2025
Am 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Während Journalist*innen weltweit häufig und immer öfter in ihrer Arbeit eingeschränkt werden, ist ihre Situation in der Westsahara besonders bedrohlich. Das von Marokko beanspruchte Gebiet, dessen Status umstritten ist, gilt als »Wüste für Journalist*innen«. Über die Situation der Sahrauis, der ursprünglichen Bewohner*innen Westsaharas, dringen kaum Informationen nach außen, und ausländischen Journalist*innen ist die Einreise meistens verwehrt. Gegen diese Stille kämpft seit 2009 das Medienkollektiv Équipe Média an. Hier arbeiten gut dreißig sahrauische Journalist*innen. Für den südnordfunk sprach Antonia Vangelista mit Mohamed Mayara, Journalist und Koordinator von Équipe Média.
Skript zum Beitrag - Medienarbeit in Westsahara
Erstausstrahlung südnordfunk 6. Mai 2025 | Radio Dreyeckland
In einem Bericht von 2019 hat Reporter ohne Grenzen (RSF) die Westsahara als eine »Wüste für Journalist*innen« bezeichnet. Für den Bericht hat RSF auch mit deinen Kollegen von Équipe Média gesprochen. Trifft die Beschreibung zu?
Mohamed Mayara: Ja. Denn Marokko versucht, die lokalen Journalist*innen und Medienaktivist*innen zum Schweigen zu bringen, die es wagen, die Geschichten der Sahrauis, der rechtmäßigen Bewohner*innen der Westsahara, an die internationale Öffentlichkeit zu bringen. Équipe Média ist die einzige Informationsquelle aus den besetzten Gebieten. Seit 2009 versuchen wir, eine zuverlässige Informationsquelle zu sein. Wir haben Daten gesammelt und Berichte in verschiedenen Sprachen verfasst, beispielsweise auf Englisch, Spanisch, Französisch und Arabisch. So wollen wir die unerzählten Geschichten weltweit bekannt machen.
Das ist nicht leicht. Wenn wir, etwa in den sozialen Medien, über die Menschenrechtsverletzungen in der besetzten Westsahara berichten, sehen wir uns Gegenangriffen ausgesetzt. Diese Gegenangriffe äußern sich beispielsweise in Cyberangriffen gegen uns. Unsere Website und unsere Social-Media-Konten werden immer wieder von den marokkanischen Geheimdiensten gehackt. Sahrauischen Journalist*innen sind vielen Gefahren ausgesetzt. Einige Kolleg*innen und Freund*innen sitzen noch immer hinter Gittern. Andere wurden verhaftet, entführt und gefoltert, und ihre Ausrüstung wurde beschlagnahmt.
Auch die Webseite von Équipe Média lässt sich zur Zeit nicht mehr aufrufen. Wie schwierig die Arbeit des Kollektivs ist, dokumentiert der Film »Three Stolen Kameras« von 2017, das die sahrauischen Journalist*innen 2017 gemeinsam mit einem schwedischen Filmkollektiv produziert haben. Mohamed, wie schaffst Du es, weiter zu berichten, obwohl es so schwierig ist?
Mohamed Mayara: Wir glauben an den gerechten Kampf für die Westsahara. Die Westsahara ist bei den Vereinten Nationen als nicht-selbstverwaltetes Gebiet registriert. Die Vereinten Nationen haben also anerkannt, dass die Westsahara nicht zu Marokko gehört. Sie haben das unveräußerliche Recht der Sahrauis auf Selbstbestimmung anerkannt. Die Westsahara ist auch als Staat in der Afrikanischen Union anerkannt. Abgesehen von diesen rechtlichen Aspekten sind wir uns der Konsequenzen unserer Arbeit bewusst. Denn wir stammen aus Familien, die Opfer marokkanischer Gewalt geworden sind. Ich zum Beispiel habe meinen Vater verloren, als ich erst zwei Monate alt war. Marokkaner haben meinen Vater zusammen mit seinen Brüdern entführt und ihn in schrecklichen Geheimgefängnissen in Marokko getötet. Ich bin also ohne meinen Vater aufgewachsen. Bis heute wissen wir nicht, wo er begraben ist. Ich habe meiner Tochter gesagt, dass ich das gleiche Schicksal erleiden könnte, das mein Vater erlitten hat. Denn es gilt als Verbrechen, dass wir Kameras haben und als Journalist*innen arbeiten, obwohl es eigentlich kein Verbrechen ist. In diesem Wissen bauen wir Medienorganisationen auf, um der ganzen Welt Zugang zu Informationen aus der Westsahara zu verschaffen.
Es gilt als Verbrechen, dass wir Kameras haben und als Journalist*innen arbeiten
Als ich Dich im November für ein Interview kontaktiert habe, warst Du auf einmal nicht mehr zu erreichen. Ich habe dann erfahren, dass Du, mutmaßlich von Sicherheitskräften, attackiert wurdest. Was genau ist damals passiert?
Mohamed Mayara: Genau. Es gab zwei Vorfälle. Im Oktober war ich mit meinem Kollegen Ahmed Tanji auf dem Weg nach Boujdour. Diese Stadt liegt etwa 200 Kilometer von El-Ayoun entfernt, der Hauptstadt der Westsahara. Bei unserer Ankunft wurden wir an den Kontrollpunkten festgenommen und eine Stunde lang vom marokkanischen Geheimdienst verhört. Sie ließen uns zunächst gehen, aber nach nur 20 Minuten umstellten sie das Haus, in dem wir uns befanden. Sie beschimpften und bedrohten uns und vertrieben uns dann aus der Stadt. Einer unserer Kollegen wurde sogar von ihnen verhaftet, misshandelt und gefoltert.
Der zweite Vorfall ereignete sich einen Monat später. Ich wurde von einer Gruppe paramilitärischer Kräfte angegriffen. Anscheinend gehören sie zum marokkanischen Geheimdienst. Drei oder vier Mitarbeiter haben mich geschlagen, genau weiß ich es nicht, weil ich ohnmächtig geworden bin. Niemand hat sie aufgehalten. Ich konnte nicht ins Krankenhaus gehen und keine Anzeige erstatten. Denn meine Kolleg*innen und ich erkennen nicht an, dass Marokko das Recht hat, in der Westsahara zu regieren oder auch nur zu verwalten. Aber durch ein Visum konnte ich nach Spanien reisen, wo ich medizinisch versorgt wurde. Die beiden Vorfälle wurden von vielen internationalen Organisationen angeprangert, darunter RSF, Reporter ohne Grenzen, und die CPG, die Kommission zum Schutz von Journalist*innen.
Warum wurdest du überhaupt angegriffen?
Mohamed Mayara: Wir berichten über viele Themen. Aber da die Westsahara kein selbstverwaltetes Gebiet ist, konzentrieren wir uns auf drei Themen: Die Misshandlungen und Verstöße gegen die Sahrauis, die systematische Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Frage der Kultur. Wir bringen die nicht erzählten Geschichten ans Licht, damit die Menschen verstehen, was die Westsahara ist und warum ihr Fall nicht gemäß dem Völkerrecht gelöst ist. Wir thematisieren auch, warum Marokko immer mehr Unterstützung von den westlichen Ländern erhält, obwohl die Sahauris immer noch nicht über die Unabhängigkeit der Westsahara abstimmen durften.
Gefährliche Medienarbeit
Sprecherin: Bis 1975 hat Spanien die Westsahara verwaltet, seit fast 50 Jahren beansprucht Marokko das Gebiet für sich. Nach einem jahrelangen bewaffneten Kampf zwischen der sahrauischen Befreiungsbewegung und mittlerweile politischen Partei, Polisario, und der marokkanischen Armee hatte die UN 1991 eine Waffenruhe verhandelt. Eine Bedingung: die sahruische Bevölkerung sollte endlich über ihre Zukunft und eine mögliche Unabhängigkeit abstimmen dürfen. Das wurde ihnen schon Jahrzehnte zuvor von den Spanier*innen versprochen. Doch heute, im Jahr 2025, wurde immer noch kein Referendum abgehalten. Stattdessen gibt es immer mehr Stimmen, die Marokkos Anspruch auf die Westsahara unterstützen, etwa von den USA und Frankreich.
Zurück zur Medienarbeit im Land. Hast du je darüber nachgedacht, nicht mehr als Journalist zu arbeiten, oder nur noch über »leichte« Themen zu berichten, die politisch nicht so heikel sind?
Mohamed Mayara: Eine wichtige Frage. Manchmal denken die Leute, dass ich meine Arbeit aufgeben sollte, weil sie so gefährlich ist. Mein Kollege Bashir Khadda zum Beispiel sitzt seit 15 Jahren hinter Gittern, weil er mit einer Kamera unterwegs war. Die Leute fragen sich, warum die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft in solchen humanitären Fällen nicht eingreifen, in denen es um Meinungsfreiheit und Pressefreiheit geht.
Trotzdem lassen wir uns nicht unterkriegen. Ich zum Beispiel wurde schon oft verhaftet und habe meinen Job verloren. Selbst meiner Frau wurde gekündigt – obwohl sie selbst keine Aktivistin ist. Ihr wurde gesagt, dass die marokkanische Verwaltung ihr kein Gehalt zahlen könnte, weil dieses Geld an den Feind ginge. Marokko sieht alle sahraurischen Aktivist*innen und Journalist*innen als Feinde der sogenannten marokkanischen territorialen Integrität. Dabei ist die die Westsahara gar nicht Teil Marokkos, sondern völkerrechtswidrig besetzt.
Ich bin ich bereit, für die Folgen meiner Arbeit einzustehen. Denn ich tue nichts, was gegen das Gesetz verstößt oder die Rechte von Menschen verletzt. Ich versuche nur, der internationalen Öffentlichkeit Informationen aus der Westsahara zugänglich zu machen.
Sprecherin: Im Oktober 2024 hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass die Handelsabkommen der Europäischen Kommission mit Marokko, die die Westsahara betreffen, nicht rechtmäßig seien. Sie verstoßen gegen das Recht des Volks der Westsahara auf Selbstbestimmung. Auch einzelne Unternehmen stehen in der Kritik, weil sie in der Westsahara aktiv sind, ohne vorher mit der sahrauischen Vertretung verhandelt zu haben. Ihre Verträge haben sie mit Marokko geschlossen. Unter den Unternehmen sind deutsche Firmen wie Heidelberg Materials, und Siemens Energy, die sich für den Bau einer Stromtrasse interessieren.
Was ist deine Haltung zu diesen Unternehmensaktivitäten?
Mohamed Mayara: Ich denke, dass die Polisario, die politische Vertretung des sahrauischen Volkes, sehr offen gegenüber jeglichen Aktivitäten ist. Aber das sahrauische Volk muss konsultiert werden und zustimmen, so wie es das Urteil des EU-Gerichtshofs vorsieht.
Die Unternehmen müssen also mit der Polisario verhandeln, nicht mit Marokko. Marokko hat kein Recht, irgendetwas im Namen des sahrauischen Volkes zu unterzeichnen, da es sich um eine Besatzungsmacht handelt. Daher sind die aktuellen Investitionen von Unternehmen wie Heidelberg Materials und Siemens Energy in der Westsahara eine Verletzung der Menschenrechte und eine Verletzung des Völkerrechts. Sie arbeiten mit den marokkanischen Besatzer*innen zusammen.
Diese Zusammenarbeit richtet großen Schaden an. Sie befeuert die Besatzung, denn diese stützt sich auf zwei Aspekte, die sie so langlebig machen: Erstens werden Siedlertruppen entsendet, um die demografische Situation in der Westsahara zu verändern. Und zweitens werden die natürlichen Ressourcen systematisch geplündert. All das verletzt sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht. Diese Verletzungen müssen aufhören, wir sollten endlich das Völkerrecht befolgen.
Shownotes
- »Three Stolen Kameras« (2017) produziert von sahrauischen Journalist*innen zusammen mit einem schwedischen Filmkollektiv
- Marokko siegt mit seiner Westsahara-Strategie - ein Bericht der Deutschen Welle von 2024