Pikachu-Kostüm bei Protesten in Serbien: Dinstachu. Studierende posieren mit der Figur für ein Foto.
»Dinstachu« heißt Pikachu bei den Protesten in Serbien | Foto: Vidak Kavedzic

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von iz3w redaktion

10.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

Es waren Videobilder, wie sie bei vielen Protesten entstehen: Menschen rennen eine Straße entlang, vermutlich auf der Flucht vor der Polizei. Doch unter die Laufenden mischt sich eine rundliche, gelbe Figur: Pikachu. Das Video geht viral, teilweise mit dem Titelsong der Pokémon-Zeichentrickserie unterlegt: »I know it’s my destiny – Pokémon! / Oh you’re my best friend / in a world we must defend – Pokémon!« (dt. »Ich weiß, es ist mein Schicksal – Pokémon! / Du bist mein bester Freund / In einer Welt, die wir verteidigen müssen – Pokemón!«).

Selbst wer mit dem Pokémon-Universum des japanischen Spieleentwicklers Satoshi Tajiri nicht vertraut ist, kennt vermutlich die Figur Pikachu, das bekannteste der über tausend Pocket-Monster. Ein gelbes hasenähnliches Wesen, dessen Schweif gezackt ist wie ein Blitz und das die Fähigkeit besitzt, Elektrizität zu generieren und kleine Blitze abzuschießen.

Laut Wikipedia gilt Pokémon als das erfolgreichste Medien-Franchise aller Zeiten. 1996 erschien das erste Nintendo-Spiel der Pokémon-Reihe. Drei Jahre später belegte Pikachu bereits den zweiten Platz der Liste der »100 besten Personen des Jahres 1999« der asiatischen Ausgabe des Time-Magazine – nach Ricky Martin. Und ganz ehrlich: Wer erinnert sich heute noch an Ricky Martin?

Bei den serbischen Protesten trägt Pikachu den Spitznamen »Dinstachu«

Das virale Video entstand am 27. März in der türkischen Hauptstadt Ankara, am achten Tag der Proteste gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu (Verhaften und Ver­handeln). Es sind die größten Proteste in der Türkei seit jenen im Gezi-Park 2013. Der Journalist und Fotograf İsmail Koçeroğlu filmt Szenen mit Pikachu und stellt sie online. Wenige Tage später outet sich die Person im aufblasbaren Pikachu-Kostüm. Hasan Taşkan, ein 21-jähriger Fitness-Influencer erzählt im Interview mit dem Spiegel von der Anspannung, die er in seinem Freundeskreis vor den Protesten beobachtete – auch, weil es vielfach zu Polizeigewalt und Repression gegen die Protestierenden kam: »Ich hatte die Idee, ein wenig für Erheiterung zu sorgen und meine Freunde zu beruhigen.« Tawşkan gibt zu, sich eigentlich wenig für Politik zu interessieren. Sein Instagram-Auftritt besteht aus Videos von ihm, in denen er Fitnessübungen macht, manchmal in Kostümen. Doch warum Pikachu? »Ich habe mich für Pikachu entschieden, weil es sehr niedlich, sehr beliebt und in gewisser Weise am populärsten ist.«

Die Aufheiterungsaktion ist so banal wie genial, ein unbeabsichtigter PR-Stunt – denn Pikachu wird von nun an auf Protesten weltweit gesichtet. Zum Beispiel am 5. April in Washington D.C., auf einer der größten Protest-Demos seit der Amtseinführung von Donald Trump. Unter dem Motto »Hands Off« (dt. »Hände weg«) riefen politische Organisationen und NGOs zu zeitgleichen regierungskritischen Protesten an verschiedenen Orten auf. Auch außerhalb der USA wurden Solidaritätskundgebungen abgehalten. Am selben Tag noch mischt sich Pikachu unter die Tausenden Demonstrierenden in der israelischen Hauptstadt Tel Aviv. Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 wird hier für die Betroffenen und Hinterbliebenen des Hamas-Angriffs und für die Freilassung der Geiseln protestiert, sowie gegen die Gewalt der rechten Siedler*innen in der Westbank. Fotos, die in den Sozialen Medien viral gingen, zeigen Pikachu mit einem Schild, auf dem steht »Was ist mit den Geiseln?«.

Zuletzt tauchte Pikachu bei den Protesten gegen die autoritäre Regierung Vučić in Serbien auf (Der Frühling kommt vom Balkan). Dort trägt es den Spitznamen »Dinstachu« (dt. »Ich werde dünsten«). Die Protestierenden spielen mit der Namensgebung auf einen Ausspruch des regierungskritischen Soziologen Jovo Bakić an: Zu den Protesten teilte er die Einschätzung, die Regierung Aleksandar Vučić sei bereits gekocht worden, nun müsse man sie langsam »dünsten«, wie ein zähes Stück Fleisch, um sie endlich kleinzukriegen – ein Aufruf also für einen langen Atem.

Doch diese jüngsten Auftritte Pikachus bei politischen Protesten sind nicht die ersten. 2019 erlangte die chilenische Erzieherin Giovanna Grandón kurzzeitig Internet-Bekanntheit, weil sie im Pikachu-Kostüm die bis dahin größte Demo der jüngsten Vergangenheit Chiles besuchte. 2021 wurde Grandón im Pikachu-Kostüm Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung Chiles – als »Tía Pikachu« (dt. »Tante Pikachu«) wird über sie berichtet und mit ihr über die Arbeit am alternativen Verfassungsentwurf.

Auf dem türkischen regierungsnahen Sender CNN Türk beklagt ein Experte derweil, die Opposition nutze Pikachu zur »psychologischen Kriegsführung«. Wird ihnen Pikachu gefährlich? Die Menschen lieben die Figur – und durch die Meme-ifizierung der Protestbilder schafft sie Sichtbarkeit für und Verbundenheit unter den doch so verschiedenen Protesten. Sie setzt dem Narrativ von chaotischen Regimegegner*innen, das Konservative und Regierungsmedien gern verbreiten, ein freundliches Gesicht im Kindchenschema entgegen.

Und nicht zuletzt gibt die Figur auch Hoffnung. Wenn jemand trotz Tränengas, Polizeiknüppeln und Repression in einem aufblasbaren Kostüm mit unbeweglichen Armen herumtapst, erinnert uns das daran, dass es um mehr geht, als nur den autoritären Status Quo zu bekämpfen. Es zeigt, dass das Aufstehen aus einer empfundenen Ohnmacht, neben dem Risiko, auch eine gewisse Freude beinhalten kann, und zwar eine, die andere mitreißen kann – und in der aufscheint, was sein könnte.

die redaktion, 12.06.2025

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 409 Heft bestellen
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