Mitglieder der Unit Amal protestieren vor einem Gebäude gegen den Präsidenten Anwar Ibrahim
Mitglieder der Unit Amal (Freiwilligenorganisation der PAS)t Ama beim Protest gegen Präsident Anwar Ibrahim | Foto: Rulwarih CC-BY-SA-4.0

Rechte im ethno-religiösen Kulturkampf

Rechter Aktivismus in Malaysia: Kulturkampf gegen Minderheiten

Als Teil ihres Kulturkampfs mobilisieren rechte Akteur*innen in Malaysia zunehmend gegen Minderheiten. Diese Abgrenzungspolitik soll eine malaiisch-muslimische Hegemonie absichern.

von Hew Wai Weng

20.04.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 414
Teil des Dossiers Kulturkampf

Im Jahr 2025 sah ich zufällig ein rechtsextremes TikTok-Video, in dem behauptet wurde, dass Weiße in Großbritannien zur Minderheit würden und Muslim*innen an politischem Einfluss gewännen. Seitdem wird mein TikTok-Feed mit rechtsextremen Inhalten überschwemmt, darunter die »Great Replacement«-Theorie, die Muslim*innen vorwirft, London in »Londonistan« und Großbritannien in einen »islamischen Staat« zu verwandeln.

Ähnlich war es im Jahr 2023, während ich über rechtsextremen Aktivismus in Malaysia recherchierte. Da zeigte mein TikTok-Feed massenhaft Videos, in denen behauptet wurde, die Malaien und der Islam seien bedroht. Einige Videos suggerierten, dass chinesische Malaysier*innen zusammen mit dem angeblichen Zustrom chinesischer Staatsangehöriger das »malaiische Land« in ein »chinesisches Land« verwandeln würden. Trotz unterschiedlicher sozialer und politischer Kontexte bedienen sich Rechte in ihren Botschaften eines ähnlichen Propagandastils und ähnlichen Erzählungen. Im Namen der »Verteidigung des Heimatlandes« beschwören sie Nativismus und den Einheitsstaat herauf und nehmen Minderheiten ins Visier.

Zwischen Plura­lität und Polari­sierung

Dennoch können die Politik von links und rechts sowie der Kulturkampf im Westen die komplexen Dynamiken der Kulturpolitik in Ländern wie Malaysia möglicherweise nicht vollständig erfassen oder erklären. Rassistische Politik ist seit Jahrzehnten in der malaiischen Mainstream-Politik verankert und geprägt von malaiischem Nationalismus und Islamismus. Gleichzeitig mangelt es in der multiethnischen und multireligiösen konstitutionellen Wahlmonarchie nicht an transethnischer Solidarität und interreligiösem Dialog. Zudem sind nicht alle malaiischen Nationalist*innen und Islamist*innen exklusivistisch, da viele von ihnen in unterschiedlichem Maße Nicht-Malai*innen und Nicht-Muslim*innen als Teil der Nation in Malaysia betrachten. Mal rivalisieren, mal kooperieren sie. Ihre Haltungen gegenüber verschiedenen ethnischen, religiösen und geschlechtlichen Minderheiten sind dabei unterschiedlich.

Allerdings ist in den letzten Jahren eine zunehmende Mobilisierung der Rechten zu beobachten, die inmitten des intensiven politischen Wettbewerbs in Malaysia ein Gefühl der kulturellen Bedrohung unter malaiischen Muslim*innen schürt – insbesondere nachdem 2018 die von Malai*innen dominierte multiethnische Koalition der lange regierenden Barisan Nasional (BN) zusammenbrach und durch die Pakatan Harapan (PH) abgelöst wurde, eine ebenfalls multiethnische, jedoch pluralistischere Koalition.

Seit den Wahlen kritisieren Rechte die PH als »pro-chinesisch«, »pro-liberal« und »anti-islamisch«; Hassreden und Angriffe auf Minderheiten häufen sich. Die Akteur*innen kommen aus der Politik, aus religiösen Bewegungen, aus nationalistischen oder einfach opportunistischen Strömungen. Sie verfolgen nicht dieselben ideologischen oder politischen Ziele, doch verbünden sie sich oft und treiben ethno-religiöse Agenden voran. Ihr gemeinsames Ziel: eine malaiisch-muslimische heterosexuelle Hegemonie zu festigen. LGBTIQ+ Personen, Chines*innen, Hindus und liberale Muslim*innen sehen sie als Bedrohungen an.

Ein implizites Verständnis islamischer Vorherrschaft wird explizit

Sie haben eine eigene Terminologie entwickelt, um Minderheiten als ‚Andere‘ zu markieren: »ungläubige Chinesen« (cina kafir), »abweichende LGBTIQ+« (LGBTIQ+ songsang) oder »illegaler Tempel« (kuil haram, siehe unten). Besonders laut ist dabei die ISMA (Malaysian Muslim Solidarity), eine rechtsextreme islamistische Gruppe, die solche exklusivistischen Bezeichnungen über ihre Social-Media-Seiten und Websites verbreitet. Auch zum Islam konvertierte Salafi-Prediger wie Firdaus Wong und Zamri Vinoth sind wichtige Akteure. Die oppositionelle islamistische Malaysische Islamische Partei (PAS) springt oft auf den Zug der Rechten auf, um sich als Verteidigerin der »Interessen der malaiischen Muslim*innen« zu positionieren. Auch die gemäßigte, von Anwar Ibrahim geführte Regierung musste sich rechten Akteur*innen anbiedern, um malaiisch-muslimische Wähler*innen zu beschwichtigen.

Diskursive Feind­bilder

Rechte Aktivist*innen und Politiker*innen bezeichnen nicht-muslimische Chines*innen als »Eindringlinge« (penceroboh), »Ungläubige« (kafir) oder »Feinde des Islam« (musuh-musuh Islam). In den sozialen Netzwerken forderten sowohl die ISMA als auch PAS-Influencer*innen während des Wahlkampfs dazu auf, nicht für die kafir zu stimmen. Dadurch wurde der abwertende Begriff weiter popularisiert und ein implizites Verständnis islamischer Vorherrschaft normalisiert. Auch der Begriff des Neokolonialismus wird im Zusammenhang mit kafir verwendet. Die ISMA-eigene Website TV Pertiwi hat zahlreiche Artikel und Videoclips veröffentlicht, die die Theorie des großen Austauschs propagieren. Ein anonymes Video etwa setzt das vermeintliche Schicksal der Muslim*innen in Malaysia mit dem der Palästinenser*innen gleich. Es behauptet, dass die mehrheitlich von Chines*innen getragene Demokratische Aktionspartei die politische Macht an sich reißen werde. Im Oktober 2025 verfasste ein PAS-Abgeordneter, Ahmad Marzuk Shaary, einen ähnlichen Beitrag, in dem er Malaysias nicht-muslimische Bevölkerung mit zionistischen Besatzern in Palästina verglich.

Der Begriff »abweichend« (sesat/songsang) wird von Konservativen genutzt, um LGBTIQ+, liberale oder feministische Muslim*innen zu bezeichnen. Das jüngste Beispiel ist eine Erklärung von Marhamah Rosli, der stellvertretenden Ministerin für religiöse Angelegenheiten, in der sie dazu aufforderte, den Ausdruck »abweichende Kultur« anstelle von LGBTIQ+ zu verwenden, um zu verhindern, dass sich der Begriff LGBTIQ+ über Social-Media-Algorithmen verbreitet. Solche staatlich geförderten anti-queeren Maßnahmen gehen Hand in Hand mit einem Anti-LGBTIQ+ Sozialaktivismus, der sich teilweise mit einer Mehrheitsbewegung zur Aufrechterhaltung der heterosexuellen malaiisch-muslimischen Vorherrschaft verbündet.

Der Aktivismus von Rafidah Hanim veranschaulicht diese Tendenz. Die ehemalige ISMA-Frauenflügel-Vorsitzende leitet heute WAFIQ (Women’s Alliance for Family Institutions and Quality Education), eine antifeministische Frauenorganisation. Über ihre Facebook-Seite verbreitet sie Anti-LGBTIQ+ Inhalte, darunter die Denunziation von Veranstaltungen, die Einschüchterung von Aktivist*innen und Forderungen nach Filmverboten. Ihre Rhetorik legitimiert sie durch Euphemismen wie »Verteidigung familiärer Werte«, »Schutz der lokalen Kultur« oder »Widerstand gegen den westlichen Neokolonialismus«. So eignet sie sich auch dekoloniales Vokabular an, um ihren homophoben Aktivismus zu rechtfertigen.

Auch gemäßigte islamische Gruppen wie ABIM, eine Malaysische Islamische Jugendbewegung, kritisieren bisweilen die rassistische Rhetorik der extremen Rechten, vertreten dabei aber konservative Positionen zu verschiedenen Gender- und Moralfragen, insbesondere zu LGBTIQ+. So erklärte Premierminister Anwar Ibrahim 2023, dass das Konzept eines säkularen Staates während der Amtszeit der Unity-Regierung niemals anerkannt werden würde. Von Sauna-Razzien bis zu Buchverboten sehen sich LGBTIQ+ Gemeinschaften unter der Regierung von Anwar Ibrahim zunehmender Überwachung und Diskriminierung ausgesetzt.

Von ISMA bis PAS: Netzwerke der malaiisch-islamischen Rechten

Als weitere Abwertung verwenden rechte Gruppen den Begriff »illegale Tempel« (kuil haram). Damit bezeichnen sie nicht registrierte Hindu-Tempel in Malaysia, von denen sie behaupten, dass diese illegal seien. Viele Hindus empfinden dies jedoch als beleidigend und respektlos. Nicht registrierte Hindu-Tempel sind ein komplexes Thema, das koloniale Hinterlassenschaften, Stadtentwicklung sowie inter- und intrareligiöse Konkurrenz betrifft. Einige dieser Tempel gibt es seit Jahrzehnten, manche existierten bereits bevor Malaysia 1957 unabhängig wurde. Seit Anfang 2025 deckt eine Online-Bewegung nicht registrierte Tempel auf, indem sie diese auf Google Maps markiert und ferner stellt sie Tempel über Facebook-Gruppen öffentlich bloß. Einige Aktivist*innen gehen noch weiter und drängen die Gemeinderäte, nicht registrierte Gotteshäuser abzureißen, oder drohen, selbst tätig zu werden.

Die Regierung bekommt die Spannungen um die Tempelproblematik nicht aktiv gelöst und folgt bisweilen den Forderungen der Rechten. Anstatt zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, erteilten Premierminister Anwar Ibrahim und seine Regierung den Gemeinderäten die Befugnis, gegen jede Kultstätte vorzugehen, die gegen das Gesetz verstößt.

Rechte Ideologie, global gedacht

In ihrer Mobilisierungsstrategie koppelt die malaiische Rechte malaiischen Nationalismus zunehmend mit islamischem Konservatismus. Meine Betrachtungen beziehen sich zwar auf diesen lokalen Kontext, doch rechte Mobilisierungen folgen weltweit ähnlichen Strategien. Das bedeutet auch: Die Dichotomie »Westen gegen Globalen Süden« ist überholt. Die rechte Hegemonie, die gerade entsteht, sollten wir als gemeinsame Herausforderung betrachten, die es gemeinsam zu bewältigen gilt.

Hew Wai Weng forscht und lehrt am Alwaleed Centre for the Study of Islam in the Contemporary World an der Universität Edinburgh.

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