Jugendliche bei einem Aufmarsch des extrem rechten III.Wegs mit Schildern mit den Forderungen »Grenzen dicht!« und »Raus aus China! Zurück nach Deutschland!«
Extrem rechter (und junger) Aufmarsch des III. Weg | Foto: Presseservice Rathenow

Jugend, Rechtsruck und Polykrise

Generation Krise?

Bieten organisierte extrem rechte Strukturen in Zeiten der Polykrise einen Zufluchtsort für junge Menschen in Deutschland? Beim aktuell viel debattierten Thema Jugend und extreme Rechte gilt es, genau hinzuschauen. Zwar findet eine Hinwendung nach rechts statt, diese jedoch als Generationenphänomen zu behandeln, greift zu kurz.

von Marius Fröhle und Kira Kurz

16.10.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 411
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr

In den letzten Monaten wurde in den deutschen Medien häufig von »jungen Nazis«, »rechtsextremen Jugendkulturen« oder »rechtsextremen Jugendlichen« berichtet. Doch was ist dran am Rechtsruck der Jugend? Aus den reinen Zahlen aktueller Studien wie der Leipziger Autoritarismusstudie 2024 ergibt sich der Eindruck einer zunehmenden Radikalisierung unter jungen Menschen.

Während in vergangenen Studien rechtsextreme Einstellungen unter der jüngsten Befragungsgruppe (16 bis 30 Jahre) am wenigsten stark vertreten waren, hat sich das in der 2024er Studie ausgeglichen. Mittlerweile sind einige extrem rechte Einstellungen unter Jüngeren weiter verbreitet als unter Älteren. Ähnliches zeigt sich im 17. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ebenfalls aus dem Jahr 2024. Der Bericht stellt eine Zunahme des Potentials für extrem rechte Einstellungen unter Jugendlichen fest.

Die Ein­ordnung als »Generation Rechts« greift analy­tisch zu kurz

Diese Einstellungsänderungen schlagen sich auch in Taten nieder: die Zahl junger rechtsextremer Aktivist*innen und Tatverdächtiger steigt. Medial wurde hier vor allem von den extrem rechten (Terror-)Gruppen »Letzte Verteidigungswelle« und »Deutsche Jugend Voran« sowie den diversen Angriffen auf Christopher Street Days berichtet. Doch warum ist das reaktionäre und autoritäre Gedankengut aktuell so anschlussfähig und attraktiv für Jugendliche in Deutschland?

Auf­wachsen in der Krise

Die Zuwächse der AfD unter jungen Wähler*innen und der Aufstieg rechter Jugendgruppierungen werden oft mit dem Aufwachsen der Gen Z in einer Zeit kontinuierlicher Krisen erklärt. Spätestens die letzten zehn Jahre in Deutschland (und Europa) sind tief geprägt von unterschiedlichen nationalen wie internationalen Krisen und Krisen-Narrativen: Nach der sogenannten Migrationskrise 2015 folgte 2016 der Brexit und die Wahl Donald Trumps, die vielerorts als Krisensymptom wahrgenommen wurden. 2020 – 22 kam dann die Covid-19-Pandemie, von der die Jugend durch Schulschließungen und die Einschränkung sozialer Kontakte besonders negativ betroffen war. Auch das weltweite Kriegsgeschehen – mit dem Ukraine-Krieg und der damit verbundenen Energiekrise sowie dem anhaltenden Krieg in Gaza nach dem Terrorangriff der Hamas – erzeugt krisenhafte Einschnitte. All das war dauerhaft begleitet von der globalen Klimakrise und islamistischen oder rechtsextremen Terroranschlägen im ganzen Bundesgebiet, wie beispielsweise am Berliner Breitscheidplatz 2016, in Halle 2019 und Hanau 2020.

Erstwähler*innen bei der Bundestagswahl 2025 waren vor zehn Jahren gerade einmal acht Jahre alt. Ihre komplette Jugend spielte sich also in einer Zeit von Krisen und Unsicherheiten ab, die medial auch als solche diskutiert wurden. Sowohl laut einer Analyse der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sowie der Arbeit »Wer sind die Neuen« von Paulina Fröhlich aus dem Jahr 2025 sind einige junge Erwachsene heute entsprechend desillusioniert – ihr Blick auf die Gegenwart ist von Frust auf politische Entscheidungsträger*innen geprägt und die Wahrnehmung der Zukunftsperspektiven ist oftmals eher düster. Wenngleich sowohl die Sinus- als auch die Shell-Jugendstudien aus 2024 den Jugendlichen einen »(gedämpften) Optimismus« trotz multipler Krisen attestieren, sind sich die Studien in einem Befund einig: Die zentralen Sorgen der Jugendlichen beziehen sich primär auf die private ökonomische und soziale Zukunft. Insbesondere »bildungsferne Jugendliche« und solche aus der Gruppe der »Prekären« äußern vermehrt materielle, teils existenzielle Zukunftssorgen.

Konservative haben zur Normal­isierung rechter Forder­ungen bei­getragen

Von allen genannten Krisen wird jedoch die Covid-19-Pandemie als zentraler Wendepunkt ausgemacht. Durch die Isolation haben viele Jugendliche an sozialem Austausch mit anderen Jugendlichen eingebüßt. Stattdessen rückten Familie und soziale Medien stärker in den Mittelpunkt. So entstand ein digitales Einfallstor für extrem rechte Agitation.

Denn rechtsextreme Gruppierungen setzen genau hier an: Frust, Politikverdrossenheit, Verunsicherung, finanzielle Ängste und der Mangel an sozialen Kontakten isolierter Jugendlicher werden durch soziale Angebote und scheinbar einfache Antworten rechtsaußen aufgefangen. Insbesondere männliche Jugendliche erhalten hier nicht nur ein Gefühl sozialer Zugehörigkeit, sondern erfahren – etwa durch rechtsextreme Männlichkeitsvorstellungen – Selbstermächtigung und politische sowie gesellschaftliche Widerspruchslosigkeit. Ähnliches trifft selbstredend auch auf andere autoritäre Gruppierungen zu, die gezielt versuchen, den Frust und die Orientierungslosigkeit junger Menschen zu mobilisieren. Neben rechtsextremen sind hier vor allem islamistische Akteur*innen erfolgreich (siehe auch Falsafi in der iz3w 408).

Genera­tion Rechts?

Es entsteht der Eindruck einer »Krisengeneration Z« – einer Generation, die, geprägt durch Kriege, Pandemie und soziale Umbrüche, besonders offen ist für rechte Narrative. Doch stimmt das?

In der medialen Debatte werden verschiedene Altersgruppen häufig über ihre Generationszugehörigkeit charakterisiert. Schnell heißt es, eine Eigenschaft sei zum Beispiel »typisch Boomer«, oder besonders aktuell: die Generation Z sei arbeitsfaul – was bereits widerlegt wurde. Ob es sich bei der momentan zu beobachtenden Offenheit gegenüber extrem rechten Narrativen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland und Europa tatsächlich um ein generationales Phänomen handelt, welches die sogenannte Generation Z langfristig kennzeichnen wird, lässt sich heute noch nicht sagen.

Die aktuell zu beobachtende Zunahme rechtsextremer Einstellungen unter Jugendlichen scheint den Autor*innen der Autoritarismusstudie 2024 zufolge zumindest in Teilen auf einem Alterseffekt zu basieren. Dies bedeutet, dass man heute noch nicht sagen kann, ob sich diese Einstellungen verfestigen und ob die beschriebene Offenheit gegenüber rechtsextremen Narrativen langfristig bestehen bleiben wird. Zudem gilt es zu beachten, dass wir nicht nur unter jüngeren Menschen eine Zunahme extrem rechter Einstellungen beobachten. Es handelt sich um ein Phänomen, das sich unter jungen Menschen zwar stärker zeigt (oder größere Beachtung findet), ohne jedoch nur in dieser Generation aufzutreten. Die Einordnung als »Generation Rechts« greift daher analytisch zu kurz.

Trotz dieser Unsicherheit ob der langfristigen Entwicklung steht jedoch fest: Diejenigen, die häufig lapidar unter dem Label »Generation Z« zusammengefasst werden, sind im Mittel politisch interessierter und auch politisierter als die vorangegangene Generation. Dies zeigt sich auch im progressiven Spektrum, zum Beispiel bei den großen Fridays for Future-Demonstrationen 2018/2019.

Versäum­nisse des Main­streams

Trotz dieser gegenläufigen Bewegungen, finden insbesondere unter jungen Menschen im Globalen Norden regressive Antworten auf die Polykrise viel Anklang. Oft in Form von Rechtsextremismus. Dazu hat neben den oben bereits beschriebenen Auswirkungen verschiedener Krisen auch das Verhalten etablierter Parteien und Politiker*innen beigetragen. Zum einen hat der politische Mainstream in den vergangenen Jahren häufig darauf verzichtet, sich aktiv und engagiert um junge Wähler*innen zu bemühen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in Mehrheitswahlsystemen wie in Frankreich, wo Parteifunktionär*innen in Interviews auch zugeben, dass sie im Wahlkampf gar nicht erst versuchen, junge Menschen zu erreichen.

Zum anderen haben Medien und Politiker*innen, insbesondere konservativer und christdemokratischer Parteien, zur Normalisierung rechter Einstellungen und Forderungen beigetragen. All das macht es rechtsextremen Akteur*innen leichter. Hinzu kommt, dass sich rechtextreme Agitation heute nicht mehr auf dem Schulhof, sondern im digitalen Raum abspielt. Rechte Social-Media-Accounts sind oftmals deutlich reichweitenstärker als progressive oder die des Mainstreams. Das liegt mitunter auch an den Algorithmen, die stark emotionalisierte und polarisierende Inhalte stärker verbreiten. Unterschiedlichste rechte Akteur*innen, egal ob Influencer*innen, Parteipolitiker*innen, Tradwives, Podcaster*innen oder die offiziellen Partei-Accounts sowie Konten von Jugendorganisationen und Zeitschriften sprechen die jungen User*innen gezielt an und tragen zur Normalisierung rechtsextremer Positionen bei.

Was wäre nötig, um diesen reaktionären Entwicklungen entgegenzuwirken? Viele Jugendliche haben den Eindruck, von der Politik nicht gehört zu werden, was rechtsextreme Angebote besonders anschlussfähig macht. Dem kann nur eine Politik begegnen, die jungen Menschen glaubwürdig vermittelt, dass auch ihre Perspektiven zählen und die materiellen Grundlagen für ihre Zukunft sichert.

Die US-Kürzungen erschweren Fort­schritte

Sexuelle und reproduktive Rechte sind keinesfalls selbstverständlich und nach wie vor hart umkämpft. Die sogenannte Anti-Gender-Bewegung, die zum Beispiel gegen das Recht auf Abtreibung und auch gegen umfassende Sexualaufklärung lobbyiert, feiert vielerorts Erfolge. Das prominenteste Beispiel dafür findet sich in den Vereinigten Staaten, wo der Oberste Gerichtshof 2022 das Recht auf Abtreibung kippte. Dazu kommt der Sieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen. Beides hat weltweite Auswirkungen. Denn historisch betrachtet waren die USA lange eines der wichtigsten Geberländer in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere im Gesundheitsbereich.

Inzwischen wurden unter der Trump-Regierung 86 Prozent aller Zuschüsse und Verträge der US-Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit (United States Agency for International Development – USAID) fristlos beendet. Darunter fallen auch fast alle Ausgaben für Familienplanung und reproduktive Gesundheit. Dieser abrupte Zusammenbruch der Finanzierung durch die USA hat verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit von vielen Millionen Menschen weltweit – allen voran in Afrika. Das zeigen erste Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der International Planned Parenthood Federation (IPPF) und des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (Joint United Nations Programme on HIV/AIDS – UNAIDS): Kliniken und Projekte mussten über Nacht ihre Arbeit einstellen, weil sie gänzlich von USAID finanziert wurden. Tausende Gesundheitsfachkräfte verloren ihre Anstellung oder der Verlust des Arbeitsplatzes droht akut, weil es kein Geld mehr für ihre Gehälter gibt. Oder die Versorgung für Patient*innen wird schlechter, weil (vorerst) keine weiteren Medikamente, Impfstoffe oder Gesundheitsprodukte geliefert werden. Den Preis zahlen Menschen – sei es mit ihrer Gesundheit, ihrer Existenzgrundlage oder gar ihrem Leben.

Globale Ungleichheiten zu bekämpfen und Geschlechtergerechtigkeit voranzutreiben, ist nicht nur unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten für die internationale Zusammenarbeit zentral. Gleichberechtigung trägt auch dazu bei, Demokratien zu stärken und den sozialen Zusammenhalt innerhalb von Gesellschaften zu fördern. Dieser Aspekt verliert in Zeiten des Erstarkens autokratischer Tendenzen an Gewicht. Sexuelle und reproduktive Rechte sind insbesondere dort in Gefahr, wo rechtskonservative Kräfte an Einfluss gewinnen.

Marius Fröhle ist Doktorand in Freiburg mit Forschungsschwerpunkt in der Rechtsextremismusforschung (v.a. Parteien, Einstellungen, Strukturen). Kira Kurz ist Doktorandin in Freiburg und Strasbourg und arbeitet immer wieder zum Thema Jugend & Politik (v.a. Parteien, Repräsentation, Wahlen).

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 411 Heft bestellen
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