»Eine Revolution wie diese findet nicht alle Jahre statt.«
Die GenZ-geführte Revolution in Bangladesch
Audiobeitrag von Eva Gutensohn
06.05.2025
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr
In Bangladesch ereignete sich im Sommer 2024 eine Revolution. Von Studierenden getragene Proteste schafften es, sämtliche Bevölkerungsgruppen hinter sich zu bringen, auf die Straße zu gehen und für mehr Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen. Was niemand für möglich hielt: Die Diktatorin Sheikh Hasina verließ am 5. August fluchtartig das Land. Sie regierte über Jahrzehnte mit harter Hand und brachte vor allem junge Menschen gegen sich auf, als sie das so genannte Quotensystem einführte: Vor allem die Nachkommen der Soldaten, die 1971 die Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan erkämpften und damit Hasina (Tochter des Staatsgründers Sheikh Mujibur Rahman) an die Macht brachten, sollten bevorzugt Zugang zu den gut bezahlten staatlichen Stellen im öffentlichen Dienst erhalten. Den eher demokratisch orientierten und oft bestens ausgebildeten jungen Menschen fehlte somit jegliche Perspektive.
Nach der Revolution ist der Weg also frei für eine gerechtere Zukunft, doch der Preis war hoch. Durch gezielte Schüsse der Polizei kamen mehr als 300 junge Demonstrant*innen ums Leben*. Darunter viele Studierende der Generation Z. »Ich bin Vollzeitaktivist und Teilzeitinformatiker«, sagt der 26-jährige Azaher Uddin. Er war selbst Teil der Revolution und kämpfte gegen die Korruption und Menschenrechtsverletzungen der diktatorisch regierenden langjährigen Premierministerin Hasina. Heute ist Uddin mit der jungen Interimsregierung gut vernetzt.
Skript zum Interview mit Azaher Uddin
Erstausstrahlung am 6. Mai 2025 im südnordfunk #132 bei Radio Dreyeckland
Wie kam es zu den Protesten im Sommer 2024 und was ist die Rolle der so genannten Generation Z?
Die Menschen in diesem Land haben viel durchgemacht, und das nicht nur im Juli und August 2024. Schon seit Jahren prägten Menschenrechtsverletzungen und Korruption den Alltag. Es gab keine fairen Wahlen und die Bevölkerung musste mit ansehen, wie Geld aus dem Land geschleust wurde, während sie darum kämpfte, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen. Die Menschen waren also am Ende, als die Revolution begann. Sie hatten die Nase voll vom Quotensystem für Regierungsjobs. Diesem System zufolge wurden die Kinder von ehemaligen Freiheitskämpfern bevorzugt und bekamen 56 Prozent aller Regierungsstellen. Wegen der schlechten Wirtschaftslage und des Mangels an neuen Arbeitsplätzen waren viele Menschen arbeitslos. Sie empfanden das Quotensystem als wirklich diskriminierend. Daher waren sie froh, dass es eine neue Bewegung zur Abschaffung oder Eindämmung der Quotenregelung gab.
Bereits 2018 entstand die erste Bewegung, um dieses diskriminierende System zu beseitigen. Damals gab es zwar keine Toten, aber viele Verletzte. Daraufhin verkündete die Regierung, dass das Quotensystem abgeschafft werden solle. Doch 2024 entschied das Gericht und die regierende Awami Liga, dieses wieder einzuführen. Die Proteste begannen von neuem. Es war eine einzige Tortur für die Studierenden, die wieder auf die Straße gingen. Die Bewegung hätte jederzeit aufgehört, wenn die Regierung ihren Forderungen nachgegeben hätte, die absolut angemessen waren. Aber das geschah nicht. Zu Beginn des Jahres 2024 fanden dann - wie alle fünf Jahre in Bangladesch - allgemeine Wahlen statt. Diese waren aber offensichtlich gefälscht und die regierende Awami Liga hat wieder gewonnen. Dass sie trotz der großen Proteste davonkommen würden, auch wenn sie den Forderungen der Studierenden nicht nachgeben würden, machte sie zuversichtlich.
»Bevor er erschossen wurde, breitete er vor der Polizei seine Arme aus.«
Es gab brutale Angriffe auf die Menschen an der Universität von Dhaka und es gab dieses eine Video von der ersten Person, die gestorben ist. Sein Name war Abu Sa'id. Glücklicherweise oder unglücklicherweise wurde sein Tod dokumentiert und jeder hat es gesehen. Bevor er erschossen wurde, breitete er direkt vor der Polizei seine Arme aus. Als er das tat, glaubte er wahrscheinlich nicht, dass die Polizei ihn erschießen würde, doch sie tat es, obwohl er unbewaffnet war. Er breitete seine Arme aus und sie schossen mehrere Male auf ihn. Seine Kameraden schleppten ihn dann ins Krankenhaus, wo er letztendlich verstarb. Ohne dieses Video wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Dadurch, dass jeder eine Kamera hatte, wurden wir zu Bürgerjournalist*innen und teilten die Geschehnisse auf Social Media. Die Armeeliga beschloss daraufhin, während der Proteste hart durchzugreifen und das Internet zu sperren, um den Informationsfluss zu stoppen. So wollten sie verhindern, dass jede*r Zugriff auf Informationen bekommt. Nachdem noch mehr Menschen getötet worden waren, sperrten sie also das Internet, aber die Proteste hielten an. Nachdem unsere Freunde vor unseren eigenen Augen getötet wurden, gab es für die meisten von uns kein Zurück mehr. Es war im Grunde genommen egal, ob wir leben oder sterben, also blieben wir auf der Straße. Studenten und junge Leute, die 15 oder 16 Jahre alt sind, haben Briefe an ihre Eltern hinterlassen, in denen stand: »Mama, meine Freunde sterben auf der Straße, ich weiß, dass du dich nicht darüber freust, aber ich muss auch hingehen. Ich will, dass du stolz auf mich bist; auch ich werde mich dem Protest anschließen.«
Es gibt es immer noch so viele Verletzte, viele von ihnen haben bleibende Schäden und bräuchten eine bessere Versorgung. Wegen all der Korruption im Gesundheitssektor war es aber unmöglich, für sie eine angemessene Behandlung zu bekommen.
Hast du auch dein Leben auf der Straße riskiert?
Ja. Ich versuchte, so oft wie möglich an den Protesten teilzunehmen. Am 3. August war ich in der Nähe von Shabat, nicht weit vom Krankenhaus, wo es einige Schießereien gab. Dort versuchte ich, die Menge zusammenzuhalten. Erst später wurde mir klar, dass dort auf uns geschossen wurde, denn ich hörte einige Zischgeräusche und das waren wahrscheinlich Kugeln, die an meinem Kopf vorbeiflogen.
Was dachtest du in diesem Moment?
Ich habe nicht nachgedacht. Ich versuchte nur die Leute von den Schüssen fernzuhalten. Weil es kein Internet gab, konnten wir nur SMS schreiben und die Polizei führte mitten in der Nacht Hausdurchsuchungen durch. Viele Nächte verbrachte ich damit, bis vier oder fünf Uhr morgens aufzubleiben, um schnell noch eine SMS an Freunde im Ausland schicken zu können, falls die Polizei kam. Das tat ich in der leisen Hoffnung, dass sie vielleicht Druck auf ihre eigenen Regierungen oder Botschaften ausüben konnten, um vielleicht die Freilassung zu ermöglichen, falls ich verhaftet werden sollte. So hoffnungslos war die Situation in Bezug auf unsere eigene Sicherheit.
»als die Polizei »führende Köpfe« festnahm und folterte, ließ der Protest dennoch nicht nach.«
Was ist das Besondere an all diesen jungen Leuten, die innerhalb von zwei Monaten eine Regierung stürzen konnten, die in den letzten 16 Jahren unbesiegbar schien? Was unterscheidet sie von älteren Generationen?
In den letzten zehn Jahren wuchs eine ganze Generation von Menschen heran, die die Korruption und die regierende Politik verachteten und nicht gleichzeitig Teil der anderen politischen Parteien waren. Was das Besondere an unsere Bewegung war? Vielleicht, dass wir mehr Zugang zu Informationen hatten. Soziale Medien spielten wahrscheinlich eine große Rolle bei der Vernetzung. Ein besonderes Merkmal dieser Bewegung ist, dass sie dezentral agierte. Es gab also keine politische Partei, die diese Bewegung steuerte. Im Grunde waren wir nur ein Haufen von Studierenden, die zu Protesten aufriefen. So gab es vielleicht große Demo in Thaga, aber jemand ganz anderes initiierte den Protest. Und als die Polizei »führende Köpfe« festnahm und folterte, ließ der Protest dennoch nicht nach. Diese Dezentralisierung funktionierte nur wegen der sozialen Netzwerke. Jeder hatte Zugang zu digitalen Geräten. Für die Miliz war es sehr schwierig, uns zu spalten und den Informationsfluss zu stoppen. Viele behaupten, dass die junge Generation auf Abwege gerät. Man kann viel Schlechtes über die Auswirkungen der Sozialen Medien sagen, doch in diesem speziellen Fall haben ihre guten Seiten, die technische Versiertheit der Jungen, uns dazu befähigt, die Regierung zu stürzen.
Worin unterscheidet sich die von Studierenden geführte Partei von den traditionellen Parteien?
Man muss bedenken, dass der größte Anführer der Bewegung genauso alt ist wie ich, also 26 Jahre. Wir haben nicht die Erfahrung und wissen noch nicht, welche konkreten Schritte wir nun unternehmen müssen. Aber wir haben jede Menge Mut. Was ich damit sagen will, ist, dass die Studentenführer der neuen Partei, egal was sie tun, Fehler machen werden. Weil sie aber kein Erbe zu schützen haben, werden sie wahrscheinlich in der Lage sein, sich selbst viel schneller zu korrigieren und darüber nachzudenken, warum jemand sie wählen sollte.
»Ich möchte, dass jeder, der in die Korruption und die Morde verwickelt ist, vor Gericht gestellt wird.«
Welche Reformen sind nötig?
Im wirtschaftlichen Bereich müssen viele Reformen durchgeführt werden. Es gibt viel Arbeitslosigkeit aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und der schlechten Planung, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt. Bei aller Kritik, die man an der Interimsregierung üben kann, würde ich sagen, dass sie in einigen Bereichen stetig Fortschritte macht.
Was sind deine Forderungen an Sheikh Hasina? Was sollte mit ihr geschehen?
Ich möchte, dass jeder, der in die Korruption, die Morde und alles, was hier falsch läuft verwickelt ist, vor Gericht gestellt wird. Ich möchte, dass ihnen der Prozess gemacht wird und dass sie so schnell wie möglich verurteilt und bestraft werden.
Wie geht es für dich und für Bangladesch nun weiter?
Ich habe beschlossen, noch mindestens ein oder zwei Jahre im Land zu bleiben und mich so weit wie möglich am Reformationsprozess der Interimsregierung zu beteiligen: Wir versuchen nun, in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, so viel wie möglich zu reformieren.
In den letzten drei Jahren habe ich in ständiger Angst gelebt, mich anpassen zu müssen, getötet zu werden oder ins Gefängnis zu kommen. Immer in der Hoffnung, dass das am Ende nicht umsonst sein würde. Wir können zwar die Diktatorin und ihre politische Partei absetzen, aber die Korruption und der Schaden, der angerichtet worden ist, der lässt sich nicht über Nacht beheben. Die politische Realität, die Zusammenarbeit zwischen den politischen Parteien, zwischen den verschiedenen Religionen und den verschiedenen Sekten, also Menschen mit unterschiedlichen Ideologien zu ermöglichen, das ist immer noch viel Arbeit.
Ich würde zwar sagen, dass wir stetig Fortschritte machen, aber pessimistisch formuliert hätten wir es zwei- oder dreimal besser machen können – wenn man die Chance bedenkt, die wir hatten. Eine Revolution oder eine Bewegung wie diese findet nicht alle Jahre statt.