»Die Revolution ist nicht gescheitert, sie wird uns gestohlen«
Die Filmemacherinnen Mai Shatta und Ilaaf Khalfalla zu ihrem Film »Forgotten Voices«
Audiobeitrag von Martina Backes
01.07.2025
Der Dokumentarfilm »Forgotten Voices« beginnt mit Bildern junger Menschen, die an den Straßenprotesten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum im Jahr 2022 und der dann folgenden Dezemberrevolution teilnehmen. Doch dann erzählen Vertriebene ihre Geschichten von Flucht und Enttäuschen. Das Filmmaterial wurde aus zehn Ländern gesammelt. Dabei ist der Film zu einem Zeugnis des blutigen Krieges geworden, der auf die Revolution folgte.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 1. Juli 2025 im südnordfunk #134
»Forgotten Voices« ist ein Dokumentarfilm. Er beginnt mit Bildern von jungen Menschen, die an den Straßenprotesten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum im Jahr 2022 und der dortigen Dezemberrevolution teilnehmen.
Die Filmemacher*innen haben persönliche Interviews an zehn verschiedenen Orten im Videoformat dokumentiert, nicht nur im Sudan, sondern auch im Ausland. Durch diese Interviews und ergänzendes Videomaterial vom Protest ist der Film zu einem Zeugnis des blutigen Krieges geworden, der auf die Revolution folgte. »Forgotten Voices« zeigt, wie die Menschen heute mit der Revolution umgehen und wie sie entweder im Kriegsgebiet oder in der Vertreibung überleben - in Zeiten, in denen die internationale Gemeinschaft die Augen zu verschließen und den Krieg im Sudan zu vergessen scheint.
Inzwischen gibt es mehr als zwölf Millionen Vertriebene und eine schwere humanitäre Krise. Gleichzeitig spricht der Film über das Ausbleiben humanitärer Hilfe. Der Titel selbst, »Forgotten Voices«, bezieht sich auf die mangelnde Berichterstattung in den Medien und das Desinteresse der internationalen Gemeinschaft am Krieg im Sudan.
Sprecherin: Ich freue mich sehr, euch hier im Studio zu treffen, Mai Ali Shatta von der Bana Group for Peace and Development, einem feministischen, aktivistischen sudanesischen Netzwerk, und Ilaaf Khalfalla. Du hast Mai Shatta bei der Produktion des Films unterstützt. Mai, du hast eine Ausbildung als Friedensfachkraft in Konfliktbearbeitung und bist - deinen eigenen Worten zufolge - keine Filmemacherin. Nachdem ich den Film gesehen habe denke ich, du bist sehrwohl eine Filmemacherin.
Wie hast du die Interviewpartner gefunden und wie du bist an das Filmmaterial gekommen?
Mai Shatta: Vielen Dank für die Gelegenheit hier im Radio, das sich die Zeit genommen hat, uns einzuladen. Denn das ist es, was wir brauchen, um den Mangel an Medienberichterstattung zu beheben. Die Informationen zu sammeln, das war nicht einfach. Wir haben Filmmaterial von verschiedenen Orten, aus Libyen, aus dem Sudan, dem Tschad, aus Kampala, und auch aus Ägypten. Manchmal wurden die Daten aufgrund von Internetproblemen nicht rechtzeitig übertragen, manche gingen ganz verloren. Wir brauchten über neun Monate, um das gesamte Rohmaterial nach Deutschland zu bekommen. Deshalb hat die Filmproduktion seit dem Start über ein Jahr gedauert.
»Wir mussten abwägen, welche Bilder wir zeigen und welche wir aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlichen.«
Zudem mussten wir abwägen, welche Bilder wir zeigen und welche wir aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlichen, um die Menschen in dieser Zeit von Einschüchterung und Unterdrückung zu schützen. Denn sie produzieren dieses Filmmaterial in einer sehr schwierigen Situation - auch wegen der Sicherheitsprobleme im Sudan, denn jeder kann jederzeit angreifen, jeder kann verhaftet werden und man weiß nie, wohin die Leute dann gebracht werden. Aus diesem Grund haben wir von Anfang an über den Sicherheitsschutz nachgedacht.
Ich denke, Vertrauen ist eine Art Software, ohne die es kaum möglich ist, einen Film wie diesen zu produzieren. Ilaaf, Vertrauen - wie wichtig ist das aus deiner Sicht?
Ilaaf Khalfalla: Wir sind dankbar für das Vertrauen, das die Leute in uns gesetzt haben, als es darum ging, den Film zu produzieren und gewiss zu sein, dass ihre Stimmen auf eine sehr klare Art und Weise zur Geltung kommen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Vertrauen das Wesentliche für den Film ist. Es war eher die Überzeugung dass der Film bitternötig ist, die das Projekt vorangetrieben hat. Und die Tatsache, dass diese Menschen und ihr Schmerz es verdient haben, gesehen zu werden. Und auch ihre Widerstandskraft hat es verdient. Diese Resilienz ist das, was für die Arbeit so wichtig ist. Der Film will zeigen, wie die sudanesische Zivilgesellschaft und auch die Diaspora das Land zusammenhält.
Was genau besagt der Titel des Films, Forgotten Voices, und warum haben Sie diesen Titel gewählt? Ich habe schon versucht, es zusammenzufassen, doch wie fasst du es in deinen eigenen Worten?
Mai Shatta: Für mich ist der Titel so passend zum Projekt, das ich aktuell mit BANA und mit der KURVE Wustrow durchführe, es heißt »Voice of Margins People«. Und das Buch, das veröffentlicht wird, Voice of Margins. Der Name passt für mich zu dem, was die internationale Gemeinschaft getan hat, die den Sudan ignoriert und vernachlässigt. Wir kommen nicht in den Regierungsmedien nicht vor. Wir werden auch nicht in humanitären oder politischen Diskussionen thematisiert. Die ganze Zeit wird versucht, uns von der Tagesordnung zu verdrängen. Das ist für mich nicht nur Vernachlässigung, es ist Absicht, und es ist ein Vergessenmachen des Krieges. Das ist mir sehr wichtig hervorzuheben, denn »Forgotten Voices« ist nicht nur ein Dokumentarfilm, der Stimmen von Menschen zeigt, die unter dem Krieg leiden. Erzeigt auch, dass dieser Krieg wirklich absichtlich ausgeblendet wurde.
Specherin: Ich fasse die Ereignisse für unsere Zuhörer*innen kurz zusammen. Nach 30 Jahren an der Macht endete die Diktatur von Präsident Omar al-Bashir im Jahr 2019 und die Menschen kämpften für einen demokratischen Wandel. Es wurde eine Übergangsregierung gebildet, allerdings mit wenigen zivilen Akteuren. Die beiden Generäle Burhan und Hemeti, beide an der Übergangsregierung beteiligt, begannen im April 2023, also vor über zwei Jahren, auf den Straßen der Hauptstadt Khartum einen sehr blutigen Kampf um die Macht, der sich schnell über das ganze Land ausbreitete.
Zu Beginn des Films heißt es, dass der Krieg und die Gewalt zwar viele Menschen getötet haben, aber die Ideen der Revolution, konnten dadurch nicht ausgelöscht werden. Gleichzeitig geben sich einige Ihrer Gesprächspartner sehr enttäuscht, als sie über ihre eigene Zukunft und ihre persönlichen Möglichkeiten nachdachten. Ich sehe hier einen gewissen Widerspruch.
Wie hat die Idee der Revolution in dieser Gesellschaft überlebt?
Ilaaf Khalfalla: Der Geist der Revolution oder diese Art von solidarischem Handeln und Zusammenhalt in der Gemeinschaft sind für die Gesellschaft nicht neu. Der hat wie ein Rückgrat unserer Kultur die Diktatur in unserem Land viele Jahre lang überlebt. So hat sich die Gesellschaft nicht nur gegen die Mitglieder der Diktatur gewehrt, sondern auch gegen verschiedenste Mittel, die Menschen zu unterjochen, mit mehr oder weniger Erfolg. Mit der Revolution wurden diese alten Nachbarschaftsnetzwerke zu Nachbarschaftskomitees und zu Aktionskomitees und - während des Krieges - zu Notfallzentren. Dies ist also ein sehr direkter struktureller Weg und eine sehr praktische Art und Weise, wie der revolutionäre Geist überlebt hat.
Gibt es immer noch Spuren und Erfahrungen aus der Revolution, die die Art und Weise, wie die Gesellschaft jetzt aktuell handelt, stützt?
Ilaaf Khalfalla: Die Netzwerke und Wege der Kommunikation und Weitergabe von Informationen und die Organisierung machten schlussendlich die Evakuierung von Zivilist*innen aus Khartum überhaupt erst möglich, auch humanitäre Hilfe, die medizinische Unterstützung und den Informationsfluss, als die Regierung nicht mehr präsent war oder gar nicht vorhatte, für die Menschen im Sudan dazusein. Zugleich gibt es definitiv, und das zu Recht, eine Menge Hoffnungslosigkeit bei den Menschen - aufgrund der Ereignisse der letzten Jahre. Auch das versucht der Film zu zeigen. Es gibt verschiedene Erfahrungen. Wenn man mit dieser Art von Gewalt konfrontiert wird und völlig aus seinem gewohnten Umfeld gerissen wird, ist das ein Schock. Einige Leute sind damit definitiv kritischer geworden. Oder aber, es lässt sie derzeit nicht hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.
»Die Diaspora hat eine ebenso große Rolle dabei gespielt, die Energie und den Spirit der Menschen zu stärken.«
Mai Shatta: Die Diaspora hat eine ebenso große Rolle dabei gespielt, die Energie und den Spirit der Menschen zu stärken. Nach der Revolution hatten wir den Putsch und dann den verheerenden Krieg, der sich auf alle Menschen im Sudan und außerhalb des Sudans ausgewirkt hat. Ich spreche jetzt als Diaspora-Person, wir leben auch hier in Europa. Wir versuchen, uns nicht ständig selbst zu traumatisieren oder zu Opfern zu machen. Wir wollen das Mindeste tun, was wir gemeinsam tun können, indem wir uns zusammenschließen und unsere Stimme erheben. Ja, es gibt Herausforderungen – und es gibt Chancen. Wir konzentrieren uns darauf, wie wir die Zivilist*innen im Sudan unterstützen können, weil sie allein gelassen werden – nicht nur von unserer Regierung, sondern allein gelassen auch von jeglicher Solidarität von außen. Daher haben wir so ein Gefühl, dass wir die Alternative zur Regierung für unsere Leute sind, für die Zivilist*innen, die in Not sind.
Deshalb schätze ich es sehr, wie die sudanesische Diaspora außerhalb des Sudans uns während des Krieges und der Revolution unterstützt hat. Sie schicken Geld, sie kommunizieren mit uns und geben uns Tipps oder organisieren eine Podiumsdiskussion. Sie demonstrieren.
Das hat man schon in der Übergangsphase nach der Revolution gesehen. Die Menschen haben nicht aufgehört zu protestieren. Warum waren sie motiviert, weiter auf die Straße zu gehen? Was waren ihre Forderungen und ihre Motivation in dieser Phase der Übergangsregierung?
Mai Shatta: Wir müssen in einer Demokratie leben. Wir brauchen Frieden und Gerechtigkeit. Das ist das Mindeste, was ein Mensch verlangen kann. Der zweite Grund, warum wir weitermachen: Unsere Ziele und unser Traum waren nicht angstbesetzt. Es geht um alle Sudanes*innen in der Diaspora und um alle im Sudan. Wir alle wünschen uns eine zivile Regierung. Wir brauchen kein Militär, das haben wir satt. Seit wir geboren sind, seit einer anderen Generation, sind wir mit verschiedenen Kriegen und Vertreibungen konfrontiert. Alles, was man sich vorstellen kann, wird an uns praktiziert. Wir sind müde, wir müssen uns ausruhen. Wir brauchen Frieden, denn das ist das Menschliche, das geringste, Frieden und Gerechtigkeit. Und wir wollen einfach unser Leben genießen. Wir sind das jüngste Land. Die jüngste Generation im Sudan hatte noch nie Zugang zu Urlaub. Dabei schreiben wir jetzt das Jahr 2025. Die Menschen haben keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung. Das ist der Mindestwunsch, das ist es, was wir brauchen.
Im Jahr 2023 ist gut die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre. Was bedeutet es für eine so junge Gesellschaft, in einem Land mit einer gescheiterten Revolution und ohne Zukunftsperspektive aufzuwachsen?
Mai Shatta: Eine Bemerkung zur gescheiterten Revolution. Nein. Die Revolution ist nicht gescheitert, sie wird uns gestohlen. Weil wir bei dieser Revolution nie scheiterten. Wir haben für sie hart gekämpft. Wir haben unsere geliebten Menschen verloren, unsere Freunde, unsere Familie, um zu leben und unseren Traum fortzusetzen. Das Militär hat darin versagt, uns zu beschützen. Für uns als revolutionäres Volk haben wir nie versagt. Unsere Revolution wurde gestohlen, unser Traum wurde zerstört, unser Volk wurde getötet. Und das ist es, was uns auch Energie gibt. Es gibt uns Kraft, um weiterzumachen. Und ich denke, die meisten Leute sagen, okay, die Revolution im Sudan ist gescheitert, weil sie jetzt einen Putsch und einen Krieg haben. Nein. Es ist die Strategie der Regierung und der Leute, die daran interessiert sind, keine zivile Regierung im Sudan zu haben. Die versuchen, uns den Weg zu versperren.
Anders formuliert: Angesichts der gestohlenen Revolution – was bedeuten die fehlenden Zukunftsperspektiven und das Desinteresse der internationalen Gemeinschaft für die junge Generation? Welche Art von Gefahr seht ihr da?
Ilaaf Khalfalla: Das ist absolut verheerend. Der gesamte Werdegang vieler Menschen, nicht nur in der Kindheit, sondern auch in Bezug auf Bildung, im Leben, im Jugendalter, ist völlig zerrüttet – also nicht unterbrochen, sondern durch Gewalt, Unsicherheit, Traumata und Hunger zerstört. Klar, es gibt Personen oder Familien, die Mittel haben. Die in der Lage waren, das Land zu verlassen, und es gibt andere, die derzeit innerhalb des Landes vertrieben werden, vor allem in Regionen mit einer Hungersnot, vor der zuvor gewarnt wurde.
Es geht um das physische Überleben, um das psychische und emotionale Überleben. Und das ist die Frage, vor der wir uns jetzt wirklich fürchten: Was wird mit diesen Kindern geschehen? Im Moment müssen viele ihre Universitäts- und Schulausbildung unterbrechen. Selbst wenn es ihnen gelingt, den Sudan zu verlassen, ist das Nachbarland oft nicht in der Lage, diese jungen Menschen wieder in die Schule zu schicken, sei es aus finanziellen Gründen oder wegen bürokratischer Hürden. Man könnte sich mindestens dafür einzusetzen, Unterstützungsstrukturen für diese Kinder und Familien außerhalb des Landes zu stärken. Und auch die Erwachsenen verdienen es, in Würde und Sicherheit zu leben und in Würde zu sterben, Zugang zu Bildung und all diesen Grundbedürfnissen zu haben.
Humanitäre Hilfe für den Sudan - zugesagt aber nicht eingelöst?
Sprecherin: Ich erinnere da an die beiden Konferenzen, auf denen Geld für humanitäre Hilfe gesammelt wurde. Frankreich, Deutschland und die Europäische Union drängten auf eine Aufstockung der Mittel, und ihre Verbündeten hatten Spendenzusagen von über zwei Milliarden Euro gesammelt, um die humanitäre Krise zu lindern. Wir alle wissen, dass dieses Geld bei weitem nicht ausreicht. Genau zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs haben die Europäische Kommission und mehrere Mitgliedsstaaten auf einer Konferenz in London nun eine Summe von 500 Millionen Euro zugesagt.
Was wisst ihr über den Verbleib der zugesagten Hilfen?
Mai Shatta: Zu den beiden Konferenzen, die Sie jetzt angesprochen haben, haben wir keine Angaben dazu, wohin dieses Geld geflossen ist. Ich war letztes Jahr im Außenministerium und habe den Verantwortlichen für das Sudan-Büro direkt befragt - er sagte, dass dieses Geld an eine Menschen von Khartum, eine alternative politische Gruppe, die ihre Stimme erhoben hat, um den Krieg im Sudan zu stoppen. Es würde dann an NGOs verteilt, die an der Basis arbeiten. Das war am 15. April 2024 jetzt haben wir Mai 2025 - und noch immer werden im Sudan Stimmen laut, dass Menschen sterben, weil es an Wasser, Nahrung und Grundbedürfnissen fehlt.
Ilaaf Khalfalla: Die internationalen Hilfswerke und die UN sollten mehr darüber nachdenken, wie sie die sehr begrenzten Gelder, die zur Verfügung stehen, effektiver an die Basis transferieren können. Gleichzeitig sollten die geldgebenden Regierungen darüber nachdenken, ob sie das gesamte Geld ausschließlich in UN Programme geben – die ja, auch wegen ihrer eigenen hohen Sicherheitsstandards – oft keinen Zugang mehr in die schlimmsten Krisengebiete haben. Da braucht es ein Umdenken. Die Leute sind oft festgefahren in den Strukturen, die existieren, das ist ehrlich gesagt auch ein bisschen selbstgefällig, statt von den Fehlern zu lernen.
Mai Shatta: Wir haben schon einmal in Paris erlebt, dass eine Menge Geld ausgegeben und gespendet wurde. Wo es hinging? Keiner weiß es, es gibt keinen Bericht, keine öffentlichen Informationen darüber. Deshalb versuchen wir als sudanesische Aktivisten, unser Bestes zu tun, um Spenden zu sammeln und eine kleine, vertrauenswürdige Organisation zu finden, die mit uns solidarisch ist, um uns zu unterstützen. Wenn wir einfach nur auf diese großen Summen warten, verlieren wir viele Menschen.
Welche Art von Druck auf das System und auf die Politik müsste es in euren Augen geben - und welche Lösungswege sind denkbar?
Ilaaf Khalfalla: Zunächst einmal hat man es auf internationaler Ebene völlig versäumt, schnell zu handeln und dafür zu sorgen, dass die Waffen- und Geldströme zu den Kriegsparteien gestoppt werden. Das ist eines der ersten Dinge, die geschehen müssen, denn die Menschen vor Ort tun bereits alles. Ein Friedensprozess kann aber nicht von der Zivilgesellschaft allein getragen werden. Es ist unglaublich gefährlich und illusorisch, das zu erwarten. Die Unterstützung der Zivilgesellschaft und humanitäre Hilfslieferungen müssen möglich gemacht werden. Dann muss man alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um die Kriegsparteien zu stoppen. Das ist nicht geschehen. Die Vermögenswerte wurden viel zu spät eingefroren. Es wird immer noch nicht genug politischer Druck ausgeübt, auch wegen strategischer politischer Interessen und, wie Sie wissen, auch aus Eigeninteresse der Länder. Niemand bietet den Vereinigten Arabischen Emiraten die Stirn, um die Waffenlieferungen an die Rapid Support Forces zu stoppen, und auch die internationale Gemeinschaft hat es versäumt, das sudanesische Militär zu stoppen.
Omar Bashir und verschiedene andere Politiker wurden verhaftet. Sie wurden vom Internationalen Strafgerichtshof verurteilt, und wer hat sie zu Fall gebracht? Es war die Zivilgesellschaft. Aber wissen Sie, sobald Waffen in diesem Ausmaß zum Einsatz kommen, und jetzt haben wir es mit Drohnen zu tun, ist das wie eine Artillerie, gegen die Menschen nicht bestehen können. Da reicht es nicht aus, nur die Zivilgesellschaft zu unterstützen. Sie ist ein wichtiger, ein integraler Bestandteil. Man muss an sie denken, aber es gibt auch andere Maßnahmen, die ergriffen werden müssen.
Mai Shatta: Ich stimme Ilaaf zu. Egal wo, ihr müsst mehr Druck auf eure Regierungen ausüben, mit Aktionen, Solidarität, Berichterstattung und dabei unterstreichen, dass die Menschen, die vor Ort die Arbeit machen, die Zivilgesellschaft, egal bei welchem Schritt, einbezogen werden müssen. Was immer wir tun, diese anwaltschaftliche Lobbyarbeit ist das Allerwichtigste.
Shownotes
Link zum Trailer des Films
Link zum Booklet über den Film
Link zum Policy Brief: Voices from the Margins: Realising “Freedom—Peace—Justice” and Structural Empowerment for Multi-Marginalised Women in Sudan
Das Interview führte Martina Backes.