Dänemark als globaler Akteur - Rezension

Dänemarks koloniales Erbe

Rezensiert von Joachim Zeller

15.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412

Spätestens mit den unverhohlenen Annexionsgelüsten des US-Präsidenten Trump, Grönland den USA einverleiben zu wollen, ist vielen bewusst geworden, dass die größte Insel der Erde einstmals eine dänische Kolonie war und das Königsreich Dänemark eine ehemalige Kolonialmacht ist. Der nun erschienene Sammelband Dänemark als globaler Akteur gewährt Einblicke in die aktuellen Debatten zur dänischen Vergangenheit und wirft Fragen auf: nach Kontinuitäten, Wandel, dem kolonialen Erbe und der Aufarbeitung. Ein internationales Team von Autor*innen bietet in 13 Beiträgen neue Perspektiven auf die Geschichte des Landes.

Der Sammelband gibt einen Überblick zum dänischen Kolonialismus, dessen Entstehung und Niedergang, zu den Akteuren und über die sogenannten »Hofmohren«. Im zweiten Teil wird der Kolonialbesitz im Nordatlantik am Beispiel Grönlands und Islands vorgestellt. Es folgen die dänischen Kolonien in Indien und an der Ostküste Ghanas. Abschließend steht Dänisch-Westindien mit seinem Handwerk und dem materiellen Kulturerbe im Mittelpunkt.

In der Einleitung heben die Herausgeber hervor, dass sich unter dem Danebrog (der dänischen Nationalflagge) durchaus ähnliche koloniale Strukturen und Handlungsmuster herausgebildet haben wie sie auch unter den europäischen Konkurrenten festzustellen sind. Dies trifft sowohl für die Errichtung von Handelsplätzen, dem Territorialerwerb, als auch der Gründung privilegierter Handelskompanien zu. Den Anfang machten die Dänen im Jahr 1620, als sie einen Handelsort an der südostindischen Koromandelküste pachteten. Aus dieser ersten kolonialen Besitzung Dänemarks in Übersee entwickelte sich das heutige Tharangambadi.

Auch Schleswig-Holstein hatte Anteil an der Kolonial­geschichte Dänemarks.

Was Wenige wissen dürften: Auch Schleswig-Holstein hatte Anteil an der Kolonialgeschichte Dänemarks. Dies wird deutlich mit Blick auf das bis 1864 existierende Herzogtum Schleswig, dessen bedeutendste Stadt Flensburg war und zum dänischen Gesamtstaat gehörte. Dank des Rumhandels, der auf dem Import von Rohrzucker aus Dänisch-Westindien basierte, florierte Flensburg im 18. und 19. Jahrhundert. So verdankt die Fördestadt ihren Reichtum nicht zuletzt der Ausbeutung versklavter Menschen in den Rohrzucker-Anbaugebieten. In der Innenstadt von Flensburg zeugen heute noch die prächtigen Kontorhäuser und Kaufmannshöfe davon.

Auch Dänemark steht vor der Herausforderung, sich mit seiner Kolonialvergangenheit auseinanderzusetzen. Damit steht unser Nachbarland nicht alleine da, sondern es trifft für alle ehemaligen Kolonialmächte Europas zu. Nicht nur deshalb ist diesem Sammelband hierzulande ein breites Publikum zu wünschen.

Florian Jungmann und Martin Krieger (Hrsg.): Dänemark als globaler Akteur. 17.-20. Jahrhundert. Koloniale Beziehungen und historische Verantwortung. Solivagus Praeteritum, Kiel 2024. 314 Seiten, 56 Euro.

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