Wert-Abspaltungs-Debatte
Rezensiert von Antonios Chrisofakis
15.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412
In Back to the roots? sammelt Roswitha Scholz Essays aus 30 Jahren Arbeit an der Wert-Abspaltungs-Theorie, die aus einer Verbindung von Wertkritik und Kritischer Theorie hervorgeht. Scholz’ Essays lesen sich als scharfe Kritiken an empirischen Missständen, aber auch an Trends marxistisch-feministischer Theoriebildung. Überzeugend ist vor allem ihre Kritik an neuen marxistisch-leninistischen Strömungen: Die Rückbesinnung auf die Klassenfrage sowie die Hierarchisierung von Haupt- und Nebenwidersprüchen hält Scholz für reduktionistisch und unzeitgemäß. Im globalisierten Kapitalismus sei eine vulgärmarxistische Deutung von Klasse schlichtweg nicht haltbar und diverse Formen von Diskriminierung nicht lediglich als Nebenwidersprüche der kapitalistischen Ausbeutung zu verstehen.
Weniger nachvollziehbar erscheint Scholz’ Kritik an poststrukturalistischer Theoriebildung, die sie plakativ vor allem an Judith Butler zu konkretisieren sucht. Immer wieder steht der Vorwurf im Raum, der dekonstruktive Ansatz des Poststrukturalismus werde sowohl in der Theorie als auch in der Praxis zu Identitätspolitik verkehrt. Das ist sicherlich keine einfach abzuweisende These, aber es fehlt ihr an einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Gegenstand.
Scholz veranschaulicht die doppelte Vergesellschaftung von Frauen in der Postmoderne und wie diese sich bei unterschiedlicher Herkunft auswirkt
Die Veranschaulichung des Abspaltungs-Prozesses ist zweifellos die größte Stärke der Theorie: Überzeugend legt Scholz dar, wie Produktion und Reproduktion nach unterschiedlichen Logiken operieren und Reproduktion infolgedessen in eine abgesonderte Sphäre gefasst wird. Daraus ergibt sich: Produktion und Reproduktion sind in einem dialektischen Verhältnis begriffen, konstituieren und negieren sich gegenseitig. Eindrücklich veranschaulicht Scholz dabei die doppelte Vergesellschaftung von Frauen in der Postmoderne, aber auch wie diese sich auf Frauen unterschiedlicher Herkunft unterschiedlich auswirkt. So wird der Bogen zu anderen Formen von Diskriminierung wie Rassismus oder Antisemitismus gespannt, die nicht zu Nebenwidersprüchen verkommen sollen. In diesem Zuge mahnt Scholz, das Formprinzip der Wert-Abspaltung nicht zu essentialisieren.
Es ergibt sich eine Theorie, die nichts außer Acht lassen will und sich zugleich ihrer Einschränkungen bewusst ist. Es ist zweifellos ein hehres Unterfangen, die eigene Theorie derart unabgeschlossen und kritikfähig zu konzipieren. Aber eben in der Form, wie die Wert-Abspaltungs-Kritik verschiedene Formen der Diskriminierung zu inkludieren sucht, droht sie zu verschwimmen. In jedem Fall lohnt es sich aber die Essays zu lesen und sich ein eigenes Bild von Roswitha Scholz’ enorm dichtem Werk zu machen.