Kolonialkritik der Kolonisierten
Rezensiert von Linda Förster
15.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412
»Nichts Seltsameres und Heuchlerischeres gibt es als die Sprache dieser Herren [...]; sie treten nicht mehr als grauenhaftes Monster auf, das unsere Rasse [race] bis hin zu den Säuglingen an der Mutterbrust auszulöschen droht, sondern nunmehr in neuer Gestalt als Sirenen, die uns mit melodischer Stimme und betörenden Formen in ihre Arme lockt.« So schreibt Jean Louis Vastey im Jahr 1817 in einem politischen Pamphlet als Reaktion auf die nicht ablassenden französischen Bestrebungen, seine Heimat Haiti dreizehn Jahre nach dessen erkämpfter Unabhängigkeit weiterhin wirtschaftlich zu beherrschen.
eine Anthologie, mehrheitlich aus der Feder einer indigenen, intellektuellen kolonialen Elite, die lokale Missstände und die Fernherrschaft der Kolonialmächte ankreidet
Es ist eine der fünfzehn Stimmen des Antikolonialismus, die in dem Sammelband, editiert von den Historiker*innen Lucile Dreidemy, Johannes Knierzinger, David Mayer und Clemens Pfeffer zu Wort kommen.
Der Band vereint kritische und widerständige Positionen aus kolonisierten Gesellschaften weltweit vom 17. bis ins 20. Jahrhundert – von Ausschnitten aus der »Ersten neuen Chronik« des Quechua Felipe Guaman Poma de Ayala von 1615 bis hin zur Imperialismuskritik des Afroamerikaners W.E.B. du Bois dreihundert Jahre später.
Bei der Auswahl der Primärtexte sei den Herausgeber*innen wichtig gewesen, so betonen sie, sich nicht von eigenen theoretischen Vorannahmen über Antikolonialismus als absolute Zurückweisung kolonialer Herrschaft beschränken zu lassen, sondern ihren Blick zu öffnen für die Empirie in unterschiedlichen kolonialhistorischen Kontexten. Herausgekommen ist eine Anthologie, mehrheitlich aus der Feder einer indigenen, intellektuellen kolonialen Elite, die lokale Missstände und die Fernherrschaft der Kolonialmächte ankreidet. Der Grad, in dem sie das Kolonialprojekt als solches dabei infrage stellen, differiert.
Spannend zu lesen ist, wie sich die Autoren (ja, allesamt Männer) in ihrem Schreiben strategisch Motive, Argumentationsmuster und literarische Genres der Kolonialmächte aneignen und gegen diese wenden. Zugleich wurden und werden ihre schlagkräftigen Stimmen in kolonialen Zentren rezipiert und wirk(t)en zurück auf dortige, etwa aufklärerische, Diskurse. Die Texte sind so interessante Beispiele für eine verwobene Moderne und eine globale Ideengeschichte des Antikolonialismus.