Zusammenstellung der Cover der hier besprochenen Bücher zu Nahost, Antisemitismus, Zionismus, Nahostkonflikt und Geschichte
Zusammenstellung der besprochenen Bücher zu Nahost, Antisemitismus, Zionismus, Nahostkonflikt und Geschichte

Lektüre zu Nahost & Antisemitismus

recherchiert, rezensiert, zitiert, kritisiert

Wer mehr weiß, sieht mehr. Sagte das nicht mal Jim Jarmusch? Ob der wohl Goethe gelesen hat? Man sieht nur, was man weiß - das ist die Goethsche Klausel der Wahrnehmungserweiterung. Auch wir denken: Es geht es nicht nur um Faktenwissen, sondern um das Wissen um Analysekategorien, etwa um herrschaftskritische Betrachtungsweisen, um dialektische Erörterung. Was ist die Basis der Positionierung anderer?

Antizionismus, Prozionismus, Anti-Antizionismus, Dekoloniale Kämpfe, Antisemitismus und die Gefahr der Instrumen­talisierung all dessen

von iz3w redaktion

06.11.2025

Vielleicht können die Sachbücher und Romane, die wir hier zusammengestellt haben, den Blick der interessierten Leser*innen weiten. Die Lektüre kann bestenfalls dazu beitragen, den eigenen Tunnelblick und den anderer besser zu fassen, die Komplexität und Ambiguität der Verhältnisse zu sehen und verschiedene Stimmen und Meinungen zu wort kommen lassen - rund um die strittige und emotionale Debatte legitimer und nicht begründeter Antisemitismus- und Genozidvorwürfe im Kontext der Nahostkonflikte. Bei der Auswahl, die wir hier getroffen haben, ist unser einziges Kriterium: Lesenswert!

 

 

 

 

Die Linke in Palästina scheint als Thema komplex und wenig greifbar. Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger nähert sich dieser komplexen Problematik, indem er eine Geschichte des Niedergangs erzählt. Dabei ist er sich der Vertracktheit der Begrifflichkeiten bewusst. So betont er, dass »der politische Raum, der hier als Palästina bezeichnet wird, nicht unbedingt identisch ist mit dem geographischen Raum.« Schauplätze der palästinensischen Politik sind nicht nur das Westjordanland und der Gazastreifen, sondern auch die Diaspora.

Schmidingers Darstellung ist hochgradig informativ, dicht geschrieben und schlüssig argumentiert. Zu bemängeln ist lediglich, dass er Interaktionen zwischen jüdischen und arabischen Arbeiterbewegungen, insbesondere in der britischen Mandatszeit, kaum berücksichtigt.

Thomas Schmidinger: Die Linke in Palästina. Eine Einführung. Mandelbaum Verlag, Wien 2024. 160 Seiten, 15 Euro.

 

 

 

»Mein Großvater fand ein altes, verlassenes Haus, eine französische Villa, Überbleibsel der Kolonialzeit, vor den Toren der Stadt.« Aber die Sache hat einen Haken: »Die Fenster hatten keine Scheiben mehr, und der Wind pfiff durch die hohen Räume mit seinen stuckverzierten Decken.« Neun Monate später, im Oktober 1951, wird dort bei Beirut der Vater der Erzählerin geboren. Die Villa ist nur eine kurze Station der autofiktionalen Fluchtgeschichte, die Joana Osman im Roman Wo die Geister tanzen über eine palästinensische Familie erzählt [...] 

Das Buch ist lesenswert, weil es im polarisierten Israel-Palästina-Konflikt etwas Aufklärung und Hoffnung schafft: Geradezu programmatisch werden die palästinensische Diversität und die Verbindungen zwischen israelischen und arabischen Menschen aufgezeigt. Emblematisch dafür steht ein Abriss der Familiengeschichte zu Beginn des Buchs: Sie seien »Kanaaniten allesamt (was immer das bedeuten mag) mit einigen Beduinen, ein paar Phöniziern, Arabern, Römern, Türken, und unter Garantie einer Handvoll Juden als Zugabe«. Und dazu schafft es die Autorin, eine palästinensische Fluchtgeschichte ohne die Abwertung der israelischen Seite zu schreiben.

Joana Osman: Wo die Geister tanzen. C. Bertelsmann Verlag, München 2023. 224 Seiten, 24 Euro.

 

 

In Israel. Der Faktencheck über das am meisten missverstandene Land gibt Noa Tishby einen leicht zugänglichen Überblick über die zentralen historischen Ereignisse. Vor welchem Hintergrund entstand die zionistische Bewegung? Wie erging es den ersten Siedler*innen? Tishby erzählt von den großen Entwicklungen oftmals anhand der eigenen Familienbiografie.

Noa Tishby: Israel. Der Faktencheck über das am meisten missverstandene Land der Welt. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh & München 2022. 400 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

»Um kein Thema kämpft die deutsche Linke so erbittert wie um das Verhältnis zu Israel, kein Thema hat mehr Bedeutung für die Definition der Wir-Identität«, schreibt Meron Mendel in Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Seine Leitfrage ist, welche Funktion das Verhältnis zu Israel für Politik und Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland erfüllt.

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit der BDS-Bewegung, der deutschen Linken und dem Entstehen von antideutschen wie antiimperialistischen Strömungen, deren extreme Pole von Mendel gleichermaßen kritisiert werden.

Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 224 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

Sara Klatts autofiktionaler Roman Das Land, das ich dir zeigen will ist ein Roadtrip durch Israel. Klatts Protagonistin reist mit 17 aufgeblasenen Luftballons 64 Kilometer von Tel Aviv nach Hebron im Westjordanland, um einen palästinensischen Bekannten zu besuchen. Dabei kann sie nur das erste Stück trampen und verliert einige der Ballons zum Schrecken der Menschen bei einem Kontrollpunkt.

Die Autorin erzählt von traumatisierten israelischen Veteranen, überdrehten lesbischen Frauen mit Baby und Katze im Auto, dem elefantösen Busbahnhof in Tel Aviv, Bamba Erdnussflips und Rafis Bar in Jerusalem in der heimlich orthodoxe Juden zum Trinken und Flirten einkehren und ihre Schläfenlocken für ein paar Stunden unter ihren Mützen verstecken.

»Nach dem Holocaust fehlten sechs Millionen. Sechs Millionen, die sich verliebt und gestritten hatten, die ihren Kindern Geschichten erzählten, die Träume, Ziele, Wünsche hatten und die gute oder weniger gute Menschen geworden wären. Manche von ihnen waren glücklich, andere eher nicht. Die ganze Welt hätte sich anders zusammengesetzt, wäre heute anders verbunden, hätte es den Holocaust nicht gegeben.«

Sara Klatt: Das Land, das ich dir zeigen will. Penguin, München 2024. 400 Seiten, 24 Euro.

 

 

 

»Am besten betrachtet man die Sache, indem man auf die Flüchtlinge selbst schaut, nicht als ein »Problem« auch nicht als Statistik, sondern als Menschen. Die palästinensischen Flüchtlinge, übel zugerichtet durch dreizehn Jahre in der Arena internationaler Politik, haben ihre Gestalt verloren; sie erscheinen wie ein Haufen und werden behandelt wie ein Objekt. Aber sie sind Individuen wie alle anderen auch.« Zu dieser Erkenntnis kommt Martha Gellhorn (1908-1998) in ihrer Reportage Die Araber von Palästina.

Wem während des Lesens die erschreckenden und traurigen Parallelen von Instrumentalisierung und Verhetzung zu heute nicht entgegenspringen, wird spätestens mit dem Nachwort von Klaus Bittermann in das hier und jetzt nach dem 7.Oktober geholt.

Martha Gellhorn: Die Araber von Palästina. Reportagen über arabische Flüchtlinge, Eichmann und den Sechstagekrieg. Edition TIAMAT Berlin 2024, 174 Seiten, 18 Euro.

 

 

 

Seit Jahren wird debattiert, was israelbezogener Antisemitismus ist und wie damit umzugehen sei. Thomas Haury und Klaus Holz nahmen nun den Streit um die Einladung des postkolonialen Theoretikers Achille Mbembe zur Ruhrtriennale im Frühjahr 2020 zum Anlass, dieser Erscheinungsform des Antisemitismus auf den Grund zu gehen.

In einer theoretisch anspruchsvollen Einleitung klären die Autoren zunächst den Begriff des Antisemitismus. [...] Im Kapitel über identitätspolitischen Antirassismus beleuchten Haury und Holz die Kontroversen um israelbezogenen Antisemitismus exemplarisch an der antiisraelischen Boykottkampagne BDS [...]

Haury und Holz wenden sich daher gegen jede »identitätspolitische Zurichtung« von Rassismuskritik wie Antisemitismuskritik und empfehlen einen »bedingten Universalismus«. Damit ist gemeint, die wechselseitige Bedingtheit von Rassismuskritik und Antisemitismuskritik selbstkritisch zu reflektieren und darüber eine universalistische Perspektive zu entwickeln.

Insgesamt belegt das vorliegende Buch die »pandemische Präsenz« des israelbezogenen Antisemitismus in all seinen Varianten mit eindrucksvoller Materialfülle und ordnet sie theoretisch komplex in den modernen Antisemitismus ein.

Klaus Holz und Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel. Hamburger Editionen, 2021. 424 Seiten, 35 Euro.

 

 

 

 

 

Die Protagonistin des Debütromans Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel ist die fünfzehnjährige Margarita. Sie lebt bei ihrem alleinerziehenden Vater Avi, der als Kantor in einer jüdischen Gemeinde in Berlin singt, und verbringt alljährlich ihre Sommerferien bei ihren Großeltern in Chicago. Für Margarita beginnt die Geschichte in Chicago, für Avi bei seiner Arbeit in der Synagoge. Die Perspektive der Erzählung springt zwischen Vater und Tochter hin und her.

Trotz großer Wut wird Margarita neugierig, wie es in Israel sein wird: »Wie man sie anschauen würde, ob es eindeutig wäre, dass sie dort nicht hingehörte, oder ob sie eine von ihnen wäre, ein jüdisches Kind in einem jüdischen Land.«

Dana Vowinckel gelingt es mit ihrer nuancierten Sprache Nähe zu den Charakteren aufzubauen und uns ihren Gedanken, Motiven und Erfahrungen folgen zu lassen. Sie beleuchtet das facettenreiche und durchaus konfliktbeladene jüdische Leben an verschiedenen Orten.

Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock. Suhrkamp, Berlin 2024. 359 Seiten, 13 Euro.

 

 

 

Kapstadt, Mailand, Babyn Jar, Seoul, Montgomery, Brüssel – Mirijam Zadoff spannt in ihrem Buch Gedächtnis und Gewalt ein weltweites Netz des Erinnerns. Denn was diese Orte miteinander verbindet, sind Gedenkstätten an massenhafte, häufig genozidale Gewalt. In 13 Essays erzählt die Leiterin des NS-Dokumentationszentrum Münchens auf sehr persönliche Weise von unterschiedlichsten Orten.

Darunter finden sich die ‚großen Namen‘ der Erinnerungsarbeit wie das Hiroshima Peace Museum, aber auch weniger bekannte Stätten wie das War and Women‘s Human Rights Museum in Seoul, dass sich den sogenannten Trostfrauen (iz3w 322) widmet oder das Binario 21 – ein verstecktes Gleis im Mailänder Hauptbahnhof, von dem aus die jüdische Bevölkerung der Stadt ab Ende 1943 deportiert wurde.

Zadoff will mit den Beispielen aufzeigen, das die Erinnerungen verwoben sind. Die Fülle der Beispiele im Buch führt zu einer zwangsläufigen Oberflächlichkeit, über viele Orte hätte man gerne mehr erfahren. Das Buch ist eine gute Einführung in Erinnerungskultur im globalen Kontext und sucht in Anbetracht der heftigen erinnerungspolitischen Debatten der letzten Jahre nach dem Verbindenden.

Mirjam Zadoff: Gewalt und Gedächtnis Globale Erinnerung im 21. Jahrhundert. Hanser, Berlin, München. 2023, 240 Seiten, 25 Euro.

 

 

 

Nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober brach sich auch in der Türkei antisemitischer Furor gegen Israel Bahn. Angestachelt wurde dies auch von Präsident Erdoğan, der die Hamas als »Befreiungsorganisation« pries und Israel als »Terrorstaat« verdammte. Über die DITIB-Moscheen und türkische Medien erreicht dieser staatlich geförderte Antisemitismus auch hierzulande die türkisch-deutsche Bevölkerung.

Somit kommt der von Corry Guttstadt und Sonja Geller herausgegebene Sammelband Antisemitismus in und aus der Türkei zum richtigen Zeitpunkt. Er verfolgt die Entwicklung des Antisemitismus in der Türkei von der Endphase des osmanischen Reiches bis zur Gegenwart, beleuchtet ihre kulturelle Verbreitung und widmet sich deren Auswirkungen in den deutsch-türkischen Communities sowie den Möglichkeiten einer zivilgesellschaftlichen Bekämpfung des Antisemitismus. Der Band eignet sich zur Einführung als auch zur vertiefenden Lektüre.

Corry Guttstadt, Sonja Galler (Hrsg.): Antisemitismus in und aus der Türkei. Hamburg 2023, bestellbar über Landeszentrale für Politische Bildung, Hamburg 2023. 547 Seiten. Das Buch ist für eine Schutzgebühr von 5 Euro erhältlich im Infoladen der Landeszentrale sowie bestellbar bei gegen-antisemitismus@ikw-hamburg.de.

 

 

 

Im Fokus von Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis stehen zwei Themenkomplexe: Holocaust und Kolonialismus, beziehungsweise die fortbestehenden kolonialen Denk- und Handelsmuster.

Wiedemann fragt, warum uns bestimmte Opfergruppen näher sind als andere. Wer wird betrauert und wer wird ausgeschlossen? Warum ist die »Ökonomie der Empathie« so ungerecht? Die Autorin meint, es läge nicht nur daran, dass uns manche Opfergruppen ähnlicher sind als andere. Die »Hierarchie der Empathievergabe« ist auch eine politische Frage, sie bestimmt, wer Anspruch auf Empathie hat, wer im Weltgedächtnis vergessen oder als »Kollateralschaden« abgetan wird.

Der Autorin gelingt es, aufzuzeigen, dass all diese Erfahrungen zwar singulär sind, aber immer denselben Ursprung haben: die Negation der Gleichwertigkeit menschlichen Lebens.

Wie die Autorin findet es die Rezensentin heikel, »eine holocaustzentrierte Erinnerungspolitik als Ausweis von Moral zu benutzen... zumal gegenüber von Menschen aus außereuropäischen Ländern, in denen dieser Abschnitt der Geschichte nicht als vorrangig vor allem anderen betrachtet wird.« In diesem Zusammenhang ist auch ihr Hinweis interessant, dass Menschen weltweit ganz ähnliche Begriffe für das erlittene Leid gefunden haben: »Maafa« (Kiswahili), »Nakba« (Arabisch) oder »Shoa« (Hebräisch) heißt jeweils: Katastrophe.

Es geht um einen Dialog weltweit – ohne Gleichsetzung und Hierarchisierung. Dazu leistet das Buch »Den Schmerz der Anderen begreifen« einen wichtigen Beitrag.

Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis. Propyläen, Berlin 2022. 288 Seiten, 22 Euro.

 

 

 

Frenemies versucht die verschiedenen Positionen zum Thema Antisemitismus und Rassismus zu versammeln. Bereits im Vorwort erläutern die Herausgeber*innen, dass das Projekt ein Ritt auf der Rasierklinge war und bedauern im »Schadensbericht«, dass sie ihrem »eigenen Anspruch nicht nachgekommen [sind], auch palästinensischen Stimmen mehr Gehör zu verschaffen«.

Die 48 kurzen Beiträge funktionieren wie ein Nach­schlage­werk. Informiert wird u.a. über die kritische und postkoloniale Theorie; die BDS-Bewegung; antimuslimischen Rassismus; Rassismus und Antisemitismus im Kulturbetrieb; und Fragen der Erinnerungskonkurrenz zwischen Shoa und Kolonialismus.

Das Buch schließt mit einem »Gespräch über Solidarität, Allianzen und ihre Schwierigkeiten«, das die politische und aktivistische Ebene anvisiert und zu mehr konstruktivem Streit aufruft.

Meron Mendel, Saba-Nur Cheema und Sina Arnold (Hg.): Frenemies. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen. Verbrecher Verlag, Berlin 2022. 350 Seiten, 20 Euro.

 


 

 

Der Band Probleme des Antirassismus greift Antisemitismus in der Linken und die Schwächen des identitätspolitischen Antirassismus auf und nimmt Intersektionalität und postkoloniale Theorie aus der Perspektive der kritischen Theorie in die Mangel. Die 20 Beiträge richten sich an ein Publikum, das Spaß an Theorie, Analyse und Fußnoten hat. Basis sind marxistische Kritik der politischen Ökonomie und die »Dialektik der Aufklärung«.
 
Die Autor*innen kritisieren regressive und antimoderne Argumentationen in postkolonialen Zusammenhängen. Es gehe nicht darum, »die Moderne kritiklos zu glorifizieren, sondern sie einerseits in ihrer Dialektik zu begreifen, d.h. sie als Voraussetzung für Mündigkeit, Wissen und Kritik zu verteidigen, und andererseits als Denken, das die Grundlage für die Ausbeutung, Versklavung und schließlich Rassifizierung von Menschen legte, zu kritisieren.«

Ingo Elbe u.a. (Hg.): Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik. Edition Tiamat, Berlin 2022. 392 Seiten, 34 Euro.

 

 

 

Mal sachlich, mal polemisch und fast durchgehend wütend rekonstruiert Max Czollek in seinem Essay Versöhnungstheater drei Phasen der deutschen Erinnerungskultur. Czollek zerlegt den Wunsch nach Versöhnung, welche es in einer Gesellschaft, die NS-Täter* innen kaum rechtlich verfolgt hat und der jede materielle Anerkennung abgetrotzt werden muss, nicht geben kann.

Mit dem Titel bezieht sich Czollek auf Michael Bodemann, dessen »Gedächtnistheater« bereits 1996 erschien und der argumentierte, dass deutsche Erinnerungskultur vor allem zum Ziel habe, Deutschland als geläutertes Land darzustellen. Czollek macht diese Kritik einem breiteren Publikum zugänglich. Von Sophie Scholl über Stauffenberg bis zum Berliner Stadtschloss nimmt Czollek die Lieblingsfiguren des deutschen Versöhnungstheaters auseinander und bezieht Erinnerung dabei konsequent auf aktuelle Politik.

Max Czollek: Versöhnungstheater. Hanser, Berlin 2023. 176 Seiten, 22 Euro.

 

   

In ihrem Buch Der letzte Himmel nimmt die deutsch-palästinensische Journalistin Alena Jabarine ihre Leser*innen mit nach Palästina. Jabarine zieht 2020 nach Ramallah im Westjordanland, um dort für eine deutsche Stiftung und als freie Journalistin zu arbeiten. Über die folgenden drei Jahre und ihre Kindheitserinnerungen an die Sommerferien in Palästina berichtet sie anekdotisch in ihrem Buch: von der Diskriminierung am Flughafen, Besuchen in Siedlungen im Westjordanland und Flüchtlingscamps wie Dheisheh, Protestläufen gegen Zwangsräumungen und abenteuerlichen Fahrten zur al-Aqsa-Moschee. Die Besatzung ist dabei omnipräsent: 

In ihrem Buch vermittelt die Jabarine die Gleichzeitigkeit von Lebensfreude und Fatalismus angesichts der aussichtslosen Situation der Palästinenser*innen. Das Buch trägt dazu bei, diese nicht als gesichtslose Opfer zu sehen, sondern als Menschen mit einer Geschichte und Würde.

Alena Jabarine: Der letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina. Ullstein, Berlin 2025. 384 Seiten, 22,99 Euro.

 

   

 

   

 

 

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