Erinnerung an den Chirurgen Rudolf Nissen
Strahlendes Leben in düsterer Ära
Rudolf Nissen zählt zu den prägenden Chirurgen des 20. Jahrhunderts – doch seine Karriere war untrennbar mit erzwungener Migration verbunden. Die Flucht vor dem Nationalsozialismus führte ihn über die Türkei in die USA und später in die Schweiz. Im Laufe seines Lebens entwickelte er neue Operationstechniken, bildete Generationen von Ärzt*innen aus und hinterließ bleibende Spuren in der medizinischen Lehre auf drei Kontinenten.
Rudolf Nissen gehört zu jenen Mediziner*innen des 20. Jahrhunderts, deren Lebensweg auf eindrückliche Weise Wissenschaft, Zeitgeschichte und persönliche Integrität miteinander verbindet. Seine Erinnerungen, festgehalten in den Memoiren Helle Blätter – dunkle Blätter zeichnen das Bild eines Chirurgen, der nicht nur medizinische Maßstäbe setzte, sondern auch in politisch und moralisch schwierigen Zeiten Haltung bewahrte.
Geboren am 9. September 1896 in Neisse in Schlesien, wuchs Nissen in einem von Medizin geprägten Umfeld auf. Sein Vater war ein angesehener Chirurg, die Familie lebte im selben Gebäude, in dem auch die Klinik war. Schon als Kind beobachtete Nissen Operationen und entwickelte früh den Wunsch, selbst Chirurg zu werden. Diese frühe Prägung verband sich mit Wissbegierde und einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl gegenüber den Patient*innen.
Zwischen Front und Forschung
Sein Medizinstudium begann er in Breslau und setzte es in München fort. Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch seine Ausbildung abrupt. Wie viele cis-männliche Medizinstudierende wurde er frühzeitig an die Front geschickt – ohne vollständige klinische Erfahrung. Dort erlebte er das Grauen moderner Kriegsführung mit schwersten Verletzungen, unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten und der belastenden Triage-Entscheidung, welche Verwundeten aufgrund begrenzter Transportkapazitäten gerettet werden können und welche nicht. Außerdem wurde er selbst an der Brust verwundet. Eine Kugel blieb in seiner Lunge stecken und konnte nie entfernt werden. Sie sollte ihn sein ganzes Leben begleiten und später schwere gesundheitliche Komplikationen verursachen.
Eine zweite Heimat
Rettung oder Zurückweisung?Die Politik der Türkei während des Holocaust
Nach dem Krieg beendete Nissen sein Studium und arbeitete unter bedeutenden Mediziner*innen seiner Zeit. Besonders prägend war seine Tätigkeit als Assistenzarzt bei Ludwig Aschoff in Freiburg. Rückblickend bezeichnete er dieses Jahr 1921 als das »schöne Freiburger Jahr«, in dem er ein Gefühl von Sorglosigkeit verspürte, wie er es »weder in den Kriegsjahren noch später auch nach der Freiburger Zeit wieder gekannt habe«. Trotz wirtschaftlicher Not und Inflation erlebte er dort eine Phase wissenschaftlicher Begeisterung, kollegialer Gemeinschaft und persönlicher Unbeschwertheit. Spaziergänge im Schwarzwald, intensive Diskussionen im Institut und die Freude an der Forschung prägten diese Zeit nachhaltig. Ein Jahr später beendete er die Zusammenarbeit jedoch wegen Aschoffs unkritischer Haltung zur NSDAP.
Seine chirurgische Spezialisierung erfolgte unter Ernst Ferdinand Sauerbruch, einem der renommiertesten Chirurgen der Epoche. In München und später in Berlin entwickelte sich Nissen zu einem hochqualifizierten Facharzt. 1931 schrieb er Medizingeschichte, als er erstmals erfolgreich eine vollständige Entfernung eines Lungenflügels – eine totale Pneumonektomie – bei einem zwölfjährigen Mädchen durchführte. Dieser Eingriff galt damals als nahezu undenkbar und markierte einen Meilenstein der Thoraxchirurgie.
Bruch und Neubeginn
Doch während seine wissenschaftliche Karriere aufblühte, verschärfte sich in Deutschland die politische Lage. Der wachsende Antisemitismus und schließlich die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 stellten für Nissen, der jüdischer Herkunft war, eine existentielle Bedrohung dar. Als er aufgefordert wurde, »nichtarische« Mitarbeiter*innen zu entlassen, weigerte er sich entschieden und erklärte, er werde als erster gehen. Der Verwaltungsdirektor bot seine Zusammenarbeit an und argumentierte, dass Nissen aufgrund seines besonderen Status als Militärarzt, der an der Front gekämpft habe, nichts zu befürchten habe. Nissen weigerte sich dennoch. Am 1. April 1933 verließ er mit seiner Verlobten Ruth Becherer Deutschland. Diese Entscheidung bedeutete einen radikalen Bruch mit seiner bisherigen Karriere.
Er weigerte sich, »nicht-arische« Mitarbeiter zu entlassen
Ein unerwartetes Angebot führte ihn in die Türkei. Im Zuge der Universitätsreform unter Mustafa Kemal Atatürk suchte die neu gegründete Universität Istanbul nach qualifizierten Wissenschaftler*innen. Gemeinsam mit anderen emigrierten Professoren baute Nissen ab 1933 die chirurgische Klinik in Cerrahpaşa neu auf. Die Bedingungen waren schwierig: unzureichende Gebäude, mangelnde Ausstattung und bürokratische Hürden. Dennoch gelang es ihm, eine moderne Universitätsklinik zu etablieren, Hunderte Operationen durchzuführen und eine neue Generation türkischer Ärzt*innen auszubilden.
Eine besondere Herausforderung stellte die Sprachklausel dar: Nach drei Jahren mussten die ausländischen Professor*innen auf Türkisch unterrichten. Doch mit Hilfe seiner Assistenten gelang ihm das; er veröffentlichte seine Vorlesungen auch in türkischer Sprache. Er pflegte ein enges, respektvolles Verhältnis zu seinen Studierenden, deren Lernbereitschaft und Höflichkeit er in seinen Erinnerungen ausdrücklich würdigte. Neben organisatorischen Problemen engagierte sich Nissen auch für wissenschaftliche Integrität. In Berichten an die Fakultät kritisierte er Plagiate und betonte die Bedeutung korrekter Zitierweisen und geistigen Eigentums. Für ihn war die »Ehre der Universität« untrennbar mit ethischem Verhalten verbunden.
Prof. Cemil Bilsel, der Rektor der Universität Istanbul, drückte im Jahr 1940 seine Hochachtung vor den Leistungen Nissens mit folgenden Worten aus: »In den ersten fünf Jahren war Prof. Nissen einer der fleißigsten Professoren. Außerordentlich aufmerksam leitete er seine Klinik, sehr sorgfältig behandelte er Tag und Nacht seine Patienten und ganz ohne Zweifel hob er das Niveau der Operationstechnik in unserem Lande an. Aus diesem Grunde hat er viele Anhänger hier. Sein Aufenthalt in unserem Lande gilt allen Dekanen im Universitätsrat (außer dem der Medizin) als Sicherheit und Stärke. Die kompetentesten Professoren der Medizin und seine geschätzten Studenten sagten, sein Ausscheiden habe eine spürbare Leere hinterlassen.«
Die Reise geht weiter
Während des intensiven Arbeitstempos blieb seine eigene Gesundheit fragil. Die im Krieg erlittene Verletzung führte zu Tuberkulosekomplikationen. 1939 reiste er zur Behandlung in die USA. Kurz darauf zerstörte ein Brand sein Haus in Istanbul und vernichtete nahezu seinen gesamten Besitz. Vor diesem Hintergrund und angesichts des beginnenden Zweiten Weltkriegs entschied sich die Familie, in Amerika zu bleiben.
In den Vereinigten Staaten musste Nissen erneut Prüfungen ablegen, bevor er als Chirurg tätig werden konnte. Er arbeitete am Massachusetts General Hospital in Boston und später am Brooklyn Jewish Hospital in New York. Dort lernte er eine neue Facette jüdischer Geschichte kennen: die Spannungen zwischen deutsch-jüdischen und osteuropäisch-jüdischen Eingewanderten. Zugleich erlebte er die Rassentrennung in den USA und zeigte auch hier Sensibilität für Diskriminierung und Ungerechtigkeit.
Nach dem Krieg erhielt er Angebote aus Deutschland, unter anderem einen Lehrstuhl in Hamburg. Nach sorgfältiger Abwägung lehnte er ab. Sein Misstrauen gegenüber einer akademischen Landschaft, die sich nur langsam von nationalsozialistischen Strukturen löste, war zu groß. Stattdessen nahm er 1952 einen Ruf an die Universität Basel an. Dort fand er ideale Bedingungen: moderne Klinikgebäude, die Möglichkeit, in seiner Erstsprache zu lehren, und Freiraum für Reformen der medizinischen Ausbildung. Bis zu seiner Pensionierung 1967 prägte er die chirurgische Klinik nachhaltig. Obwohl er nicht wieder dauerhaft in Deutschland leben wollte, genoss er es, in der Nähe der Grenze zu sein, Freund*innen besuchen zu können und an Konferenzen in Freiburg und anderen Städten in Deutschland teilzunehmen.
Für Medizin und Menschlichkeit
Rudolf Nissen starb 1981 im Alter von 85 Jahren in Riehen bei Basel. Sein Leben umspannte mehr als ein halbes Jahrhundert ärztlicher Tätigkeit auf drei Kontinenten. Er überlebte Krieg, Emigration und Krankheit, entwickelte neue Operationsmethoden, bildete Generationen von Ärzt*innen aus und bewahrte dabei ein konsequentes ethisches Fundament.
Sein Vermächtnis zeigt sich nicht nur in medizinischen Innovationen, sondern auch in der Haltung eines Arztes, der Wissenschaft und Menschlichkeit stets zusammendachte. Besonders in der Türkei wird sein Beitrag bis heute gewürdigt: Die von ihm mitbegründete Fakultät in Cerrahpaşa entwickelte sich zu einer der bedeutendsten medizinischen Ausbildungsstätten des Landes. Nissens Lebensweg steht exemplarisch für die mitunter produktive Kraft von Exil und Migration.