Junge Personen in beige-roter Uniform und Militärgruß überlebensgroß auf einer Hauswand
Werbung der Junarmija (dt.: Jugendarmee), einer Erziehungsorganisation Russlands | Foto: Elena Starostina

Dein Land braucht dich

Wie Russland Gesellschaft und Jugend mobilisiert

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist zum Marathon geworden. Nach innen versucht das Regime die Balance zu wahren: Wo nötig, wird Gehorsam erzwungen, wo möglich, soll das normale Leben weitergehen. Die Meinung wird propagan­distisch beeinflusst, aber möglichst unbemerkt.

von Katja Woronina

18.02.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 314
Teil des Dossiers Vorwärts marsch

Georgi Awaliani hatte es geschafft. Dem russischen Deserteur war es gelungen, der Front zu entkommen. Über Umwege brachte er es fertig, die Grenze zur Europäischen Union zu überwinden und landete letztendlich in Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte. Zunächst plädierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) darauf, der Antrag müsse in Kroatien bearbeitet werden, kümmerte sich dann jedoch selbst drum. Das Ergebnis war eine Ablehnung mit der Aufforderung zur Ausreise. Andernfalls erfolge die Abschiebung nach Russland.

In der Begründung des BAMF musste der 47 Jahre alte Moskauer lesen, dass ihn bei einer Rückkehr lediglich eine Geldbuße erwarte. Die Mobilmachung sei schließlich ausgesetzt, so habe es der damalige russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu Ende 2022 dargestellt. Doch Georgi Awaliani, der sich aus Gewissensgründen dem Fronteinsatz entzogen hatte, dann gefasst und misshandelt wurde und schließlich wieder die Flucht ergriffen hatte, weiß besser, welche Konsequenzen ihm drohen: Er gilt als fahnenflüchtig. Darauf stehen 15 Jahre Gefängnis. Oder schlimmer: Er könnte in ein Strafbataillon an die Front versetzt werden, was mit großer Wahrscheinlichkeit den Tod bedeutet.

Kein Entkommen aus dem Kriegsdienst

Wer wie Awaliani in den Wochen nach der Ausrufung der Teilmobilmachung in Russland im September und Oktober 2022 zum Kriegsdienst eingezogen worden war – insgesamt über 300.000 Personen –, verfügt nur über drei legale Optionen, den Dienst zu quittieren: Bei Erreichen des für einen Einsatz zulässigen Höchstalters, aus gesundheitlichen Gründen oder bei Verhängung eines Strafurteils mit Freiheitsentzug. Da die Teilmobilmachung zwar ausgesetzt, aber bis heute nicht gänzlich aufgehoben wurde, wird sich daran bis Kriegsende nichts ändern. Gleiches gilt für Soldat*innen, die sich gegen einen verhältnismäßig hohen Sold und Prämienzahlungen freiwillig den Streitkräften angeschlossen haben. Selbst für faktisch Untaugliche findet sich an der Front Verwendung, insbesondere bei Kamikaze-Einsätzen, bei denen hohe Personenverluste einkalkuliert sind.

Staatlicher Zugriff auf Einkommen

Der Ablehnung des Asylantrags von Georgi Awaliani mag verheerende Inkompetenz oder ein politischer Wille zur höchstmöglichen Abschiebequote zugrunde liegen, jedenfalls blendet er die Realität in Russland vier Jahre nach Beginn der militärischen Vollinvasion aus. Der Krieg hat der russischen Gesellschaft seinen Stempel aufgedrückt. Teils mit deren Zustimmung, teils wider Willen. Russlands Angriffskrieg macht sich in allen nur denkbaren Sphären bemerkbar, und sei es nur in dem Bestreben der Regierung, auf Teufel komm raus, ob durch Steuererhöhungen oder verschärfte Finanzkontrollmaßnahmen, an die Einkommen und finanziellen Reserven der Bevölkerung zu kommen. Das Geld wird dringend benötigt, um die horrenden Kosten der Kriegsführung zu decken, für die im aktuellen Staatshaushalt nicht mehr genügend Mittel bereitstehen.

Kampfausbildung im Kinderzimmer

Weil ohne Militär auch in Zukunft keine Kriege zu gewinnen sind, wird viel dafür getan, die jüngere Generation darauf einzuschwören, dem Staat und seinen Interessen zu dienen. Auch mit der Waffe. Die Junarmija ist eine 2016 gegründete Organisation für Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren. Deren in sandfarbene Uniformen mit roten Barett-Mützen gehüllte Mitglieder schinden allein durch ihr militärisches Erscheinungsbild Eindruck. Kinder lernen dort zum Appell anzutreten, strammzustehen, mit verbundenen Augen Maschinengewehre auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Sie sollen sich bei Schießwettbewerben bewähren, werden von offiziellen Stellen eingeladen und als zukünftige patriotisch gesinnte Elite hofiert, welche die nationale Sicherheit garantiert. Nach Angaben der Junarmija durchliefen innerhalb der vergangenen zehn Jahre über 1,7 Millionen Minderjährige das von militärischem Geist geprägte Erziehungsprogramm.

Junarmija als Kaderschmiede

Seit einigen Jahren gehört Wladislaw Golowin dem Leitungsstab der Junarmija an. Als Soldat war er 2022 an der Einnahme von Mariupol beteiligt. In der Ukraine wird er verdächtigt, an der Ermordung von Zivilist*innen und der Verschleppung von Kindern nach Russland beteiligt gewesen zu sein. Bei den seit September 2022 in russischen Schulen obligatorischen »Gesprächen über Wichtiges«, mit denen zu Wochenbeginn die erste Unterrichtsstunde startet, wurde Golowin neben weiteren vom Kreml empfohlenen Identifikationsfiguren als Held behandelt. Nach Angaben des russischen Nachrichtenportals
RBK soll Golowin bei den Wahlen zur Duma (Unterhaus) im kommenden September als Nummer vier auf der Liste der Kremlhauspartei Einiges Russland kandidieren. Kader mit Kampfbiografie wie Golowin wirken authentisch. Wenn sie sich dazu im zivilen Bereich bewähren, bieten sie sich für eine Karriere im staatsloyalen Machtapparat geradezu an.

Der Krieg hat der russischen Gesell­schaft seinen Stempel aufgedrückt

Weitaus mehr Breitenwirkung als die Junarmija entwickelt die erst 2022 von Wladimir Putin gegründete Bewegung der Ersten, die eine Beteiligung schon ab der ersten Schulklasse ermöglicht. Binnen weniger Jahre stieg deren Teilnehmendenzahl auf inzwischen annähernd 14 Millionen. Spielerisch soll eine militärpatriotische Gesinnung erlernt werden, theoretische Heranführung und praktische Übungen ergänzen sich. Eltern und ihre Kinder werden mit den unterschiedlichsten Freizeitangeboten gelockt: sportlichen Aktivitäten, Gedenkveranstaltungen zur Bewahrung der Erinnerung an glorreiche historische Ereignisse, der Herausgabe eigener vaterlandsliebender Zeitungen oder Zeitschriften. Es herrscht kein formaler Teilnahmezwang, doch braucht es angesichts der allgegenwärtigen Präsenz der Bewegung im Schulkontext inzwischen durchaus einer gefestigten Überzeugung, um sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Selbst vor Kindern im Vorschulalter macht der militaristische Trend nicht Halt. Im Vorfeld des 23. Februar, dem »Tag des Verteidigers des Vaterlands«, traten Kriegsteilnehmer vor ihnen auf. Anfang Februar verwies eine Reihe von Kindergärten auf Social Media stolz darauf, Puppen­theater­aufführungen organisiert zu haben, wie die vom Hasen, der sich freiwillig zur Armee meldet. Das Klima an den Schulen wird rauer. Innerhalb weniger Tage nach den Neujahrsfeiertagen kam es zu mehreren Fällen von Gewaltanwendung. Eine Achtklässlerin verletzte mehrere Schüler*innen und eine Lehrkraft, als sie einen brennenden Lappen in ein Klassenzimmer warf und ein Feuer verursachte. Auf Flüchtende schlug die Schülerin mit einem Hammer ein. An zwei anderen Schulen kamen ein Messer sowie eine Luftpistole aus Plastik zum Einsatz. Im Investigativportal Agentstwo vermutete der Pädagoge Dima Zitser, diese Gewalt hänge mit der Dauerpräsenz aggressiver Staatsideologie zusammen.

Der Krieg rückt näher

Wohnort, Einkommen oder der Arbeitsplatz beeinflussen maßgeblich, wie leicht oder schwer es Menschen fällt, sich der militärpatriotischen Indoktrination zu entziehen. So verbleiben in der Hauptstadt Moskau nach wie vor gewisse Freiräume, wo die Behörden den Anschein von so viel Normalität wie möglich gewährleisten – mehr als anderswo. Doch auch in Moskau kam es in der Vergangenheit zu Drohneneinschlägen. Für Studierende an Moskauer Hochschulen, die wegen schlechter Leistung Gefahr laufen exmatrikuliert zu werden, rückt der Krieg jetzt näher. Seit Jahresbeginn erhalten junge Männer in solchen Fällen ein Schreiben, wonach eine Exmatrikulation entfällt, sofern sie einen Jahresvertrag mit dem Verteidigungsministerium abschließen. Sie sollen zu Drohnenpiloten ausgebildet und als solche eingesetzt werden. Nach Ablauf der Vertragsfrist sei garantiert, dass sie ihr Studium wieder aufnehmen können, insofern sie selbst keine Vertragsverlängerung anstrebten. Diese Klausel ist völlig neu. Mit der Materie vertraute Juristen*innen, die das Oppositions­medium Verstka anführt, bezweifeln allerdings, dass solche Versprechen umgesetzt werden – widersprechen sie doch den geltenden Regelungen zur Teilmobilisierung.

Realitätsflucht als Mittel, um sich der Dauerbeschallung mit propagandistischen Parolen zu entziehen, bleibt zwar weit verbreitet, doch auch dafür typische, in Russland weit verbreitete Milieus wie Anime-Fans sind inzwischen anfällig für die Werbekampagnen der russischen Streitkräfte. Ende Januar platzierten in Woronezh einige Fans ein Plakat, auf dem Anime-Figuren dafür werben sich beim Militär zu melden. Der Gedanke dahinter sei, so die Initiatoren später gegenüber dem Telegram-Nachrichtenkanal Ostorozhno, Novosti, einen baldigen Frieden durch den Sieg bei der »militärischen Spezialoperation« zu erreichen.

Die lokalen Behörden brachten für eine derart unkonventionelle Eigeninitiative jedoch kein Verständnis auf. Im Gegenteil: Das Plakat wurde abgenommen und gegen die Anime-Fans Anzeige erstattet. Sie laufen nun Gefahr, wegen Diskreditierung der Armee und LGBTQ+-Propaganda strafrechtlich belangt zu werden.

Katja Woronina ist freie Journalistin.

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